Dialing Long-Distance: Wirf doch!

Gespräche zwischen Berlin und New York: NBA.DE-Blogger David Digili und NBA.COM-Redakteur Kevin Scheitrum diskutieren hier regelmäßig die wichtigsten Fragen rund um die NBA.
LeBron, Kobe, Durant - muss der Go-to-guy eines Teams auch immer den letzten Wurf im Spiel bekommen? Unsere Experten David und Kevin diskutieren - und was meint Ihr? Sagt uns Eure Meinung! Dialing Long-Distance Archiv



Kevin Scheitrum, NBA International Redakteur

Mensch, Dave. Ist schon viel zu lange her. Aber wenn ich daran denke, dass Du in Deiner Trauer über das Mavs-Aus wohl eh kein Wort herausbekommen hättest, bin ich eigentlich ganz froh darüber, dass etwas Zeit vergangen ist und Du Dir ein paar Gedanken machen konntest. Doch weißt Du, was? In den letzten Wochen hat mich eine Sache extrem beschäftigt, und darüber MUSS ich mit Dir sprechen. Wir hören doch immer wieder davon, dass der Star, das "Alphatier", den letzten Wurf eines Spiels nehmen MUSS - und ich denke, das ist einfach nur verrückt, aus verschiedenen Gründen. Was meinst Du?
David Digili, NBA.de Blogger

Kev, also, WENN ich getrauert habe, dann über das Aus der KNICKS, nicht das der Mavs (obwohl letzten Endes beides verdient war). Ich verstehe ja, dass Du die Gelegenheit zu ein paar Sticheleien nutzen musst, wo Deine 76ers ENDLICH mal einigermaßen erfolgreich spielen. Aber ich schweife ab...

Mir gehts ganz genauso - diese Diskussion ist für mich völlig überzogen. Ich sags GENERELL erst mal so: Wenn ein Spieler wenige Sekunden vor Schluss die Möglichkeit zum entscheidenden Treffer hat, dann wäre es mir als Coach völlig egal, ob er LeBron James oder Norris Cole heißt - Hauptsache, es wurde für ihn eine gute Wurfgelegenheit kreiert, und der Ball ist (im Idealfall) "Bullseye".
Kevin

Ich schließe jetzt mal einen Pakt mit dem Teufel und sage: GENERELL hast Du wirklich Recht. Diese Spieler stehen auf den NBA-Courts (also, zumindest zu einem großen Teil), weil sie alle in ihren Karrieren schon mal "Big Shots" versenkt haben. Ein "open look" ist nun mal ein "open look". Der Wurf, den Laker Steve Blake neulich verpasst hat, war eine super Gelegenheit - eine, die man nicht auslassen darf - und er hat ganz knapp nicht getroffen. Und wenn wir weiter in der Geschichte zurückgehen: Denk doch nur mal an John Paxson...

ABER so einfach ist es nicht. Die Stars der Liga bekommen einen Haufen Geld - und damit auch ein großes Maß Verantwortung. Es geht nicht nur um Sieg oder Niederlage, es geht auch um die Berichterstattung danach. LeBron, Kobe, Chris Paul - die sind das gewohnt. Aber willst Du das einem jungen Spieler zumuten, für sein "Versagen" in den Medien so gescholten zu werden?
David

Versteh mich nicht falsch, natürlich haben die großen Stars auch die Verantwortung. Von ihnen wird erwartet, in den entscheidenden Momenten zur Stelle zu sein. Es muss aber nicht immer der Wurf sein - ein Pass, ein Rebound, ein Steal ("Hondo"!), es gibt viele Möglichkeiten. Und die Spielintelligenz, nicht unbedingt einen schwierigen Wurf zu erzwingen, sondern den Ball abzuspielen, wenn ein Teamkollege besser steht.

Wo wir schon bei Paxson waren: MJ hätte auch selbst den Wurf nehmen können, keine Frage, er hätte auch - wie in so vielen anderen Spielen - das Schicksal der Bulls in die eigenen Hände nehmen können. Stattdessen bringt er den Ball nach vorne, und über Horace Grant kam der Ball dann zum völlig freien Paxson. Oder auch 1997 in Spiel 6 gegen die Jazz - wer hat da das Spiel entschieden? Steve Kerr - nach einem Pass von der Nummer 23.

Was "junge Spieler" angeht: Schau mal nach Oklahoma City. Hier haben wir eine spezielle Situation: Theoretisch muss doch der Ball in die Hände von "KD", wenns um alles geht in den letzten Sekunden. Aber würde sich hier jemand beschweren, wenn Russell Westbrook oder James Harden am Ende den Wurf nehmen?
Kevin

Ich weiß nicht mal, ob Westbrook und Harden wirklich noch als "junge Spieler" gelten, nach zwei Jahren der Dominanz. Aber Du hast Recht - ein Team, das gleich DREI Spieler hat, die ein Spiel entscheiden können, ist extrem gut aufgestellt.

Aber das wirkliche Problem ist doch das: Warum in Herrgottsnamen gehen so viele Teams über Isolation Plays zum Ende einer Partie? Diese Spielzüge gehören zu den statistisch erfolglosesten im Basketball (im Gegenzug gehören Cut Plays, wo der Passgeber einen Spieler findet, der gerade zum Korb schneidet, zu den erfolgreichsten), und trotzdem wird es immer wieder probiert, von nahezu jedem Team. Klar, so kann die Zeit besser kontrolliert werden, und es läuft alles auf eine simple Lösung hinaus, aber Dave, wenn ein Team einen "Closer" hat (und vergiss nicht, dass dieser Begriff zumindest im Zusammenhang mit Kobe etwas abgenutzt ist), was machst Du mit ihm, wenn nur noch 10 Sekunden zu spielen sind und das Spiel auf der Kippe steht?
David

Es wird wohl immer so laufen, dass - wenn denn ein Spieler der Marke "Closer" - im Team ist, der seinen eigenen Wurf kreieren kann und treffsicher ist, der letzte Spielzug über ihn gehen wird. Allein schon, weil sich kaum ein NBA-Coach der anschließenden Kritik aussetzen will, nicht seinem Top-Star "vertraut" zu haben. Ist ja einerseits auch völlig legitim (wenn auch - wie Du schon gesagt hast - kein perfektes Erfolgsrezept). Wir haben ja auch oft genug gesehen, was bei solchen Plays rauskommt - nicht nur in der Endphase eines Spiels: Gerade die Miami Heat hatten in der Vergangenheit oft große, große Probleme, als LeBron schwierige Würfe in letzter Sekunde erzwingen musste. "King James" ist aber natürlich ein Musterbeispiel für einen Spieler, der für die Isolation geschaffen ist: Er kann es körperlich mit jedem Gegner aufnehmen, für Big Men ist er zu schnell, kleinere Verteidiger schlägt er mit seiner Athletik - und ein Auge für den freien Mitspieler hat er auch. In der Theorie ist das ja auch ein Ziel dieser Taktiken: Freien Raum für Mitspieler schaffen.

Doch gerade ein Spieler wie LeBron ist dadurch eben in einer extrem schwierigen Situation - seine Vielseitigkeit wird ihm fast schon zum Verhängnis. Dadurch kam ja auch diese Diskussion zustande, die wir jetzt gerade erörtern: Soll er selbst den Abschluss suchen oder abspielen? Die ganze Hysterie über die angebliche Zurückhaltung des Heat-Forwards ging schon so weit, dass er sogar dafür kritisiert wurde, im ALL-STAR GAME (!) den Ball lieber an einen Mitspieler abgab, anstatt selbst aus freier Sicht den Wurf zu nehmen. Ich sag Dir Folgendes: Als Heat-Coach wäre es mir wirklich gleich, ob LeBron selbst wirft oder einen Pass spielt - bei DIESEM begnadeten Talent muss man Vertrauen in dessen Entscheidungen haben. Außerdem ist es doch so: Wirft er, und der Ball landet nur am Ring, heißt es: "Da wäre ein Pass aber besser gewesen!", spielt er den Ball ab, sagen dann alle: "Wieso wirft er denn nicht?".
Kevin

Du hast völlig Recht! Der einzige Unterschied im All-Star Game war nur, dass LeBron auf dem Flügel war und die Möglichkeit zu einem Pass durch die komplette Defense der West-Auswahl gesucht hatte. Er ist vielmehr in seinem Element, wenn er seine Größe und Explosivität ausspielen kann, wenn er die Verteidigung auf sich zieht - und wenn er in den letzten Sekunden zum Korb zieht, kriegt das ganze gegnerische Team weiche Knie und gerät in Unordnung. So hat er doch auch noch die Option, einen freien Teamkollegen zu finden.

SO können Isolation Plays dem Star eines Teams wirklich helfen. Wenn er dann bis um die 10-Sekunden-Marke dribbelt und jeden in der Basketballwelt glauben lässt "der wird auch werfen", muss er dann nur noch ein paar Schritte zum Korb machen - und schon findet sich ein freier Mitspieler. Ich wäre nicht überrascht, wenn Akteure wie Thabo Sefolosha oder auch Norris Cole den einen oder anderen "Big Shot" in den nächsten Runden versenken.
David

Und genau darum gehts doch auch: Wenn der entscheidende Wurf durchs Netz fliegt, fragt keiner mehr, ob es nun LeBron, Kevin Durant oder irgendein Bankspieler war - Hauptsache, er ist drin! Gerade deswegen war diese Diskussion ja auch so abwegig. Topstars hin oder her, es geht um den Sieg. Wie viel variabler, wie viel gefährlicher ist doch ein Team, das jedem seiner Spieler zutraut, im richtigen Moment da zu sein!

Kobe, Shaq, Tim Duncan oder aktuell LeBron, Dwyane Wade und Kevin Durant gehören zu den Besten ihrer Zeit. Sind zukünftige Hall-of-Famer. Natürlich haben sie die Hauptarbeit auf den Wegen zu den Erfolgen ihrer Mannschaften geleistet. Aber ohne diese ganz bestimmte Einstellung, ohne das Vertrauen (besonders ihrer Coaches) in das gesamte TEAM würden wir heute nicht von Robert Horry oder Derek Fisher sprechen und deren damalige Gegenspieler immer noch eine Gänsehaut bekommen. Hat es den Karrieren von Shaq und Co. geschadet, dass "Big Shot Rob" und andere den einen oder anderen Game-Winner versenkt haben? Eher nicht!

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