Irgendwie anders, aber gleich

Sebastian Dumitru

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team. BLOG-ARCHIV

Als Steve Nash 1996 gedraftet wurde, war Kyrie Irving erst vier Jahre alt. Es war eine völlig andere Zeit. Eine Basketballära, geprägt von Michael Jordan und gigantischen Centern wie Hakeem Olajuwon, Patrick Ewing oder Shaquille O'Neal. Nash, der von wütenden Fans gnadenlos ausgebuht wurde, weil sie mit der Selektion des kleinen, damals noch völlig unbekannten Kanadiers überhaupt nicht einverstanden waren, liess sich von den Zweiflern nie beirren.

Er arbeitete unermüdlich an seinem Spiel und revolutionierte die Point Guard Position. Er gewann zwei MVP-Titel und manövrierte die explosiven Phoenix Suns mehrmals tief in die Western Conference Playoffs hinein. Ganz nebenbei wurde er so zur Blaupause für nachfolgende Generationen. Dank ihm gilt der Aufbauspieler heute als wichtigster Akteur auf dem Platz, als Dreh- und Angelpunkt fast jeder Mannschaft. Die Liga ist mittlerweile voll mit Stars und Emporkömmlingen auf der Eins, die All-Star Teams sind gespickt mit ihnen. Irving ist die neueste Brut.

Am Sonntag treffen Nash und Irving zum zweiten Mal aufeinander. Im Hinspiel Anfang Januar behielt Cleveland die Oberhand und gewann in Phoenix, 101-90. Der Cavs-Rookie erzielte dabei 26 Punkte, davon 12 in Folge in der ersten Hälfte. Nash konterte mit 16 Punkten und 15 Assists. Sein erster Zweikampf mit Nash war für Irving ein absolutes Highlight: “Eine grosse Ehre für mich, denn ich habe ihn so lange beobachtet. Plötzlich gegen ihn zu spielen, war irgendwie surreal.” Es war ein faszinierendes Eins gegen Eins Duell zweier kontrastierender Spielstile und Persönlichkeiten, die so verschieden sind und sich doch so ähneln.

Nash hält immer noch alle Suns-Fäden fest in der Hand. Er führt die Liga mit 11.2 Assists pro Spiel an und wird die Saison zum sechsten Mal als bester Vorlagengeber beenden – das schaffte bisher nur die legendäre Assistmaschine John Stockton. Mit 9743 Vorlagen belegt “MVSteve” derzeit Platz 6 in der ewigen Tabelle und wird sich nächstes Jahr an Oscar Robertson, Magic Johnson und Mark Jackson vorbei bis auf Platz 3 hochgepasst haben.

Seine Wurfeffizienz sucht schon längst ihresgleichen. Mit einer Trefferquote von 54% belegt er in diesem Jahr Platz 7, vor Spielern wie LeBron James, Blake Griffin oder Pau Gasol. Er ist der einzige Point Guard unter den FG% Top-30...mit 38. Lest die letzten zwei Sätze nochmal und lasst sie kurz beizen. Ebenfalls beeindruckend sind seine beiden MVP-Awards 2005 und 2006. Nash bleibt neben Magic Johnson der einzige Point Guard, dem diese Ehre “back to back”, also zweimal in Folge, zuteil wurde.

Fast unbemerkt kämpft er noch um die beste Karriere-Freiwurfquote aller Zeiten (zusammen mit Mark Price jetzt bei 90.3%). Dass er all das ohne herausragende athletische Fähigkeiten vollbracht hat, macht seine Hall of Fame Karriere umso faszinierender.

Wie Nash war auch Irving vor dem Draft eine unbekannte Grösse. Seine High School Zeit an der “St. Patrick's” verlief grösstenteils unter dem Radar. Auf dem College in Duke konnte er verletzungsbedingt nur 16 Spiele absolvieren. Umso grösser waren die Fragezeichen der Cavaliers-Fans und NBA-Beobachter im letzten Sommer: Irving an Nummer Eins, war das nicht viel zu riskant? Die Kritiker von damals sind mittlerweile verstummt.

Der 1,90m Mann hat sich als überragender Spieler dieses Jahrgangs entpuppt und sich gleichzeitig mit 19 Punkten, 3.8 Rebounds und 5.7 Assists im Schnitt bereits in seiner Freshman-Saison als einer der besten Point Guards der Liga etabliert. Seine Trefferquoten sind mit 47/41/87 überragend, nicht nur für einen Rookie. Wie Nash dominiert auch Irving dank seiner zerebralen Fähigkeit, gute Entscheidungen mit dem Ball zu treffen.

Er strahlt eine ruhige Gelassenheit aus und verfügt bereits jetzt über ein herausragendes Spielverständnis, was ihn zum perfekten Teamkollegen macht. Er nimmt nur selten wilde Würfe und punktet mit einer furiosen Leichtigkeit. Für internationales Aufsehen sorgte seine Leistung beim “BBVA Rising Stars Challenge”, als er auf dem Weg zu 34 Punkten und der MVP Trophäe 12 seiner 13 Würfe (8-8 Dreier) versenkte.

Laut Statistik-Guru John Hollinger belegt er im “Spieler-Effizienz-Ranking” jetzt schon Platz 5, hinter Chris Paul, Derrick Rose, Russell Westbrook und Tony Parker. Nash ist sechster. Wie Nash bringt auch Irving alle persönlichen Eigenschaften für eine lange Profikarriere mit: Bescheidenheit, Loyalität, Understatement und harte Arbeit. Eigenschaften, die ihm sein Vater Drederick vermittelte, mit dem er immer noch regelmässig zusammen trainiert.

Irving's Rookie-Jahr ist schon jetzt eins für die Ewigkeit. Nur zwei Guards haben jemals eine bessere erste Saison gespielt: Michael Jordan und Chris Paul. Verdammt gute Gesellschaft also für einen Youngster, der vorgestern erst 20 Jahre alt wurde. Obwohl Clevelands Spielmacher noch hinzu lernen muss – zum Beispiel das Reduzieren von Ballverlusten und das Verteidigen gegen harte Screens – scheint sein weiterer NBA-Weg bereits vorgezeichnet zu sein. Vom Draft-Enigma zum besten Point Guard seiner Generation, wie einst Steve Nash. Irgendwie anders, aber irgendwie eben doch gleich...

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