Wer ist Clutch? Was ist Clutch?

André Voigt

Die Meinungen, die im Playoff Blog geäußert werden, geben lediglich André Voigts persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Es ist wohl das Wort dieser NBA-Saison: „clutch“. Jeder benutzt es, kaum einer weiß, was es wirklich bedeutet.

Das geht schon bei der Frage los: Ist „clutch“ ein Adjektiv oder Substantiv? Ist also einer „clutch“ oder spielt einer im „Clutch“ gut?

Auch das Wörterbuch gibt keinen finalen Aufschluss. Gibt es doch „clutch“ dort als Adjektiv gar nicht, sondern nur als Verb und eben Substantiv. Dort findet sich folgende Übersetzung für das Nomen „Clutch“:

Kupplung {f}automot.
Griff {m}
Klaue {f}
Kralle {f}
Haufen {m} [ugs.]
Schar {f}
Fang {m} [Gefährdung]ind.tech.
Eigelege {n} [Insekten]entom.
Umklammerung {f}
Gelege {n} [Eigelege bei Insekten]entom.

Das Verb wird wie folgt übersetzt:

umklammern
festhalten
ergreifen
packen
kuppeln
umklammert halten

All diese Übersetzungen haben nichts mit Basketball zu tun. „Clutch“ ist beides, die Schlussphase eines engen Spiels, wenn jeder Ballbesitz, jede Aktion die Entscheidung bringen kann. Ein Akteur ist aber auch „clutch“, wenn er genau in dieser Phase überragende Leistungen abruft.

Das muss nicht immer der Buzzer-Beater mit Verteidigerhand im eigenen Gesicht sein. Michael Jordan passte in den Finals gegen Phoenix 1992 zu Scottie Pippen und der zu John Paxson für den freien, entscheidenden Dreier. Auch wird „in the clutch“ nicht nur am gegnerischen Korb gespielt – dieses Ding namens „Defense“ gehört auch dazu!

Wahrscheinlich waren es die Nachwirkungen der sehr „un-clutchigen“ Finals 2011 von LeBron James, die das Augenmerk auf die Fähigkeit Spiele am Ende zu entscheiden auch in diese Saison hinüber retteten und so viele Diskussionen lostraten.

Denn so sehr wie nie zuvor stand die „Clutchness“ der NBA-Stars 2011/12 im Vordergrund. Da machen die diesjährigen Playoffs keine Ausnahme.

Fragt sich: Wer sind die Akteure, auf die in dieser Postseason am meisten Verlass ist, wenn ein Spiel in der Schlussphase entschieden wird? Wer kracht unter dem Druck der Entscheidung zusammen? Wer wird zum Helden?

Hier eine subjektiv zusammengestellte Liste der fünf besten Clutch-Player der aktuellen Playoffs:

1. CHRIS PAUL
Guard, Los Angeles Clippers

Paul ist der momentan beste Clutch-Player der Playoffs. Andere mögen entscheidende Würfe treffen, der Point Guard der Clipps ist gegen Ende von Partien nicht nur mit dem eigenen Abschluss erfolgreich, er kontrolliert das komplette Spiel seines Teams. Die Clippers-Starter auf Power Forward und Center haben NULL Playoff-Erfahrung.

Caron Butler spielt mit gebrochener Hand, Mo Williams’ und Nick Youngs Handgelenke klappen automatisch ab, sobald sie Ledernoppen an ihren Handflächen spüren … Trotzdem gewinnen die Clipps enge Partien, weil Paul immer genau den Wurf bekommt, den er am Ende will – entweder für sich selbst oder den richtigen Mitspieler. Paul gibt seinem kompletten Team Selbstbewusstsein an beiden Enden des Feldes.

2. KOBE BRYANT
Guard, Los Angeles Lakers

Es ist ein Mysterium, wie seine ansonsten miesen Quoten aus dem Feld und von der Dreierlinie plötzlich in die Höhe schnellen, sobald es um den Sieg geht. Kobe Bryant lebt für diese Momente – im Angriff aber auch der Verteidigung –, das hat er schon immer getan. Sein Arsenal an Täuschungen, Step-Backs, Drives und Post-Moves, die Spielintelligenz sind wie gemalt für „the clutch“.

Von Stephen Jackson mag das Zitat stammen „Pressure? I make love to pressure!“. Wann immer der Spur das nächste Mal diese Pressure beglückt, sollte er sie allerdings nicht fragen, an wen sie gerade denkt. Ihre Antwort wäre: Kobe Bryant.

3. KEVIN DURANT
SF, Oklahoma City Thunder

Kevin Durant mag nicht jeden Wurf seines Teams am Ende von engen Spielen bekommen, aber es sind eine ganze Menge. Seine Länge, gepaart mit dem Distanzwurf sind eine nicht zu verteidigende Kombination. Allerdings … und das ist jammern auf hohem Niveau … Durant muss erst noch vollends in die Rolle des „Closers“ wachsen. Zu oft nimmt er noch den langen Sprungwurf, anstatt aggressiv zum Korb zu gehen.

Sicher ist der Drive nicht immer das beste Mittel, aber der Dreier ist halt auch nicht der Weisheit letzter Schluss, die Balance zwischen beidem macht’s … und der Blick für den freien Nebenmann. Defensiv kann er mit seiner Länge jeden Wurf von außen effektiv stören und sogar als Shotblocker fungieren.

4. PAUL PIERCE
SF, Boston Celtics

Paul Pierce ist so kalt unter Druck, dass die Uno ihn mal in Sachen Bekämpfung der Erderwärmung befragen sollte. The Truth hat – genau wie Bryant – in den Playoffs schon alles gesehen. Jede Defensivrotation, jedes Doppeln, jede Art von Verteidiger. Sein Basketballwerkzeugkasten ist bestens bestückt, die schwindende Athletik wurde von einer Schläue ersetzt, die es ihm erlaubt, fast nach Belieben an die Freiwurflinie zu wandern.

5. DWYANE WADE
Guard, Miami Heat

Vorweg: Die Tatsache, dass Wade öfter die entscheidenden Würfe für die Heat nimmt als James, ist kein Diss gegen Nummer sechs. Immerhin reden wir vom Athleten formerly known as „Flash“, der seinen Miami Heat 2006 im Alleingang die Meisterschaft brachte. Zugegeben: Wades Dreier ist nicht der Stabilste, doch sein Drive ist wohl der härteste von allen verbliebenen Playoff-Stars. Seine Schnelligkeit, die ihn immer wieder ins Herz der Defense katapultiert, wird zu oft unterschätzt.

Es macht sogar Sinn Wade am Ende den Ball zum Korb bringen zu lassen. Entweder er kommt durch, wird gefoult oder findet einen der freien Schützen. LeBron James trifft immerhin 35,0 Prozent seiner Dreier in der Postseason. Wade nur 22,2 Prozent. In punkto Zug zum Korb nehmen sich die beiden Stars nichts. Also lieber Wade mit dem Drive beauftragen und die Schützen außen warten lassen.

Und dann war da noch …

Nur für den Fall, dass ihr die bisher besten GIFs dieser Playoffs verpasst habt … Hier eine Auswahl:

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