Dialing Long-Distance: Im Osten nichts Neues?

Gespräche zwischen Berlin und New York: NBA.DE-Blogger David Digili und NBA.COM-Redakteur Kevin Scheitrum diskutieren hier regelmäßig die wichtigsten Fragen rund um die NBA.
Eastern Conference Preview - Die "Big 3" in Miami, wütende Bulls, wiedererstarkte Knicks - oder doch noch mal die Celtics?




David Digili, NBA.de Blogger

Eins vorab: Ich sehe aktuell kein Team, dass eine Vorherrschaft dieser "großen Vier" irgendwie gefährden könnte. Orlando? Ich bin ja kein Dwight-Howard-Fan - und wenn die Magic ihren Center mit der "12" auf dem Trikot nicht hätten, wären sie ein Expansion-Team. Glen Davis als Neuzugang hin oder her, das ist kein Spieler, der den Unterschied macht.

Einzig Atlanta hätte einen wirklich konkurrenzfähigen Kader, die Bucks zeigen gute Ansätze (Brandon Jennings muss den "next step" machen!), Detroit versinkt im Niemandsland der NBA, die Wizards brauchen noch länger, um vielleicht mal mithalten zu können. Philly? Die Sixers müssen erst mal beweisen, dass die überraschend guten Playoffs letzte Saison (leider am Ende gegen die Heat) kein Zufall waren - das Talent für mehr ist aber auf jeden Fall da, ein weiteres starkes (oder noch stärkeres) Jahr ist nicht ausgeschlossen (aufgepasst auf Evan Turner!).

Vielleicht erneut ein Überraschungsteam.
Kevin Scheitrum, NBA International Redakteur

Ich bin zwar ein Sixers-Fan, aber ich bin noch immer nicht überzeugt davon, dass sie in der Atlantic Division mithalten können - da sind nun mal die Knicks dabei, die wie ein echter Contender für den Eastern-Conference-Titel aussehen, die Nets sind besser geworden, und die Celtics - auch wenn sie langsam alt werden - sind eben immer noch die Celtics.

Die Heat gehen wohl als Favoriten in die Saison. Schon komisch, dass wir ihre letzte Saison noch immer als Misserfolg ansehen, obwohl Miami nur zwei Spiele von der Meisterschaft entfernt war, oder? Alle wichtigen Bausteine sind weiter dabei, und der Druck aus Medien und Umfeld wird nicht annähernd so groß sein wie der, den sie in der letzten Spielzeit hinnehmen mussten. Erwarte also Großes von diesem Team.

Erinnerst Du Dich, wie mühsam die Heat im vergangenen Jahr gestartet sind, weil sie noch nicht eingespielt waren? Dieses Jahr geht es wohl jedem Team so. So, jetzt füge noch einen altgedienten Spieler wie Shane Battier hinzu, der immer noch 30 Minuten und mehr pro Nacht auf dem Court stehen kann, und lass Mario Chalmers - der in den Finals gegen Dallas endgültig seine Reifeprüfung bestanden hat - konstant starten - dann hat dieses Team keine Schwachstelle.
David

Es ist tatsächlich so: Die Heat wurden letztes Jahr von allen so in den Himmel gepriesen - da ist selbst der (imaginäre) Titel "Vizemeister" für viele (LeBron und Co. eingeschlossen) eine Enttäuschung. Das Interessante aber ist doch: Hattest Du den Eindruck, als hätte die Mannschaft von Coach Erik Spoelstra schon ihr ganzes Können abgerufen?

Überleg mal: Mit all den Schwächen - kein echter Center, verbesserungsfähiges Zusammenspiel, eine Bank, die nicht tief genug schien - haben sie es immer noch in die Finals geschafft. Du hast also völlig Recht: Eigentlich steht da jetzt ein weiterer Schritt aus, und der kann dann eben nur einen Ring für D-Wade und die Mannschaft zur Folge haben. Der Anfang wurde mit dem doch überzeugenden Auftakt-Sieg über die Mavs schon gemacht...

Das Problem für Miami ist nur: Die Konkurrenz ist nicht schwächer geworden - im Gegenteil! Die Knicks sind für mich ganz klar die Gewinner der bisherigen Preseason (okay, zusammen mit einem gewissen Team aus L.A....) - sie haben perfekt ihre große Lücke auf der Center-Position behoben. So schmerzhaft der Abgang von Tyson Chandler für Dallas auch ist, so sehr können sich alle Fans im Madison Square Garden über den 2,16-Meter-Mann freuen, auch schon nach dem ersten Spiel gegen Boston: Er bringt Leidenschaft, Kampfgeist, Emotion, bedingungslosen Einsatz und harte Defense - genau das, was der New Yorker eigentlich liebt, und genau die richtige Ergänzung zum Offensiv-Spektakel, für das Amare Stoudemire, Carmelo Anthony und der Rest des Teams sorgen werden.

Ich freue mich auf den vielleicht besten Frontcourt der Liga! Mit Baron Davis und Mike Bibby haben sie zudem erfahrene Point Guards bekommen - denn so stark Toney Douglas als Energizer auch ist, so wenig ist er ein Playmaker. New York wieder ein echtes Spitzenteam, das sich vor keinem Gegner verstecken muss. Besser noch als in der letzten Saison, wo die Defense (oder viel mehr: die NICHT VORHANDENE Defense) viel zu oft für Kopfschütteln und graue Haare gesorgt hat. (Mal abgesehen davon: Eine Rückkehr von Nate Robinson wäre doch nicht so schlecht, oder? Aber ich träume wahrscheinlich nur...)

Und Chicago? Derrick Rose wird unbedingt beweisen wollen, dass er ein absolut würdiger MVP ist, vielleicht noch einmal einen Schritt nach vorne machen (auch wenn das nach dieser hervorragenden letzten Saison schwierig wird), das Team ist weitestgehend zusammengeblieben, Rip Hamilton ist zudem dazugekommen - Sorgen muss sich niemand in Chicago machen (das haben die Lakers ja auch schon bemerkt). Boston dagegen - ich weiß nicht. Kevin Garnett, Ray Allen und Paul Pierce werden auch nicht jünger, dazu ist die "Supporting Cast" konstant schwächer geworden.

Vergiss nicht: Vor einer Weile noch, da haben in "Beantown" noch Akteure wie Kendrick Perkins, Nate Robinson, Glen Davis, Tony Allen oder auch Delonte West gespielt - Leute, die perfekt zu den Celtics gepasst haben, charakterlich und spielerisch. Nicht umsonst trauert Perkins noch immer seiner Zeit im grünen Trikot hinterher. Jetzt fällt Jeff Green - der für Perkins kam - mit einer Herzerkrankung für die Saison aus, und mal im Ernst: Für einen Klub wie die Boston Celtics, für den Rekordmeister der besten Basketball-Liga der Welt, da müssen doch andere Standards gelten als Brandon Bass als einziger erwähnenswerter Neuzugang (okay, auch wenn der einen guten Einstand hatte gegen die Knicks).

Dazu soll ja auch noch Point Guard Rajon Rondo - einer meiner Lieblingsspieler ligaweit - anderen Teams angeboten worden sein wie Ramschware. Stimmt das, dann ist es ein Skandal. Also: Boston ist für mich immer noch einen Schritt über dem Rest im Osten, aber vielleicht nicht mehr unter den allerersten Favoriten. Trotzdem bin ich gespannt, was Rondo auch aus höchstens durchschnittlichen Spielern wie Keyon Dooling, Sasha Pavlovic oder Chris Wilcox machen kann - die vielleicht schwerste Aufgabe seiner bisherigen Karriere.
Kevin


Du hast völlig Recht - nachdem sich das Kräfteverhältnis in der NBA in der letzten Saison in den Osten verlagert hat, sieht es nun so aus, als würde es noch deutlicher werden. Die Knicks scheinen so stark wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die Celtics werden, wie immer, einen Weg finden. Und wenn Carlos Boozer in Chicago endlich wieder zu der Form findet, in der ihn Fans und Experten schon letztes Jahr erwartet haben (ehe eine Verletzung dazwischen kam), können es genauso gut die Bulls sein, die die Eastern Conference in den Finals vertreten.

Es könnte tatsächlich das Jahr werden, in dem Rajon Rondo endgültig zum Superstar wird. Wir wissen seit Jahren, wie gut er ist, und in der letzten Saison hat er auch noch gezeigt, dass er so einiges aushalten kann, als er sich in den Playoffs gegen Miami den Ellenbogen ausgerenkt hatte - und noch im selben Spiel wieder zurück aufs Parkett kam. Passt es für ihn in dieser Spielzeit? Kann er wirklich ein Team anführen, für das er nicht nur das Tempo vorgeben, sondern eigentlich an jedem einzelnen Spieltag eine perfekte Partie hinlegen muss? Er scheint bereit für diese Aufgab, und wenn es funktioniert, dann werden wir es alle bezeugen können.

Und was ist mit den Magic? Es heißt schon viel, den EINZIGEN dominanten Center der NBA in den eigenen Reihen zu haben.
David Digili

Ach, Dwight Howard...ich sage mal so: Was heißt es in der heutigen NBA schon, als Center "dominant" zu sein? Ist es wirklich ein Zeichen für außergewöhnliche Klasse, sich gegen Spieler wie Kwame Brown, Brendan Haywood, Joel Anthony oder Nenê durchzusetzen?

Klar ist "D12" physisch ein absoluter Ausnahmeathlet, ohne den die Magic niemals solche Erfolge hätten feiern können. Klar kommen immer wieder die Vergleiche zu Shaq, aber mal ehrlich: Ein Dwight Howard im Jahr, sagen wir, 1995, in einer Liga mit Hakeem Olajuwon, Patrick Ewing, David Robinson, Alonzo Mourning oder auch Vlade Divac, alle im besten Alter - hätte er sich da genauso durchgesetzt wie der "Big Fella"? Kurz gesagt: Dwight Howard hin oder her, die Magic können nicht mithalten mit unseren "Big 4". Die Auftaktniederlage gegen Oklahoma City hat schon gezeigt, dass das Team nicht zur absoluten Spitze gezählt werden kann.
Kevin Scheitrum

Ha, ich wusste, dass Du Dich über "Superman" wieder so richtig in Rage reden würdest! Dabei ist er so gut. Und ich bin mir sicher, dass er diese Saison Ernst machen will, jedem beweisen will, dass er einer der Top-Center JEDER Zeit sein könnte. Die Bank der Magic ist vielleicht nicht tief genug, um Teams wie die Heat, die Bulls und die Knicks zu gefährden, aber Dwight bringt sie ganz nah heran.

Wer sind denn eigentlich Deine "X-Faktoren" im Osten? Sicherlich Rondo, aber der ist eigentlich schon zu etabliert, um noch ein "X-Faktor" zu sein. Vielleicht eher einer wie Landry Fields von den Knicks, der den Unterschied machen könnte zwischen einem frühen Aus und einem "Long Run" für das Team.
David Digili

Also, wenn Howard endlich den Einsatz und das Feuer zeigt, das ich von ihm, der er ja ein Franchise-Player sein will, erwarte, dann habe ich keinen Grund mehr, mich zu beschweren.

Meine "X-Faktoren"? Fields auf jeden Fall, das stimmt - auch von ihm erwarte ich einen Schritt nach vorne. Ein solider, zuverlässiger Guard, der - Du hast es schon gesagt - eben das so oft erwähnte "Zünglein an der Waage" sein könnte: Er ist defensiv stark, kann, wenn er will, auch offensiv mithalten und macht die vielen kleinen Dinge, die jedes Team braucht. Was die Celtics angeht: Nicht Rondo ist für mich der "X-Faktor", sondern die "Supporting Cast". Heißt: Steckt in "No-Names" wie Avery Bradley, Greg Stiemsma oder E'Twaun Moore das Potenzial, im richtigen Team, mit den richtigen Mitspielern, zu soliden Akteuren zu werden, die weiterhelfen?

Genauso gilt das für die etablierteren Brandon Bass oder Keyon Dooling. Und Miami? Da ist es nicht "King James" oder Dwyane Wade, auch nicht Mario Chalmers (ist übrigens nicht viel eher DAS die "Big 3" der Heat?), sondern viel mehr die Team-Chemie als entscheidender Faktor für mich. Schon im letzten Jahr gab es Höhen und Tiefen, jetzt ist die Frage: Läuft es auch im zweiten Jahr mal über einen längeren Zeitraum nicht so wie erwartet, wem reißt dann als erstes die Hutschnur? Pat Riley? Team-Leader Wade?

Doch nicht nur das, der ganze Osten bietet Spannung und heiße Duelle, wie sie vor ein paar Jahren noch nur im Westen zu sehen waren. Ein schöneres Weihnachts- und Neujahrsgeschenk als das kann es doch nicht geben für alle NBA-Fans...

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