'Eine Sekunde, nach der anderen …'

André Voigt

„Nach Hause zu kommen ist gefährlich. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen, wir müssen aggressiv bleiben. Wir werden nicht automatisch gewinnen, weil wir in unseren eigenen Betten schlafen.“ – Shane Battier vor Spiel drei.

Die NBA Finals 2012 sind an der Ostküste der USA angekommen. Es steht 1-1 zwischen den Miami Heat und den Oklahoma City Thunder. Der Vorteil liegt nun beim Champion der Eastern Conference. Das Team von Coach Erik Spoelstra hat dem Gegner den Heimvorteil entrissen, einer furiosen Aufholjagd in der zweiten Partie standgehalten.

Dennoch bringt es das Format der Finalserie mit sich, dass beide Teams bereits heute unter extremen Druck stehen. Die nächsten drei Begegnungen werden in Miami ausgetragen, danach – wenn nötig – geht es für bis zu zwei Partien zurück nach Oklahoma City.

Spiel drei kann zur entscheidenden Begegnung dieser Finals werden. In den vergangenen zwölf Jahren gewannen elf von zwölf Siegern der dritten Partie auch die Meisterschaft – einzige Ausnahme: die Dallas Mavericks 2011.

Der Grund für die Wichtigkeit des heutigen Aufeinandertreffens liegt auf der Hand. Die Finals sind nun eine Best-of-Five-Serie. Miami hat zwar den Heimvorteil, verlieren die Heat aber heute, müssen sie drei der nächsten vier Partien gewinnen – mindestens eine davon in der Halle des Gegners.

Natürlich ist dies nicht unmöglich, nur eben ungleich schwerer, wenn LeBron James und Co. heute nicht 2-1 in Führung gehen und dann „nur“ noch einen Erfolg einfahren müssen, um Matchball zu haben. Oder anders: Ein Erfolg heute ist psychologisch enorm wichtig.

OKC auf der anderen Seite will unter allen Umständen vermeiden mit 1-2 in Rückstand zu geraten. Was wenn Miami auch die vierte Partie gewinnen sollte? Dann wäre die Serie vorentschieden …

„Wir haben alle nötigen Teile, den besten Scorer der Liga, den athletischten Point Guard, den besten Shotblocker, den besten Post-Verteidiger, den besten Flügel-Verteidiger und unsere Bank ist eine der besten der NBA“, ist Thunder-Sixth-Man James Harden zuversichtlich und erwartet von seiner Mannschaft einen besseren Start als in den ersten beiden Partien. „Dieses Team ist perfekt. Wir sind die ‚Young Guns’. Wir machen unsere Jobs. Es muss im dritten Spiel los gehen.“

Allerdings wird es das nicht mit einer veränderten Starting Five. „Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht“, stellte OKCs Coach Scott Brooks klar. „Die Chemie auf dem Feld ist wichtig. Du kannst nicht einfach sagen: ‚Wir werfen jetzt mal andere Jungs auf das Parkett und hoffen mal, dass das so klappt.’ Ich habe es nie in Betracht gezogen, die Erste Fünf zu ändern, wir sind ja ein ziemlich gutes Team.“

Im Vorfeld hatten viele Experten und Beobachter gefordert, Center Kendrick Perkins durch Harden in der Startformation zu ersetzen, um zum Einen die kleine Aufstellung der Heat zu kontern und zum Anderen mit einen weiteren Ballhandler von Beginn an, mehr Druck auf die Defense Miamis auszuüben.

Auch bei den Heat wird es keine Änderungen geben. Chris Bosh, der in Spiel zwei erstmals nach seiner Rückkehr zum Team startete, beginnt erneut auf Center und erwartet mehr von sich als in der zweiten Partie, wo er mit 16 Punkten, 15 Rebounds sowie zwei Blocks überzeugte. „Das war nur ein normaler Tag im Büro für mich“, ordnete er seine Leistung ein. „Ich erwarte mehr von mir, dieses Team braucht mehr von mir.“

Einer, der bisher überragende Leistungen für die Heat brachte, ist Shane Battier. Der Starter auf Power Forward traf bisher neun seiner 13 Dreierversuche, erzielte jeweils 17 Punkte für Miami. „Seine Dreier sind enorm wichtig für uns, weil er so die Verteidigung auseinander zieht“, erklärt Bosh. „Hoffentlich kann auch Mario Chalmers ein paar Distanzwürfe treffen, das würde es extrem schwer machen, uns zu verteidigen.“

Vor allem wenn LeBron James und Dwyane Wade wie in Spiel zwei mit aller Konsequenz den Weg in die gegnerische Zone oder den Lowpost suchen. Hier haben die beiden Superstars Vorteile gegenüber ihren Verteidigern, hier können sie hochprozentiger abschließen, Fouls ziehen oder – falls der Gegner doppelt – draußen die freien Schützen anspielen.

Genau das will OKC natürlich verhindern. Zuletzt war es Scott Brooks Defense nicht gelungen, mehrere Körper vor den Ballführenden zu bringen. James und Wade durften zu oft im Eins-gegen-eins den Weg zum Korb finden. Auch müssen die Rotationen klarer gelaufen werden. Mehrmals kam vor allem Battier in den ersten beiden Partien frei an der Dreierlinie zum Schuss, weil seine direkten Gegenspieler sich zu sehr darauf konzentrierten James am Drive zu hindern und niemand den dann freien Mann (Battier) übernahm.

Auf Seiten Miamis wird es interessant sein, zu beobachten wie die Verteidigung gegen das Pick-and-Roll das Spiel beginnt. Zum Auftakt hatten die Heat jedes Blocken-und-Abrollen, in das Harden, Durant oder Westbrook involviert waren gedoppelt und im Notfall geswitcht.

Nachdem diese Maßnahme nicht zum gewünschtem Erfolg führte, ließen die Heat in der zweiten Partie mehr Abstand vom Ballführenden. Vor allem Westbrook tappte mehrfach in die Falle, die ihm die Gegner so stellten. Zog er in die Zone, warteten dort zwei oder drei Verteidiger, die den Wurf des Point Guards so schwer machten, dass er in den ersten zwei Vierteln seinem Team mehr schadete, als zu helfen.

Spiel drei verspricht das bisher intensivste und taktisch interessanteste dieser Finals zu werden. Das bestätigt auch Dwyane Wade. „Jedes Spiel dieser Serie wird, so sagt es uns auch immer wieder Coach Spoelstra, durch vier, fünf Ballbesitze entschieden. Egal wie viel es in dieser Serie steht, hier treten die besten Teams der Liga gegeneinander an“, erklärte der Champion von 2006. „Es wird ein sehr hart umkämpftes Spiel drei werden, aber wir müssen einen Weg finden, es zu gewinnen. Es geht darum, einen Ballbesitz nach dem anderen, eine Sekunde nach der anderen, eine Minute nach der anderen zu spielen, um sicher zu gehen, dass wir diese Partie gewinnen.“

Keine Frage … Spiel drei der NBA Finals wird BIG. Es ist angerichtet.

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