Heat vs. Celtics -- der Scouting Report

André Voigt

Die Meinungen, die im Playoff Blog geäußert werden, geben lediglich André Voigts persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Eines steht schon Beginn der Eastern Conference Finals 2012 fest: Diese beiden Teams mögen sich nicht. Natürlich wird auch weiter westlich mit vollem Einsatz um den Einzug ins Endspiel gefightet, doch an der East Coast befeuert nicht nur sportliche Rivalität die Serie, sondern auch persönliche Animositäten.

Vor allem Kevin Garnett, Rajon Rondo und Paul Pierce waren – gelinde gesagt – nie Fans des Star-Cluster-Konzepts am South Beach. Eine verständliche Reaktion, erwuchs den Grünen 2010 doch über Nacht ein herausragender Konkurrent um die Ostkrone. Ein Widersacher der mit einem klaren 4-1 in der zweiten Runde 2011 nicht nur die Hoffnungen auf die dritte Finalteilnahme der Celtics in vier Jahren beendete, sondern vermeintlich auch den Status der neuen Big Three als Titelanwärter.

Boston wirkte damals alt, Rajon Rondo konnte der Serie nach einer ekligen Ellenbogenverletzung keine entscheidenden Impulse geben. Und der Trend setzte sich 2011/12 fort. Celtics-Manager Danny Ainge dachte sogar laut darüber nach die Big Three per Transfer auseinander zu reißen, selbst Rondo musste erneut Tradegerüchte um seine Person in den Gazetten lesen.

Trotzdem schaffte es Boston bis in diese Ost-Finals, eine Serie, die im Gegensatz zu der im Westen, stark von Verletzungen beeinflusst wird.

Chris Bosh fällt für die Heat aller Wahrscheinlichkeit nach bis zu den Finals – so sie denn erreicht werden – aus. Seine Bauchmuskelzerrung aus der Auftaktpartie der Serie gegen Indiana erlaubt es ihm bisher, nur leichte Aktivitäten durchzuführen. Miamis Coach Erik Spoelstra erarbeitete seine Taktik für das Habfinale, ohne seinen besten Big Man zu berücksichtigen.

Bei den Celtics fehlt Avery Bradley. Der Shooting Guard und Defensivspezialist ließ sich an der Schulter operieren. Er wird erst im Trainingslager im Oktober wieder ins Geschehen eingreifen. Außerdem laboriert Ray Allen immer noch an einer Knöchelverletzung, die ihn stark in seiner Effektivität einschränkt.

Die Ausfälle von Bosh und Bradley werden die Serie, genau wie Allens Probleme, stark beeinflussen …

In einer perfekten (lies: gesunden) Heat-Welt würden Bosh und wahrscheinlich Ronny Turiaf starten. Diesem Duo würden die Celtics Brandon Bass und Garnett entgegensetzen.

Von der Bank käme bei Miami „auf groß“ Shane Battier, Udonis Haslem und Joel Anthony, Boston würde Greg Stiemsma sowie Ryan Hollins aufbieten.

Mit einem gesunden Chris Bosh wären die Heat den Celtics am Brett überlegen. Zugegeben in der regulären Saison schien es oft so, als würde es KG gelingen, seinen Gegner nach Belieben mental aus dem Spiel zu nehmen. Bosh wäre trotzdem die beste Waffe, die die Heat gegen Garnett aufbieten können.

Der Power Forward würde The Big Ticket verteidigen. Udonis Haslem oder Joel Anthony fühlen sich auf dem Flügel – wohin Garnett oft und gern ausweicht – lange nicht so wohl. Der Celtic müsste sich außerdem defensiv um Bosh kümmern und könnte nicht, wie gegen Haslem oder Anthony, verstärkt aushelfen bei den eigenen Kollegen aushelfen.

Nur wie gesagt: Diesen Vorteil gibt es seit Boshs Ausfall nicht mehr … oder?

Vielleicht doch!

Niemand weiß, was sich Erik Spoelstra und seine Assistenten für die Serie ausgedacht haben. Warum aber sollte Miami nicht ab und an die Smallball-Variante wählen mit LeBron James auf der Vier?

Boston war in der regulären Saison sowie in den Playoffs das schlechteste Team in Sachen Offensiv-Rebounds, eine kleinere Aufstellung würde Miami also nicht schaden. Gleichzeitig sind Garnett und Bass keine klassischen Lowpost-Scorer. Beide ziehen den Wurf aus der Mitteldistanz vor.

James würde Bass verteidigen, während sich Turiaf mit Garnett beschäftigt und Shane Battier (oder Mike Miller) seinen Gegenspieler Paul Pierce auf Small Forward bearbeitet. Umgekehrt hätte selbst die so gefürchtete Teamdefense der Celtics Probleme. Denn draußen würden Mario Chalmers, Dwyane Wade und Battier (Miller) warten, während die „Big Men“ ihr Pick-and-Roll laufen. Die Defense müsste lange Wege zurücklegen, um die Dreierlinie zu verteidigen …

Verlässt sich Spoelstra weitgehend auf sein konventionelles Lineup gibt er diesen Vorteil auf, dann stehen immer zwei Nicht-Scorer für die Heat auf dem Feld. Dieser Schritt würde Celtics-Coach Doc Rivers entgegen kommen: Kann er seine Defense doch viel kompakter gruppieren und so die Drives von James und Wade verhindern.

Boston wird seinerseits vor allem auf Rajon Rondo setzen. Der Point Guard hegt wahrscheinlich die größte Abneigung gegen die Heat. Um etwaige Motivationslöcher beim zum Teil schwierigen Aufbau (wie etwa in Spiel sechs gegen die 76ers) muss sich Rivers in dieser Serie nicht sorgen. Die Tatsache, dass Rondo 2011 nach seiner Ellenbogenverletzung nicht bei 100 Prozent war, nagt noch immer an ihm.

In der regulären Saison legte Rondo gegen Miami unfassbare Stats von 18,7 Punkten, 13,7 Assists, 7,7 Rebounds sowie Wurfquoten von 51,3 Prozent aus dem Feld sowie 50,0 von der Dreierlinie (bei 2,0 Versuchen pro Partie) auf.

Er ist der wichtigste Spieler der gesamten Serie und der beste in einem grünen Trikot. Nur wenn Rondo dominiert, haben die Celtics eine Chance auf die Finals. Er muss das Tempo diktieren, verhindern, dass die Heat ins Laufen kommen. Im Fastbreak sind die Heat, nicht zu verteidigen. Umso weniger Zähler insgesamt erzielt werden, desto mehr Chancen haben die Celtics.

Aber: Boston weißt die schlechteste Turnoverrate der vier verbleibenden Playoff-Teams auf. Rondo muss dafür Sorgen, dass die Celtics den Ball nicht herschenken. Natürlich verliert ein Point Guard, der so viel Verantwortung trägt wie Rondo, öfter den Spalding. Etwas weniger als die 3,8 Turnover, die Rondo pro Playoff-Partie bisher produziert hat, dürfen es aber schon sein. Kein Team münzt gegnerische Ballverluste so schnell, so konsequent in Punkte um wie Miami.

Auch Defensiv könnte Rondo eine große, ungewohnte Rolle spielen …

Nach dem Ausfall Avery Bradleys fehlt der designierte Verteidiger gegen Dwyane Wade. Ray Allen ist mit seinem lädierten Knöchel nicht die Lösung. Gut möglich, dass Rondo streckenweise einspringen muss, um zu verhindern, dass Wade – wie schon gegen Indiana – die Serie übernimmt.

Doch wie wird sich diese enorme Doppelbelastung auf Rondo auswirken? Wie auf Paul Pierce, der vorne für Punkte sorgen, hinten gleichzeitig LeBron James halten soll? Kann die Teamdefense der Celtics wirklich à la Mavericks 2011 eine Mauer vor den beiden Superstars bauen und so die eigenen Scorer entlasten?

Kann Ray Allen ausgerechnet gegen einen Verteidiger wie Wade zu alter Stärke finden? Wirkte Garnett in den letzten vier Spielen gegen die 76ers nicht müde, kann er wirklich eine Conference-Finalserie an beiden Enden des Feldes übernehmen? Können die Bankspieler der Celtics für jegliche Offensive sorgen?

Was ist mit den Heat? Kann ihr Hero-Ball gegen ein eingespieltes Team funktionieren? Werden die Ergänzungsspieler aus der Distanz treffen, um Platz für die Superstars zu schaffen?

Fazit: Hinter den Boston Celtics stehen massig Fragezeichen im Vorfeld dieser Serie. Rondo und die Teamdefense gibt ihnen eine Chance gegen die Heat, die bisher keine Idee hatten, wie sie den Point Guard stoppen. Der Aufbau wird die Serie aber nicht entscheiden. Am Brett präsentieren sich die Kelten zu schwach, offensiv dürfte das Team enorme Probleme haben, genügend Punkte zu generieren. Es darf nicht vergessen werden, dass Boston mit den Hawks und 76ers enorme Schwierigkeiten hatte – zwei Teams, die nicht das Format der Heat besitzen. Miami verlässt sich erneut auf James und Wade, was keinen Basketballromantiker verzücken, aber den Finaleinzug bringen wird. Vor allem wenn Mike Miller und Mario Chalmers von außen treffen.

Prognose: Heat – Celtics 4-2

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