Ruhe im Karton?

Sebastian Dumitru

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Das Besondere an den Playoffs ist, dass sich erst hier die Spreu vom Weizen trennt. Erst hier, unter dem grellen, zerlegenden Scheinwerferlicht der grössten Basketball-Bühne des Planeten, können wir wirklich erfassen, welche Spieler nur Durchschnitt, welche gut und welche einfach überweltlich sind. Erst hier wurden die Birds, Magics und Jordans zu dem, wofür sie heutzutage verehrt werden: grosse Legenden, ewige Ikonen, wahre Champions.

LeBron James ist noch lange nicht soweit. Und möglicherweise schafft er es nie. Aber Leistungen wie gestern, die bringen ihn irgendwann einmal dahin, soviel steht fest. Mit dem Rücken zur Wand und dem Druck der gesamten Basketballwelt auf seinen Schultern lieferte James die Antwort, die man von einem dreimaligen MVP erwarten darf: 45 Punkte, 15 Rebounds, 5 Assists bei 19-26 (.731) aus dem Feld. Treffer für Treffer für Treffer die beste Performance, die der 27-Jährige jemals auf's Playoffs-Parkett legte.

Und das schliesst seine 48-Punkte Explosion in Detroit vor fünf Jahren mit ein. Die Partie gestern war eine Demonstration individueller Extraklasse, eine Abrissbirne gegen das grüne Kobold-Haus, ein ungleiches Duell, wie getunte Sportmaschinen gegen einen Altenheim-Rollator.

LBJ übernahm von Minute eins die Kontrolle und wirkte wie besessen. Er traf sechs von sieben aus dem Feld und hatte schon nach dem ersten Viertel 14 Punkte auf seinem Konto. Im zweiten Abschnitt, das gleiche Bild: weitere sechs von sieben aus dem Feld, während Miami seine Führung auf zwischenzeitlich 15 Punkte ausbaute. James traf alles. Schwierige Sprungwürfe, Fadeaways, Turnarounds, Shimmy-Shakes aus dem Low Post, das volle Arsenal. Zur Halbzeit waren es schon 30, das Ding war irgendwo schon entschieden. Boston kam im restlichen Verlauf nicht mehr auf näher als sieben Punkte heran.

LeBron spielte dennoch 44 Minuten und verliess das Parkett erst, als Celtics-Coach Doc Rivers vier Minuten vor dem Ende seine Starter abzog. Seine Zahlen am Ende waren historisch: seit Wilt Chamberlain 1964, der damals auf 50 Punkte, 15 Rebounds und 6 Assists kam, hatte kein anderer NBA-Spieler solche Levels erreicht. Als Basketball-Fan war James' gestrige Leistung eine echte Offenbarung. Der Sport ist rein und schön, wenn er so passiert. Erst recht, wenn ihn einer der besten Spieler aller Zeiten so interpretiert. Keine Mätzchen, kein exzessives Flopping und theatralisches Anflehen der Refs, keine überzogenen Gesten in alle Richtungen, wie man es sonst von ihm kennt. Einfach nur purer Basketball. Den Killerinstinkt im Blick, klatschte James einen roboterhaften, stoischen, selten erlebten Auftritt auf die grosse Playoff-Bühne. Das war beeindruckend.

Boston hätte ahnen können, dass eine solche Explosion irgendwann kommen würde. Die ganze Serie über legten es die Grünen schon darauf an, denn der Gameplan sieht vor, dem MVP seine Früchte zu lassen, während man sich lieber darauf konzentriert, Dwyane Wade aus dem Spiel zu nehmen. Diese Taktik schlug gestern fehl, auch weil die C's kollektiv versagten. Paul Pierce verfehlte 14 seiner 18 Würfe aus dem Feld und kratzte peinliche neun Zähler zusammen. Rajon Rondo leistete sich sieben Turnovers. Kevin Garnett machte mit zwölf Punkten und fünf Rebounds sein schlechtestes Spiel in den Conference Finals. Ray Allen traf nur drei mal aus dem Feld. Es war eine mannschaftlich geschlossene Arbeitsverweigerung zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt.

Alles andere hätte an solch einem Abend aber wohl auch keinen allzu grossen Unterschied gemacht. Nicht bei der Art, wie James der Partie seinen Stempel aufdrückte. "Ich denke, er hat ihnen Sicherheit gegeben. Ich hoffe, ihr hört jetzt mit dem Gefasel auf, dass LeBron in wichtigen Spielen nicht aufkreuzt. Er war heute recht gut", scherzte Rivers nach der Partie. Dank seiner 45 Punkte schraubte James seinen Elimination-Game-Scoring-Schnitt auf 31.4 PPG. Die letzten Jahre haben es gezeigt: wenn James aggressiv spielt, wenn er seine Sprungwürfe trifft und seine offensiven Attacken diversifiziert, ist er von nichts und niemandem zu stoppen.

Umso trefflicher also, dass der Vielgescholtene ausgerechnet im TD Garden seine beste Postseason-Performance aller Zeiten ablieferte, in einem Must-Win Game, gegen seinen alten Nemesis, den kleinen, grünen Kobold. Und dabei bewies, dass unter der Fassade, der ganzen Selbstüberschätzung und den vielen falschen Entscheidungen der talentierteste, kraftvollste All-Around Basketballer dieser Generation schlummert.

Die Bühne ist angerichtet für ein alles entscheidendes siebtes Spiel, am Samstag, in der American Airlines Arena in Miami. Dass die Heat dort ein ähnlich dominantes Spiel von James brauchen werden, um ins NBA-Finale gegen Oklahoma City einzuziehen, sagt vielleicht mehr über die "Mannschaft" der Floridianer aus als über James selbst. Denn dass die Nummer Sechs (bisherige Playoff-Stats: 30,8 PPG, 9,5 RPG, 51% FG) konstante Monsterleistungen abliefert, hat nicht erst letzte Nacht gezeigt. Ob das irgendwann reichen wird, um alte Dämonen endgültig zu besiegen...?

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