Eastern Conference Semis Scouting Report: Celtics vs. Sixers

André Voigt

Die Meinungen, die im Playoff Blog geäußert werden, geben lediglich André Voigts persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Vor wenigen Wochen waren die Philadelphia 76ers ein Team am Abgrund. Die Mannschaft von Coach Doug Collins hatte acht seiner letzten 14 Spiele verloren, lief Gefahr die Playoffs zu verpassen. Erst eine Siegesserie von vier Auswärtsspielen kurz vor Ende der regulären Saison sicherte den Einzug in die Postseason.

Die Sixers waren einfach froh, dabei zu sein …

Dann kamen die Verletzungen. Derrick Rose riss ein Kreuzband, Joakim Noah knickte um. Ohne die Starter auf der Eins und Fünf siegte Philly gegen arg dezimierte Bulls in sechs Spielen und brauchte in der finalen Partie einen Komplettaussetzer von Chicagos C.J. Watson, um nicht in eine siebte Begegnung auswärts zu müssen.

Sind diese Sixers also auch einfach froh, gegen die Celtics dabei zu sein?

Wer das Team und die Fans in Philadelphia nach Spiel gegen die Bulls sechs feiern sah, konnte das annehmen. Nicht erst das 91:92 gestern Nacht in Boston zeigte, dass dem nicht so ist.

Denn die Celtics agieren derzeit am Limit. Paul Pierce (Knie), Ray Allen (Knöchel), Avery Bradley (Schulter) und Greg Stiemsma (Fuß) sind allesamt mehr als nur leicht angeschlagen. Ihre Wurfquoten in diesen Playoffs lesen sich zum Teil erschreckend: Pierce findet nur in 41,3 Prozent der Fälle die Mitte des Ringes, Allen trifft 28,0 Prozent seiner Dreier, Avery Bradley gar nur flüssigstickstoffkalte 14,3.

Genau hier liegt die Chance der Sixers. Neben den Heat sind sie die athletischte Mannschaft der verbleibenden Teams im Osten. Die Truppe von Trainer Doug Collins liebt und lebt den Fastbreak. Das Erfolgsrezept ist so simpel, wie es lange in der Hauptrunde effektiv war: Überragend und mit viel Energie verteidigen, jeden Rebound oder Ballgewinn sofort in einen Schnellangriff ummünzen.

In den Playoffs ist eine solche Taktik – zumindest der Teil mit dem Fastbreak – nur selten effektiv. Gegen die Celtics könnte sie aber aufgehen. Boston reboundet extrem schlecht. Bei der Defensiven Reboundrate belegten die Grünen 2011/12 den 20. Rang, am offensiven Ende gar nur den 30. und damit letzten.

Diese Fakten sprechen klar für die Sixers, die eines der besten Teams am eigenen Brett sind – nur drei Teams reboundeten defensiv besser als sie. Könnte Philly also den eigenen Fastbreak nachhaltig gegen alternde Celtics ins Laufen bringen?

Postseason-Basketball ist Halbfeld, Disziplin, Effizienz. Wer offensiv dafür sorgt, dass die eigenen Stars, freie Würfe bekommen und diese Stars dann Schüsse für andere schaffen, wenn die Verteidigung die Hochkaräter zustellt, gewinnt.

Genau hier liegt allerdings das Problem der Sixers. Wer sind Phillys Stars?

Während die Celtics vier All Stars auf den Parkettboden schicken können, die bereits einen Championship-Ring auf dem heimischen Kamin stehen haben und jederzeit eine Playoff-Partie übernehmen können, klafft bei den 76ers in dieser Hinsicht nicht nur ein Loch, sondern ein Krater.

Außerdem fehlt Collins’ Kader die Postseason-Erfahrung. Während die Big Four der Celtics 423 Partien in der Meisterrunde auf dem Buckel haben, kommt die Stammrotation Philadelphias auf zusammen 137!

137 Spiele, in denen die sechs jüngsten Sixers-Stammkräfte sich nicht gerade mit Ruhm bekleckerten:

Jrue Holiday – 12 Spiele, 40,0 FG%, 42,6 3P%
Andre Iguodala – 29 Spiele, 14,0 PPG, 40,3 FG%, 29,0 3P%
Lou Williams – 24 Spiele, 11,3 PPG, 37,7 FG%, 25,3 3P%
Evan Turner – 12 Spiele, 10,5 PPG, 42,7 FG%, 44,4 3P%
Spencer Hawes – 12 Spiele, 9,2 PPG, 46,4 FG%, 40,0 3P%
Thaddeus Young – 24 Spiele, 9,9 PPG, 43,6 FG%, 33,3 3P%

Natürlich ist da noch der Veteran im Team … Elton Brand.

Elton Brand – 24 Spiele, 18,1 PPG, 52,9 FG%, 2,3 BPG

Seine Zahlen geben jedoch falsche Hoffnung. Der Power Forward ist 33 Jahre alt. In den Playoffs 2012 bisher liefert er in sieben Partien: 7,4 Punkte sowie eine Feldwurfquote von 41,5 Prozent.

Hier stehen also die Celtics, angeschlagen, erfahren und mit All-Star-Skills, die jeden Stil spielen können.

Dort die jungen, athletischen, fitten Sixers, die leichte Körbe in der Transition brauchen und im Halbfeld offensiv manchmal hilflos aussehen.

Fazit: Der Vorteil liegt klar bei den Celtics. Rondo wird sein Matchup mit Holiday dominieren und somit klaffende Lücken in die Sixers-Defensive reißen, die die Verteidiger von Allen sowie Pierce füllen müssen. Das sorgt für freie Würfe außen. Hawes und Brand werden ihrerseits nicht in der Lage sein, die Duelle mit KG und Brandon Bass am Brett monströs für sich zu entscheiden. Iguodala und Turner sind von ihrem Naturell her keine Topscorer, sie werden gegen die angeschlagenen Pierce sowie Allen nicht für genügend Offensive sorgen. Diese Serie könnte in den verbleibenden Spielen offensiv hässlich und zu einer reinen Defensivschlacht werden. Ein Umstand, der erst recht den Celtics zu Gute kommt, sie haben die Spieler, die in den entscheidenden Situationen die richtigen Entscheidungen treffen.

Prognose: Celtics – Sixers 4-2

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