Bringt der neue Kobe den Titel?
Die Los Angeles Lakers haben ihre Hausaufgaben gemacht und zwei Heimsiege vorgelegt, so dass Orlando vor Spiel drei in der heutigen Nacht schon mit dem Rücken zur Wand steht. Das Erfolgsrezept der Magic klingt einfach: Kobe Bryant stoppen! Doch es ist wohl fast ein Ding der Unmöglichkeit. Denn der Lakers-Star ist auf einer Mission!

Posted by Timo Böckenhüser on Juni 9, 2009

Kurze Quizfrage: Wer vergoss in sechs der zehn NBA Finals des neuen Millenniums (die diesjährigen mitgerechnet) seinen Schweiß auf das Parkett mit der überdimensionalen Larry-O’Brien-Trophy? Die Antwort: Kobe Bryant. Die Frage ist zugegebenermaßen nicht allzu schwer, doch sie ist äußerst effektiv. Denn sie zeigt zwei Dinge: Zum einen, dass „Black Mamba“ einer der erfolgreichsten Baller der vergangenen Dekade ist. Und zum anderen, dass die Lakers und Kobe ein besonderes Phänomen sind. Denn mal ehrlich: Kam euch bei der Frage sofort der Hollywood-Express in den Sinn? Wohl eher der Abo-Meister der geraden Jahreszahlen aus San Antonio. Oder vielleicht Detroit? Aber die Lakers? Sind die nicht seit Shaqs Abgang ein wenig in Vergessenheit geraten?

Zeit der Wiedergutmachung

„Ich habe seit einer ganz schönen Weile auf diesen Moment gewartet“, erklärte Kobe Bryant vor Spiel eins am Donnerstag. „Letztes Jahr waren wir der Underdog und einfach nicht tough genug, um den Job zu Ende zu bringen. Nun bietet sich uns eine großartige Chance, die Scharte von 2008 auszuwetzen.“ Man hört sofort: Dieser Mann ist auf einer Mission. Der Ausnahmespieler mit dem eingebauten Finals-Abo ist heiß. Fokussiert. Und entschlossen.

Doch was Kobe Bryant 2009, den neuen Kobe, wirklich ausmacht, ist nicht sein unbändiger Siegeswille. Den trägt er schon seit seinem Ligadebüt 1996 in sich. Nein, es ist eine bisher noch nie so offensichtlich gezeigte Reife als kompletter Basketballer. Denn der Shooting Guard liefert 2008/09 seine wohl beste NBA-Saison ab. Nicht in Form überragender Statistiken, sondern als Leader, der stets die richtige Entscheidung trifft. Vergessen ist der alte Kobe, der mit aller Macht, sei er auch noch so schwer und erzwungen, den entscheidenden Wurf nehmen und versenken wollte. Der neue Kobe glänzt auch als Passgeber. Kreiert perfekte Plays für sich und seine Kollegen. Beispiele gefällig?

Die Transformation des Kobe B.

Kurzer Rückblick:
17.Mai 2009: In der entscheidenden siebten Partie der Conference Semifinals gegen Houston nimmt Mister Bryant nur zwölf Würfe, nachdem er in der Serie zuvor 24,8 Schüsse pro Begegnung abgefeuert hatte. Dafür glänzt er aber mit sieben Rebounds, fünf Assists, drei Steals und nur einem Turnover als Führungsspieler. Der Ausgang ist bekannt, die Lakers gewannen souverän mit 89:70.
27.Mai 2009: Beim Stand von 2:2 wählt Kobe wieder die Playmaker-Rolle, begnügt sich mit 13 Würfen, ist aber mit Abstand der beste Assistgeber (acht) auf dem Court. Der Ausgang ist der gleiche: L.A. siegt in der, wie sich später herausstellt, vorentscheidenden Partie mit 103:94. „Es war ein risikoreiches Glücksspiel, aber ich wollte in dieser Partie meine Einstellung und meine Herangehensweise ändern“, sagte Kobe nach dem Triumph über die Nuggets. „Nachdem sie sich zuletzt extrem auf mich gestürzt hatten, wollte ich als Köder fungieren und meine Mitspieler bedienen. Tja, und was soll ich sagen? Es hat funktioniert!“

Die Entdeckung des Vetrauens

Doch nicht nur den Feuer-Button drückt „KB24“ in den Playoffs fast immer kontrollierter. Vor allem seine Einstellung ist es, die gleichermaßen überrascht und fasziniert. Sein Wille zu passen. Bei der knappen 103:106-Niederlage in der zweiten Begegnung gegen Denver ging der Dreier zum Ausgleich im finalen Play an Derek Fisher. Im zweiten Finalspiel das gleiche Bild: 74 Sekunden vor dem Ende der Overtime führen die Lakers mit 94:91, das gesamte Staples Center erwartet eine Aktion von Kobe. Doch der zieht bei seinem Drive geschickt die komplette Defense auf sich und bedient dann Pau Gasol mit einem perfekt getimten Pass, den der Spanier trotz Foul verwertet. Dreipunktspiel. 97:91. Die Vorentscheidung.

Dank Kobe Bryants Transformation zum Leader, der über die Jahre und zum Teil auch auf die harte Tour (mit den beiden Finals-Niederlagen 2004 und 2008) gelernt hat, dass er seine Hollywood-Truppe nicht im Alleingang zum Titel schießen kann, sind die Lakers Titelfavorit. Dafür bedarf es Teamplay, das die Lakers zwischen 2000 und 2002 fast in Perfektion zelebrierten und mit dem sie den „Three-Peat“ holten. Dabei war allerdings Kobe nicht „The One and Only“. Shaquille O’Neal war die Nummer eins, Bryant stand in seinem Schatten. Und als er 2004 das Heft an sich riss, scheiterten die Lakers gegen Detroit kläglich mit 1:4!

„Kobe versteht und weiß, dass Pau sein Buddy ist, dem er vertrauen kann“, erklärt Point Guard Derek Fisher. „Diese beiden sind der Mittelpunkt unseres Spiels, sie tragen und führen uns.“ Das wichtigste dieser Aussage ist das kleine, aber feine Wort „beide“. Es heißt nicht mehr, „Kobe führt uns“. Und dies ist so, weil Kobe Bean Bryant mit seinen inzwischen 30 Jahren verstanden und gemerkt hat, dass sein Team völlig zu Recht als eines der besten und tiefsten der Welt bezeichnet wird. Weil seine Kollegen auch gute Baller sind und ebenfalls wissen, wie man die Kugel in entscheidenden Situationen versenkt. „Dieses Lakers-Team ist eine echte Einheit“, lobt Erfolgscoach Phil Jackson, der seine zehnte Meisterschaft gewinnen kann. „Es ist fokussiert, motiviert und hat uns in die Lage versetzt, das zu tun, was wir 2008 verpasst haben – die Championship holen.“

Und dies vor allem dank eines Kobe Bryant, wie wir ihn noch nie erlebt haben. Einen ruhigen, abgeklärten und mannschaftsdienlichen Kobe mit bisher ungekanntem Vertrauen in sein Team. Der zwar stets in der Lage ist, ein Spiel zu übernehmen und im Alleingang zu entscheiden, dabei jedoch immer den Willen zeigt zu teilen und zu passen. Dies macht ihn noch unberechenbarer. Und lässt zudem den Plan der Magic, den Lakers-Leader zu stoppen, wohl zu einem Ding der Unmöglichkeit werden. Denn dieser Plan bedeutet nicht „nur“ einen der besten Finisher der Liga, sondern eine tiefe, homogene Lakers-Mannschaft zu stoppen. Und das ist selbst mit einem Superman (Dwight Howard) in der Zone kaum zu bewältigen.

Schaffen die Magic die Überraschung?

Spannung versprechen die Spiele in Orlando also reichlich. Die Frage ist nur, ob die Finals-Rookies der Magic wirklich noch die ganz große Überraschung schaffen und die Serie drehen. Sollte es ihnen gelingen, hätte die NBA mit ihrem offiziellen Playoff-Slogan mal wieder Recht behalten. Denn wie lautet es so schön: „Where will amazing happen this year? - Amazing happens here!“

Kobe & Lakers
NBAE/ Getty Images

Kobe Bryant & Pau Gasol
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Kobe Bryant
NBAE/ Getty Images