Liem: Quo Vadis, Dallas?
Ein halbes Leben dauert Mikes Affäre nun mit der NBA. In Barcelona verknallte er sich 1992 Hals über Kopf, verfolgte sie darauf wie ein Liebestrunkener und schwor ihr schließlich 1999 vor dem Madison Square Garden ewige Treue – und das obwohl sie ihm aufgrund eines falschen Schwarzmarkt-Tickets nicht das erste Date gewährte! Vergeben, vergessen und nachgeholt: Heute lebt und arbeitet Mike als Journalist in Hamburg. Fragen, Kritik, Proteste? Gern! E-Mail: thegameofbasketball@web.de | Liem Archiv
Nur noch 3 Tage bis zum Weihnachtsfest oder, sofern man ein Basketball-Liebhaber ist, bis zum Start der neuen, verkürzten NBA-Saison. In der Zeit zwischen dem Triumph der Mavs und der Post-Lockout-Crazy-Blockbuster-Trade-CBA-Findungsphase, in der wir uns gerade befinden, hat sich unglaublich viel getan.
David Stern zum Beispiel ist jetzt neben seinem Commissioner-Job auch als General Manager der New Orleans Hornets aktiv, zahlreiche NBA-Akteure tummeln sich noch in China oder Osteuropa, und die Clippers sind jetzt tatsächlich sexier als die Lakers. Selbst der Titelträger aus Texas hat ein neues Gesicht bekommen. Es macht also Sinn (, vor allem als Mavericks-Fan,) einen genauen Blick auf den Meister zu werfen.
Der Titelverteidiger hat aber keine andere Alternative als nun den bestenfalls soliden, aber bislang unscheinbaren und unbeständigen Brendan Haywood (213 cm) in die Startfünf zu hieven. Ein klarer Rückschritt für die Mavs, und eine gigantische Herausforderung für den Backup.
Aus dieser Perspektive ist es nur verständlich, dass die Mavs-Verantwortlichen urplötzlich wahre Lobeshymnen auf den Ersatzmann Nr. 1 singen, aber jeder weiß, dass Chandler die Schlüsselfigur, der Anker, der Antrieb und das Rückgrat für die Defensive der Mavs war. Und nun ist er weg. (Genauso wie Defensiv-Koordinator Dwayne Casey, jetzt Head Coach der Raptors, und Little-Le-Bron-Stopper De Shawn Stevenson.) Wenn der 32-Jährige Ex-Wizard nur annähernd an seine Washingtoner Tage (10 Punkte, 9 Rebounds, 2 Blocks) anknüpfen kann, darf sich Dallas schweineglücklich schätzen.
Bleiben unter der Körben noch das französische Projekt Ian Mahimi (211 cm), die Unbekannte Brandan Wright (208 cm), ein noch namensloser Center-Veteran XY und – „Hello Small Ball!“ – Lamar Odom (208 cm) oder Dirk Nowitzki (213 cm) als zeitweilige Big Boys, wenn der Gegner es mal zulässt. Letztere Option verspricht zwar ordentlich Firepower, aber in puncto Defensive ist das, sagen wir mal vorsichtig, nur suboptimal.
Kurz: Es heißt die Erwartungen an die Center-Position herunterzuschrauben, auf ein gehobenes Erick-Dampier-Niveau würde ich vorschlagen, ansonsten könnte einem als Mavs-Fan der Frust auffressen.
Pro
- Carter kann punkten, werfen, penetrieren und passen. Damit ist der Shooting Guard eine Entlastung für Dirk und den Jet. (Think Jerry Stackhouse anno 2005, ohne die Toughness versteht sich. Dazu später.)
- Carter harmoniert gut mit Jason Kidd – dank ihrer gemeinsamen Vergangenheit in New Jersey.
- Carter sagt, ihn scheren persönlichen Statistiken nicht. Er will nur gewinnen. (Was soll er auch sonst sagen? Etwa: „Ich nehme 21 Würfe pro Spiel und möchte noch mal Allstar werden“?)
- Carter hat Playoff-Erfahrung. (Gerissen hat er nichts, aber lassen wir das einfach mal so stehen im Sinne der Gutmütigkeit.)
- Carter hat einen Dreijahresvertrag erhalten, bei dem nur das erste Jahr völlig garantiert ist. Puuuh!
Contra
- Carter gibt nicht immer alles. Das hat er selbst zugegeben.
- Carter spielt in der Defensive entweder den Matador oder den Zaungast. (Carter gegen Kobe? Carter gegen Wade? Carter gegen Ginobili? Carter gegen Westbrook? … Nooooooooooo! Und noch mal: Nooooooooo!!!)
- Carter ist nicht tough. Dabei ersetzt er in gewisser Weise Bulldogge DeShawn Stevenson, Caron „Tough Juice“ Butler und auch ein wenig JJ „Keine Angst vor nix“ Barea. Die drei waren tough. Ich sehe schon 124 Szenen bildlich vor mir, in denen sich Vinsanity nach einem harmlosen Foul auf den Boden windet oder mit schmerzverzehrten Gesicht seinen Arm hält – und sich dann auf unbestimmte Zeit auswechseln lässt. (Würg.)
- Le dunk de la mort? C’est passé: Air Vince, die einstmals spektakulärste Sprungmaschine der Welt, ist mittlerweile 34 und hat 925 NBA-Spiele auf dem Buckel. Bedeutet: Die „Half Man, Half Amazing“-Show findet zumeist auf dem Boden statt.
Bleibt der alte und neue Hoffnungsträger: Roddy! Ich weiß, ich weiß. Aber es ist gar nicht so lange her, da prangten über Dallas Highways Beaubois-Plakate, die ihn als kommenden Superstar proklamierten. Keine Frage, wenn der junge Shooting Guard im Point-Guard-Body gesund bleibt, wenn er sein Scorer-Selbstbewusstsein wieder findet, wenn er die Chance (sprich Spielzeit) bekommt und wenn alle Sterne gut stehen, dann haben die Mavs eine Art Allen-Iverson-Light-Version oder puertoricanischen Super-Ersatz-JJ in ihren Reihen. Und das nenne ich einen X-Faktor!
PS: Zum Abschluss der aktuelle Kader der Dallas Mavericks (Stand 18. Dezember 2011):
PG: Jason Kidd, Delonte West (Love This Guy. Guter Typ, guter Spieler, guter 1-Jahres-Vertrag), Drew Neitzel
SG: Vince Carter, Jason Terry, Rodrigue Beaubois
SF: Shawn Marion, Lamar Odom
PF: Dirk, Brian Cardinal
C: Brendan Haywood, Ian Mahinmi, Brandan Wright
Abgänge: Tyson Chandler (Knicks), DeShawn Stevenson (???), JJ Barea (Timberwolves), Caron Butler (Clippers), Peja Stojakovic (???), Corey Brewer und Rudy Fernandez (beide Nuggets).
Ein halbes Leben dauert Mikes Affäre nun mit der NBA. In Barcelona verknallte er sich 1992 Hals über Kopf, verfolgte sie darauf wie ein Liebestrunkener und schwor ihr schließlich 1999 vor dem Madison Square Garden ewige Treue – und das obwohl sie ihm aufgrund eines falschen Schwarzmarkt-Tickets nicht das erste Date gewährte! Vergeben, vergessen und nachgeholt: Heute lebt und arbeitet Mike als Journalist in Hamburg. Fragen, Kritik, Proteste? Gern! E-Mail: thegameofbasketball@web.de


SOCIAL MEDIA