Wer ist Andrew Bynum?

André Voigt

Die Meinungen, die im Playoff Blog geäußert werden, geben lediglich André Voigts persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Andrew Bynum. Wer ist das?

Der Starter auf Center für die L.A. Lakers natürlich! Der zweit- vielleicht sogar der beste Center der NBA!

Richtig. Also beides …

Andrew Bynum ist der Starter auf der Fünf für eine Franchise, die in ihrer Geschichte so viele legendäre Pivoten beschäftigte wie keine andere.

George Mikan. Wilt Chamberlain. Kareem Abdul-Jabbar. Shaquille O’Neal.

Immer schien die Lakers die dominantesten Big Man der jeweiligen Epoche magisch anzuziehen. Immer öffnete sich irgendwie, irgendwo ein Fenster, um den nächsten Superstar in die eigene Mitte zu stellen. Immer kamen die Center-Giganten als vermeintliche Garanten nicht nur einer, sondern mehrerer Meisterschaften.

Zuletzt gelang dies 1996 als O’Neal aus Orlando vertragsfrei nach Hollywood wechselte. Drei Titel folgten.

Doch unter Ausnahme Mikans gewann keiner dieser Legenden seine Titel ohne einen nicht minder dominanten Guard an seiner Seite.

Wilt Chamberlain und Jerry West. Kareem Abdul-Jabbar und Magic Johnson. Shaquille O’Neal und Kobe Bryant. Wenn man so will auch Pau Gasol und Kobe Bryant.

Die Blaupause zum Titel der Lakers war also über Jahrzehnte die gleiche.

Andrew Bynum kam nicht als Star nach L.A. Im Gegenteil. Den Highschooler an 10. Stelle der Draft 2005 zu verpflichten, galt seinerzeit als Risiko. Als Ausgeburt eines fatalen Bewertungsfehlers von Jim Buss.

Der Sohn des legendären Teambesitzers Dr. Jerry Buss wurde damals langsam ans Tagesgeschäft der Franchise herangeführt.

Dass der neue starke Mann bei der Draft auf Bynum bestand und in den Folgejahren unerschütterlich an ihm fest hielt, schien ein weiteres Kapitel aus der wohl nie endenden Geschichte „Reicher Schnösel übernimmt das Geschäft seines Vaters und macht erst mal auf dicke Hose, obwohl er keine Ahnung hat“.

Immerhin war Kobe Bryant zum Zeitpunkt der Draft bereits 27 Jahre alt. Der Superstar würde keine Zeit haben, auf die Entwicklung des 17-Jährigen zu warten, wenn diese den Youngster denn überhaupt jemals auf All-Star-Niveau katapultieren würde.

Heute wissen wir, dass Andrew Bynum genau dies gelang. Er gehört zu einer der wenigen Center, die diese Bezeichnung in der NBA 2K12 verdienen, ist zusammen mit Dwight Howard der beste Pivot der Liga.

Er ist die Zukunft der Lakers. Er ist der Grundstein des Teams für die bald anbrechende Zeitrechnung n.K. – nach Kobe.

Richtig. Also beides …

Oder?

Den Lakers kann beim Blick in die Zukunft nicht mehr so wohl sein wie noch vor einigen Wochen.

Natürlich hatte Bynum nach dem All-Star-Weekend überragende Zahlen aufgelegt: 21,2 Punkte und 10,9 Rebounds, 56,9 Prozent traf der 24-Jährige aus dem Feld.

Dies sind in der Tat Werte, die denen von Howard in nichts nach stehen. Im Gegenteil: Offensiv darf Bynum sogar ein größeres Repertoire an Bewegungen attestiert werden. Der Laker ist spielerisch reifer, sein basketballerisches Gesamtpaket überzeugender, seine Halbwertzeit höher – lebt Bynum doch viel weniger von der eigenen Athletik als sein Kollege in Orlando.

Trotzdem müssen die Lakers zweifeln, ob es dieser Andrew Bynum ist, dem sie die Zukunft der Franchise in die Hände legen wollen.

Der Hoffnungsträger leistet sich seit Jahren Aussetzer, die zu Beginn noch entschuldbar waren, mittlerweile aber den Lakers schaden und zu denken geben.

Dass ein Langzeitverletzter Jungprofi bei einer Party ein Playmate schultert, während er eine Knieverletzung auskuriert, mag als Jugendsünde durchgehen.

Das brutal gefährliche Foul an J.J. Barea während des Sweeps 2011 aber ließ selbst harte Lakers-Fans erschaudern. Magic Johnson, in dessen Adern lila-goldenes Blut pulsiert, sprach damals von einer Schmach für die Franchise.

Als Bynum 2012 nach einem Dreier gegen die Golden State Warriors von Lakers-Coach Mike Brown ausgewechselt wurde, zeigte sich Bynum wenig einsichtig. „Ich schätze, dass der Coach mir damit sagen wollte: ‚Nimm keine Dreier mehr!’“, erklärte der 2,13-Meter-Mann, „aber ich werde den Wurf auch weiterhin versuchen, dann hoffentlich mit einem anderen Resultat. Hoffentlich treffe ich dann.“ Ein Spieler, dem vor allem am Teamerfolg liegt, geht mit einer solchen Situation anders um … oder beschwört sie gar nicht erst herauf.

„Spiele, die eine Serie entscheiden, sind eigentlich einfach zu gewinnen. Du musst nur zu Beginn Vollgas geben, dann geben die anderen schnell auf“, erklärte Bynum vollmundig vor Spiel fünf gegen die Nuggets in der ersten Runde dieser Playoffs … und ließ seinen direkten Gegner JaVale McGee im Staples Center 21 Punkte erzielen und 14 Rebounds greifen. Bynum selbst kam auf 16 Zähler und elf Bretter. Die Lakers verloren 99:102.

Ob Bynum im sechsten Spiel seinen Worten leistungstechnisch Nachdruck verlieh? Kommt darauf an, wie nachdrücklich elf Punkte, 16 Rebounds sowie eine Wurfquote von 36,4 Prozent sein können … wenn das eigene Team 96:113 verliert und folglich in ein Spiel sieben muss? Bynums und Pau Gasols (je drei Punkte und Rebounds) Auftritte, erzürnten Kobe Bryant so sehr, dass dieser öffentlich wetterte: „Er ist der einzige, bei dem ich mich darauf verlassen kann, dass er jeden Abend vollen Einsatz gibt und ohne Angst spielt!“ Die Rede war von Metta World Peace …

Bei den Lakers dürfte mehr und mehr die Erkenntnis reifen, dass Andrew Bynum zwar ein talentierter Center ist, aber eben kein Leader. Keiner, der bereit ist, in letzter Konsequenz Verantwortung zu tragen, dem die Reife fehlt, dieses Team bald zu übernehmen und es Kobe Bryant zu erlauben, in den Hintergrund zu treten.

2010 erklärte Bynum in einem Interview der Zeitschrift FIVE, dass er nicht damit rechne ein „Laker for Life“ zu sein. Ein Trade – damals wurde über Deals nach Toronto für Chris Bosh oder Denver für Carmelo Anthony spekuliert –, so Bynum damals, ohne einen solchen Deal auch nur für eine Sekunde als etwas Negatives zu betrachten, würde neue Türen öffnen.

Sicher, vor zwei Jahren war der Center ein Stück weit frustriert. Die Kritik an seiner Person, ob der zahlreichen Verletzungen und den mangelnden Fortschritten in seinem Spiel, nagte am Big Man. Außerdem war es ein schlecht gehütetes Geheimnis, dass Kobe Bryant auch noch Jahre nach der Handyvideo-Affäre*, nicht viel von Bynum hielt.

Die damaligen Äußerungen passen ins Bild, das Bynum noch immer abgibt. Ein Bild, das in Kürze eine folgenschwere Entscheidung von den Lakers erfordert – auf die eine oder andere Weise.

Denn, während die Franchise eine Option auf die kommende Saison ziehen und Bynum so bis 2013 halten wird, wartet danach die Vertragsfreiheit.

Als Free Agent dürfte Bynum – vorausgesetzt, dass er seine Statistiken der zweiten Hälfte 2012/13 über die gesamte Spielzeit bringt – genügend Interessenten haben, die bereit wären, einen Maximalvertrag zu bieten.

Außerdem könnte ihn die Aussicht, bis auf weiteres nur die zweite Geige hinter dem alles dominierenden Kobe Bryant zu spielen, zu einem Weggang bewegen. Immerhin will er nach eigener Aussage sein „Spiel erweitern“. Gut möglich, dass Bynum zeigen will, dass er in der Lage ist, anderswo ein Team als unumstrittener Go-to-Guy zu tragen.

Sicherlich kann keine Franchise einen insgesamt lukrativeren Kontrakt offerieren als die Lakers, die Frage ist: Wollen sie dieses Risiko eingehen?

Oder ist es schlauer Andrew Bynum schon jetzt, da sein Wert eventuell am höchsten ist, zu traden?

Die kommenden Monate dürften für Jim Buss und Lakers-General-Manager Mitch Kupchak extrem interessant werden. Vor allem, wenn es gegen die Oklahoma City Thunder eine ähnlich klare Niederlage setzt wie 2011 gegen Dallas.

Denn dann ist dieses Lakers-Team gescheitert, dann muss ein Neuaufbau über Nacht geschehen. Kobe Bryant wird von seinen Vorgesetzten Taten fordern, viele Jahre hat er nicht mehr auf dem Spitzenlevel. Für ihn zählen nur Titel.

Wer also ist Andrew Bynum? Ist er die Lösung oder ein Teil des Problems in Los Angeles?

Die Lakers müssen schnell die Antwort auf diese Frage finden.


*Fans hatten Kobe Bryant auf einem Parkplatz mit ihrem Handy gefilmt und dieser hatte sich despektierlich über Bynum geäußert …

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