Liebe und Hass

André Voigt

Die Meinungen, die im Playoff Blog geäußert werden, geben lediglich André Voigts persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Gebt es zu. Ihr mögt LeBron James nicht. Ihr wärt sogar schnell dabei, öffentlich zu erklären, dass ihr ihn hasst.

Natürlich gibt es Gründe dafür, dass ihr so denkt.

The Decision … Not five, not six, not seven … Die vierten Viertel in den Finals 2011 … Der vorgetäuschte Husten … Das fehlende Spiel im Lowpost …

Und natürlich habt ihr – wie viele andere – so etwas wie das hier irgendwo online gepostet: Was ist der Unterschied zwischen LeBron James und dem Saturn? Der Saturn hat Ringe.

Wie gesagt: LeBron James hat eine Menge getan, um die Basketballwelt gegen sich aufzubringen. Das musste er auch. Immerhin war er über Jahre ein Phänomen, dem Planet Basketball erstaunt beim Dominieren der NBA beobachtete.

Hatte er Fehler? Sicher. Aber James war auch sehr, sehr jung. Wurde er von Saison zu Saison besser? Natürlich. Hievte er Cavaliers-Teams, die ohne ihn keine Daseinsberechtigung in den Playoffs hatten, in den erweiterten Favoritenkreis? In der Tat.

Von 2006 bis 2010 versuchte LeBron James in Cleveland alles, um nicht nur seinen Cavaliers sondern der immer wieder so herb enttäuschten Sportmetropole Cleveland (http://youtu.be/amnroL-51wo) eine Meisterschaft zu bringen.

In dieser Zeit erreichten die Cavs einmal die NBA-, zweimal die Conference Finals und dreimal die zweite Runde. Dwyane Wade, Kevin Garnett, Tim Duncan und Kobe Bryant gewannen als Superstars während dieser fünf Jahre Meisterschaften. James erlitt in seiner einzigen Endspielteilnahme einen 0-4-Sweep gegen die San Antonio Spurs.

Wade hatte Shaquille O’Neal, KG den Rest der Big Three plus Rajon Rondo, Duncan wurde von Manu Ginobili sowie Tony Parker assistiert, die Schwarze Mamba brauchte Pau Gasol.

James? Seine Co-Stars hießen Zydrunas Ilgauskas, Larry Hughes, Mo Williams und Antawn Jamison.

Nüchtern betrachtet war es also mehr als verständlich, dass James sich im Sommer 2010 nichts sehnlicher wünschte, als einen kongenialen Superstarpartner, mit dem ein erfolgsversprechender Angriff auf die „Larry O’Brien“-Trophy gestartet werden könnte.

Wahrscheinlich hättet ihr ihm sogar einen Wechsel verziehen, wenn da nicht The Decision … Not five, not six, not seven … gewesen wäre.

Und es waren ja auch nicht nur die Fans oder Journalisten, die LBJ öffentlich kritisierten. Magic Johnson meldete sich zu Wort, Larry Bird, Michael Jordan. Die Legenden erklärten unisono, sie hätten nie im Leben zum Team eines anderen gewechselt – unterschlugen dabei aber wohl wissend den Umstand, dass jeder von ihnen einige künftige Hall-of-Famer zur Seite hatte …

Aber natürlich hatten diese Überstars auch alle Erfolg. Sie gewannen Meisterschaften, lieferten Spiele für die Ewigkeit. In entscheidenden Momenten waren sie da, rissen die Basketballwelt aus den Angeln mit Körben, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Sie waren da, wenn es darauf ankam, nicht nur in den ersten drei Vierteln.

Dies ist der Standard, an dem sich LeBron James messen muss. Er muss in euren Augen neben den Besten aller Zeiten bestehen.

Kein Thema, dieser Maßstab ist mehr als fair, das weiß auch LeBron James. Er ist zu gut, zu einzigartig, als dass er diese Latte reißen könnte, ohne in der Folge als Versager zu gelten.

Das Problem ist ein anderes: Ihr merkt nicht, wie gut LeBron James gerade ist.

Nummer sechs erzielt in diesen Playoffs bisher 29,1 Punkte, 9,0 Rebounds und 5,8 Assists. Wie viele Spieler in der Geschichte der NBA 29-9-5 über einen Playoff-Run hingelegt haben? Oscar Robertson 1962/63 (31,8 PPG, 14,0 RPG, 9,0 APG) und … James, dem das außer in dieser Saison gleich zwei Mal gelang – 2008/09 (35,3 PPG, 9,1 RPG, 7,3 APG) und 2009/10 (29,1 PPG, 9,3 RPG, 7,6 APG).

Magic, Bird, Jordan? Diese Namen suchen sich vergebens.

Erzielt James diese Zahlen in einem Team voller Superstars, das durch die Konkurrenz pflügt? Mitnichten.

Chris Bosh ist auf unbestimmte Zeit mit einer Bauchmuskelzerrung raus. Ohne den Power Forward fehlt den Heat die beste Scoring-Option am Brett sowie der Big Man, der Indianas Center Roy Hibbert vom Korb weg zieht. Im Klartext: Die Pacers haben einen 2,18 Meter Shotblocker, der ungestraft in der eigenen Zone warten und jeden Drive des Gegners beenden kann.

Dwyane Wade ist angeschlagen, viele seiner Punkte werden von James co-produziert. Nach zwei grandios effizienten Partien zum Auftakt der Serie gegen die Pacers (23/40 Feldwürfe), setzen die Unterschenkelprobleme dem Finals-MVP 2006 merklich zu. In den Spielen drei, vier und fünf traf er nur 18 von 63 Schüssen – das sind hart verdauliche 28,6 Prozent.

Dass die Heat dennoch 3-2 gegen die Pacers führen, hat auch nichts mit einer Renaissance der Ergänzungsspieler zu tun …

  • Mario Chalmers trifft 41,9 FG% und 25,0 3P% …
  • Mike Miller trifft 30,8 FG% und 28,6 3P% …
  • Shane Battier trifft 23,1 FG% und blieb zwei Spiele ohne Punkt …
  • Udonis Haslem erzielte in den ersten drei Partien sechs Zähler …

Natürlich fand Haslem in der vierten sowie fünften Partie sein Spiel, auch Joel Anthony lieferte wertvolle defensive Beiträge. Natürlich verteidigen die Heat als Team gut.

Doch … LeBron James ist es, der diese Truppe zusammenhält. Er hat seiner arg gebeutelte Mannschaft gegen ein heißes Pacers-Team zwei Matchbälle verschafft, indem er die Serie komplett übernommen hat. Oder wie sollten 30,4 Punkte, 11,8 Rebounds, 6,0 Assists, 2,6 Steals plus einer Feldwurfquote von 50,0 Prozent sonst in Worten ausgedrückt werden? Ganz zu schweigen von seiner Verteidigung …*

Vielleicht noch so: LeBron James ist der beste Spieler dieser zweiten Runde.

Natürlich sind die Leistungen von James noch nicht auf eine Stufe zu stellen, mit denen von Magic, Bird oder Jordan. Dafür müsste er den Heat einen Titel bringen. Bis dahin ist der Weg noch weit. Doch der Mann, den ihr nicht mögt oder gar hasst, spielt gerade den besten Basketball der zweiten Runde.

Vielleicht solltet ihr genauer hinsehen und LeBron James zu schätzen lernen.

Es gibt eine Menge guter Gründe dafür …

*Die Magic und Bird nie auch nur auf einem annähernd hohem Niveau spielten.

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