Kampf um die Atlantic

Sebastian Dumitru

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Lange Zeit kam beim Blick auf die Atlantic Division grosse Langeweile auf. Philadelphia schnellte im Dezember aus den Startlöchern, gewann 20 seiner ersten 29 Partien und etablierte sich als frühe NBA-Wohlfühlstory mit Aussenseiter-Chancen auf's Conference Finale. Die grossen Atlantik-Favoriten, Boston und New York, strauchelten hingegen gewaltig und rutschten in den Standings zwischenzeitlich sogar auf Platz 10 ab.

Schneller Vorlauf bis Anfang April, und das Bild hat sich vollkommen gewandelt. Die Celtics haben nach dem All-Star Wochenende eine beispiellose Siegesserie hingelegt. Die Knicks nutzten, beflügelt durch Jeremy Lins Aufstieg und dem Coaching-Wechsel, zwei lange Erfolgssequenzen, um sich wieder an den ersten Platz heran zu pirschen. Die Sixers hingegen schwächeln seit knapp zwei Monaten gewaltig und mussten ihre Tabellenführung bereits abtreten.

Obwohl für gewöhnlich behauptet wird, dass Division Titel in der NBA nicht allzu viel wert sind, ist der Gewinn des "Atlantiks" in diesem Jahr überlebenswichtig. Der Erstplatzierte landet, automatisch und ohne Blick auf die kumulative Siege/Niederlagen Bilanz, unter den ersten Vier der Conference und geht so einem Erstrundenduell mit Chicago oder Miami aus dem Weg. Die Verlierer hingegen müssen sich mit Platz 7 oder 8 zufrieden geben, was die Chancen auf's eigene Weiterkommen drastisch reduziert.

Wie sind die 76ers eigentlich in dieses Schlamassel geraten? Der vorteilhafte Spielplan hatte natürlich seinen Anteil am unverhältnismässig guten Start und musste sich irgendwann rächen. Man durfte 18 der ersten 27 Partien im heimischen Wachovia Center absolvieren und futterte sich gegen schwache Gegner einen Sieg nach dem anderen an. Seit dem 15. Februar hat man jedoch 17 von 26 verloren. Und das, obwohl man weiterhin die beste Defensive der Liga stellt (95.5 Def. Eff.) und die niedrigste Turnover-Rate (12%) in der Geschichte der NBA aufweist.

Die Probleme sind hausgemacht: Philly verlässt sich gemäss seiner Spielweise fast ausschliesslich auf den langen Zweier, den ineffizientesten Wurf im Basketball. Es fehlt an Low Post Optionen, das Team läuft viel zu selten Fast Breaks und zieht weniger Fouls als jede andere NBA-Mannschaft in den letzten 20 Jahren. Die Ausgeglichenheit des Kaders ist Segen und Fluch zugleich: der Topscorer Lou Williams (15.3 PPG) kommt von der Bank, insgesamt erzielen gleich sieben Spieler 9 Punkte oder mehr. Gleichzeitig fehlt es aber an einer klaren Hierarchie und designierten Führungstypen, wenn es eng wird. So entsteht dann auch die schlechteste Bilanz in sogenannten "knappen Spielen" (5 Punkte oder weniger).

Was auch nicht hilft, sind interne Querelen und Streitereien mit Head Coach Doug Collins, der mit seiner Pedanz - wie schon bei seinen früheren Stops - den Draht zu seinem Team schon in der zweiten Saison komplett verloren hat. Wenn die 76ers nicht schnellstens ein Wundermittel finden – mehr Pick'n'Rolls für Lou Williams oder höhere Wurfquoten – gleiten nicht nur die allerletzten Chancen auf den Heimvorteil aus den Fingern. Man läuft sogar Gefahr, die Playoffs ganz zu verpassen. Der Vorsprung auf Platz 8 beträgt noch 1 Sieg. Und Platz 9, der absolute Supergau, ist nur noch 2 Niederlagen entfernt.

Boston scheint das Momentum ohnehin vollständig auf seine Seite gezogen zu haben. Vor dem vorentscheidenden Duell heute beträgt der Vorsprung der Kobolde auf Philadelphia bereits 2 volle Siege. Die eigentlich schon für tot erklärten Celtics haben sich während der All-Star Pause gesammelt und trotz zahlreicher Verletzungen seither 16 zu 7 Siege eingefahren. Nur Chicago und San Antonio können in der zweiten Saisonhälfte eine bessere Bilanz aufweisen. Mehrere Faktoren haben zur Renaissance des Rekordchamps beigetragen: Kevin Garnett (15.5 PPG, 8.3 RPG) hat seinen Output in allen relevanten Kategorien erhöht, seitdem er als Center aufläuft. Rajon Rondo (11.4 APG) hat sich den Ratschlag von Doc Rivers zu Herzen genommen und erzielt fast 2 PPG mehr als letzte Saison.

Defensivspezialist Avery Bradley hat den lange verletzten Ray Allen in der Startformation ersetzt – so operiert die erste Fünf noch verteidigungsintensiver als gewohnt, während Allen der Ersatzgarnitur dringend benötigten Scoringpunch verpasst.

Zeitgleich versuchen die New York Knicks, auch ohne die verletzten Leistungsträger Jeremy Lin und Amare Stoudemire eine tumultartige Saison erfolgreich abzuschliessen. Die vielen Fragezeichen, Brandherde und Nebenschauplätze haben eine mit grossen Vorschusslorbeeren begonnene Runde schnell versauern lassen. Da ist es schon fast ein Wunder, dass man drei Wochen vor dem Ende immer noch im Rennen um die Division-Krone ist.

Die gesamte Verantwortung lastet mittlerweile auf den Schultern von All-Star Forward Carmelo Anthony (21 PPG) und Defensiv-Ass Tyson Chandler (9.8 RPG, 1.5 BLK). Die Verteidigung hat sich zu den besten der Liga entwickelt (Platz 5) und erhält den 'Bockers nach 10-3 Siegen unter dem neuen Coach Mike Woodson weiterhin alle Chancen.

Insgesamt scheinen die Celtics im Kampf um einen Top-4 Platz und Heimvorteil in Runde 1 die besten Karten zu haben. Ihr Restspielplan ist ausbalanciert (6 Heimspiele, 5 auswärts), während die Sixers 9 ihrer letzten 11 Partien in fremden Hallen bestreiten müssen. Auf New York hingegen wartet ein zermürbendes Restprogramm mit Duellen gegen Chicago, Miami, Atlanta und Los Angeles. Neben dem heutigen Celtics-Sixers Schlagabtausch wird vor allem eine Partie absoluten Endspiel-Charakter haben: Boston in New York, am 17. April 2012.

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