Tag der Entscheidung

André Voigt

Die Meinungen, die im Playoff Blog geäußert werden, geben lediglich André Voigts persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Basketball ist Teamsport, keine Frage. Dennoch kann wie in keiner anderen Mannschaftssportart ein einziger Akteur Einfluss nehmen auf den Ausgang einer Partie.

Logisch.


CELTICS VS. HEAT, SPIEL 5, 02.30 Uhr
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Im Fußball etwa sind es elf Freunde, die den Rasen beackern, füreinander arbeiten, oft für den Fan unsichtbar ihre Leitung bringen. Im Handball gibt es vor allem den Torwart, der zum Hexer werden, eine Partie im Alleingang gewinnen kann, doch dominieren wie beim Spiel mit Korb? Nicht wirklich.

Wir als Fans lieben Partien wie heute Nacht.

Das fünfte Spiel einer ausgeglichenen Serie ist das zweithöchste NBA-Playoff-Gut nach einem finalen siebten Aufeinandertreffen. Wer den dritten Sieg einfährt, vielleicht sogar auf des Gegners Platz, der hat das Momentum, Matchball. Der hat sich durchgesetzt in einer Partie, in der der Druck immens ist.

Die Toten Hosen besingen gerade Tage wie diese, in denen man sich Unendlichkeit wünscht. Genau das wollen Basketballfans in Nächten wie diesen, wenn die größten Spieler ein Level erreichen, das nur diese Partien aus ihnen herauskitzeln.

Denn heute könnte sich viel mehr (vor)entscheiden als die Krone der Eastern Conference. Dieses fünfte Spiel zwischen Miami und Boston kann Konsequenzen haben. Allerdings nur für eines der beiden Teams, vor allem nur für einen Spieler …

LeBron James ist der Böse. Er ist es seit dem Sommer 2010. Seit der Decision. Seither müssten auch die Miami Heat (gut, es gab da natürlich 2006 gewisse Antipathien, aber nur deutschlandweit) eigentlich mit einem Fadenkreuz auf den Jerseys auflaufen.

LeBron James saß damals nicht allein auf dem Podium in der American Airlines Arena, als die Heat ihre Topverpflichtungen und eine Reihe von Meisterschaften schon einmal im voraus feierten. Dennoch ist er es, der heute Nacht die eigene Karriere retten muss.

Dwyane Wade ist schon Meister, die Heat sind „seine“ Franchise. Chris Bosh gilt eh nur als Rockzipfelreiter. Für sie wäre eine Niederlage ein Kollateralschaden. Für James ein Desaster.

Die Nummer sechs der Heat muss heute auf einer der größten Bühnen des Basketballs dominieren. James muss gewinnen. Es gibt keine Ausreden – egal ob Bosh nun wieder eingreifen wird oder nicht.

Diese fünfte Partie gegen dieses alternde, in dieser Saison schon mehrfach totgesagte und fast auseinander gerissene Team wird zum definierenden Spiel der Karriere von LeBron James. Wenn er jemals die Sphären von Kobe Bryant, Tim Duncan oder anderer Champions der vorangegangenen Generation erreichen will – ganz zu schweigen von den größten Legenden aller Zeiten – dann darf er heute nicht verlieren und sich nicht verstecken.

Denn die Folgen wären nicht abzusehen.

Sollten die Celtics nicht nur Spiel fünf, sondern auch die Serie gewinnen, wären die Superfriends am South Beach gescheitert. Dann müsste Macher Pat Riley den Kader massiv umbauen. Coach Erik Spoelstra würde im kommenden Jahr auf einer anderen Trainerbank oder mit einer Abfindung am Strand sitzen. Vielleicht müsste sogar James selbst Miami verlassen, wenn Riley der Ansicht ist, dass die Spielweisen des „King“ und Wades zu ähnlich sind.

Der Druck aus James, er könnte größer nicht sein.

Basketball ist ein Teamsport. Heute Nacht muss James jedoch alles machen. Punkte, Rebounds, Assists, Blocks, offensiv wie defensiv Verantwortung übernehmen – all diese Dinge kann der beste Small Forward der NBA bringen.

Selbiges lässt sich über Rajon Rondo sagen.

Der Point Guard der Celtics hasst die Miami Heat. Er hasst, wofür die Decision steht. Vielleicht hasst er sogar den Basketballer LeBron James.

Rondo hat keine Angst. Druck? Er macht ihn sich selbst. Wer ungefragt in einem Halbzeitinterview den Gegner verbal attackiert, erklärt die Gegenüber würden „weinen“ und „sich beklagen“, der ist sich der Tragweite seiner Worte wohl bewusst.

Mehr noch: Rondo braucht außergewöhnliche Umstände. Er ist wie ein hoch begabtes Kind: leicht gelangweilt. Er braucht den Kick, um volle Leistung zu bringen.

Rondo wird Spiel fünf zu seinem Privatduell mit James machen. Beide Kontrahenten werden wissen, dass der Weg zum Sieg nur über den anderen führt. Beiden können dominieren.

Nur: Während der eine heute alles gewinnen kann, droht dem anderen ein tiefer Absturz. Gewinnen die Celtics angeführt von einem überragenden Rondo, katapultiert ihn dies in Höhen, die selbst er noch nicht erreicht hat. Verliert Boston, bleibt Rondo blass, ändert sich für seinen Status nichts.

Heute Nacht geht es vor allem um LeBron James. Der Einsatz ist hoch, der Gegner formidabel, die Folgen des Versagens schwer. Jetzt ist Nummer sechs am Zug.

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