Rolf Hasbargen
In seiner Jugend eiferte Rolf Hasbargen seinen Idolen Jordan und Barkley nach und feilte auf der heimischen Einfahrt stundenlang akribisch an seinem Tomahawkdunk. Der 1,97 m große Bilderbuchathlet war auf dem besten Weg, als erster Ostfriese in die Geschichtsbücher der NBA einzugehen, doch Mädchen und Parties sorgten für eine folgenschwere Wende in seiner Basketball-Laufbahn. Heute residiert der Patchworkkarrierist (30) im Königreich des Basketballs und genießt das Spektakel NBA live auf dem heimischen Fernsehschirm oder auf der Tribüne als Teil der enthusiastischen Anhänger der Golden State Warriors. Seine Email ist: blogbasketball@gmail.com.

Rolf Hasbargen analysiert im Inside Report das dritte Spiel zwischen den LA Lakers und den Orlando Magic in aller Ausführlichkeit.

Rafer Alston - Leistungsexplosion in Spiel 3
NBAE/Getty Images
Zu früh gefreut

Der Zeremonienmeister in der Amway Arena konnte es wohl einfach nicht abwarten - im dritten Spiel des NBA Finals zwischen den L.A. Lakers und den Orlando Magic verschoß er sein ganzes Pulver bereits vor dem Ertönen der Schlusssirene. Die Konfettikanonen donnerten zu früh - das Hallenpersonal musste auf Knien alle Papierschnitzel von dem Parkett auflesen, damit Magic Forward Rashard Lewis 0,2 Sekunden vor dem Ende der Partie seine zwei Freiwürfe zum 108-104 Endstand verwandeln konnte.

Der schlecht getimte Partystartschuss trübte die Freude auf Seiten der Magic aber in keinster Weise. Das Team aus dem Bundesstaat Florida konnte in der Finalserie auf 1-2 verkürzen. Darüberhinaus konnten die Magic einen Bann brechen und im siebten Anlauf den ersten Sieg der Franchise-Geschichte in einem NBA Finale einfahren.

18 Jahre alte statistische Bestleistung eingestellt

Nachdem die Orlando Magic die Finalserie mit einer desolaten Trefferquote von 29,9 Prozent begannen, steigerten sie sich in Spiel 2 auf 41,8 Prozent. Am Dienstag Abend platzte bei Hedo Turkoglu & Co dann endgültig der Knoten:
Die Magic verzeichneten in der ersten Hälfte eine unheimliche Trefferquote von 75 Prozent (24-32) – am Ende der Begegnung stellten sie mit einer Trefferquote von beeindruckenden 62,5 Prozent einen 18 Jahre alten Rekord der Chicago Bulls ein. Noch nie hat ein Team in einem NBA Finale besser getroffen.

"Sie haben eigentlich fast jeden ihrer Würfe versenkt,'' kommentierte Lakers Forward Trevor Ariza nach der Begegnung anerkennend.

“Ball geht in Korb - das funktioniert immer. Das ist ein altbewährtes Erfolgsrezept”, bringt es Orlando Magic Head Coach Stan Van Gundy auf den Punkt.

Die Vorstellung von Rafer Alson steht symptomatisch für die Leistungssteigerung der Magic: In den ersten beiden Spielen enttäuschte der Point Guard mit einer Trefferquote von insgesamt 17,6 Prozent (3-17) und durchschnittlich 5,0 Punkte - in Spiel 3 setzte ein wie befreit aufspielender ‘Skip-To-My-Lou’ die Defensive der Lakers ständig angrifflustig unter Druck und erzielte in 37 Minuten Spielzeit 20 Punkte bei einer Trefferquote von 66,6 Prozent (8-12).

"Ich bin ein Motivationsgenie,'' erläutert van Gundy augenzwinkernd die Gründe für die Leistungsexplosion seines Schützlings. "Ich habe zwei Tage darüber nachgedacht, was ich ihm sagen soll. Und dann habe ich zu ihm gesagt: ‘Play your game’. Ich habe zwei Tage gebraucht, um darauf zu kommen.”

Ermüdungserscheinungen bei Kobe

Lakers Head Coach Phil Jackson musste sich auf der Pressekonferenz nach der Begegnung derweil die Frage der Journalisten gefallen lassen, ob Kobe Bryant am Ende der Begegnung müde gewesen sei. "Ja", antwortet der neunfache Titelträger gewohnt trocken. "Er wird aber das Gegenteil behaupten.”

Der 63-Jährige kennt seinen MVP aus neun Jahren gemeinsamer Arbeit mittlerweile wie aus dem Eff-Eff - die ‘Black Mamba’ zeigte nach der Partie keine Blöße: ”Ich habe mich gut gefühlt – alles war okay.” Aller edelmütigen Beteuerungen zum Trotz: Nach einem spektakulären ersten Viertel mit 17 Punkten wirkte Bryant in der Schlussphase der Begegnung sichtlich ausgelaugt. In der gesamten zweiten Hälfte der Partie erzielte er lediglich 10 Punkte.

“Ich denke, dass die Magic heute angefangen haben ihn hart anzugehen”, nimmt Phil Jackson seinen Topscorer nach der Begegnung in Schutz. "Dwight Howard war bei jedem seiner Würfe zu Stelle und hat ihm das Leben schwer gemacht.”

Aber auch an der Freiwurflinie - von Gegenspielern völlig unbedrängt - zeigte Kobe Bryant ungewohnte Schwächen und Nerven. Insgesamt versemmelte er fünf seiner zehn Freiwürfe – 59 Sekunden vor Schluss vergab er dabei die Möglichkeit die Führung der Magic auf 103-104 zu verkürzen.

.“Ich hab an der Freiwurflinie eine armselige Leistung abgeliefert” zeigt sich Bryant selbstkritisch. "Mein Team vertraut darauf, dass ich in solchen Situationen erfolgreich abschließe, aber heute hat es einfach nicht geklappt.”

Die verschiedenen Gesichter eines Superstars

Nach den gefletschten Zähnen und wuchtigen Siegesgesten der letzten beiden Begegnungen spielte sich am Dienstag Abend eine andere Seite von Kobe Bryant in den Vordergrund:
In der Schlussphase entgleitet seine Gesicht in eine Silhouette von Selbstgeißelung und Selbstvorwurf. Nach einem verworfenen Freiwurf donnert Kobe auf der Ersatzbank vor laufenden Kameras mit den eigenen Fäusten auf seinen Kopf ein. Eigentümliche Zeichen von Schwäche blitzen auf.

Einen Tag nach der Niederlage zeigt sich Bryant von der emotionalen Achterbahnfahrt der letzten Zeit allerdings unbeeindruckt und setzt wieder ein abgeklärtes Pokerface auf:
“Wir wissen, dass wir weder abheben noch tiefstapeln dürfen. Du gewinnst – keine große Sache – konzentriere Dich auf die nächste Begegnung. Du verlierst – keine große Sache – konzentriere Dich auf die nächste Begegnung.”

Die Basketballwelt wartet nun schon gespannt darauf, welches Gesicht Kobe Bryant am Donnerstag Abend in der Amway Arena in Spiel 4 der NBA Finals präsentieren wird.

Posted by Rolf Hasbargen - Juni, 11 2009