'Viel Hype und zu wenig Zeit'

Sebastian Dumitru

Die Dallas Mavericks sind seit heute zurück auf amerikanischem Boden, nach genau einer Woche in fremden Gefilden. Die kurze Stippvisite auf dem alten Kontinent im Rahmen der NBA/BBVA Europe Live Tour mit zwei Partien in Berlin und Barcelona brachte viele neue Impressionen mit sich – inklusive detaillierter Einblicke in eine völlig neue Roster-Struktur.

Der Besuch in Deutschland war für Dirk Nowitzki und die Fohlen längst überfällig: es hatte insgesamt 15 Jahre gedauert, ehe der erfolgreichste europäische Basketballprofi aller Zeiten mit seinem Club in der Heimat vorspielen durfte. Mavs-Besitzer Mark Cuban hatte sich bisher immer geweigert, seine Profis irgendwo ausserhalb der Landesgrenzen auftreten zu lassen (und damit "anderen Firmen Geld in die Kassen zu spülen", wie er selbst immer sagt).

In diesem Jahr aber gab der exzentrische Cuban der Basketball Association und Commissioner David Stern seinen Segen. "Ich muss mich bei Mark Cuban bedanken", sagte Stern vor der Partie am Samstag. "Ich hatte schon lange davon geträumt, die Mavericks nach Übersee zu bringen, insbesondere nach Deutschland, eben wegen eines bestimmten Dirk Nowitzki."

Für den elffachen All-Star avancierte das Spiel gegen ein gutes ALBA Berlin zur Nebensache, nachdem er drei Tage lang von einem Termin zum nächsten und zu gefühlt zweihundert Pressekonferenzen geschleift worden war. Sichtlich ausgelaugt, aber gewohnt beschwingt, zog der Würzburger am späten Samstag Abend Bilanz: "Ja, war doch witzig. Die Atmosphäre war glaub' ich gut, und dann hat's natürlich auch geholfen dass es eng war am Schluss. Das Spiel war von uns nicht ganz toll. Wir haben viele Fehler gemacht, vor allem am Anfang, hatten dort 10 Turnover in einem Viertel. Die Abstimmung hat nicht ganz gepasst, wir haben teilweise nicht einmal den Ball auf den Center gebracht. Auch sonst haben wir ein paar Schwächen gezeigt, nicht richtig gereboundet, sonst hätten wir höher gewonnen. Für erst eine Woche (Camp) war es okay."

Gegen ALBA schickte Head Coach Rick Carlisle nach nur einer Woche Vorbereitungstraining seine rundum sanierte Startformation auf's Parkett, die fast gar nichts mehr mit den altbekannten Mavs-Editionen gemeinsam hat. Mit Chris Kaman, OJ Mayo und Darren Collison müssen gleich drei Neue an der Seite von Nowitzki und Marion integriert werden, nach einem ereignisreichen Sommer tragen sogar acht neue Spieler das Dallas-Trikot. Die mangelnde Abstimmung fiel schnell auf, die Starter leisteten sich 16 der insgesamt 27 Ballverluste. "Wir hatten echte Probleme in diesem Spiel. Ich war beeindruckt und auch froh, dass wir gewonnen haben, aber wenn du dir als NBA-Team 27 Turnovers leistest wird schnell klar, dass wir noch eine Menge Arbeit vor uns haben. Wir müssen einfach besser spielen", befand der Coach.

Das trifft besonders auf Nowitzki, Mayo und Brand zu, die in Berlin einen schwarzen Tag erwischten und sich auch in Spiel zwei im katalanischen Palau Sant Jordi nicht gerade mit Ruhm bekleckerten (oder bekleckern konnten). Nowitzki verfehlte in Berlin sechs seiner neun Würfe aus dem Feld und konnte die 14504 Zuschauer in der ausverkauften O2-Arena nur selten von den Sitzen reissen, ehe er in Spanien verletzungsbedingt aussetzen musste. Brand griff sich keinen einzigen Rebound und beendete beide Partien mit mickrigen 1,5 Rebounds und 0,5 Blocks im Schnitt. Mayo verballerte ein Field Goal nach dem anderen und flog mit 4,5 PPG bei indiskutablen 15,4 Prozent aus dem Feld zurück nach Dallas. In solider Mid-Season Form präsentierten sich hingegen Kaman (14,5 Punkte und 8 Rebounds pro Spiel), Collison (14 PPG, 6,5 APG) und der omnipräsente Marion, der in Berlin bester Maverick war und als einzig verbleibender Championship-Starter neben Dirk eine grosse Rolle in diesem Team spielen wird.

Anstatt am Dienstag Abend in Barcelona den Schwung des ersten Sieges mitnehmen zu können, mussten die Mavs eine Reihe von schlechten News verkraften: Rodrigue Beaubois verletzte sich gegen ALBA am Sprunggelenk und wird wohl einige Wochen ausfallen. Brandan Wright, der wegen einer Verletzung in Berlin nicht zum Einsatz kam, verschärfte den Zustand seines lädierten Oberschenkels und ist weiterhin gehandicapt ("Ich werde wohl eine Weile aussetzen müssen, um das auszukurieren"). Am meisten Sorgen bereitet jedoch das Knie von Nowitzki, das bereits zum zweiten Mal in Folge schon vor der Saison zwickt und Probleme verursacht. Letztes Jahr hatte es fast zwei Monate gedauert, bis die Schwellungen und Schmerzen auskuriert waren. "Es war schon ein wenig dick, als wir letzte Woche mit dem Training anfingen", sagte Nowitzki. "Die letzten zwei Tage hat es sich gar nicht gut angefühlt. Ich werde ein bisschen pausieren und schauen, wie es reagiert. Wenn wir etwas dagegen unternehmen müssen, dann sollte ich das so schnell wie möglich erledigen lassen." Die Befürchtung ist, dass der Finals MVP eine minimalinvasive Arthroskopie benötigt, um lose Knorpelreste in seinem Knie zu entfernen und damit mehrere Wochen ausfallen wird.

Angesichts der engen Konstellation im mittleren Drittel der Western Conference, wo hinter Oklahoma City, San Antonio und den beiden L.A.-Teams mindestens sieben Mannschaften um die verbleibenden vier Playoff-Plätze mitspielen, wäre ein längerer Ausfall Nowitzkis – oder eine unnötig lange Aufwärm-/Einspielphase – vielleicht schon verheerend. "Man muss schnell zusammen finden, sonst schaufelt man sich in der NBA gleich zu Beginn ein tiefes Grab", mahnt Ersatzforward Brandan Wright zur Dringlichkeit.

Es sind jetzt viele neue Puzzlestücke in Dallas vorhanden. Collison bringt mit schneller off-the-dribble Penetration und eigenem Scoring auf der Eins eine Qualität, die das Team letztes Jahr nicht hatte. Mayo kann viel von dem duplizieren, was mit dem Abgang von Jason Terry verloren ging. Veteranen wie Vince Carter (14 Punkte gegen ALBA), Delonte West und Dahntay Jones machen den Backcourt zu einer der potentesten Waffen der Mavs. Carlisle wird nicht zuletzt deshalb häufiger klein spielen, so wie gegen Barcelona, als eine Drei-Guard-Lineup mit Full-Court Presse die Texaner wieder zurück ins Spiel brachte. Kaman, Brand und Marion sind solide und erfahrene Frontcourt-Optionen.

Die entscheidenden Fragen konnten aber auch die letzten Tage nicht ansatzweise beantworten: Wer etabliert sich neben Nowitzki als zweite, verlässliche Scoring-Option im 18+ PPG Bereich? Kann Collison seine Teamkollegen konstant besser machen? Sind Dirk/Kaman im Interieur stark genug, um die Bretter und die Zone zu kontrollieren, wenn Brand auf der Bank sitzt? Und ist der Backcourt dynamisch genug, um die Killer-Guard-Lineups der Western Conference in Schach zu halten? "Wir lernen uns immer noch kennen. Wir haben ein neues System. Viele Spieler, die Offense und Defense erst noch lernen müssen. Das klappt alles noch nicht so ganz", gibt Marion offen zu.

Dallas hat noch 19 Tage Zeit, um diese Baustellen einigermaßen zu schliessen und die einzelnen Fragmente zu einem Ganzen zu fügen. Das nächste Preseason-Spiel findet am Montag in heimischen American Airlines Center statt. Die reguläre Saison beginnt dann am 30. Oktober, ausgerechnet bei den Los Angeles Lakers...

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