Dialing Long-Distance: Wie stehen die Chancen für eine Mavs-Titelverteidigung?

Gespräche zwischen Berlin und New York: NBA.DE-Blogger David Digili und NBA.COM-Redakteur Kevin Scheitrum diskutieren hier regelmäßig die wichtigsten Fragen rund um die NBA.
Gespräche zwischen Berlin und New York: NBA.DE-Blogger David Digili und NBA.COM-Redakteur Kevin Scheitrum diskutieren hier regelmäßig die wichtigsten Fragen rund um die NBA.


Kevin Scheitrum, NBA International Redakteur

Also, die Mavs 2011/12 sind sicher andere als die aus der letzten Spielzeit. Aber gerade das macht ja nachträglich diese grandiose letzte Saison so besonders - wir alle wussten: Das Zeitfenster schließt sich, und vielleicht hat es das jetzt auch wirklich.

Aber Lamar Odom als Neuzugang könnte sich als nützlicher herausstellen, als momentan alle denken, und wenn JET und Jason Kidd ihre Form aus der Vorsaison auch nur annähernd halten können, sind sie immer noch echte Stars in der Liga. Und natürlich dürfen wir eins nicht vergessen: Mit einem Dirk Nowitzki findet sich immer ein Weg.
David Digili, NBA.de Blogger


Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt. Du hast Recht, die Mavs sind in gewisser Weise ein anderes Team. Der Kern ist zwar weitestgehend zusammengeblieben, aber trotzdem haben auch wichtige Leute Texas verlassen. Am schwersten wiegt für mich der Weggang von Tyson Chandler zu den Knicks (für mich DER Trade der Pre-Season, der den größten Unterschied macht, aber dazu kommen wir wohl später noch mal!), auch J.J. Barea wird fehlen - beide waren enorm wichtig, Chandler als emotionaler Leader und zäher Chef der Defense, der gefühlt 265 Offensiv-Fouls aufgenommen hat, Barea als quirliger, leidenschaftlicher Energizer von der Bank.

Glaubst Du, dass Dallas einen solchen Run auch ohne die beiden hingelegt hätte? Ich nicht. Klar sind Odom, Vince Carter und auch Delonte West namhafte Zugänge, die die Mavs nicht an Tiefe verlieren lassen. Odom ist seit Jahren einer der vielseitigsten Forwards der Liga und immer noch unterschätzt, seine Klasse steht für mich außer Frage, aber ob ein Tandem Dirk-Lamar funktioniert, da habe ich leichte Zweifel - lasse mich aber gern eines Besseren belehren...

Dirk hat es meiner Meinung nach genau richtig angedeutet: Etwas Besseres als eine verkürzte Saison hätte den Mavs gar nicht passieren können! Dirk ist 33, Jason Terry 34, Jason Kidd 83, äh, 38. Noch mal eine 82-Spiele-Saison, die oft so unglaubliche Längen hat - das wäre enorm kräftezehrend gewesen.

So aber, mit 16 Partien weniger, das könnte genau die kleine Pause sein, die die "alten Herren" zusätzlich gebraucht haben.
Kevin Scheitrum


Moment mal, nicht so schnell, Herr Digili! Ja, die Saison ist kürzer, aber dafür auch extreeeeeeem kompakt. Wir sprechen von "back-to-back-to-back"-Spielen. Wenn ich an drei aufeinanderfolgenden Tagen ins Fitness-Studio gehe, dann kriegen mich keine zehn Pferde mehr hoch. Und simples Training auf dem Laufband ist ein Witz gegen diese aufreibenden Drahtseilakte, die wir "NBA-Spiele" nennen.

Dirk, Kidd und Co. wissen, wie sie eine 82-Spiele-Saison bewältigen, aber das ist jetzt ja kein Thema mehr. Für mich ist das ein wenig so, als würde man aus Marathonläufern plötzlich 400-Meter-Sprinter machen wollen.

Mit Chandler und Barea hast Du aber völlig Recht. Das waren wirklich große Geschichten letzte Saison. Ohne Chandler ist die Mavs-Defense viel verwundbarer, und Barea - ich sage nur: Wer hätte gedacht, dass dieser Guard aus Puerto Rico zu einer festen Größe in der NBA werden würde, geschweige denn zu einem der Stars der NBA-Finals?

Letzten Endes läuft vieles auf Rick Carlisle heraus. Er gehört nun zu dem illustren Kreis von jetzt elf Leuten, die als Spieler UND Trainer einen Titel gewonnen haben - und jetzt noch viel wichtiger: Er ist ein genialer Stratege. Was hält er 2011/12 für uns parat?
David Digili

Klar ist der Spielplan gedrängt, klar ist das ein Monsterprogramm. Aber ich erwarte damit auch, dass Dirk, JET und vor allem Jason Kidd auch mal Verschnaufpausen bekommen - also, wenn man in der NBA davon sprechen kann. Überleg mal: Vor noch nicht allzu langer Zeit war es noch ein Wunschtraum: "Dirk und die Mavs gehen als Titelverteidiger in die Saison".

Wie heißt es so schön? Dallas ist vom "Jäger" zum "Gejagten" geworden - mal sehen, wie die Routiniers - und auch Coach Carlisle - damit umgehen.
Kevin Scheitrum

Das fast schon Gute daran ist ja übrigens, dass die Spurs - fast schon der Erzfeind - in derselben Division spielen - und sehr, sehr ähnliche Probleme haben. Diese Dynastie in San Antonio neigt sich dem Ende zu, aber es könnte durchaus noch einmal zu einem Angriff auf den Titel reichen, wenn die alternden Helden durchhalten.

Wer weiß? Vielleicht treffen Carlisle und Spurs-Headcoach Gregg Popovich ja eine Vereinbarung, dass sie ihre Starting Fives einfach mal auf der Bank lassen und stattdessen nur mit Jungs aus der D-League spielen? Das ist natürlich nur ein Scherz, aber glaubst Du, die Mavs haben so etwas wie ein "Championship-Hangover"?

Ich meine, Dirk konnte ja sogar seinen Holger Geschwindner davon überzeugen, mal ein paar Tage trainingsfrei zu haben...
David Digili

Also, wenn jemand keine Motivationsprobleme hat, dann ist es Dirk! Diese Begeisterung, diese Vorfreude, die aus jedem Wort klingt, das er sagt, dieses Funkeln in den Augen, wenn er von der Meisterschaft und von der Titelverteidigung spricht - der ist beileibe noch nicht satt, das ist nicht Dirk Nowitzki. Also: Nix "Hangover"!

Tja, die Spurs...das wär schon was, oder? Das Duell der "großen, alten Männer" - hier Dirk, Jason und Jason, da Tim Duncan, Manu Ginobili und Tony Parker (okay, der ist ja noch etwas jünger, aber gefühlt schon ewig dabei...). Ich erwarte von San Antonio gar nichts anderes als einen erneuten Angriff - vielleicht sogar den letzten. Ich würde nie gegen Tim Duncan wetten.

Ansonsten im Westen? In all den Diskussionen um diese angebliche Spannung zwischen Kevin Durant und Russell Westbrook ist mir fast schon ein wenig zu kurz gekommen, was die Thunder für eine erstklassige Saison gespielt haben. Und: Sie sind zusammengeblieben. Die Mavs, die Lakers mit ihrem neuen Coach und potenziell unzufriedenen Spielern (auf die müssen wir bei Gelegenheit auch noch mal eingehen), die Blazers (vielen Dank für fünf tolle Jahre, Brandon Roy!) - überall gab es kleinere oder größere Veränderungen, dadurch stehen eben auch ein paar kleinere und größere Fragezeichen hinter dem Thema "Saisonverlauf".

Es könnte gut sein, dass diese Saison wieder in L.A. erfolgreich Ball gespielt wird - aber nicht in gold-violett...
Kevin Scheitrum

...und da sind wir auch schon bei den Clippers. David, was glaubst Du, wie viele Alley-oop-Pässe Chris Paul dem guten Blake Griffin zuspielen wird? Ich tippe auf um die 90.

Aber es stimmt, was Du sagst: Es ist generell eine spannende Zeit in der NBA insgesamt, weil wir gerade eine Wachablösung beobachten. Die Generation um Kobe, Duncan, Dirk, Kevin Garnett und einigen anderen wird immer mehr Youngstern wie Durant, Westbrook, Derrick Rose oder auch Griffin Platz machen.

Noch wird es aber extrem interessant sein: Sind dieses Jahr die "Alten" noch mal vorne, mit all ihrer Erfahrung, ihrer Abgezocktheit und ihrer Cleverness? Oder sind es jetzt schon die "jungen Wilden", mit ihrer Energie und Schnelligkeit?

Ich bin genauso gespannt auf die Thunder. Überleg mal: Ein gesunder Kendrick Perkins hilft Serge Ibaka dabei, die Mitte zu verstärken, während Durant und Westbrook allen beweisen wollen, dass sie eines der besten Duos der gesamten Liga sind (und vielleicht sogar eines der besten aller Zeiten werden könnten), und dann ist da ja auch noch James Harden, der unglaubliche Playoffs hatte und einen weiteren Schritt zum Topstar machen will.

Das hört sich doch richtig gut an. Diese ganze "Anspannung" zwischen Durant und Westbrook war doch mehr eine Geschichte der Medien. Das sind vielmehr zwei außergewöhnliche Spieler, die - wenn alles passt - für jeden Gegner ein Albtraum sind.
David Digili

Eine Kombination aus der "Blake Show" und "CP3"? Ich glaube, unsere Highlight-Poster haben wir schon. Gerade deswegen können wir uns ja in diesem Punkt einig sein: Die Titelverteidigung für die Mavs wird schwer, es sind neue, interessante, spannende Gegner dabei, die alles daran setzen werden, einen Repeat zu verhindern - etwas Besseres als eine atemberaubende Saison können wir uns doch gar nicht wünschen, oder?

Wir haben ja schließlich auch lange genug darauf warten müssen.

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