Wachstumsschmerzen

Sebastian Dumitru

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Die allgemeine Annahme in der Basketball Association ist, dass junge Mannschaften keine Titel gewinnen. „Alt und erfahren“ frisst „jung und wild“, so manifestiert sich die Playoff-Nahrungskette in der besten Liga der Welt. Teams und Spieler müssen erst Lehrgeld zahlen, sich ihren gerechten Anteil an verheerenden Niederlagen und bitteren Enttäuschungen abholen, ehe ihnen irgendwann, wenn alles gut läuft, von Gevatter Zeit der Schlüssel zum NBA-Penthouse übergeben wird. Ihr wisst schon, die Hall of Fame Suite in der obersten Etage, wo die Legenden des Sports residieren. Dort, wo auch LeBron James und Kevin Durant hin wollen.

Oklahoma City versucht, das Drehbuch umzuschreiben. Das Team, dessen Protagonisten nicht älter als 23 Jahre alt sind, dessen Spieler mit Ausnahme von Kendrick Perkins und Derek Fisher noch nie in einem NBA-Finale standen, will den Gesetzmässigkeiten der Liga ein Schnippchen schlagen und die Meisterschaft gewinnen mit dem dann jüngsten Championship-Kern aller Zeiten. Und selbst die Skeptiker, die Puristen, die Konservativen, sie räumten den Thunder vor diesen Finals gesunde Chancen ein, jenen Kreis zu durchbrechen.

Erst recht nach der Art, wie das Team von Head Coach Scott Brooks die letzten drei West-Champions aus diesen Playoffs fegte. Die beeindruckenden Siege gegen die Mavericks, Lakers und Spurs signalisierten eine Wachablösung in der linken Conference und etablierten im Mai eine neue Hackordnung, die auf Jahre Bestand haben dürfte. Es schien, als seien die 38 Playoff-Partien, die Kevin Durant, Russell Westbrook, James Harden und Serge Ibaka vor diesen Finals zusammen absolviert hatten, weitaus bedeutender als die Geburtsjahre in ihren jeweiligen Spielerpässen. Erst recht nach vier Siegen in Folge gegen die zuvor ungeschlagenen und mächtigen Texaner aus San Antonio. Ein unabwendbares Donnerwetter aus Oklahoma, gewaltig und desaströs für den Rest der Liga. Man weiss, dass es kommt, aber man wird trotzdem nass.

Die Situation erinnert ein wenig an die frühen 90er Jahre, als die jungen, wilden Stiere eines gewissen Michael Jordan die NBA im Mark erschütterten. Angetrieben von einem frenetischen Publikum im altehrwürdigen Chicago Stadium - eine weitere Parallele zu Oklahomas Chesapeake Energy Arena - eliminierten die Bulls 1991 nacheinander die Philadelphia 76ers, Detroit Pistons und Los Angeles Lakers auf dem Weg zum ersten ihrer insgesamt sechs Meistertitel. Der Durchmarsch gegen die „alte Garde“ der Liga und der Triumph gegen Magic Johnson in den Finals signalisierte einen historischen Umbruch und stellte simultan alle allgemein gültigen Prämissen jener Zeit auf den Kopf.

Sind die Thunder die neuen Bulls? In diesen Finals trifft OKC wieder auf ein älteres, erfahreneres Team, zum vierten Mal in Folge. Aber irgend etwas an den Heat ist anders. Miami ist, im Gegensatz zu den Spurs, Lakers oder Mavericks, selbst noch heiss und hungrig auf die erste Meisterschaft in dieser Konstellation. Der Stachel der quälenden Finalniederlage gegen Dallas im letzten Jahr sitzt immer noch tief. Der kollektive Schmerz, er treibt den Eastern Conference Champion an. Oklahoma City ist zwar das bessere, das talentiertere Team. Das gibt die bisherige Punkteausbeute (286-285) ebenso wieder wie die unzähligen Thunder-Runs im letzten Viertel, die jeden noch so hohen Heat-Vorsprung schmelzen lassen wie bunte Eiswürfelchen in Miamis Mittagshitze.

Die Floridianer sind aber hungriger, abgezockter, erfahrener. Sie wissen um die Bedeutung jedes einzelnen Ballbesitzes, egal ob im zweiten Viertel oder in den letzten zwei Minuten eines Finalspiels. Sie verteidigen härter, rebounden wie besessen und spielen mit einer Dringlichkeit, die den Thunder bisher fehlt. „Wir denken immer an den Schmerz, den wir letztes Jahr fühlen mussten“, sagt Heat-Forward/Center Chris Bosh. „Wir erinnern uns jeden Tag daran. Wir tragen den Schmerz in uns, und die Erinnerung hilft uns, nicht nur in dieser Serie, sondern in den gesamten Playoffs bisher.“

Vielleicht ist LeBron James in diesem Jahr tatsächlich zu fokussiert. Vielleicht ist Miami zu eingerastet auf die Championship. Vielleicht sind die Thunder wirklich noch zu grün hinter den Ohren, zu unerfahren auf der grössten aller Basketball-Bühnen. Es hatte jedenfalls so den Anschein am Sonntag, in Spiel drei, als Oklahoma City eine zwischenzeitliche 10-Punkte-Führung einbüsste und mit einer verblüffenden Kombination aus Ballverlusten, verfehlten Würfen und mentalen Aussetzern alle für überwunden geglaubten Krankheiten eines jungen Teams offenbarte. Durants Unvermögen, sich auf die Pfiffe der Refs einzustellen, die bisher allesamt an Miami gehen und ihn zu oft aus dem Spiel nehmen. Westbrooks überdrehte und manchmal kontraproduktive Art, die falschen Offensiventscheidungen zu treffen. Hardens Zögern und seine langen Zweier, anstatt wie in den ersten 81 Spielen der Saison zum Korb zu ziehen oder den Dreier zu klatschen. Brooks stupide Weigerung, seiner effektivsten Lineup (Westbrook-Harden-Sefolosha-Durant-Ibaka) soviel Spielzeit wie möglich einzuräumen und statt dessen lieber mit Fisher und Perkins Vorlieb zu nehmen. Vielleicht ist dieses Team wirklich noch nicht bereit für den Titel.

Aber den gleichen Tenor schlugen Beobachter schon vor zwei Wochen an, als OKC gegen die Spurs mit 0-2 in Rückstand lag. Die Thunder blinzelten damals nicht und blieben ihrer kollektiven Linie weiter treu. Sie nahmen in aller Seelenruhe die notwendigen Anpassungen vor und überrollten die Spurs mit 4-0 Siegen in Folge. „Wir freuen uns immer auf das nächste Spiel“ sagt Thunder-Coach Brooks. „Wir lernen aus unseren Fehlern und trauern keiner Niederlage hinterher. Wir blicken immer nach vorne.“ Angesichts des Defizits in diesen Finals wird es Zeit für ein paar Wachstumsschübe. Brooks muss seine Lineup an die kleine, athletische Heat-Smallball-Aufstellung anpassen. Sefolosha muss James über längere Strecken verteidigen, Durant in der Defensive entlastet werden. Nur wenn der Topscorer der Liga auf dem Parkett bleibt, haben die Thunder hier eine Chance. Die Stars müssen mindestens 42 Minuten pro Partie abreissen, erst recht, wenn die älteren James, Wade und Bosh auf der Gegenseite das Gleiche tun. Harden muss seine Aggressivität wiederfinden und zusammen mit Westbrook für konstanteres Scoring und Playmaking sorgen, um lange Heat-Runs wie in Spiel drei zu verhindern.

Es ist noch genug Zeit in dieser Serie. Manche Youngster entwickeln sich eben schneller als andere, und Oklahoma Citys bisherige Lernfortschritte im Rekordtempo sind vielversprechend. Ein Sieg in Miami, und die Thunder haben den Heimvorteil wieder. Und können dann zu Hause Kapitel eins einer langen Erfolgsgeschichte zu Ende schreiben. „Ich mag das nicht“, entgegnet Kevin Durant der allgemeinen Auffassung, dass sein Team ja erst am Anfang grosser Triumphe stünde. „Es gibt keine Garantien. Man weiss nie, was in dieser Liga passiert, es gibt zu viele grossartige Mannschaften. Wer weiss, ob wir nächstes Jahr oder danach je wieder hier stehen werden. Wir müssen diesen einen Moment jetzt ausnutzen.“

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