Erkenntnisse zum Auftakt

André Voigt

Die Meinungen, die im Playoff Blog geäußert werden, geben lediglich André Voigts persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Das erste Spiel der NBA Finals 2012 ist entschieden. Die Oklahoma City Thunder gewannen 105:94. Fragt sich: Was haben wir aus diesen ersten 48 Minuten gelernt?

Die Defense der Heat ist nicht mehr das, was sie 2011 war.

Vor zwölf Monaten entfachte Miami in den Playoffs und auch in den ersten beiden Spielen der Finals einen defensiven Druck, der das Spiel des Gegners erstickte.

Die Taktik war dabei so simpel wie effektiv. Zum Einen wurde der Ballführende im gegnerischen Pick-and-Roll schonungslos gedoppelt. Zum Anderen ließen die Heat den Kontrahenten auf dem Flügel keine Luft zum Atmen, sobald diese den Spalding fingen.

Letzteres war möglich, weil die Hilfe hinter dem Verteidiger am Ball bereit stand. Wurde er geschlagen, brach die Defense über dem Dribbler zusammen und damit oft der Angriff.

Von diesem Druck war in Spiel eins nur wenig zu sehen. Miami doppelte Pick-and-Rolls von Russell Westbrook, Kevin Durant und James Harden (alle anderen wurden konservativ verteidigt). Die Idee: Die Topscorer der Thunder sollten den Ball zu den abrollenden Big Men spielen, die dann lange Sprungwürfe nehmen sollten.

Diese Rechnung ging auf … ein Viertel lang.

Dann wurde klar ersichtlich, dass vor allem Serge Ibaka, die sich ihm öffnenden Räume nach dem Blocken-und-Abrollen zu nutzen wusste. Gleichzeitig verpuffte der Druck der Heat, sobald das Leder in den Händen von Westbrook, Durant oder Harden lag.

Das Thunder-Trio schlug den eigenen Verteidiger, die Hilfe kam zu oft zu spät, so dass ein freier Wurf oder ein Pass auf den besser postierten Mitspieler möglich war. Glück für Miami: Vor allem Westbrook konnte diese sich bietenden Chancen in der ersten Halbzeit nicht kontinuierlich nutzen.

Die größte defensive Schwäche offenbarte Miami allerdings beim Verteidigen des Fastbreaks. Jeder langer Rebound, jeder Ballgewinn der Thunder schien in einem Schnellangriff zu münden, 24 Punkte erzielte OKC auf diese Weise. Viel zu viel.

Hier wartet die Hauptarbeit für Erik Spoelstra. Er muss seinem Team eine neue Taktik mit auf den Weg geben.

Die Rollenspieler der Thunder sind wichtig.

Gut, diese Erkenntnis ist keine neue. Eigentlich. Natürlich sind Ibaka, Perkins, Derek Fisher, Nick Collison oder Thabo Sefolosha wichtige Bestandteile dieses Teams.

Zum Auftakt spielten sie jedoch nicht nur defensiv ihre Rollen, sie wurden im Angriff zu wichtigen Faktoren.

An einem Tag, an dem bei James Harden offensiv wenig ging, waren es seine weniger prominenten Kollegen, die die eigene Truppe in wichtigen Phasen mitrissen. 16 von 29 Würfen trafen die Helden aus der zweiten Reihe – 55,2 Prozent!

Fisher nahm furchtlos Würfe aus dem Dribbling, Collison bewegte sich intelligent, um das Doppeln am Ball per Dunk nach Durchsteckern zu bestrafen, Sefolosha fand mit seiner Aggressivität den Weg an die Freiwurflinie.

Und natürlich erledigten die Bankangestellten ihre Jobs nicht nur im Angriff. Sie sorgten dafür, dass OKC den Kampf um die Rebounds mit 43:35 gewann, die Defensive kompakt stand, der Fastbreak stattfand.

Die Rollenspieler der Heat sind gefordert.

Bei den Heat lief es für Shane Battier und Mario Chalmers von der Dreierlinie gut. Ihre sechs Treffer bei zehn Versuchen bestimmten den Spieleverlauf in der ersten Hälfte. Udonis Haslem fightete am Brett um jeden Abpraller.

Ansonsten?

Mike Millers einziger Korb fiel 18 Sekunden vor Schluss, als die Thunder den Gang schon raus genommen hatten.

Joel Anthony stand nicht lange genug auf dem Feld, um das Tape an seinen Knöcheln zu rechtfertigen. In zwei Minuten gelang ihm statistisch gesehen … nichts. Kein Punkt, kein Block, kein Steal, kein Rebound, nichts.

Die Big Three brauchen jedoch Hilfe und die muss von den Spielern vier bis zwölf kommen. Spoelstra versprach direkt nach der Partie, dass er in Spiel zwei tiefer in seinen Bank gehen würde.

Die Big Three sind momentan LeBron plus zwei Fragezeichen.

LeBron James mag im vierten Viertel erneut dieses gewisse Etwas gefehlt haben. Worüber aber kaum jemand spricht, ist die Tatsache, dass weder Dwyane Wade, noch Chris Bosh im Vollbesitz ihrer Kräfte sind.

Wade brauchte 19 Würfe für 19 Punkte. Natürlich spielte er acht Assists, seine Leistungen in diesen Playoffs schwanken jedoch stark. Er ist an vielen Abenden weit vom Status eines Superstars entfernt.

Weder defensiv, noch im Angriff war er in der Lage dieser ersten Partie seinen Stempel aufzudrücken. Nur selten kam er in die Zone des Gegners und war dort in der Lage selber zu punkten oder abzulegen.

Wie sehr behindert Wade sein Knie? Kann er überhaupt in diesen Finals zu alter Stärke finden? Eine Verletzung plus Sefolosha und Westbrook als Gegenspieler sind eine verheerende Mischung …

Bosh kam von der Bank, stand aber 34 Minuten auf dem Feld. In dieser Zeit nur fünf Rebounds zu greifen, ist kaum zu entschuldigen. Der Trend ist momentan nicht der „Friend“ des Power Forwards.

Ohne sein sehr gutes Spiel sechs gegen die Celtics lesen sich seine Statistiken seit seiner Rückkehr in drei Spielen so: 8,7 Punkte, 6,0 Rebounds, 0,3 Assists, 0,3 Blocks, 37,0 FG%, 25,0 3P%.

Es wirkt oft so, als wäre er ein Fremdkörper im Angriff, als seien die einzigen Plays, die für ihn gelaufen werden, Spielzüge, die ihm einen langen Sprungwurf einbringen.

Wenn die beiden Mitstars nicht zu ihrem Spiel finden, wird es für LeBron James unmöglich, die fehlende Punkte, Rebounds, Assists, etc. zu kompensieren. Im Gegenteil. Wade und Bosh müssen James helfen, müssen die Defensive beschäftigen, damit James dominieren kann.

Kevin Durant ist BIG

Vier Würfe nahm der Liga-Topscorer in den Vierteln zwei und drei ZUSAMMEN. Vier.

Durant hatte in dieser Phase keine Probleme damit, auf seine Chancen zu warten. Er zwang nichts, zeigte keine Frustreaktion als Russell Westbrook ihn vor der Pause einige Male frei stehend nicht bediente und stattdessen schlechte eigene Abschlüsse nahm. KD wusste: Seine Zeit würde im vierten Viertel kommen und für diese war er bereit – 17 seiner 36 Punkte erzielte er in den finalen zwölf Minuten.

Es war aber nicht allein die offensive Show der Durantula, die an diesem Abend nachhaltig beeindruckte. Durant deckte über drei Viertel den MVP der NBA. Er arbeitete an beiden Enden des Feldes, stellte sich in den Dienst der Mannschaft, wurde am zum Held.

Bis jetzt ist er klar der beste Spieler dieser Serie. Durant nimmt den Fight an.

Russell Westbrook war phänomenal … und hätte noch besser sein können.

27 Punkte, 8 Rebounds, 11 Assists. So lesen sich die Zahlen von Westbrook.

Wie gut sein Spiel statistisch war? Seit 1985 legten in den Finals nur drei andere Spieler mindesten 27-8-11 auf: die Herren Bird, Johnson und Jordan.

SpielerAlterDatumTmOppS/NMINFGFGAFG%3P3PA3P%FTFTAFT%REBASTSTLBLKTOVPFPKT
Larry Bird2908,06,1986BOSHOUS4681747,12366,7111291,71112302329
Magic Johnson2702,06,1987LALBOSS39132552,000-33100,0813210229
Magic Johnson2711,06,1987LAL @BOSN40122157,111100,044100,0812402429
Michael Jordan2802,06,1991CHILALN40142458,311100,07977,8812304536
Russell Westbrook2312,06,2012OKCMIAS42102441,7040,07977,8811102127

Westbrook ist mit Abstand der jüngste Akteur, dem dieses Kunststück in den Finals gelang. Am eindrucksvollsten ist jedoch folgende Tatsache:

WESTBROOK HÄTTE NOCH VIEL BESSER SPIELEN KÖNNEN!

Nicht in Sachen Ballverluste, dort agierte er grandios, sondern was seine Offensive in der ersten Hälfte angeht.

Westbrook tappte immer wieder in die Falle der Heat, die ihn einluden, lange Sprungwürfe zu nehmen. Die fielen jedoch nicht. Westbrook schoss weiter – an sich keine schlechte Entscheidung – verpasste so allerdings einige freie Mitspieler und störte den Fluss der eigenen Offensive. Zumal er viele Schüsse ohne Balance nahm.

Nicht auszudenken, welche Statistiken er erzielt hätte, wenn er schon in den ersten 24 Minuten mehr zum Korb gegangen wäre und so andere Thunder frei gespielt hätte.

Bitter für die Heat: Zusammen mit dem offensiven Ausbruch Durants muss sich Erik Spoelstra eingestehen, dass sein Defensivkonzept nicht aufgegangen ist.

Die erste Runde im Coaching-Duell geht an Scott Brooks.

Natürlich keine gewagte These, immerhin gewann sein Team das Spiel. Dennoch: Brooks war wichtig für diesen Erfolg. Einige taktische Kniffe erwiesen sich als effektiv und schienen die Heat zu überraschen.

Kevin Durant etwa beackerte LeBron James über drei Viertel. Im Schlussdurchgang, war es dann Thabo Sefolosha, der den King mit der Unterstützung von Nick Collison aus der Partie nahm. Der Schweizer zwang James bei seinen Drives zu einem Spin-Move, kaum hatte der Superstar seine Richtung aber geändert, war Collison zur Stelle.

Außerdem sorgte Brooks dafür, dass seine Mannschaft in der zweiten Hälfte sich viel besser im Halbfeld verteilte, nachdem das Spacing zunächst ungenau und schlampig daher kam. Weil die Thunder zu Beginn oft zu eng beieinander standen, war es für die Verteidigung der Heat einfach zu switchen und zu rotieren.

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