Neues Zeitalter

Sebastian Dumitru

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Hört ihr das Summen? Spürt ihr die kollektive Aufregung und die geballte Vorfreude? Das NBA-Finale 2012 ist da, und es wird BIG. Eines der spannendsten und hochklassigsten aller Zeiten vielleicht. Was schon im Dezember viele vermutet hatten, ist Realität: Oklahoma City und Miami haben sich nach einem wilden 66-Spiele Sprint und weiteren vier Wochen Playoffs als beste Mannschaften dieser Saison entpuppt und treffen nun in einem hoch antizipierten Matchup aufeinander, dass für Laien und Cognoscenti gleichermaßen den Stoff bietet, aus dem Basketballträume gemacht sind.

Es ist das Duell der beiden besten Spieler der Welt, die mit den vermutlich besten Untersätzen der Liga aufkreuzen und um die Vorherrschaft in der Association kämpfen. Der dreifache und amtierende MVP LeBron James gegen den dreifachen und amtierenden Scoring Champ Kevin Durant. Die lebende Flipper-Kugel Dwyane Wade gegen das furchtlose Geschoss Russell Westbrook im „Kopf durch die Wand Special“. James Hardens Bart gegen Chris Boshs Hals. Die explosive Thunder-Offensive (die zweitbeste während der regulären Saison und die mit Abstand effektivste in den Playoffs) gegen die gefürchtete Heat-Defensive (Platz vier von Dezember bis April, Platz drei in der Postseason). Das Duell geht noch viel tiefer. Midwest-Bescheidenheit gegen Big City Dünkel? Organisch gewachsen gegen synthetisch erzwungen? Gut gegen Böse vielleicht? Ihr seht, es ist – je nach Betrachtungswinkel – ein Fass ohne Boden.

Beide Mannschaften mussten sich gegen ältere, erfahrenere Kontrahenten durchsetzen und diverse Drucksituationen überwinden, um hierher zu gelangen. Miami verlor im Conference Halbfinale erst Chris Bosh mit einer Bauchmuskelzerrung und später gegen Boston drei der ersten fünf Partien, ehe eine historisch dominante Leistung von James in Spiel sechs (45 Punkte, 15 Rebounds, 5 Assists) und die triumphale Rückkehr von Bosh in Spiel sieben (19 Punkte, drei Dreier) den zweiten Finaleinzug in Folge konsolidierte. Oklahoma City bugsierte die letzten drei NBA-Champs aus der Western Conference – Dallas, die LA Lakers und San Antonio – der Reihe nach aus den Playoffs und etablierte im Vorbeirauschen eine völlig neue Hackordnung, die auf Jahre Bestand haben dürfte. Nachdem die zuvor perfekten und fast zwei Monate ungeschlagenen Spurs den Youngstern ein 2-0 Loch gegraben hatten, fertigte OKC die Texaner mit einer beeindruckenden Mischung aus Härte, Athletik und Entschlossenheit vier Mal in Folge ab und landete zum ersten Mal als Thunder-Franchise in den NBA-Finals.

Matchups

Beide Teams sind ähnlich besetzt und geben sich im direkten Vergleich nicht viel. Allein schon die Kopf an Kopf Duelle der letzten zwei Jahre bestätigen das (2-2 Unentschieden bei 397-378 Punkten für OKC). Das Matchup, dass die gesamte Basketballwelt sehen möchte, ist natürlich James gegen Durant. Beide Leader haben ihr Spiel in den letzten Wochen auf ein neues Level gehievt. James trägt Miami mit bisher 30.8 PPG, 9.6 RPG und 5.1 APG souverän durch die Postseason und will nach neun Profijahren im jetzt dritten Finals-Anlauf endlich seinen ersten Ring. Er wirkt erwachsener, mental gereifter und einfach bereit. Durant, der gegen James immer in Topform ist und in den letzten zwei Jahren 30 PPG, 7.5 RPG und 4.5 APG gegen den wertvollsten Spieler auflegte, will seinen kometenhaften Aufstieg mit seinem ersten Titel validieren und mit seinen erst 23 Jahren dem „Best of all Time“ Diskurs eine völlig neue Wendung geben.

Die zwei Small Forwards bekommen es miteinander zu tun und werden sich im Verlauf der Serie – zum Glück für uns – häufig gegenüber stehen. Da aber keiner den anderen komplett neutralisieren kann, werden beide Mannschaften mit komplexen Defensivschemata und unterschiedlichen Verteidigern (Sefolosha/Ibaka bei OKC, Battier bei Miami) versuchen, der jeweiligen Offensivexplosion Herr zu werden. Wade ist nach mäßigen Conference Finals gegen Bostons Doppeldeckung in der Bringschuld.

Nur wenn der All-Star konstant gute Leistungen abliefert, haben die Heat eine echte Chance. Ja, Bosh ist wieder ganz der Alte und strahlt aus der Halbdistanz immer Gefahr aus – egal, ob er startet oder zunächst wieder nur von der Bank kommt. Aber es ist offensichtlich, dass sich Coach Erik Spoelstra auf keinen seiner Rollenspieler in Rot-Schwarz verlassen kann. Westbrook wird die Löcher in der Heat-Defensive unerbittlich ausnutzen und weitaus aggressiver als Rondo im Halbfinale den eigenen Abschluss suchen. Behält der All-Star Guard den Überblick und seine Turnover-Rate in Grenzen, haben die Thunder einen entscheidenden Vorteil. Vor allem, weil Sixth Man of the Year Harden die Bank-Produktivität der Heat quasi im Alleingang negiert und dazu in der Schlussphase als Spielmacher und Scorer extra Aufmerksamkeit erzeugt.

X-Faktor

Sagen wir lieber XYZ-Faktoren. Die Serie hängt von weitaus mehr ab als der Leistung eines Einzelnen. Die Rollenspieler sind natürlich gefordert. Mario Chalmers, Mike Miller oder Udonis Haslem werden sich abwechselnd als dritte oder vierte Option aufdrängen müssen, um die Heat-Stars zu entlasten. Ebenso Thabo Sefolosha, Derek Fisher und Nick Collison auf der Gegenseite. Kendrick Perkins und Serge Ibaka sind das bisher beste Defensiv-Duo in den Playoffs.

Der Weg zum Korb wird für James und Wade also nicht so frei sein wie gegen Boston, Indiana oder New York. Vor allem Ibaka kann dank seiner Vielseitigkeit sowohl hinten den Ring verteidigen als auch effektiv die Bahnen im Pick & Roll dicht machen. Wird Wade sowohl offensiv explodieren als auch hinten Westbrook und/oder Harden im Zaum halten können? Wie verkraftet LeBron die extrem hohe Minutenanzahl, die er bisher absolvieren musste? Letztes Jahr ging ihm ab Spiel vier gegen Dallas die Puste aus. Und noch viel wichtiger: kann James sein zuletzt überirdisches Spiel nutzen, um seine offensichtliche Finals-Schwäche (zwei Siege, acht Niederlagen, nur 19.5 PPG, nie mehr als 25 Punkte in einer Partie) zu überwinden und seine Kritiker ein für allemal zum Schweigen zu bringen? Was ist mit Westbrook und Durant? Der eine bekam seine Turnover-Quote zuletzt gut in den Griff und hat das Zeug, einer der besten fünf Spieler der Liga zu werden.

Er neigt aber auch dazu, zu überdrehen und „Russell-gegen-den-Rest-der-Welt“ zu spielen. Der andere hatte in einer Partie gegen Miamis aggressive Trap-Defensive massive Probleme (neun Turnovers), verbuchte aber im anderen Aufeinandertreffen mit acht Assists eine neue Karrierebestleistung und bestach zuletzt als Vorbereiter (5.3 APG gegen die Spurs), der die extra Aufmerksamkeit zu perfekten Vorlagen für seine Mitspieler nutzte. Apropos Defense: wie verteilt Spoelstra die Defensivaufgaben im Schlussviertel, wenn Westbrook, Harden und Durant auf der Platte stehen? Wie kann er die multiplen Betriebsstörungen hinten verhindern, wie sie Miami immer wieder plagen? Und was macht Scott Brooks, wenn Bosh seine Big Men nach aussen zieht und sie dank Dribble Drives in Foulprobleme bringt?

Sehen wir vielleicht Small Ball Aufstellungen mit Durant gegen Bosh auf der Fünf? Durchaus möglich, denn beide Teams haben die Grenzen im Basketball längst verschoben und operieren gerne unorthodox. Den grössten Unterschied werden wohl die „einfachen Punkte“ machen: Offensivrebounds, Freiwürfe, Fastbreaks. Das Team, das insgesamt weniger Transition-Möglichkeiten gestattet (die Thunder und Heat sind beide tödlich im Open Court) und weniger foult, hat am Ende die besten Chancen auf den Gewinn der Larry O'Brien Trophäe.

Warum die Heat gewinnen

Es ist einfach an der Zeit. Die Heat waren letztes Jahr schon einmal hier, und ein ungeschriebenes NBA-Gesetzt besagt, dass man erst bitter verlieren muss, ehe sich die Pforte zur Championship öffnet. Der Hohn und Spott der gesamten Sportwelt nach der Niederlage gegen Dallas und die Tiefen der letzten Monate haben das Team zusammen geschweisst. Der Moment scheint gekommen für James, den kraftvollsten und vielseitigsten Spieler der Liga, um Miami als klarer Führungsspieler ins gelobte Land zu führen.

Die Hierarchie ist – im Gegensatz zu letztem Jahr – mittlerweile klar geregelt, das gibt sogar Wade offen zu. Das Team wandert zwar in jeder Serie nahe am Abgrund, findet aber dank James' Brillanz und gut getimten Leistungen der Rollenspieler immer das kleine Extra, um zu überleben und gestärkt aus kritischen Momenten hervor zu gehen. Die Heat haben in jeder Playoff-Serie bisher mindestens ein Auswärtsspiel gewonnen und zehren förmlich von dem Hass, der ihnen auswärts entgegen gebracht wird. Wade kann – wie gegen Indiana wieder eindrucksvoll demonstriert – den Schalter von jetzt auf nachher umlegen und dominante Halbzeiten spielen. Bosh ist nach seiner überstandenen Verletzung wieder fit und ausgeruht.

Er will der Serie den Stempel aufdrücken, um ein für alle mal zu beweisen, dass er kein fünftes Rad am Wagen sondern der Klebstoff ist, der die „Big Three“ Idee zusammen hält. Die Verteidigung ist elitär und für Spoelstra & co. das Fundament, auf dem der Erfolg ruht. Die schnellen Rotationen und der erbarmungslose Druck auf den Ball machen jedem Gegner das Leben schwer – auch einer so potenten Offensive wie OKC. Diese gesunde Balance zwischen Defense und offensiver Star-Power lässt sich nahezu unmöglich aushebeln...

Warum die Thunder gewinnen

...es sei denn, man verfügt über die gleichen Waffen, und noch einiges mehr. OKC ist tiefer und ausgeglichener besetzt. Harden, Westbrook und Durant wechseln sich scheinbar mühelos in der Führungsrolle ab und profitieren dabei vom smarten Game Design von Brooks, der eine ebenso simple wie effektive Offensivstrategie konzipiert hat, um die Stärken seiner Stars zu maximieren. Durant ist der beste Finisher der Liga, Harden nicht weit entfernt. Der Angriff ist historisch gut: mit einer offensiven Playoff-Effizienz von 110.1 bewegen sich die Thunder in Richtung All-Time Bestwert. Die stete Gefahr, die vom Perimeter ausgeht, kommt den Big Men zugute. Sowohl Ibaka als auch Perkins und Collison können unter dem Korb punkten und die Defensive beschäftigen, während sie hinten die Zone beschützen und harte Fouls austeilen. Die Thunder sind das beste Freiwurfteam der Liga (Platz eins sowohl in der regulären Saison als auch in den Playoffs).

Oklahoma City ist in der Breite grösser, schneller, athletischer, vielseitiger und scheint gegen die alten West-Champs seine grössten Schwächen (Iso-Basketball, Turnovers, Inside-Produktivität) ausgemerzt zu haben. Macht keinen Fehler: obwohl die Stars nicht älter als 23 sind, spielen sie in dieser Form schon lange zusammen und verfügen über die nötige Playoff-Erfahrung (min. 38 Partien), um zu wissen, was getan werden muss. Die Tatsache, dass OKC Heimvorteil geniesst und in der Chesapeake Arena in den Playoffs noch ungeschlagen ist, lässt das Pendel endgültig in seine Richtung schwingen.

Prognose

An Heat gegen Thunder als modernen NBA-Klassiker sollte man sich schon einmal gewöhnen. Egal, ob auf die alte Tour via Draft oder neumodisch-dreist von anderen Clubs zusammen stibitzt – beide Franchises verfügen über drei Superstars, spendierfreudige Besitzer (Clay Bennett und Micky Arison), kompetente Manager (Sam Presti und Pat Riley) und den langfristigen Teamaufbau, um auf Jahre oben mitzuspielen und mehrere Titel in Folge herunter zu spulen. Beide Mannschaften sind absolut auf Augenhöhe, was die Dramatik des Duells ins Unermessliche steigert. Macht euch also auf den Fleischwolf gefasst. Miami wird mindestens ein Auswärtsspiel gewinnen und kann, wenn jemand James konstant entlastet, ohne Weiteres in sechs Spielen triumphieren. Insgesamt sehe ich Oklahoma City aber dank seiner famosen Mischung aus Athletik, Härte, Offense/Defense und Talent/Erfahrung, nicht zuletzt aber wegen des Heimvorteils, minimal vorne.

Thunder in 7

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