Fear the Beard

Sebastian Dumitru

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team. BLOG-ARCHIV

Oklahoma City hat seinen steten Aufstieg zur absoluten Spitzenmannschaft komplettiert und gilt mittlerweile dank der besten Bilanz in der Western Conference (39-12) als einer der ganz grossen Meisterschaftsfavoriten. Neben Kevin Durants Scoring und Russell Westbrooks Nonstop-Attacken ist vor allem James Hardens Ausgeglichenheit für den durchschlagenden Erfolg des Donners entscheidend mit verantwortlich.

Der 22-jährige Shooting Guard mit dem markanten Vollbart ist in seinem dritten Profijahr zum besten Reservespieler der Liga herangereift. Der Titel des "6th Man of the Year" ist ihm nicht mehr zu nehmen. Mit 17.1 Punkten, 4.2 Rebounds und 3.7 Assists pro Abend stellt Harden viele NBA-Starter in den Schatten und verweist alle anderen Auswechselspieler auf die Plätze. Als ausgefuchster Linkshänder mit einem unglaublichen Gefühl für das Spiel und extrem effizienten Wurfquoten erinnert er stark an einen ehemaligen 6MOY: Manu Ginobili. Wie der Argentinier kann auch Harden nicht nur selber ausgiebig punkten, sondern floriert vor allem als Passgeber und "glue guy", der seine Mannschaft zusammen hält und in allen Belangen besser macht.

"Er ist für uns zu einem absoluten Schlüsselspieler geworden. Wenn er gut spielt, sind wir nicht zu schlagen" sagt sein Teamkollege Kevin Durant über ihn. Und verweist damit indirekt darauf, dass Harden heimlich, still und leise zum X-Faktor für Oklahomas Championship-Träume geworden ist. Die Medien widmen seinem beliebten Bart mehr Aufmerksamkeit als seinem Spiel, aber es ist letzteres, das ihn in dieser Saison zurecht in die All-Star Konversation gehievt und den Thunder zur Übermannschaft gemacht hat.

Nach einer erfolgreichen College-Karriere an der Universität von Arizona wurde Harden 2009 an dritter Stelle gedraftet. Viele kritisierten den Pick und hätten lieber Tyreke Evans, Stephen Curry oder DeMar DeRozan in OKC gesehen. Thunder-GM Sam Presti, der schon aus Prinzip nicht falsch liegen kann, wusste aber schon damals um die Stärken des kräftigen 1,96m Guards und blieb seinem Kurs treu. Er liess sich nie beirren und verwies lieber auf Hardens 9.9 PPG als Rookie, anstatt sich von dessen Zurückhaltung und Passivität verunsichern zu lassen. "Als James dann begriff, wie die Liga funktioniert und was genau seine Rolle ist, begann er seine Fähigkeiten zu perfektionieren. Jetzt dominiert er", erklärt Russell Westbrook den Lernzuwachs seines Backcourt-Kollegen.

Harden entwickelte sein Spiel weiter und wurde nach dem Jeff Green/Kendrick Perkins Trade im letzten Frühjahr immer unentbehrlicher. Während der Conference Finals gegen Dallas war er der beste Thunder-Akteur auf dem Parkett. Nach der Niederlage gegen die Mavericks hatte Harden seinen Platz im Teamgefüge endgültig gefunden, so wie es Presti immer anvisiert hatte: "Es sind die Rollenspieler, die in den Playoffs auftrumpfen und wichtige Plays machen müssen. Diese Ansicht nahm ich mit in den Sommer und gab jeden Tag mein Möglichstes, um besser zu werden."

Und wie er besser wurde. Harden steigerte sich in allen relevanten Kategorien: Scoring, Playmaking, Wurfquoten, Defense. Er avancierte zum Spieler mit der drittbesten Offensivrate der Liga (125.6), erzielt nach Tyson Chandler die meisten Punkte pro Wurf (1.66) und rangiert bei der wahren Trefferquote (.658) und der effektiven Trefferquote (.583) unter den Top-3. "Es ist offensichtlich, dass er viel Zeit in der Trainingshalle verbracht hat", schwärmt sein Coach Scott Brooks von Hardens Spiel. "Er hat seine Entscheidungsfindung verbessert. Sein Sprungwurf ist sicherer, sein Midrange-Game vielseitiger. Er hat extrem hart gearbeitet, und es ist klar, dass er einer der Besten werden will."

Beobachtet man Harden während eines Spiels, fallen im Vergleich zu seinen ersten beiden Jahren vor allem zwei Dinge auf: er attackiert nach dem hohen Pick'n'Roll viel häufiger den Korb, anstatt sich mit langen Zweiern zufrieden zu geben. Das bewirkt leichte Punkte am Brett und eine der höchsten Freiwurffrequenzen der Liga (Platz 6 bei den verwandelten Freiwürfen trotz Reservestatus). Und er arbeitet noch fleissiger als zuvor, um sich für Sprungwürfe frei zu machen. Seine Fakes, Cuts und ständigen Richtungswechsel erinnern mittlerweile stark an Ray Allen und Rip Hamilton. Die Defensive ist ständig beschäftigt und fast immer einen Schritt zu spät. Das verschafft ihm einen entscheidenden Vorteil, wenn er dann den Ball erhält. Entweder, er nimmt den freien Wurf und trifft dann meist hochprozentig. Oder er nutzt seine exzellent ausgeprägten Spielmacher-Instinkte, um für seine Mitspieler leichte Punkte zu kreieren.

Hardens Verbesserung und Einfluss als energetische, zerebrale Allzweckwaffe hat Oklahoma City zur besten Offensive der Liga mutieren lassen. Er, Westbrook und Durant stellen das potenteste Scoringtrio weit und breit (69.2 PPG). Dank ihm rangiert die Thunder-Ersatzgarde ausserdem unter den Top-3. Beides entscheidende Kriterien für einen möglichen Durchmarsch zum NBA-Titel.

Hardens Fähigkeiten, den Ball im "Triple Threat Modus" wie eine durchlässige Membran durch seine Hände gleiten und seinen berühmteren Teamkollegen der Scoring-Vortritt zu lassen, verleiht dem Spiel des Donners einen entscheidenden Vorteil. Der Bart fungiert als Stoßdämpfer und hat so aus einem potentiellen Problem (die Westbrook/Durant Dynamik) eine Basketball-Urgewalt gemacht. Durant und Westbrook sind nach wie vor die Stars in Oklahoma. Aber James Hardens unsichtbar-effizientes Spiel ist das letzte und alles entscheidende Teilstück im Championship-Puzzle.

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