Jung, wild und extrem gut

Sebastian Dumitru

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Dass Oklahoma City unter den Besten der Liga angekommen war, um zu bleiben, wurde schon letztes Jahr überdeutlich. Damals hatten die Thunder zum ersten Mal die Northwest Division gewonnen und sich bis ins Conference Finale vorgekämpft, wo sie in fünf Partien am späteren Champion Dallas Mavericks scheiterten. In diesem Jahr legte das junge Team noch einen drauf, sicherte sich mit 47-19 Siegen den Nordwesten und Platz zwei in der linken Conference. Besonders faszinierend war vor allem das Zusammenkommen der drei grossen Stars Durant, Westbrook und Harden.

Sie verbesserten ihr individuelles Spiel und entwickelten zusammen eine Synergie, die ligaweit unerreicht ist. Die wahren “Big Three”, sie spielen in der Prärie und nicht am South Beach. Kein anderes Trio in der NBA ist derart vielseitig, talentiert und verheerend für die Gegner. Das mussten in den letzten Tagen auch die zuvor übermächtigen San Antonio Spurs feststellen.

Die Texaner waren in den Playoffs noch ungeschlagen und als absoluter Meisterschaftsfavorit in das Duell gegen die jungen Thunder gekommen. Sie dominierten die ersten beiden Partien dank ihrer patentierten Drive & Kick Offensive und heimsten, quasi im Vorbeibrausen, Sieg Nummer 19 und 20 in Folge ein. Die Basketballwelt debattierte schon darüber, ob San Antonio den Playoff-Sweep, also 16-0 Siege, klar machen kann, als erstes Team überhaupt, und verfasste traurige Grabreden für OKC. Womit keiner gerechnet hatte, war Oklahoma Citys Widerstands- und Anpassungsfähigkeit. Die sogenannte Championship-DNA, vor der so oft gesprochen wird – dieses Team hat sie definitiv. (Sam Presti, Kendrick Perkins und Derek Fisher haben sie von ihren früheren Stops mitgebracht).

Thunder-Coach Scott Brooks ist in der Hinsicht wie seine jungen Schlüsselspieler: flexibel, lernbereit und immer erpicht, aus alten Fehlern maximalen Input heraus zu quetschen. Brooks scheute sich nach 0-2 Rückstand nicht, seine Rotation abzuändern. Anstatt sich von Gregg Popovich auf der Gegenseite die Handlungsweise aufzwingen zu lassen, konterte Brooks mit eigenen taktischen Vorgaben und einer Ersatzbank, die San Antonio in den letzten drei Partien völlig ausstach und die Serie komplett auf den Kopf drehte.

Die Leistungen der Rollenspieler, sie hätten eigentlich zur grossen Stärke der Spurs werden sollen. Aber da war Thabo Sefolosha in Spiel drei, wie er feinen schweizerischen Sand in die gut geölte Maschinerie kippte und San Antonios Dynamo Tony Parker ins Stocken brachte, während er selbst 19 Punkte und sechs Steals ablieferte. Da waren Perkins, Serge Ibaka und Nick Collison in Spiel vier mit einer perfekten Leistung: 49 Punkte bei unfassbaren 22 von 25 aus dem Feld. Da war ein selten genutzter Mann wie Daequan Cook, wie er in Spiel fünf mit acht Punkten in nur vier Minuten sein Team auf die Siegerstrasse brachte.

Dass die dreiköpfige Hydra Durant-Westbrook-Harden exzellente Leistungen abliefern würde, das war schon im Vorfeld klar. Kevin Durant ist nicht nur seit Jahren der beste Scorer der NBA, er hat sich heimlich, still und leise auch zum dominantesten Offensivspieler der Welt entwickelt. Nennt ihn “Kid Clutch”, “Mr. Unstoppable” oder einfach nur “The Man”. Kein Spieler trifft in diesen Playoffs in den letzten zwei Minuten in “one posession games” besser als Durant (6-10 FG). Zum Vergleich: LeBron James, Kobe Bryant, Dwyane Wade und Carmelo Anthony kamen in dieser Phase auf gerade einmal vier Treffer – zusammen genommen, wohl gemerkt.

Das Coole: Durant muss gar nicht zwingend selbst abschliessen, sondern kann sich entspannt zurück lehnen und seine kongenialen Amtskollegen Westbrook und Harden übernehmen lassen. Westbrook wirkt immer noch häufig ausser Kontrolle, aber er hat gelernt, seine Stärken zu maximieren, freie Mitspieler mit komplizierten Pässen zu finden und die Offensive zu lenken (2.7 A/TO Rate in diesen Playoffs). Die Art, wie er San Antonios Defensive in dieser Serie chirurgisch auseinander nimmt, ist faszinierend und lässt Gegner erschaudern beim Gedanken, dass der explosive All-Star Guard immer noch inmitten seiner spielerischen Pubertätsphase steckt.

Garniert man den Durant-Westbrook One-Two Punch noch mit dem talentiertesten Bart der NBA, wird schnell klar, warum sich die Konkurrenz in ernsten Schwierigkeiten befindet. Eine der besten Anpassungen von Brooks in diesen Playoffs ist seine Vorgabe, Harden in der Schlussphase als Gestalter und Schütze in Aktion zu bringen. Sein Vier-Punkt-Spiel, gefolgt vom Genickbrecher-Dreier kurz vor Schluss brachte den Thunder-Sieg in Spiel fünf unter Dach und Fach. Durant/Westbrook und Durant/Harden haben unschlagbare Pick & Roll Fähigkeiten entwickelt. In Spiel vier lief OKC zehn mal in Folge den selben Spielzug und punktete mit einer sagenhaften Leichtigkeit.

Natürlich sind, angesichts von San Antonios Dominanz von Anfang März bis letzten Donnerstag, zwei Siege in Folge inklusive furiosem Serien-Comeback für die Spurs noch drin. Aber man sollte zwischen den Zeilen lesen: wenn ein vermeintlich junges, organisch gewachsenes Team wie OKC, gespickt mit zwei All-Stars, dem 6th Man of the Year und einem All-Defense Spieler, die allesamt maximal 23 Jahre alt sind, von Saison zu Saison besser wird, wenn es das dominanteste Team der Liga nicht nur aufhält wie ein Irrer, der einen heran brausenden ICE stoppt, sondern im direkten Duell auch noch alle Championship-Qualitäten (Geduld, Biss, Kontinuität) aus dem vierfachen Meister heraus saugt und sie als die eigenen etabliert, spätestens dann ist es höchste Zeit, der Realität ins Auge zu blicken.

“Wir sind robust geworden”, sagt Collison, der dienstälteste Thunder-Spieler, der den ganzen Wachstumsprozess seit Sonics-Tagen miterlebt hat. “Wir sind noch jung, aber wir haben mittlerweile genug Playoff-Erfahrung, um zu wissen, dass man immer dazu lernt und immer weiter machen muss. Das ist der Unterschied.” Es ist diese Erkenntnis, die letztendlich verdeutlicht, warum Oklahoma City die neue Naturgewalt ist und in den nächsten Jahren von niemandem aufgehalten werden kann. Dieses Team ist laut dröhnend unterwegs. Die Stille dabei ist ohrenbetäubend!

SOCIAL MEDIA