Dialing Long-Distance: Können Heat und Thunder schon für die Finals planen?

Gespräche zwischen Berlin und New York: NBA.DE-Blogger David Digili und NBA.COM-Redakteur Kevin Scheitrum diskutieren hier regelmäßig die wichtigsten Fragen rund um die NBA.
Was ist los in New York und L.A.?

Es klingt einfach: Die beiden wohl besten Teams der Regular Season treffen sich auch in den Endspielen wieder. Aber ist es wirklich so klar, dass die Heat und die Thunder um die Meistertrophäe spielen werden? Wer kann die Favoriten gefährden? Unsere Experten David und Kevin diskutieren. Und was meint Ihr? Sagt uns Eure Meinung! Dialing Long-Distance Archiv



Kevin Scheitrum, NBA International Redakteur

Die Diskussion geht schon über die ganze Saison: Thunder gegen Heat. Durant gegen LeBron. Miami Beach gegen...naja, Oklahoma, äh, Strohballen. Beide Teams sind - ganz klar - die talentiertesten der Liga, zumindest, was die Starting Fives (oder -Six, wenn man James Harden WIRKLICH als Bankspieler zählt) angeht. Aber das galt für die Heat ja schon im letzten Jahr - und trotzdem hat es nicht zum Titel gereicht. Was meinst Du, Dave? Sind die Finals "OKC gegen Miami" schon beschlossene Sache?
David Digili, NBA.de Blogger

Es sind zumindest die beiden konstantesten Teams der Liga (mit Chicago), die sich da gegenüberstehen würden. Im Osten ist das Kräftegefälle deutlich größer als im Westen. Philly und Indiana scheinen zu unerfahren - und hier ist es das genaue Gegenteil zu den Knicks: Die einen haben die ganze Saison lang UNTER ihren Verhältnissen gespielt, die anderen eher ÜBER ihren Verhältnissen. Orlando - so hart es auch klingt - kann man doch wirklich nicht mehr ernst nehmen, nachdem sie sich in regelmäßigen Abständen desaströse Auftritte geleistet haben.

Boston ist zwar die starke Bank abhanden gekommen, die sie noch vor kurzer Zeit zum Titelkandidaten gemacht hatte, aber gerade jetzt ist Rajon Rondo in Topform, und Paul Pierce, Kevin Garnett und Ray Allen rüsten sich für einen weiteren Playoff-Run. Gerade jetzt drehen die Celtics richtig auf - und die Heat hatten immer Probleme mit den Neuengländern. Bleiben als einziger weiterer wirklich klarer Konkurrent der Heat die Bulls. Vor allem "in Transition" sind LeBron, D-Wade und Co. das beste Team der Liga. Chicago kann aber in Punkto Banktiefe und Defense mit Miami (mehr als) mithalten - Problem nur: D-Rose und Co. müssen topfit sein. Wenn also nicht gerade die Knicks einen Überraschungscoup landen (und der ist bei einem Team mit Carmelo Anthony, Amar'e Stoudemire, Tyson Chandler, Jeremy Lin, J.R. Smith und Iman Shumpert immer drin!), machen Heat, Bulls und Celtics die Conference Finals im Osten unter sich aus.

Für Miami zählt auch in diesem Jahr - und das wird wohl in der gesamten Zeit der "Big 3" in "South Beach" so bleiben - der Titel. Jedes andere Team muss die Hürde Heat nehmen, und das wird in diesem Jahr noch schwerer, als es schon im letzten Jahr war. Denn jetzt ist Miami endgültig eingespielt, Coach Erik Spoelstra ist unumstritten - im letzten Jahr war das doch ein einziger Zirkus bei jeder Niederlage, bei jedem Satz, den irgendeiner der Jungs in ein Mikrofon artikulierte. Wirkt irgendwie, als wäre das schon viel länger her...

Mein Power-Ranking im Osten:
  1. Miami
  2. Chicago
  3. Boston
  4. Atlanta
  5. Orlando
  6. New York
  7. Indiana
  8. Philadelphia

Im Westen? Überleg mal: Dallas als Titelverteidiger, die Lakers, die Clippers (JA, wir müssen uns daran gewöhnen, sie unter den Top-Teams zu nennen!), die erstaunlicherweise immer noch starken Spurs - und trotzdem steht da ganz oben dieses junge, hungrige Team aus Oklahoma City...

Kevin

Besser hätte ich es nicht sagen können: Jung und hungrig. Und dabei dürfen wir auch nicht vergessen, dass sie ja schon im letzten Jahr ganz, ganz nah an den Finals dran waren. Wenn Dirk nicht eine der besten Conference-Finals-Vorstellungen der NBA-Geschichte hingelegt hätte (und dann auch noch Dinge in Finals gemacht hätte wie "zwei Mal den Game-Winner versenken" oder "die MVP-Trophäe in die Höhe stemmen"), dann hätten es locker auch KD und Russell Westbrook sein können, die den Westen gegen die "Beach Boys" vertreten.

Und das wissen sie auch.

Jetzt wissen die Thunder noch besser, wie sie ihre Kräfte einteilen, und obwohl der diesjährige Spielplan das ja erschwert hat, haben sie es hinbekommen, genau zur richtigen Zeit ihre beste Phase zu haben. Durant ist immer noch Durant, aber Westbrook war noch nie besser, während Harden, Serge Ibaka, Kendrick Perkins und auch Thabo Sefolosha einen Schritt nach vorne gemacht haben. Im letzten Jahr waren sie zu früh auf dem Höhepunkt und waren mit zunehmendem Verlauf der Playoffs ausgelaugter. Jetzt aber wirken sie wie eine perfekte Kopie von Gregg Popovichs Spielstil, und Coach Scott Brooks schaut immer wieder mal nach hinten auf die Spurs.

Und gerade das ist die Frage: Können die Thunder die Spurs in ihrem eigenen "Game" schlagen? Werden die "Studenten" zu "Lehrmeistern"?
David

Es ist fast beängstigend, wie ähnlich die Stats beider Teams sind - Punkte (eigene und gegnerische), Rebounds, Wurfquoten. Und die Spurs sind einfach ein Phänomen: Schon seit Jahren werden die Texaner immer wieder abgeschrieben, immer wieder werden Tim Duncan, Manu Ginobili und Co. als "zu alt" abgetan, und den Spurs wird "ein letztes 'Hurra'" vorhergesagt. Und immer wieder straft das Team alle Experten Lügen.

Die Spurs sind die Meister der Kräfteeinteilung - nur Tony Parker kommt auf über 30 Minuten Einsatzzeit pro Spiel. Genau so schaffen sie es auch, konstant oben mitzuspielen. Die Defense mag nicht mehr so gut sein wie noch vor ein paar Jahren, aber dafür - und das ist eine weitere Stärke - haben die Spurs nun eine stärkere Offense. All das aber wäre ohne erstklassiges Management nicht möglich gewesen. Immer wieder hat das Frontoffice in San Antonio den eigenen Kader mit Spielern verstärkt, die perfekt ins System passen. Die wenigsten davon wären wohl bei anderen Teams Starter oder würden die Minuten bekommen wie bei den Spurs. Aber in San Antonio funktioniert es. Und mit Boris Diaw und Rückkehrer Stephen Jackson sind dann doch noch zwei Hochkaräter dabei, die einen zusätzlichen Schub geben können.

Gerade deswegen will ich nicht von einer "Wachablösung" sprechen - dafür haben uns die Spurs zu oft gezeigt: Schreibt uns nicht ab! Aber Oklahoma City hat das Potenzial, das Vorbild "San Antonio" weiterzuentwickeln.
Kevin

Kannst Du Dir das in den Western-Conference-Finals vorstellen? Ich meine, das wäre ja wie die "Schwimmzeit für Erwachsene" im Schwimmbad! Gibts das bei Euch in Deutschland eigentlich? Kann sein, dass das nur so eine von unseren verrückten amerikanischen Macken ist: Die Kinder müssen für eine bestimmte Zeit aus dem Becken, damit die Erwachsenen (sprich: mit Schwimmhauben, Schwimmbrillen und so weiter) eben "genug Platz haben" und sich 20 Minuten lang richtig breit machen können.

Hier hätten wir dann also die "jungen Wilden", die alles geben und auf einer Druckwelle nach der anderen reiten, während die "alten Hasen" den Sturm abwarten und auf ihre Chance warten.

Das ganze Jahr über haben wir damit verbracht, über diesen engen Spielplan und die Auswirkungen auf die Altstars zu sprechen - und trotzdem sind die Spurs, gespickt mit "Veteranen", voll im Rennen. Wahnsinn. Und vergiss nicht: Das letzte Mal, als es eine verkürzte Saison gab, haben die Spurs den Titel geholt. Popovich - damals in einem seiner ersten Jahre - hat die Blaupause gezeichnet, und mittlerweile ist sie perfekte Wirklichkeit geworden.

Wo wir gerade schon im Westen sind: Was ist eigentlich mit der "Lake Show"? Kobe hat (mal wieder) eine herausragende Saison, und Andrew Bynum scheint immer öfter "unstoppable". Die Lakers wissen doch auch, wie man genau zum richtigen Zeitpunkt auf höchstem Level spielt - haben die eine Chance?
David

Kobe, Bynum, und...? Vielleicht noch Pau Gasol, aber es waren doch die "24" (übrigens: noch einer im "Duncan-Alter") und sein Center, die die Lakers auf Platz drei im Westen gehievt haben. Gegen kein Top-Team, das sie auf dem Weg zum Titel überwinden müssten - OKC, Chicago, Miami, sogar die Clippers (gegen die Spurs gehts erst im April) - hat die Mannschaft von Coach Mike Brown eine positive Bilanz in diesem Jahr. Ich sage: Die Lakers haben auch von zwei Faktoren profitiert: Dallas schwächelt immer wieder mal, und die Clippers leisten sich gerade zum Saisonende eine kleine Niederlagenserie. Ron Art...äh, Metta World Peace zeigt nur noch zu selten, warum er mal der beste Defender der Liga war.

Gasol spielt nicht seine stärkste Saison. Und ohne Derek Fisher kann das ja ohnehin gar nichts werden! In jeder normalen Saison müssten die Lakers mit DEM Kader eher auf dem Niveau der Memphis Grizzlies oder der Denver Nuggets stehen - wenn da eben nicht ein zukünftiger Hall-of-Famer wäre...und der aggressivste Center der NBA. ANGST muss vor diesen Lakers doch niemand mehr wirklich haben, oder? Für mich sind sie so schlagbar wie schon länger nicht mehr.

Den Clippers rechne ich da höhere Chancen aus, für die eine oder andere Playoff-Überraschung sorgen zu können, allein schon wegen des besseren "Gesamtpakets". Aber sag mal, was ist eigentlich mit dem Titelverteidiger?
Kevin

Die Clippers...also, ich weiß nicht recht. Sie haben noch nicht jemanden gefunden, der Chauncey Billups ersetzen kann, und nicht einmal die großartigen "CP3" und Blake konnten das Team retten. Sie mögen momentan den besseren Basketball spielen, und es gibt nicht viele bessere "Anführer" als Chris Paul, aber die Lakers erscheinen mir gerade jetzt als Team, das sich die Zeit vertreibt, bis es in die Postseason geht - um dann zu explodieren. Lass Dich nicht täuschen. Klar spielt Pau nicht die beste Saison seiner Karriere, aber dafür Bynum, und im Duo machen die beiden es jedem Gegner schwer. Wenn Kobe mit ihnen den Ball teilt, natürlich...

Was die Champions angeht: Ich denke, die Mavs sind momentan in sehr guter Verfassung. Klar sind sie nicht in der Form vom letzten Jahr, aber die Jungs, die jetzt den Job übernehmen, machen es wirklich klasse. Weißt Du noch, wie nach dem Abgang von Tyson Chandler daran gezweifelt wurde, dass die Mavs jetzt noch irgendjemanden in der Verteidigung aufhalten könnten? Nun haben sie die sechstbeste Defense der Liga.

Lamar Odom mag momentan wie ein hoffnungsloser Fall wirken, dafür aber hat Ian Mahinmi ein "Career Year", Vince Carter muss die letzten Jahre damit verbracht haben, eine Zeitmaschine zu bauen (die er jetzt benutzt hat), und jedes Mal, wenn Roddy Beaubois auf dem Feld steht, scheint er 18 Punkte und mehr zu machen. Und die Altstars ergänzen das auf einem Nivau - naja, bis auf Dirk, der vielleicht etwas schwächer spielt als letzte Saison. Aber auch damals hatte er nur eine (für seine Verhältnisse) "gute" Saison, bis die Playoffs ihre eigene Geschichte schrieben. Jason Kidd ist doch noch derselbe aus der letzten Spielzeit.

Ein besonderer Grund für gesteigerten Optimismus der Mavs-Fans aber ist Shawn Marion. Die "Matrix" ist "Kevin Garnett, Jr." - jedes Mal, wenn er auf dem Feld steht, macht er die vielen kleinen Dinge, die ein Team voranbringen, er hebt es auf ein anderes Level. Es gibt wenige Sportler überhaupt, die Marions Intensität haben. Er hat nicht nur LeBron in den letztjährigen Finals immer wieder ausgeschaltet, sondern in dieser Saison auch schon Chris Paul, Kevin Durant und unzählige mehr. Wenn Dirk und Kidd die Seele der Mavs sind, dann ist Marion das Herz.

Na, immer noch pessimistisch?
David

Wer hat gesagt, dass ich pessimistisch bin? Nein, ich bringe jetzt nicht den Spruch "Unterschätze nie das Herz eines Champions" (womit ich ihn ja doch gebracht habe), aber die Mavs wissen für mich, worauf es ankommt. Sie machen - trotz der schlechteren Bilanz - einen gefestigteren Eindruck auf mich, sind variabel wie immer, haben eine Mischung aus jungen Talenten und zukünftigen Hall-of-Famern. Für mich sind sie - gerade in den Playoffs - ein gefährlicherer Gegner als die Lakers, zum Beispiel. Erst dann wird das Unternehmen "Titelverteidigung" richtig real, und auch wenn vielleicht irgendwann Schluss sein sollte und die Saison vorzeitig endet - Dallas wird kämpfen und alles geben. Ein Dirk in Playoff-Form kann kaum verteidigt werden, und so viele weitere Scoring-Optionen (Beaubois, Carter, Marion, Jason Terry, Delonte West) haben nur ganz wenige Teams in der Liga. Die Lakers gehören übrigens nicht dazu...

Mein Power-Ranking im Westen:
  1. Oklahoma City
  2. San Antonio
  3. Dallas
  4. L.A. Clippers
  5. L.A. Lakers
  6. Memphis
  7. Utah
  8. Denver / Houston / Minnesota (wenn Ricky Rubio nicht verletzt wäre)
Kevin

Memphis auf Platz 6 auf Deiner Liste im Westen? Ich glaube, Du hast Recht damit, zumindest momentan. Aber wir sollten auch nicht vergessen, dass wir hier von der Mannschaft sprechen, die OKC in den vergangenen Playoffs am Rande einer Niederlage hatte, und mit ihrer Spielweise selbst den Mavs in den Conference Finales große Schwierigkeiten bereitet hätten.

Und nachdem sie schon die ganze Saison gut mithalten konnten mit den "Großen", ist jetzt auch noch Zach Randolph wieder da - und kann ihnen gerade in der Postseason noch mal einen richtigen Schub geben. Wenn er in Topform ist - und er hat noch einen Monat, um dorthin zu kommen - dann ist er unter den besten Power Forwards der NBA. In einer Liga, die nur wenige "Big Men" von gehobenem Niveau hat, könnte Randolph zum Motor eines neuen Playoff-Laufs der Grizzlies werden.
David

Klar waren die Leistungen der Grizzlies im letzten Jahr eine der schönsten Playoff-Geschichten. Fraglich bleibt, ob nicht der Druck, die vergangene Saison wiederholen zu müssen, am Ende zu stark ist. Dazu - Du hast es gesagt - muss "Z-Bo" erst wieder in Form kommen. Ich sage mal so: Memphis muss sich vor den direkten Konkurrenten im Playoff-Umfeld - die Lakers, Utah, Denver und Co. - nicht verstecken. Wenn alles passt, können sie jedem Team Schwierigkeiten bereiten.

Werden wir nun also wirklich Oklahoma City und Miami in den Finals sehen? Ein nüchterner Blick auf die Statistiken sagt: Ja. Aber viele Teams in Westen und Osten - ob San Antonio, Dallas, ob Boston oder Chicago oder vielleicht doch jemand, den wir vorher nicht auf der Rechnung hatten - werden einen Teufel tun und nicht alles daran setzen, genau diese Statistiken zu entkräften. Sonst wärs ja auch langweilig, oder?

SOCIAL MEDIA