Playoffs 2012, die Erste

Sebastian Dumitru

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Das Conference Halbfinale läuft seit einigen Tagen auf Hochtouren, die Wirbelwind-Saison geht weiter, immer weiter. Es bleibt keine Zeit, um das Geschehene mal kurz sacken zu lassen und richtig einzuordnen. Aber nicht hier. Wir kehren den Trend um und arbeiten für euch die Highlights, Stars und Pleiten der ersten Playoff-Runde auf.

Highlights

1. Comeback Clippers
Los Angeles fing in Spiel eins Feuer und fackelte die FedEx Hütte in Memphis mit einem sensationellen 26-1 Zwischenspurt ab, just als die Partie eigentlich schon gelaufen war. Chris Paul pushte das Tempo und servierte seinen Mannschaftskollegen einen freien Wurf nach dem anderen auf dem Silbertablett. Die Clippers trafen zehn ihrer 14 Versuche im letzten Spielabschnitt, stellten den NBA-Rekord für die grösste Playoff-Aufholjagd aller Zeiten ein und machten einen 21 Punkte Rückstand vor dem Schlussviertel wieder wett. Endstand: 99-98.

2. Hollywood Drama

Nach den frühen Sweeps von San Antonio und Oklahoma City, den verheerenden Verletzungen in Chicago und weiteren, einfachen Siegen in Miami und Indiana war es den beiden Clubs aus Los Angeles vorbehalten, die für gute Playoff-Geschichten so dringend benötigte Spannung zu liefern. Sowohl die Clippers (gegen Memphis) als auch die Lakers (gegen Denver) wiegten den Zuschauer bei eigener 3-1 Führung zunächst in Sicherheit, trieben die Herzfrequenz im Mittelteil (absichtlich?) in die Höhe, bevor beide dann schlussendlich in Spiel sieben triumphierten - die Clippers sogar auswärts auf feindlichem Terrain. Stanley Kubrick hätte es nicht besser produzieren können.

3. Bynums Monsterspiel
Andrew Bynum startete die Postseason mit einem Knall und verbuchte in Spiel eins gegen Denver sein erstes Karriere Triple Double überhaupt: 10 Punkte, 13 Rebounds und 10 Blocks. Damit egalisierte er nicht nur den NBA-Rekord von Hakeem Olajuwon und Mark Eaton für die meisten geblockten Würfe in einer Playoff-Partie, sondern reihte sich auch noch an der Seite von Magic Johnson (30), Elgin Baylor (4), Wilt Chamberlain, Jerry West und James Worthy (je 1) in die Geschichtsbücher ein als Lakers-Spieler mit einem Playoff Triple-Double.

4. Rondos Vergeltung
Stinkwütend ob seiner Spielsperre nach Tätlichkeit in Partie eins kehrte Rajon Rondo pünktlich zu Spiel drei wieder in die Celtics-Lineup zurück, wo er seinem Frust freien Lauf liess. Der All-Star Point Guard drehte nach Pausen-Rüffel von Coach Doc Rivers auf, erzielte 17 Punkte, griff sich 14 Rebounds und verteilte 12 Assists für sein insgesamt siebtes Triple Double in dieser Saison. Boston gewann nach Verlängerung 90-84 und holte sich später die Serie gegen die Hawks mit 4-2.

5. Stars spielen BIG
LeBron James, Kevin Durant, Kobe Bryant, Chris Paul, Paul Pierce: die Superstars der Liga trumpften auf der grossen Playoff-Bühne auf und verhalfen ihren Teams mit grossartigen Leistungen in den entscheidenden Momenten zu vorentscheidenden Siegen auf dem Weg ins Conference Halbfinale. James erzielte in Spiel drei 17 seiner 32 Punkte im letzten Abschnitt, nachdem er vorher fast acht Minuten wegen Foulproblemen auf der Bank saß. Durant traf einen unmöglichen Sprungwurf zum 99-98 Mavs-Herzensbrecher in Spiel eins, von dem sich Dallas nicht mehr erholte. Bryant brachte seine Lakers in Spiel fünf mit 43 Punkten und vier erfolgreichen Dreiern in den letzten 400 Sekunden eigenhändig zurück und gewann Spiel zwei mit 38 Punkten und 52% aus dem Feld praktisch im Alleingang. Paul orchestrierte das historische Clippers-Comeback in Spiel eins mit elf Assists, traf vier Sprungwürfe in Folge in der Verlängerung von Spiel vier und machte den sensationellen Halbfinal-Einzug in Spiel sieben mit 19 Punkten und neun Assists perfekt. Pierce katapultierte sich in Spiel zwei mit 36 Punkten (13 im letzten Viertel), 14 Rebounds und seiner Tebow-Imitation an der Mittellinie ins Rampenlicht und führte Boston auch ohne Rondo und Ray Allen zum wichtigen 1-1 Ausgleich gegen Atlanta. Die echten Superstars der NBA, sie werden erst in den Playoffs gemacht. 2012 war da keine Ausnahme.

Bestmarken

Punkte: Kobe Bryant (43)

Rebounds: Paul Millsap (19)

Assists: Rajon Rondo (16)

Steals: Rajon Rondo, Dwyane Wade (je 5)

Blocks: Andrew Bynum (10)

Dreier: Jason Richardson, Steve Blake, Mario Chalmers, Danny Granger (je 5)

Plus/Minus: Boris Diaw (+41)

Playoff-MVPs

1. Chris Paul 20.4 PPG, 5.7 RPG, 7.1 APG, 2.7 SPG, 46% FG

2. Kevin Garnett 18.7 PPG, 10.5 RPG, 2.0 APG, 1.8 BPG, 51% FG

3. LeBron James 27.8 PPG, 6.2 RPG, 5.6 APG, 2.2 SPG, 48% FG

4. Kevin Durant 26.5 PPG, 7.5 RPG, 3.8 APG, 1.8 BPG, 46% FG

5. Kobe Bryant 29.1 PPG, 4.6 RPG, 5.0 APG, 1.1 SPG, 45% FG

Zahlenspiele

44 - Gesamtanzahl der absolvierten Partien in Runde eins

33 - Punkte Vorsprung für die Miami Heat beim Auftakterfolg gegen die New York Knicks. Es war der deutlichste Sieg in der ersten Runde und zweithöchste überhaupt in der Heat-Playoff-Geschichte

67 - niedrigste Punkteausbeute, mühsam zusammen gekratzt von den New York Knicks bei der 100-67 Packung in Miami. NY egalisierte damit den vereinsinternen Negativrekord und legte den frühen Grundstein für das eigene, frühe Ausscheiden

114 - bis dato höchste Punkteausbeute in dieser Postseason, aufgestellt von den San Antonio Spurs gegen Utah in Spiel zwei (neuer Spitzenreiter ist seit Montag Oklahoma City mit 119)

11 - Spiele in Runde eins, die mit drei Punkten oder weniger Differenz entschieden wurden. Spannung pur!

2 - gewonnene Playoff-Serien in der Franchise-Geschichte der Buffalo Braves/San Diego/Los Angeles Clippers zwischen 1970 und 2011. Der Erstrundentriumph gegen die Memphis Grizzlies war also ebenso unerwartet wie historisch selten

13 - konsekutive Niederlagen, die New York in den Playoffs seit 2001 kassiert hatte, vor dem 89-87 Sieg gegen Miami in Spiel vier

Wackness

  • Überhaupt, Verletzungen: Rose, Iman Shumpert und Baron Davis erlitten schwere und potentiell karriere-verändernde Kreuzbandrisse. Noah knickte um und verletzte sich am Sprunggelenk. Dwight Howard war nach seiner Rücken-OP gar nicht erst für Orlando angetreten. Caron Butler spielte mit gebrochener Hand, Avery Bradley mit einer ausgekugelten Schulter, Paul Pierce mit einem verstauchten Knie und Ray Allen mit schmerzhaften Knochenspornen im Fuss. Kendrick Perkins verletzte sich an der Hüfte, ebenso wie Chris Paul, der gehandicapt war. Sein Teamkollege Blake Griffin plagte sich mit einer Knieverletzung herum. Obwohl die NBA zur Zeit direkte Verbindungen des stark komprimierten Spielplans und der vielen Verletzungen in diesem Jahr noch untersuchen lässt, räumte NBA-Commissioner David Stern vor wenigen Tagen ein, dass ein gewisser Zusammenhang vielleicht nicht ganz abwegig ist.

  • Oklahoma City 4, Dallas 0...Der amtierende Champ verabschiedet sich sang- und klanglos und ohne einen einzigen Erfolg aus den Playoffs. Nur zwei Meistermannschaften waren zuvor jemals direkt nach einem Titelgewinn aus der ersten Runde ge-sweept worden. Natürlich könnte man argumentieren, dass die Mavericks in drei vor vier Partien realistische Chancen auf den Sieg hatten - aber der Konjunktiv zählt nicht im Basketball. Dallas gestattete dem Gegner in Spiel vier 52% aus dem Feld, traf in keiner Partie besser als 43,6% und liess unzählige Gelegenheiten im letzten Abschnitt aus. Das ganze Team (minus Dirk) blieb weit hinter seinen Möglichkeiten und liess alles vermissen, was es noch vor einem Jahr auf dem Weg zum ersten Titel der Vereinsgeschichte ausgezeichnet hatte. Es gibt nichts schön zu reden: für einen Club, der sich selbst stets hohe Leistungsstandards auferlegt, war das einfach nur peinlich.

  • Mag ja sein, dass Amar'e Stoudemire nach den Niederlagen seiner New York Knicks in den ersten beiden Partien ebenso frustriert war wie über seine eigenen Leistungen oder seine Rolle im Knicks-Angriff. Der Ärger ist verständlich, und menschlich. Aber aus Frust in einen gläsernen Feuerlöscherkasten zu boxen und sich so die komplette Hand aufzuschlitzen, ist an Kurzsichtigkeit nicht mehr zu überbieten. Abgesehen davon, dass Stoudemire sich lebensgefährliche Verletzungen hätte zuziehen können und nur knapp einer absoluten Katastrophe entging, sabotierte er nebenbei die letzten verbliebenen Playoff-Hoffnungen seines Teams. Für einen überteuerten Franchise-Stützpfeiler ein absolut unentschuldbares, egoistisches, pubertäres Verhalten.

  • Carlos Boozer verdient in den nächsten drei Jahren noch 47 Millionen US-Dollar, also etwas mehr als 15 Millionen pro Jahr. Boozer, der sich schon häufiger über zu wenig Rampenlicht beschwerte, erzielte in der entscheidenden Partie gegen Philadelphia nur drei Punkte und vergab zehn seiner elf Versuche aus dem Feld. Seine Einschätzung nach dem Ausscheiden? "Ich denke, ich habe gut gespielt (...) Wir hatten wieder die beste Bilanz im Basketball, haben wieder unsere Division gewonnen, hatten wieder den ersten Platz...und nur darauf kommt es an, yo!" Nur darauf kommt es an, yo? Man darf gespannt sein, wie gut diese ignoranten Worte des in Chicago ohnehin nicht allzu beliebten Power Forwards, der in den Playoffs routinemässig von der Bildfläche verschwindet, bei Teamverantwortlichen und Fans ankommen werden. Ich würde schätzen: nicht allzu prickelnd...

Raritäten
Saukomische Halbzeit-Action und eine de facto Analogie für die Situation der Atlanta Hawks, Jahr für Jahr für Jahr: überdurchschnittlich talentiert und zuweilen spektakulär im Anflug, aber immer mit dem verfrühten Absturz, weit vor dem eigentlichen Ziel.

Zu gut, um wahr zu sein: der letzte Dino auf Erden sabotiert LeBrons Interview...und verzieht dabei keine Miene.

"Do the Blake Face"!

Die späte Rache der LA Clippers: nach dem historischen Erstrundensieg in Memphis schnappte sich Bobby Simmons ein überdimensionales Chris Paul Plakat mit Babyhaube und Schnuller, das enttäuschte Grizzlies-Fans auf's Parkett geschmissen hatten. Die Clippers waren so begeistert, dass sie das CP3-Konterfei spontan zum Feiern mit in die Kabine nahmen - und später sogar mit in den Flieger zum Zweitrundenduell nach San Antonio.

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