Der ganz normale Draft-Wahnsinn
Es ist jedes Jahr das Gleiche. Während die Spieler ihren Sommerurlaub genießen, haben die Manager die geschäftigste Zeit der Saison. Denn schließlich steht mit dem Draft ein Event an, das den Weg einer Franchise so verändern kann wie kein anderes. Wir bringen euch alles Wissenswerte des NBA Drafts 2009.

Posted by Timo Böckenhüser on Juni 22, 2009

In den Playoffs werden auf dem Parkett neue Helden geboren, Ären eingeläutet und Dynastien erschaffen. Die Spieler stehen im Rampenlicht, der komplette Fokus gilt ihnen. Mit dem finalen Buzzer einer jeden NBA-Saison wendet sich jedoch das Blatt. Zwischen Mitte Juni und Ende Oktober stehen die Führungsetagen der 30 NBA-Franchises im Mittelpunkt, wenn kommende Championship -Contender geschaffen werden und die Kader den Feinschliff für die kommende Spielzeit, meist jedoch für die nächsten Jahre bekommen. Und das bedeutendste Event, quasi die Finals der Offseason ist der NBA Draft. Die Wahl des richtigen Youngsters kann alles verändern. Sowohl für die Franchise als auch den General Manager!

Die Qual der Wahl aus der Wundertüte

Genau wie Basketball-Talent einen guten Spieler ausmacht, zeichnet einen guten GM ein gutes Gespür und Händchen beim Draft. Er wittert Steals und Schnäppchen und weiß, von welchen Talenten er besser die Finger lässt. Das Erfolgsgeheimnis beim alljährlichen Rookie-Fischen im „WaMu Theater“ im New Yorker Madison Square Garden klingt so simpel und ist dennoch so schwer zu finden. Schließlich sind alle Youngster keine fertigen Spieler, sondern hoffnungsvolle und vielversprechende Talente, die ihren Weg in der besten Basketball-Liga der Welt erst noch machen müssen. Dementsprechend ist die Liste der Draft-Flops ähnlich lang wie Yao Mings Arme. Martin LaRue (1972), Sam Bowie (1984), Chris Washburn (1986), Pervis Ellison (1989), Billy Owens (1991), Shawn Bradley (1993), Robert Traylor, Michael Olowokandi (beide 1998), Marcus Fizer (2000), Kwame Brown (2001), Darko Milicic, Nikoloz Tskitishvili, DaJuan Wagner (alle 2002), Mike Sweetney (2003), Rafael Araujo (2004), Patrick O’Bryant (2006) – nur um ein paar „Top-Ten-Busts“ zu nennen.

Ihnen gegenüber stehen jedoch auch ebenso viele Überraschungen und „Sleeper“, die sich nachträglich als Top-Player herausstellten, obwohl sie erst spät oder gar nicht gedraftet wurden. Zu ihnen gehören prominente Namen wie Bill Laimbeer (1979), Dennis Rodman, Drazen Petrovic (beide 1986), Rashard Lewis (1998), Manu Ginobili (1999), Michael Redd (2000), Tony Parker (2001), Carlos Boozer (2002) und Trevor Ariza (2006). Der Draft ist also eine Wissenschaft für sich. Fast jeder Pick birgt Risiken. Und dies besonders in diesem Jahr. Denn mit Ausnahme von Blake Griffin, dessen Wahl an erster Stelle quasi in Stein gemeißelt sein dürfte, ist die Wahl der besten Nachwuchs-Baller zumindest in der Top-Ten so offen wie schon lange nicht mehr.

Griffin zu Clippers, doch was kommt danach?

Eines ist jedoch sicher: Blake Griffin, 2,06 Meter großer Power Forward von der University of Oklahoma, ist der beste Spieler des diesjährigen Drafts. Zwar haben die Clippers mit Marcus Camby, Chris Kaman und Zach Randolph eigentlich genug Big Men, der amtierende Collegespieler des Jahres, der 2008/09 satte 22,7 Punkte, 13,5 Rebounds, 2,3 Assists und 1,3 Blocks aufgelegt hat, ist jedoch schlichtweg zu gut, um den Pick zu traden. Zumal der Modellathlet auch noch das Kunststück fertig gebracht, die Clippers im Workout nochmals zu beeindrucken. „Was Blake da am Ende noch gezeigt hat, sieht man nicht oft von einem Spieler seiner Größe“, erklärte Trainer und GM Mike Dunleavy, nachdem Griffin die finale Ball-Handling-Übung mit drei Bällen mit Bravour gemeistert hatte. „Aus diesem Grund hatten wir den Drill auch als letzte Übung vorgesehen.“ Der 20-Jährige sah das ein wenig nüchterner und freute sich lediglich, dass er wohl bei den „Clips“ landen wird: „Ich denke, der Coach hat erst nicht so recht an mich geglaubt, doch ich hoffe, dass ihn mit meinem Workout überzeugen konnte, auch wenn es nicht überragend war. Ich würde mich freuen, den Clippers wieder zu besseren Zeiten verhelfen zu können.“

Auf den weiteren Plätzen scheiden sich ein wenig die Geister, die Experten sind sich jedoch einig, dass 2,21-Meter-Blockmaschine Hasheem Thabeet (Connecticut), die spanische Aufbau-Sensation Ricky Rubio (Joventut Badalona) und „Oldschool-Allrounder“ James Harden (Arizona State) die Top-Four komplettieren werden. Die große Frage bei den dreien ist nur, wer wo landen wird. Denn die Memphis Grizzlies, die den zweiten Pick besitzen, benötigen eigentlich weder einen weiteren Center, noch einen Shooting Guard wie Harden. Und der erst 18-Jährige Rubio soll sich Gerüchten zur Folge (wie schon Steve Francis 1999) weigern, für die Grizzlies zu spielen. Also dürfte ihre Wahl wohl doch auf Thabeet fallen. Oder sie traden den Pick zum Beispiel zu den Kings, die richtig heiß auf Point Guard Rubio sind.

Wenige Big Men, viele Guards

Der NBA Draft 2009 gilt zwar nicht als der beste und tiefste, doch wird er erneut einiges an interessantem Talent und Potenzial in die beste Liga der Welt spülen. Vor allem auf den kleinen Positionen. Neben Harden und Rubio werden mit Tyreke Evans (Memphis), Jrue Holiday (UCLA), Johnny Flynn (Syracuse), DeMar DeRozan (USC), Stephen Curry (Davidson), Brandon Jennings (Lottomatica Rom), Gerald Henderson (Duke), Ty Lawson (North Carolina), Jeff Teague (Wake Forest), Terrance Williams (Louisville) und Eric Maynor (VA Commonwealth) noch elf weitere Guards als Top-20-Kandidaten gehandelt. Ihnen gegenüber stehen mit Jordan Hill (Arizona), Earl Clark (Louisville), Austin Daye (Gonzaga), DeJuan Blair (Pittsburgh) und James Johnson (Wake Forest) lediglich fünf Forwards. Und B.J. Mullens (Ohio State) ist der einzige Center neben Thabeet im Kreis der Top-20-Kandidaten.

Interessant ist die Tatsache, dass vom amtierende NCAA-Champion North Carolina Tar Heels kein Spieler als Top-Ten-Pick gehandelt wird, obwohl sich mit Ty Lawson (Point Guard), Wayne Ellington (Shooting Guard), Danny Green (Small Forward) und Tyler Hansbrough (Power Forward) gleich vier Starter zum Draft angemeldet haben. Die Gründe: Bei Lawson und Hansbrough haben viele Manager und Experten Bedenken, dass sie zu klein (Lawson) oder zu unathletisch (Hansbrough) sein könnten, um auch in der NBA eine ähnliche gute Rolle wie am College spielen zu können. Ellington und Green wird schlichtweg nicht das Star-Potenzial anderer Youngster attestiert.

Same procedure like every year!

Doch wer wen Donnerstagnacht im altehrwürdigen „WaMu Theater“ des Madison Square Gardens auswählt und zu seinem neuen Hoffnungsträger macht, sicher ist: es wird wieder Überraschungen und Enttäuschungen geben. Manager mit guten und schlechten Händchen. Und Teams mit einer erfolgreichen und weniger erfolgreicheren Draft-Ausbeute. Doch wer die großen Gewinner und Verlierer des 2009er NBA Drafts sind, wird man frühestens in einem Jahr wissen. Denn dann ist bekannt, wie gut sich die „Frischlinge“ in der Liga eingelebt haben und ob sie ihre neue Franchise wie erhofft wieder zurück auf einen guten Weg bringen konnten. Und darum geht es ja schließlich beim Draft. Während die Spieler die Siege auf dem Parkett einfahren, müssen die Manager hier die Weichen auf Erfolg stellen.

Ricky Rubio
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James Harden
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Hasheem Thabeet
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