Geschichten, die nur die NBA Finals schreiben
Die NBA Finals sind ein riesiges Spektakel, das weltweit viel Beachtung findet und Begeisterung entfacht. Dabei wird jedoch eigentlich viel zu wenig über die kleinen Dinge rund um die große Endspielserie berichtet. Dabei gibt es genug interessanten Stoff. So wie das große Problem der Magic-Fans und das „Schicksal“ von Magic-Guard Anthony Johnson.

Posted by Timo Böckenhüser on Juni 12, 2009

Die NBA Finals sind das Highlight einer jeden Saison in der besten Basketball-Liga der Welt. Dementsprechend ist das gesamte Drumherum gigantisch. 1.800 Journalisten sind für die 2009er-Ausgabe akkreditiert und sorgen dafür, dass alles rund um die Serie zwischen den Orlando Magic und den Los Angeles Lakers über den gesamten Globus verbreitet wird. In insgesamt 215 Länder werden die Finals live übertragen, Fans können sie sich etwa auf Isländisch, Armenisch, Tschechisch, Niederländisch oder Thai anschauen. Und für die Staaten, in denen die Spiele nicht in der Landessprache empfangbar sind, gibt’s zum Glück den International League Pass.

Für 12.000 Dollar neben Rihanna sitzen

Doch das Medieninteresse ist nur so riesig, weil wir Fans so heiß auf die Action von Kobe Bryant, Dwight Howard und Co. sind. In Deutschland. In China. Quasi überall auf der Welt. Seit Dienstag jedoch ganz besonders in Orlando, Florida. Kein Wunder, stehen die Magic doch zum erst zweiten Mal nach 1995 (0:4 gegen Houston) in ihrer Franchise-Geschichte in den Finals. Doch weil die Magic-Fans so verdammt heiß auf die Endspielserie sind, gilt: Wohl dem, der vor der Spielzeit seinem Team wahre Liebe entgegen gebracht und in ein Season-Ticket investiert hat. Denn um kurzfristig an Karten für die Spiele in Orlando zu kommen, muss man tief in die Tasche greifen. Wer vor der Amway Arena noch Tickets ergattern will, muss schon mindestens 400 Dollar mitbringen, allein um eine Verhandlungsbasis für eine Karte der günstigsten Preiskategorie zu haben. Und mit Restgeld ist auf jeden Fall nicht zu rechnen. Auf der Internetseite www.stubhub.com, dem beliebtesten Marketplace für Kartenjäger und -verkäufer in den USA, kann man sogar Tickets in der ersten Reihe erstehen. Allerdings muss man auch schlappe 12.000 Dollar auf die elektrische Ladentheke legen, um in der Amway Arena in Gesellschaft der unmittelbaren Promi-Nachbarn Tiger Woods, Rihanna und Chris Tucker im wahrsten Sinne hautnah beim Spektakel NBA Finals 2009 dabei zu sein. Mit anderen Worten: Selbst in Orlando, wo man vor zwei, drei Jahren noch fast Geld dafür bekommen hätte, sich ein Spiel anzuschauen, herrscht plötzlich der ganz normale Kartenwahnsinn. Den NBA Finals 2009 sei Dank!

Das Problem der Kartenbeschaffung haben die Spieler natürlich nicht. Zumindest nicht für sich selbst. So haben Finals-Abend für Finals-Abend eine Handvoll Role Player und „Benchwarmer“ beste Plätze sicher. Doch in diesem Jahr müssen oder eher gesagt dürfen sie fast ausnahmslos auch etwas für ihr Geld tun.

Helden aus der zweiten Reihe

In Zeiten, in denen „Achter-Rotationen“ Gang und Gebe sind, rechnet man zwar kaum damit, dass die Coaches ausgerechnet in den Finals sogar ihre elften und zwölften Männer aufs glänzende Parkett schicken, doch genau dies war in den bisherigen vier Partien nicht die Ausnahme, sondern die Regel! Okay, vielleicht nicht bei Nummer elf und zwölf, aber immerhin neun und zehn. Sie sind die Helden aus der zweiten Reihe. Und es gab sie in Orlando speziell in den Spielen drei und vier reichlich. So erhielten die Magic wertvolle Unterstützung von ihren Reservisten Marcin Gortat, J.J. Redick und Tony Battie, dazu trumpfte Starter Rafer Alston groß auf und ließ seine Gegenspieler Derek Fisher und Jordan Farmer gleich mehrfach alt aussehen. Bei den Lakers hießen die Role Player mit „major contributions“ – wie der Amerikaner so schön sagt – Jordan Farmer, Shannon Brown und Luke Walton. „Alle reden immer nur von den Stars. Von Kobe. Von Pau. Von Lamar. Dabei sind es auch oft die anderen Jungs, die uns im Spiel halten, so wie zum Beispiel im zweiten Viertel von Spiel vier, als bei uns Startern nicht viel zusammen lief“, erklärt Trevor Ariza. „Da haben Luke, Jordan und die anderen einen tollen Job gemacht, uns in Reichweite gehalten und einmal mehr gezeigt, was ein gutes, tiefes Team ausmacht.“ Die NBA Finals – Spiele, in denen immer wieder neue Helden geboren werden. Auch wenn sie nur selten in den Schlagzeilen und Artikeln auftauchen.

Nur die Namen von zwei Akteuren, die im Gegensatz zu den „Trainings-Buddys“ Adam Morrison, Sun Yue, Tyronn Lue und Jeremy Richardson (ja die gibt’s auch im Finals-Roster der beiden Teams) auch auf dem Spielberichtsbogen stehen, wurden noch nie vom Hallensprecher in den Mund genommen. Weder in Los Angeles, noch in Orlando. Nämlich die von Adonal Foyle und Anthony Johnson. Ihre Namen hat Magic-Coach Stan Van Gundy in den Finals noch nie gerufen. Ihr Trainingsanzug hat bisher mehr vom An- als vom Ausziehen Abnutzungserscheinungen.

Der Leidtragende der Medizin

Dabei ist vor allem Johnsons auch eine jener Geschichten, die nur die NBA Finals schreiben. Der 34-jährige Point-Guard-Veteran hatte nach Jameer Nelsons schwerer Schulterverletzung im Februar als neuer Backup-Aufbau eine grundsolide zweite Saisonhälfte abgeliefert und auch in den Playoffs dafür gesorgt, dass Coach Van Gundy Nachverpflichtung Rafer Alston ohne Bedenken ein paar wichtige Verschnaufpausen gönnen konnte. Bis zu den Finals. Denn pünktlich zu Spiel eins hatte die medizinische Abteilung der Magic ihren etatmäßigen Starting-Point-Guard wieder hinbekommen. Und Nelson feierte sein Überraschungscomeback. Doch wie das in jedem Team so ist, muss einer wieder in die zweite – oder in Johnsons Fall – die dritte Reihe rücken, wenn ein anderer zurückkehrt. Und bei den Orlando Magic war das Anthony Johnson, der durch Nelsons Rückkehr wieder ganz am Ende der Ersatzbank Platz nehmen muss. „Das ist das Härteste, was ich in meiner Basketball-Karriere erleben musste“, sagt der Backup, der innerhalb der Spielpause zwischen Conference Finale und dem ersten Endspiel gegen die Lakers drei wieder zum „Benchwarmer“ degradiert worden ist, resigniert. „Erst hilfst du mit, dein Team in die Playoffs zu bringen, machst dort auch jede Partie und darfst dann beim Höhepunkt nicht mehr ran.“ So kann der absolute Höhepunkt der langen Saison auch schon mal zur großen Enttäuschung werden, bevor feststeht, ob man am Ende den ersehnten Ring über den Finger gestreift bekommt oder nicht. Eine weitere dieser typischen, kleinen Geschichten, die wirklich nur die NBA Finals schreiben…

Anthony Johnson
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Marcin Gortat
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J.J. Redick
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Jordan Farmar
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Luke Walton
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