Rolf Hasbargen
In seiner Jugend eiferte Rolf Hasbargen seinen Idolen Jordan und Barkley nach und feilte auf der heimischen Einfahrt stundenlang akribisch an seinem Tomahawkdunk. Der 1,97 m große Bilderbuchathlet war auf dem besten Weg, als erster Ostfriese in die Geschichtsbücher der NBA einzugehen, doch Mädchen und Parties sorgten für eine folgenschwere Wende in seiner Basketball-Laufbahn. Heute residiert der Patchworkkarrierist (30) im Königreich des Basketballs und genießt das Spektakel NBA live auf dem heimischen Fernsehschirm oder auf der Tribüne als Teil der enthusiastischen Anhänger der Golden State Warriors. Seine Email ist: blogbasketball@gmail.com.

Rolf Hasbargen analysiert die Serie zwischen den Orlando Magic und Cleveland Cavaliers. Sein Fazit: Bescheidenheit ist eine Zier.

Mo Williams - Hat der Point Guard zu große Töne gespuckt?
NBAE/Getty Images
Bescheidenheit ist eine Zier

Mo Williams von den Cleveland Cavaliers hat sich in der Pressekonferenz im Vorfeld der vierten Begegnung des Eastern Conference Finals gegen die Orlando Magic weit aus dem Fenster gelehnt und sich zu einer Siegesgarantie hinreißen lassen: "Zugegeben, Orlando ist ein gutes Team – aber wir sind das beste Basketball-Team”, prahlte der 26-jährige Point Guard "Ob ich garantiere, dass wir die Serie gewinnen? Ja,Ja.”

Nach der Begegnung am Dienstag Abend stand Williams wie ein geprügelter Hund in der ‘Amway Arena’, während sich die Spieler der Orlando Magic und die fanatischen Zuschauer nach dem dramatischen 116-114 Triumph in der Verlängerung jubelnd in den Armen lagen. Die Magic führen in der Best-of-Seven Serie nun mit 3-1 – bereits am Donnerstag Abend haben sie in der ‘Quicken Loans Arena’ in Cleveland die Möglichkeit den Sack zuzumachen und Mo Williams endgültig Lügen zu strafen.

‘Skip-to-my-Lou’ wie auf dem Freiplatz

Dabei sah es zur Halbzeit für Williams und seine Cavaliers gar nicht so übel aus: Der Spielmacher bemühte sich emsig, seine Worte in Taten umzusetzen und erzielte in den ersten beiden Viertel insgesamt 12 Punkte - das Team aus dem Bundesstaat Ohio ging mit einem acht Punkte Vorsprung in die Kabine. Doch nach dem Pausentee lief bei den Orlando Magic Rafer Alston zur absoluten Höchstform auf: Der quirlige Point Guard erzielte im dritten Viertel die ersten zehn Punkte seines Teams und drehte die Begegnung zugunsten der Magic – 20 seiner insgesamt 26 Punkte erzielte der gebürtige Jamaikaner in der zweiten Spielhälfte.

"Rafer hat das Heft in die Hand genommen," kommentiert ein begeisterter Dwight Howard nach der Begegnung "Er war heute nicht Rafer Alston - er war die Freiplatzlegende 'Skip-to-my-Lou.' Er ist zum Korb gezogen, hat seine Würfe erfolgreich abgeschlossen – er hat mit einer Menge Selbstvertrauen gespielt.”

Mit einer Seelenruhe erzielte Alston sechs Dreier bei einer imponierenden Trefferquote von 50 Prozent. Insgesamt versenkten die Magic 17 Würfe von Downtown. Die Dreierausbeute ist für das Team aus Orlando in den Playoffs der Schlüssel zum Erfolg: Die Cavaliers haben in der Verteidigung bisher keine Antwort auf das variantenreiche High Post Pick-and-Roll der Magic gefunden. Center Dwight Howard zieht Gegenspieler und Aufmerksamkeit auf sich, die abgezockten Rashard Lewis und Hedo Turkoglu sind stets brandgefährlich und dürfen von der Defensive nicht den Bruchteil einer Sekunde aus den Augen gelassen werden – so entstehen Freiräume für Rafer Alston, Mickael ‘MP’ Pietrus und Johnson, die sich geschickt entlang der Dreierlinie positionieren.

Innerhalb kürzester Zeit sind die abgebrühten Distanzschützen in der Lage, das Momentum eines Spiels zu drehen und der gegnerischen Mannschaft durch empfindliche Treffer den Schneid abzukaufen. "Weil wir den Ball im Angriff laufen lassen, bekommen viele verschiedene Spieler die Möglichkeit zum Wurf”, beschreibt Head Coach Stan van Gundy die taktische Ausrichtung der Magic. ”In der Vergangenheit haben sich dadurch mehrere Spieler in den Vordergrund spielen können - heute waren es eben Alston und ‘MP’."

Dwight Howard - Nur noch ein Sieg bis zur ersten Finalteilnahme
NBAE/Getty Images
LeBron allein auf weiter Flur

Auf Seiten der Cavaliers versucht LeBron James alles Menschenmögliche, um der Angriffswucht der Magic Einhalt zu gebieten: Der MVP verbucht in der Serie bisher durchschnittllich 7,3 Rebounds, 7,3 Assists und unglaubliche 42,3 Punkte.

Der bedauernswerte LeBron wird von Mo Williams & Co aber vor allen Dingen in den entscheidenden Phasen einer Begegnung kläglich im Stich gelassen. In der Körpersprache James’ lassen sich erste Anzeichen von Frustration über seine Teamkollegen erkennen – immer wieder versucht der King seinen Untertanen gestenreich den Weg zu weisen und den Schlendrian auszutreiben.

LeBron sehnt sich bereits nach dem Beistand seinesgleichen: "Wenn ich mich selbst klonen könnte, dann hätten wir wohl keine Schwierigkeiten – das kann ich aber leider nicht."

Selbst mit ‘nur’ einem LeBron James haben die Magic aber weiterhin einen Heidenrespekt vor den Cavaliers. Vor Spiel 5 der Serie am Donnerstag Abend will Stan van Gundy daher nichts von einer Vorentscheidung oder Siegesgarantie wissen: "Wenn Dir ein Typ wie LeBron auf der gegnerischen Seite gegenüber steht, dann bist Du sehr, sehr weit davon entfernt, dass jetzt bereits alles entschieden ist.”

Posted by Rolf Hasbargen - Juni, 1 2009