Spurs vs. Thunder – der Scouting Report

André Voigt

Die Meinungen, die im Playoff Blog geäußert werden, geben lediglich André Voigts persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

„Chalk!“ Jeder, der Englisch in der Schule hatte, kennt die Übersetzung dieser Vokabel. Das englische Wort für Kreide bedeutet im Sportzusammenhang aber auch noch etwas anderes. Wer etwa beim Ausfüllen des Turnierbaums des NCAA-Tournaments darauf setzt, dass die vier an Nummer eines gesetzten Teams die Final Four erreichen, dessen „bracket went chalk“.

„Chalk“ sind auch die Western Conference Finals 2012. Mit San Antonio und Oklahoma City stehen sich die beiden besten Westteams der regulären Saison gegenüber. Zwei Franchises, die nach dem gleichen Bauplan ihre Kader zusammengestellt haben (LINK: http://www.nba.com/germany/news/meister_yoda_und_seine_padawane_2012_05_27.html)

So soll es sein …

Natürlich handelt es sich bei diesem Aufeinandertreffen, auch um das Duell „Jung gegen Alt“. Hier die Spurs, seit 1999 vierfacher NBA-Champion, deren Ära sich dem Ende zu neigt. Dort die Thunder, noch ohne Trip in die Finals, aber eben auf einem extrem guten Weg das nächste dominante West-Team zu werden.

Altersbedingte Nachteile dürften in diesem Duell allerdings glücklicherweise keine Rolle spielen. Beide Mannschaften kommen ausgeruht aus der zweiten Runde, konnten sich in Ruhe auf die nächste Aufgabe vorbereiten. Der Spielrhythmus ist ab jetzt nicht anders als in normalen Saisons ohne Lockout. Auch nennenswerte Verletzungen – und davon gab es weiß Gott genug in dieser Postseason – beeinflussen diese Serie im Vorfeld nicht.

In diesem Aufeinandertreffen geht es um andere Dinge. Um Matchups, es steht ein Fight zwischen zwei Spielphilosophien im Vordergrund.

San Antonio wandelte sich in dieser Spielzeit endgültig zum besten Euroleague-Team der Welt. Denn der Stil der Texaner erinnert schon sehr an die Art und Weise, wie in der zweitbesten Basketballliga mittlerweile jedes Spitzenteam agiert.

Point Guard Tony Parker wird immer wieder in hohe Pick-and-Rolls geschickt, während sich bis zu drei sichere Dreierschützen außen postieren. Dieses so simple wie bekannte Angriffskonzept erfordert ein hohes Maß an Spielintelligenz und diszipliniertes Spacing, dann ist es in der NBA, noch schwerer zu stoppen als in Europa.

Nicht umsonst belegt San Antonio bei der Offensiveffizienz den zweiten Platz in den Playoffs 2012.

Der Grund dafür? Die strengeren „Hand Checking“-Regeln in der Association sowie die Tatsache, dass keine reine Zonenverteidigung gespielt werden darf.

Parker oder auch Manu Ginobili können also sehr oft ins Herz der gegnerischen Defensive dribbeln, wo sie einen Verteidiger zwingen, auszuhelfen. Gregg Popovich verlangt von seinen Spielern, die Wege für die Verteidigung, durch die optimale Raumaufteilung so lang wie möglich zu machen.

So ziehen sie die Defense weit auseinander, zwingen sie, mit voller Geschwindigkeit auf einen potenziell freien Dreierschützen heraus zu sprinten.

Wenn die Kontrahenten jetzt nicht schlau, kontrolliert und trotzdem schnell rotieren, bekommen die Spurs einen freien Dreier, Drive oder den Pass zu einem Big Man am Zonenrand, der dann eins-gegen-eins zu Werke gehen kann.

Das Star in San Antonio ist das System, so war es schon immer in der Ära Popovich, die gleichzeitig, die Ära Tim Duncan ist. Natürlich finden sich drei Stars im Kader mit Parker, Ginobili und The Big Fundamental, das Trio findet jedoch schon immer den besser postierten Nebenmann. Die Spurs teilen den Ball so bereitwillig, wie St. Martin seinen Mantel.

Logische Konsequenz: Bei der Assist-Rate führen sie die Liga in dieser Postseason an.

Die Thunder auf der anderen Seite sind kein Team, dass den Ball laufen lässt, im Gegenteil. Nur 13,4 Prozent (7. Rang) ihrer Angriffe enden mit einem assistierten Korb – bei den Spurs sind es 17,4 Prozent. Zusammen mit den Miami Heat (13,0 Prozent) ist OKC das beste Hero-Ball-Team der NBA.

Ähnlich wie die Kollegen von der Ostküste, verlassen sich auch die Thunder auf die individuelle Brillanz ihrer beiden besten Spieler. Russell Westbrook und Kevin Durant wechseln sich mit dem Dominieren im Angriff meisterhaft ab.

Oft wird der Spalding dabei nicht mehr als zweimal gepasst …

Natürlich gibt es da auch noch James Harden, der für andere kreiert und immens wichtig ist. Der Grund für den Erfolg des Teams von Coach Scott Brooks ist aber die Tatsache, dass seine beiden Alphatiere offensiv so unglaublich schwer zu stoppen sind.

Auf Westbrooks Schnelligkeit und Sprungkraft, Durants Länge und Distanzwurf hatte bisher keine Mannschaft eine plausible defensive Antwort. Der Großteil der Spielzüge Oklahoma Citys sind so konzipiert, dass sie dem Star-Duo schnelle Abschlüsse generieren.

Die anderen Starter Serge Ibaka, Kendrick Perkins und Thabo Sefolosha sind oft nur schmückendes, verteidigendes Beiwerk.

So sehr sich beide Angriffsphilosophien auch widersprechen, beide waren bisher extrem erfolgreich. OKC warf die Champs 2010 und 2011 aus den Playoffs, San Antonio machte mit den Jazz und Clippers kürzesten Prozess.

Welche Art des Basketballs wird sich in den kommenden Tagen durchsetzen?

Um diese Frage zu beantworten, müssen die Defensivarsenale der beiden Kontrahenten betrachtet werden, die ebenfalls komplett unterschiedlich sind.

Die Spurs leben in dieser Hinsicht viel von ihrer Erfahrung. Einst stellten Popovich’ Teams einige der besten Verteidigungsreihen, die die NBA je gesehen hat. Diese Zeiten sind vorbei, doch das Wissen ist noch da.

Seine Mannschaft kann viele Konzepte, welche er verordnet, auch spielen. Duncan, Ginobili und Parker nutzen die Grauzonen der Illegal-Defense-Regel perfekt. Sie wissen, wo sie ungestraft weiter absinken können, wo sie am Flügel Druck machen, wo lieber Abstand lassen.

Duncan hat ein wahnsinniges Gefühl für die eigene Position im defensiven Halbfeld. Er mag kein Shotblocker allererster Güte mehr sein, der Center steht jedoch immer am richtigen Fleck und führt die NBA wahrscheinlich bei den Blocks aus dem Stand an.

Gleichzeitig reboundete kein Team in der regulären Saison besser am eigenen Brett – zweite Chancen sind gegen Duncan und Co. Mangelware.

Popovich wird seinem Kader einige ausgeklügelte Verteidigungen – Matchup-Zonen, Mischverteidigungen, klare Regeln zum Doppeln gegen Westbrook und Durant – mit auf dem Weg geben, um OKCs Stars zu zwingen, das Spielgerät zu ihren weniger talentierten Zuarbeitern abzugeben.

Die Thunder auf der anderen Seite zeigten in der regulären Saison wenig Kreativität beim Bändigen der texanischen „Drive-and-Kick“-Stils. Von drei Partien gingen zwei verloren – dabei fehlte Manu Ginobili bei jedem dieser Spiele.

Besonders besorgniserregend: Die Spurs erzielten trotzdem 107 und 114 Punkte bei ihren Erfolgen.

Natürlich sind Begegnungen der regulären Saison mit Vorsicht zu genießen, wenn es um eine Analyse der Playoffs geht, aber schon damals war klar sichtbar, dass OKC nur eine Antwort auf die Fragen hatte, die die Spurs aufwarfen.

Scott Brooks ließ und lässt sein junges Team defensiv mit Vollgas verteidigen, schnell rotieren. Schnell ist aber nicht immer gut, wenn die Mannschaft als Ganzes nicht perfekt zusammenarbeitet.

So kam es immer wieder zu Situationen, in denen ein Passempfänger an seinem heraus stürzenden Verteidiger vorbei gehen konnte, weil seine Hilfe nicht schnell genug nachkam. Ebenfalls war häufig zu beobachten, dass nicht alle Laufwege in der Verteidigung so sicher saßen, wie sie es hätten müssen. Die Folge: komplett freie Dreier für die Schützen der Spurs.

Auch eine erstickende Halbfeld-Defense mit aggressivem Doppeln fand sich nur selten im Repertoire.

Defense auf höchsten Niveau ist immer ein langwieriger Lernprozess, hier haben die Spurs einen klaren Vorteil. Einzig Kendrick Perkins kennt die Geheimnisse einer Meisterschaftsverteidigung aus seiner Zeit bei den Celtics*. Individuell gehören er, Serge Ibaka und natürlich auch Thabo Sefolosha zur Elite der NBA, die Thunder als Einheit noch nicht.

Von den verbleibenden Teams dieser Playoffs weisen sie mit Abstand die schlechteste Defensiveffizienz auf …

Und es kommt noch schlimmer …

Eine gute Bank ist der überschätzteste Vorteil, den ein Team in den Playoffs haben kann. Die Coaches lassen ihre Top-Spieler länger auf dem Parkett. Der neunte oder zehnte Mann, der in der regulären Saison noch so wichtig war, schafft es in der Postseason kaum auf das Parkett.

Von daher scheint der folgende Punkt nicht wirklich wichtig, er ist es aber durchaus: Die Spurs haben die VIEL bessere Bank als OKC.

Die Thunder bringen mit Ausnahme Hardens offensiv stark beschränkte Akteure nach den Startern auf das Parkett.

Derek Fisher, Nick Collison, Daequan Cook und Nazr Mohammed sind natürlich wertvolle Akteure, sie bringen aber im Kollektiv offensiv zu wenig Impulse. Keiner von ihnen kann sich einen eigenen Wurf kreieren.

Veteran Fisher wirft zwar 53,3 Prozent von der Dreierlinie in diesen Playoffs, versenkte aber in seinen neun Postseason-Spielen 2012 nur zweimal mehr als einen … und zwar beide Male zwei. Ist er auf dem Feld, schwächt er die Defensive aufgrund seiner langsamen Beine.

San Antonio hingegen bringt als Reserve Stephen Jackson, Boris Diaw und Gary Neal … das Trio trifft (bitte anschnallen) 50,0 Prozent seiner Dreier in diesen Playoffs. Daneben sehen Matt Bonners – dem vierten Spur-Bank-Schützen – 43,8 Prozent von Downtown fast schon lächerlich schlecht aus …

Popovich muss seine Spielweise also nicht umstellen, wenn er tief in die Reserve geht. 4,9 Dreier pro Spiel erzielten seine Nichtstarter auf den Außenpositionen in den ersten beiden Runden. Da war es locker zu verschmerzen, dass der angeschlagene Manu Ginobili 11,3 Punkte) bisher nicht an frühere Glanzleistungen anknüpfen konnte.

Ach und dann wäre da ja auch noch Tiago Splitter mit seiner Wurfquote von 60,5 Prozent und den 7,6 Punkten, der Duncan am Brett extrem gut entlastet – auch wenn er kein Shotblocker (0,6 Blocks) ist.

DeJuan Blair? Patty Mills? Opfer der verkürzten Rotation, dabei spielten beide solide Saisons.

Liest sich düster für die Thunder, besteht denn überhaupt Hoffnung für Durant, Westbrook, Harden und Co.?

Ja.

Dazu müsste sich Scott Brooks allerdings dazu durchringen, noch öfter extrem klein zu spielen.

Natürlich sind die Spurs anfällig gegen Teams, die auf Power Forward und Center lange Akteure ins Feld führen. Dies gilt allerdings nur, wenn diese Big Men auch punkten können.

Perkins und Ibaka sind defensiv grandios, im Angriff allerdings beschränkt – obwohl niemand die Bedeutung der Blöcke, die Perkins für Durant setzt, unterschätzen sollte und Ibakas Wurf – wenn er fällt – eine Waffe ist. Brooks muss einen der beiden opfern, um mit Kevin Durant auf der Vier ein Mismatch für die Spurs zu kreieren. Eine schwere Entscheidung: Ohne Ibaka fehlt der Shotblocker, ohne Perkins der harte, erfahrene Verteidiger gegen Duncan.

Brooks muss im Angriff die Spurs kopieren. Westbrook als Point Guard, der das hohe Blocken-und-Abrollen mit Perkins zelebriert. Fisher, Harden und Durant warten an der Dreierlinie als Schützen.

Ein solches Lineup würden den Spurs Probleme bereiten, allerdings wurde genau für diesen Fall Boris Diaw an den Alamo geholt, Stephen Jackson (damals natürlich einige Jahre jünger) verteidigte schon mal einen langen Distanzschützen auf der Vier sehr effektiv: Dirk Nowitzki, 2007). Und: Wie lange könnte diese Aufstellung in einer Partie auf dem Feld stehen?

Fazit: Es spricht viel für die Spurs. Zu viel. Schon die Mavs und Lakers bereiteten den Thunder Probleme, waren aber beide mit Kadern geschlagen, die so fehlerhaft daher kamen, dass sie nicht für die Überraschung sorgen konnten. Diese Spurs funktionieren. Ihre Schwachstellen können die Thunder nur schwer attackieren. Der Westen war in diesem Jahr ein riesiges Stein-Schere-Papier-Spiel. In dieser Serie sind die Thunder das Papier, die Spurs die Schere.

Prognose: Spurs – Thunder 4-2

*Derek Fisher kennt diese Geheimnisse zwar auch, kann diese aber nicht mehr umsetzen …

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