Kawhi Kool

Sebastian Dumitru

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Spiel drei, Western Conference Halbfinale... Die Los Angeles Clippers führen gegen San Antonio immer noch komfortabel mit zehn Punkten... Spurs-Rookie Kawhi Leonard, der Chris Paul bisher über weite Strecken neutralisiert, hat vorher Blake Griffin den Ball stibitzt und nimmt jetzt beim Fastbreak seine angestammte Position im linken Eck ein, wo er geduldig darauf wartet, angespielt zu werden. Er bekommt den Pass und versenkt seelenruhig den Dreier.

Das Momentum im Spiel, es verschiebt sich... Nur zwei Angriffe später antizipiert er einen Passweg der Clippers exzellent, stealt wieder den Ball und legt vorne mustergültig für Tony Parker auf. Der Gegner torkelt... Wieder einen Angriff später dann: Leonard lässt sich erneut nach aussen treiben, schneidet diesmal aber unbemerkt durch die Hintertür zum Korb, wo er von Tim Duncan bedient wird und trotz Foul mit Korbleger abschliesst. And One. Ausgleich zum 57-57... San Antonio blickt nicht mehr zurück und gewinnt am Ende deutlich, 96-86. Leonard hat insgesamt 14 Punkte bei fünf von sieben aus dem Feld erzielt. Dazu neun Rebounds, zwei Steals, einen Block und drei Dreier.

Cool wie der Nordpol, in seinem erst siebten Playoff-Spiel überhaupt.

Es ist diese methodisch-vielseitige, unaufgeregte Spielweise, die Leonard schon in seinem ersten NBA-Jahr im System von Gregg Popovich unentbehrlich gemacht hat. Der geschmeidige Small Forward legt trotz seiner erst 20 Jahre eine erstaunliche Abgeklärtheit an den Tag und hat sich in San Antonio nicht nur als Starter, sondern auch als Schlüsselspieler und bester Verteidiger im Team etabliert, der routinemässig die besten Scorer des Gegners neutralisiert.

Seine 7,9 Punkte und 5,1 Rebounds pro Spiel in der regulären Saison reissen einen zwar nicht gleich vom Hocker - aber Leonard ist der letzte verbliebene Impact-Rookie in diesen Playoffs und blickt schon jetzt einer weitaus langlebigeren, erfolgreicheren NBA-Karriere entgegen als die meisten Spieler, die vor ihm gedraftet wurden. Mal wieder diese Spurs...!

Popovich hatte den 2,01m Forward schon auf seinem Radar gehabt, als der noch für die San Diego State Universität spielte und die Aztecs zu einer 34-3 Saison und Sweet 16 Teilnahme powerte. Obwohl sich Pop nach aussen hin völlig uninteressiert zeigte, nie einen Scout an die SDSU schickte und Leonard nie zum Probetraining einlud - um keinen Verdacht zu schöpfen - hatte es ihm der athletische Verteidiger und exzellente Rebounder (10,6 RPG als Sophomore) angetan.

So sehr, dass die Spurs während der Draft-Nacht sogar einen von Popovichs Lieblingsspielern, George Hill, nach Indiana schickten, im Tausch für deren 15. Pick, mit dem sie dann Leonard selektierten. Eigentlich hätte das Talent irgendwo unter den ersten Fünf gedraftet werden müssen, aber Zweifel über seine Grösse und seinen suspekten Wurf hatten ihn gänzlich aus der Lotterie rutschen lassen.

Ein Fehler. Was Scouts und Manager nämlich nicht berücksichtigten: Leonard ist eine "Hallenratte", wie die Amis Typen nennen, die pausenlos an sich arbeiten. Der Rookie tanzte jeden Morgen um 8:30 Uhr im Trainingskomplex an und arbeitete stundenlang an seinem Sprungwurf. Er stellte seine gesamte Technik um und verbesserte sich so sehr, dass er mit 49,3 Prozent aus dem Feld und 37,6 Prozent von jenseits der Dreierlinie zu einem der treffsichersten Spieler der Spurs avancierte.

Die haben jetzt nicht nur einen der athletischsten und agilsten Perimeter-Verteidiger der Liga in ihrer Startformation, sondern auch noch einen ballsicheren, extrem wurffesten Schützen, der uneigennützig spielt und sich komplett in den Dienst der Mannschaft stellt. Einen "Bruce Bowen 2.0", wenn man genauer hinsieht.

Bowen verhalf als Verteidigungsbulldogge und Distanzspezialist den Spurs zu drei Meisterschaften in fünf Jahren. Leonard ist schon jetzt der vielseitigere und weitaus bessere Basketballer.

„Ja, ich wollte aus ihm einen zweiten Bruce Bowen machen“, gibt Popovich mittlerweile zu. „Das ist im Prinzip seine Rolle. Aber er ist ein viel besserer Offensivspieler. Er ist explosiver, hat mehr Skills, mehr Talent als Bruce. Als wir das bemerkten, liessen wir ihm auch vorne seine Freiräume. Wir wussten nicht, dass er sich so schnell entwickelt, aber er hat all unsere Erwartungen weit übertroffen.“

Je besser Leonard wurde, desto wohler fühlten sich die Spurs beim Gedanken, ihren damaligen Starter Richard Jefferson nach Oakland zu schicken und den Rookie in die erste Fünf zu befördern. Gedacht, getan. Seit dem Lineup-Wechsel am 16. März hat San Antonio 30 von 33 Partien gewonnen.

Das Team spielt wie aus einem Guss und gilt schon seit Wochen als grösster Favorit auf den Titel. Während Andere im Rampenlicht stehen und pausenlos auf sich aufmerksam machen, lassen die Spurs lieber ihr Spiel sprechen. Konstant, zuversichtlich, einfach gut. Leonard ist vom gleichen Schlag.

Sein Coach ist genauso begeistert wie seine Teamkollegen. „Er ist noch entspannter als ich“, sagt zum Beispiel Tim Duncan über Leonard. Kaum vorstellbar, aber wahr. Popovich erklärt, weshalb: „Er spielt einfach seine Rolle, verteidigt hart und gibt an beiden Enden alles. Er hat diese Ausgeglichenheit an sich, lässt alles auf sich zukommen, will uns nicht pausenlos von seinen Fähigkeiten überzeugen oder davon, ihm öfters den Ball zu geben. Nur wenige Rookies können sich so in den Dienst der Mannschaft stellen. Er ist schon sehr gut.“

Mal wieder die Spurs also, die mit Leonard erneut ins Schwarze getroffen haben. Und einen Spieler verpflichteten, schnell, kräftig, athletisch, mit überlangen Armen und Händen gross wie Bratpfannen (24cm vom Handgelenk bis zur Fingerspitze), der Defense über alles liebt und vorne mit jedem Spiel besser wird. Einen echten Profi, der dank seiner effizienten Beharrlichkeit auf Jahre das weiss-schwarze Trikot tragen und zu einem der besten Verteidiger der Liga heran reifen wird.

Eine alte Seele, ohne Allüren, Partygeschichten oder Twitter-Accounts. Einen, der perfekt ins Teamgefüge passt und den prävalenten Spurs-Gedanken schon immer in sich trug. Oder, um's mit seinen eigenen Worten zu sagen: „Ich bin einfach nur ein Basketball-Spieler. Das war's auch schon...“

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