Grandmaster Paul

Sebastian Dumitru | Archiv | NBAChef

Genauso hatten sie es sich vorgestellt. Die Los Angeles Clippers, als sie im Dezember jenen spektakulären und viel beachteten Trade mit den New Orleans Hornets einfädelten, der ihnen Chris Paul in den Schoss legte. Legendäre Abende im Mai, ausverkaufte Ränge in Rot, die ganz grosse Playoff-Bühne, inklusive „Money Shots” und grossen Siegen für die Ewigkeit. Und alles dank eines Mannes, der mit seinem transzendenten Spiel nicht nur die peinlichste Franchise der NBA-Geschichte transformiert, sondern nebenbei die NBA-Geschichtsbücher neu schreibt.

Der All-Star Point Guard war auch gestern wieder der kleine, aber feine Unterschied zwischen Sieg und Niederlage, zwischen dem dunklen Fluch der Vergangenheit und glanzvollen Taten im Hier und Jetzt. Paul erzielte acht seiner insgesamt 27 Punkte in der Verlängerung und führte seine Farben zum potentiell vorentscheidenden 101-97 Sieg gegen die Memphis Grizzlies. Los Angeles führt in der Best of Seven Serie nun mit 3-1 und kann bereits am Mittwoch den Einzug ins Conference Halbfinale klar machen. Es wäre erst der zweite Serienerfolg in den Playoffs überhaupt, seitdem die Franchise 1978 nach Kalifornien umsiedelte.

„Die Vergangenheit interessiert mich nicht“, sagt Chris Paul immer zu seiner Situation in L.A., wo er sich seit dem allerersten Tag pudelwohl fühlt. „Ohne arrogant zu klingen, aber ich glaube an mich. Und ich kann nur nach dem gehen, was passiert ist, seitdem ich hier bin. Hier herrschte vom allerersten Tag an eine familiäre Atmosphäre. Ich liebe es hier.“ Die Clippers, sie lieben es auch. Seitdem Paul freiwillig seinem Trade zum einst verschmähten Club zustimmte, wo früher kein Profi freiwillig hin wechseln wollte, hat sich das Schicksal für sie vollkommen gewendet. Erst kam Chauncey Billups, den Paul am Telefon überredete. Der wiederum überzeugte Kenyon Martin, den besten Verteidiger im Team. Auch Reboundspezialist Reggie Evans kam aus freien Stücken. Und so füllte sich der Playoff-Kader eines Teams, das die beste Saison der Franchise-Geschichte spielte (.606 Siegesquote) und nun drauf und dran ist, unter den besten vier Mannschaften im Westen zu landen. Zusammen mit San Antonio, Oklahoma City und den Los Angeles Lakers – allesamt grosse Meisterschaftsfavoriten.

Dass ein solches Kunststück in erster Linie Chris Pauls Verdienst ist, überrascht keinen, der die NBA in den letzten Jahren verfolgt hat. Der 1,83m Zwerg mit den geschickten Händen und kaltblütigen Würfen zählt schon lange zu den besten Spielern der Liga. Seine Leistungen in dieser Saison (19,8 PPG, 9,1 APG, 2,5 SPG) haben seine Extraklasse und Position als bester Aufbauspieler der Association zementiert. Er hat nur wenig Konkurrenz, was Führungsqualitäten und das Dursten nach entscheidenden Crunchtime-Momenten anbelangt. Viele Beobachter, Journalisten und NBA-Experten sind der Ansicht, dass Paul mittlerweile sogar der beste Finisher der Liga ist. Sprich: keinem anderen Akteur würde man eher den Ball geben wollen, wenn das Fortbestehen der Menschheit von einem letzten, entscheidenden Korberfolg abhängte.

Findet auch sein Teamkollege Blake Griffin, dessen Synergie mit Paul von Spiel zu Spiel besser wird: „Er ist unglaublich, Mann. Er macht das schon das ganze Jahr für uns. Er schultert das Team und trägt uns gegen Ende. Ich habe noch niemanden gesehen, der das besser oder häufiger macht als er. Wir geben ihm den Ball und er macht einfach den Rest.“ Auch Clippers-Coach Vinny del Negro ist voll des Lobes für seinen wichtigsten Spieler auf dem Parkett: „Chris spielt immer intensiv, das macht ihn so besonders. Er ist so fantastisch darin, nicht nur für sich selbst zu kreieren, sondern die perfekte Entscheidung zu treffen. Das ist am wichtigsten, den Moment richtig einzuschätzen, zu wissen, wann er selbst offensiv aggressiv sein muss und wann er lieber den Ball verteilt, sei es an Blake im Post oder Mo oder Randy. Das ist es, was ihn zum Star macht.“

Pauls Spiel ist wie Schach. Er hält sein Dribbling immer aufrecht, den Kopf nach oben gerichtet, den Blick immer drei Schritte voraus. Sobald er sich einen kleinen Vorteil erarbeitet hat, meist durch einen Screen im Pick & Roll, bricht die Balance der Defensive unwiederbringlich ein. Kein anderer Spieler siegelt den Verteidiger besser ab als Paul, keiner nutzt das Momentum der Gegner geschickter, um in die Freiräume zu dringen und den Kontrahenten Matt zu setzen. Er kennt jede Defensive, jede Tendenz, jede Rotation auswendig, kalkuliert blitzschnell die jeweiligen Wahrscheinlichkeiten und trifft so gut wie immer die richtige Entscheidung (4,4 A/TO Verhältnis). Gegner müssen seinen tödlichen Sprungwurf (True Shooting 58,1%) respektieren, was sie anfällig macht für Pauls chirurgisch-präzise Drives und Pässe. Er legt für Teamkollegen auf, die vorher nicht einmal selbst wussten, dass sie vollkommen frei stehen. Oder er trifft eben selbst – so wie gestern gegen Memphis, als er in der Verlängerung gleich vier Sprungwürfe klatschte.

Aber Paul will mehr. So beeindruckend die bisherigen Clippers-Siege waren, sein intensiver Hunger ist noch lange nicht gestillt: „Ja, es macht Spass, es ist aufregend, in engen Spielen aufzutrumpfen. Aber ich habe einen Riesenfehler gemacht, als ich zum Schluss der regulären Spielzeit den Wurf nicht losbekam. Wenn ich das Spiel zu Hause im TV angeschaut hätte, hätte ich pausenlos geflucht über mich (…) Wir haben noch lange nichts erreicht. Nur unsere Heimspiele gewonnen. Mehr nicht. Die Serie ist noch lange nicht zu Ende."

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