Von Champions, Schmerzen und Demut

André Voigt

Die Meinungen, die im Playoff Blog geäußert werden, geben lediglich André Voigts persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

André Voigt

3:00 Minuten waren noch zu spielen in der fünften Partie der NBA Finals. Der Arbeitstag von LeBron James war dennoch nach 44 Minuten Einsatzzeit beendet.

Als der Superstar zur Bank der Miami Heat kam, suchte und fand er Mike Miller. Die folgende Umarmung war wohl die innigste, die LeBron James bis zu diesem Zeitpunkt je einem Mitspieler gegeben hatte. Kein Wunder …

Miller hatte auch in seinem zweiten Jahr in Miami eine Saison zum Vergessen gespielt. Seit seiner Ankunft in Florida warfen den Flügel immer wieder Verletzungen zurück. 41 Partien hatte er 2010/11 verpasst, in der regulären Saison 2011/12 waren es 27 gewesen.

Seine beste Punkteausbeute dieser Spielzeit erzielte er ausgerechnet in seinem ersten Einsatz am 17. Januar. 18 Zähler waren es damals gegen die San Antonio Spurs. Miller nahm an diesem Tag sechs Dreier … und verfehlte keinen. Danach? Kamen neue Verletzungen, neuer Frust. Irgendwann während dieser Zeit beschloss Miller „keine Ärzte mehr zu sehen“. Er konnte, wollte keine schlechten Nachrichten mehr hören.

Auch in den Finals hörte der Frust nicht auf. In den ersten vier Spielen gegen Oklahoma City stand Miller insgesamt 21 Minuten auf dem Feld, ihm gelangen acht Punkte. Miller war einfach nicht in der Lage bedeutsame Minuten zu spielen, er schleppte sich über das Parkett, war defensiv ein Risiko, offensiv ineffektiv.

Trotzdem suchte und herzte ihn James, als dieser in der Garbage Time ausgewechselt wurde. Denn ausgerechnet dieser Mike Miller, über dessen baldiges Karriereende schon spekuliert wurde, war beim entscheidenden 121:106 in der fünften Partie der Finals 2012 zum Helden geworden.

Im letzten Spiel der Saison hatte Miller in 23 Minuten sieben seiner acht Dreipunkteversuche verwandelt, 23 Punkte erzielt. Oklahoma City verzweifelte am 32-Jährigen, der immer wieder das Absinken seines Gegenspielers konsequent bestrafte. „Wenn das mein letztes Spiel war, dann kann ich mir keinen bessere Zeitpunkt vorstellen, um zu gehen als jetzt … als Champion“, sagte Miller.

Champion … Genau das ist seit der vergangenen Nacht LeBron James. Endlich.

Nach neun Saisons, zwei Finalniederlagen, nach der Decision, nach 24 Monaten extrem harter Kritik und sogar offenem Hass erlebte der 27-Jährige „den glücklichsten Tag in meinem Leben“. Mit 26 Punkten, 11 Rebounds sowie 13 Assists dominierte er die entscheidende Finalpartie mit seinem ersten Triple-Double dieser Playoffs.

Wie schon in Spiel vier kontrollierte James das Spiel. Immer wieder bekam er den Ball am Zonenrand OKCs, wo er gedoppelt werden musste, weil seine direkten Gegenspieler ihm allein hilflos ausgeliefert waren. Wann immer ein zweiter Verteidiger in seine Nähe kam, fand James zielsicher die Schwachstelle in der Thunder-Defensive. Oft lag diese an der Dreierlinie. Dort wo Mike Miller wartete.

James war in dieser Serie der Unterschied. Er war der mit Abstand beste Spieler zweier hoch talentierter Teams. Endlich wurde er auf der größten Bühne im Basketball zu dem Spieler, der er sein konnte.

„Das Beste, was mir letztes Jahr passiert ist, war die Niederlage in den Finals und meine Leistungen damals“, erklärte James. „Ich erfuhr Demut. Ich realisierte, dass ich mich als Basketballer und auch als Mensch verändern musste, um das zu kriegen, was ich wollte.“

Kevin Durant bekam nicht das, was er wollte. Auch den Thunder-Star umarmte James direkt nach der finalen Sirene. Im Sommer 2011 hatten beide zusammen trainiert, jetzt verhinderte James den größten Triumph seines Teamkollegen bei der US-Nationalmannschaft, die in wenigen Wochen Gold in London gewinnen soll.

„Ich sagte ihm, dass ich stolz auf ihn bin und auf all das, was er dieses Jahr erreicht hat“, verriet James. „Er wird diese Erfahrung als Motivation nutzen, genau wie ich das getan habe. Ich hoffe, dass ich es in Zukunft nicht mehr mit ihm zu tun habe … so ein großer Spieler ist er.“

Für Durant werden diese Worte nur ein schwacher Trost gewesen sein. „Es tut weh. Es tut weh, Mann. Wir sind alles Brüder in diesem Team und es tut weh, so zu verlieren. Wir haben es in die Finals geschafft, das war cool, wir wollten aber nicht einfach nur dabei sein“, gab der 23-Jährige einen Einblick in seine Gefühlswelt und erklärte: „Ich will mit niemand anderem spielen, ich will in keiner anderen Stadt spielen. Es ist ein Segen, dass ich bei dieser Franchise spielen darf und hoffentlich schaffen wir es zurück in die Finals.“

Nach einer Serie wie dieser dürfte Durant nicht der einzige sein, der sich eine baldige Revanche dieser beiden Teams um die „Larry O’Brien“-Trophy wünscht …

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