Meister Yoda und seine Padawane

Sebastian Dumitru

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Sie sagen von sich selbst, dass sie am liebsten unter dem Radar fliegen, für grosse Egos keinen Platz haben, nicht mit dem Drama der grossen US-Metropolen Los Angeles, New York, Chicago oder Miami assoziiert werden wollen und lieber unbemerkt um Meisterschaften mitspielen: die „kleinen Märkte“ im Profisport, die San Antonios (Platz 30 landesweit) und Oklahoma Cities (Platz 45) dieser Welt. Die Spurs und Thunder treffen ab Sonntag im vorgezogenen NBA-Finale aufeinander. Es wird nicht nur das Duell zwischen den beiden besten Mannschaften dieser Saison, sondern auch zwischen engen Verwandten, die viele Parallelen abseits des Parketts aufweisen.

Gregg Popovich ist die Institution im amerikanischen Profisport, der dienstälteste Coach in allen vier Hauptsportarten und wie kein Zweiter Sinnbild für den konstanten Erfolg seines Clubs seit fast zwei Jahrzehnten.

Er gründete in San Antonio ein Programm, mehr noch, er etablierte eine ganze Kultur, eine Philosophie, deren Ausläufer sich mittlerweile wie Krakenarme durch die Association ziehen. Popovich kam 1994 zu den Texanern, damals noch als „Chef für Basketballangelegenheiten“, und brachte den heutigen General Manager R.C. Buford gleich mit. Im Dezember '96 feuerte Popovich den damaligen Trainer George Hill nach katastrophalem 3-15 Start und ernannte sich kurzerhand selbst zum Coach. Seither hat er sich mit 1036 Siegen (inklusive Playoffs) und einer 67% Quote als All-Timer und die Spurs als eine der erfolgreichsten Franchises aller Zeiten etabliert. Das ist umso erstaunlicher, als doch Popovich nie selbst NBA-Basketball gespielt hat und vor seinem Engagement in San Antonio nur am drittklassigen Pomona-Pitzer College trainierte.

„Pop“ hatte jedoch von Beginn an eine klare Vision, langfristige Planung und eine Ideologie, die in erster Linie auf guten, selbstlosen Charakteren beruht, erst danach auf guten Basketballern. Der Erfolg kam dann von selbst. Natürlich hatten die Spurs auch Glück, als ihnen mit Tim Duncan einer der besten Spieler der College-Geschichte in den Schoß fiel. Aber es waren Popovich und Buford, die Tony Parker mit dem letzten Erstrundenpick des 2001er Drafts selektierten. Oder zwei Jahre zuvor Manu Ginobili mit dem 57. Pick. Oder Bruce Bowen, Avery Johnson, Sean Elliott, DeJuan Blair, Danny Green und Kawhi Leonard eine Chance gaben. Die Weitsicht des Clubs und der richtige Riecher für internationale oder unbekannte Talente suchen ihresgleichen. Seit Duncan '97 hatten die Spurs keinen eigenen Draft-Pick höher als Nummer 20 zur Verfügung – und stellten dennoch den erfolgreichsten Kader der letzten 15 Jahre, inklusive neun Divisions-Titel und vier NBA-Meisterschaften im gleichen Zeitraum.

Wieso gewinnt dieser Club soviel? Spurs-Basketball ist eine Marke, eine Institution, ein Ethos. Die Franchise steht an erster Stelle, der Teamgedanke ist alles, was zählt. Es werden nur Spieler verpflichtet, die in dieses Schema passen, die sich anpassen, die den Ball passen. Kein Platz für eigene Agenden, Superstar-Boni oder individuelle Jagden nach Ruhm und Anerkennung. „Pop“ behandelt alle 15 Spieler gleichermaßen, jeder versteht seine Rolle und spielt seinen Part. So hat er über die Jahre aus einem Underdog in einem texanischen Kaff mit nur einem Profiteam einen Dauergewinner geformt.

Ähnliches lässt sich auch über Sam Presti sagen, der Oklahoma City aus der Obskurität der Western Conference Niederungen bis nach ganz oben geführt hat. Die jungen Thunder stehen zum zweiten Mal in Folge im West-Finale, obwohl sie vor knapp vier Jahren noch das mieseste Team der Liga waren. Und der Erfolg ist kein Strohfeuer. Dieser Club ist, neben San Antonio, der organisch gesündeste und zukunftsträchtigste überhaupt. Durchschnittsalter der Starting Five: 24,6.

Gründe dafür sind auch hier ein klarer Plan und Konsequenz im Handeln: es war Januar 2008, die damaligen Seattle Sonics hatten 14 Spiele in Folge und 35 ihrer ersten 44 verloren. Prestigiacomo erhielt im Alter von nur 30 Jahren seine Chance und wurde jüngster NBA-Manager aller Zeiten, nachdem er zuvor als brillanter Praktikant, Scout und Assistant GM auf sich aufmerksam gemacht hatte. Jetzt ratet mal wo: bei den San Antonio Spurs. Oklahoma City warb ihn ab und startete mit Presti an den Kontrollhebeln wieder richtig durch.

In San Antonio, unter der Anleitung von Grossmeister Popovich (alle vier WC-Halbfinalisten in diesem Jahr haben Spurs-Jünger in der Chefetage oder an der Seitenlinie sitzen), verstand Newcomer Presti die Bedeutung von Bescheidenheit, Zusammengehörigkeit und persönlichem Verzicht zugunsten einer grösseren Sache. Dieses Wissen brachte er mit zu den Thunder und vermischte es mit seiner eigenen Vision von einem kommenden Championship-Contender.

„Wir haben einen Heidenrespekt vor den Spurs und ihren Werten, aber wir kreieren unsere eigene Identität“, erklärte Presti seinen eingeschlagenen Weg. Er draftete ausschliesslich „gute“ Typen, gelassene Charaktere ohne Allüren und übertriebene Ich-Bezogenheit. Spieler wie Kevin Durant, Russell Westbrook, James Harden und Serge Ibaka, die als Eigengewächse schnell zu Stars heran reiften. Er tradete für Eric Maynor, Thabo Sefolosha, Kendrick Perkins, Nazr Mohammed oder Derek Fisher. Und stellte sicher, dass jeder Neuankömmling mit dem zugrunde liegenden Plan vollkommen kompatibel war. Das Team arbeitete hart und kontinuierlich und verbesserte sich Jahr für Jahr auf zuletzt 71,2 Siegesquote – der beste teaminterne Wert seit 1998.

So ist es dann auch keine allzu grosse Überraschung, dass ausgerechnet San Antonio und Oklahoma City den West-Champ unter sich ausmachen werden. Erster gegen Zweiter, Veteranen gegen Young Guns, Meister gegen Schüler...gleich und gleich gesellt sich eben gern. Beide Teams verfügen über die kompetentesten Front Offices der Liga und von Grund auf solide Lineups inklusive exzellentem Coaching. Sie haben die wohl entspanntesten Superstars der NBA (Durant/Duncan), die explosivsten Point Guards (Westbrook/Parker) und die besten Ersatzspieler (Harden/Ginobili) in ihren Reihen. Zwei Teams mit gleichen Wurzeln, die auf dem Boden geblieben sind, das Spiel richtig angehen und beweisen, dass man in der Association immer Erfolg haben kann, wenn man seine Ressourcen intelligent nutzt und progressiv denkt. Egal, wie klein dabei der Markt ist...

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