Dialing Long-Distance: Hoch gehandelt - und tief gefallen?

Gespräche zwischen Berlin und New York: NBA.DE-Blogger David Digili und NBA.COM-Redakteur Kevin Scheitrum diskutieren hier regelmäßig die wichtigsten Fragen rund um die NBA.
Was ist los in New York und L.A.?




Kevin Scheitrum, NBA International Redakteur

Zuallererst einmal: Die Clippers müssen die Playoffs ja überhaupt erreichen. Seitdem sich Chauncey Billups verletzt hat und für den Rest der Saison ausfällt, wurden zwölf der letzten 19 Spiele verloren - darunter eine herbe Niederlage gegen die Hornets am Donnerstag.

Klar ist Chris Paul einer der besten Leader im Basketball, und die Startformation hat alles, um erfolgreich zu sein - Blake kann für die nächsten 15 Jahre ein echter Superstar sein - doch trotzdem funktioniert es nicht so, wie sich das alle am Anfang vorgestellt hatten.

Also: Bevor wir überhaupt über die Playoffs sprechen, sollten wir erst einmal klären, ob die Clippers überhaupt dabeisein werden...
David Digili, NBA.de Blogger

Was sollen da die Knicks erst sagen? Aber bevor wir darauf eingehen, zu den Clippers: Natürlich ist im Westen die Leistungsdichte viel höher als im Osten. Die Clippers, die Grizzlies, die Nuggets und die Rockets haben alle fast dieselbe Bilanz und streiten sich um die bessere Ausgangsposition für die Playoffs, dazu sind die Jazz direkt dahinter in Lauerstellung. Sogar Minnesota und Phoenix könnten theoretisch schnell wieder im Rennen sein.

Selbst die Restprogramme der Konkurrenten sind ähnlich, auf alle warten noch Duelle mit Oklahoma City, Dallas, San Antonio - oder auch direkt gegeneinander. Als Fan kann man sich da auf die Schlussphase dieser verkürzten Spielzeit freuen...

Wer erwartet hat, dass die Clippers sofort alles in Grund und Boden spielen, wollte zu viel. Klar ist die Franchise nicht mehr nur "das andere Team aus L.A.", aber die Konstanz fehlt noch. Ein Grund sind die vielen Änderungen im Kader, der innerhalb der Saison immer weiter umgebaut wurde. Viele neue Spieler kamen dazu, von Reggie Evans über Kenyon Martin bis zu Nick Young - und die wollen natürlich auch ihre Minuten auf dem Parket. Vinny Del Negro hat es da nicht einfach gehabt, eine solide Rotation aufzubauen, geschweige denn ein wirklich gefestigtes Team.

Ein Routinier wie Billups hätte da viel beruhigen können, umso schwerer wiegt sein Ausfall. Aber mal ehrlich: Dass Del Negro jetzt anscheinend schon in Frage gestellt wird, ist doch Unsinn. Die Clippers sind im Playoff-Rennen - und können eine große Zukunft vor sich haben. Wenn eben diese Konstanz gefunden wird. Auch auf dem Trainerposten...
Kevin

Was Del Negro angeht, gebe ich Dir völlig Recht. Er wird die Clippers in die Playoffs führen, und zumindest eine Serie lang werden wir tolle Spiele erleben dürfen - vielleicht sogar länger. Und es stimmt: Die Zukunft sieht wirklich rosig aus für das "andere Team aus L.A.". Jedoch, die "Zukunft" sollte schon "jetzt" beginnen, und für einen Großteil der Saison schien das Team ein sicherer Top-4-Kandidat im Westen zu sein - bis das Schicksal einen Strich durch die Rechnung machte.

Wir in den USA haben so etwas schon einmal gesehen: Als der heutige NFL-Quarterback Tim Tebow in einer emotionalen Pressekonferenz zu College-Zeiten an der University of Florida versprach, dass niemand härter als seine Gators arbeiten würde, wurde er erst zum Star. Und als Chris Paul am Donnerstag seine Ansprache vor den Fans hielt, fühlte man sich genau daran erinnert.

Paul ist längst bekannt als einer der besten Spielmacher der Liga, was Talent, Spielintelligenz, Führungsqualitäten und eigentlich alles angeht, was einen guten Point Guard ausmacht. Aber ich denke, dass wir jetzt miterleben werden, wie er seine Karriere noch einmal auf ein ganz anderes Level hievt.

Er weiß genau, was dem Team ein Playoff-Run in diesem Jahr bringen kann. Wenn er es nun schafft, mit der Mannschaft diese Hürden, die sich ihnen momentan in den Weg stellen, zu überwinden, dann könnte er einen Großteil dazu beitragen, die ewige Frage "CP3 oder D-Will" zu beantworten.
David

Die Frage hat sich für mich nie gestellt. Was "on-court-vision" und Passqualitäten angeht, kann für mich nur Rajon Rondo mithalten (wenn er da nicht sogar ein Stück besser ist...). Rondo ist für mich der beste "Aufbauspieler" im klassischen Sinne, Paul der beste "Point Guard" im Sinne eines Gary Payton oder Tim Hardaway, ein "General". Nein, ich habe Derrick Rose nicht vergessen - "D-Rose" interpretiert die Rolle des "Combo-Guards" so gut wie aktuell nur Dwyane Wade.

Paul übrigens hat dem guten Tim Tebow gleich zwei Dinge voraus: Er wurde nicht von einem Altstar verdrängt - und er passt genauer. Aber das ist eine andere Geschichte. "CP3" weiß ja schon, wie sich die Playoffs anfühlen, genau wie auch Caron Butler und Billups. Diese Erfahrung kann auch für den Rest des Teams von unschätzbarem Wert sein - besonders für einen gewissen Power Forward mit der "32" auf dem Rücken...

Und selbst wenn schon nach Runde 1 Schluss sein sollte in diesem Jahr - die Clippers werden im nächsten Jahr noch hungriger wiederkommen. Während die Lakers mit inneren Unruhen in die Schlagzeilen kommen, die Spurs und die Mavs altern (und immer noch vorne mit dabei sind), während die Oklahoma City Thunder derzeit relativ einsam ihre Kreise an der Spitze der Western Conference ziehen, könnten die Clippers in die Lücke stoßen, die in den nächsten Jahren immer größer werden könnte zwischen den Thunder und dem Rest im Westen.

Wohl zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte sind die Kalifornier ein Team, das Spieler anzieht, nicht vergrault. Was eigentlich auch die Knicks sein sollten...
Kevin

Es ist schon erstaunlich, dass die Knicks immer noch unter 50% sind, oder? Trotz "Linsanity". Trotz der jüngsten Siegesserie. Trotz all des Hypes zu Saisonbeginn. Platz 8 im Osten ist immer noch nicht gesichert.

Gerade das macht es doch so interessant. Im Osten gibt es wohl kein talentierteres Team - die Knicks haben einen Kader, der mit etablierten und auch kommenden Stars gespickt ist. Natürlich reicht "Talent" alleine nicht aus, aber wenn die Form der letzten beiden Wochen gehalten werden kann, dann können die Knicks durchaus für eine Überraschung sorgen. Meiner Meinung nach sind sie das einzige Team, das die scheinbar sicheren Conference-Finals zwischen Miami und Chicago verhindern könnten - gerade wenn man bedenkt, dass die Knicks gerade in den beiden Spielen gegen die Bulls mehr als nur mithalten konnten.

Was meinst Du? Wartet da eine First-Round-Überraschung auf uns?
David

Die New Yorker Fans mussten bisher (mal wieder) eine enttäuschende Saison erleben. Ständige Achterbahnfahrten zwischen "Contender" und "Expansion Team" und, und, und. Ich fand es bezeichnend, dass die Mannschaft ausgerechnet ohne ihren Topstar am besten gespielt hat. Als Carmelo Anthony ausfiel und Jeremy Lin sich ins Rampenlicht gespielt hat, war irgendwie wieder diese Stimmung im MSG, die in den 90ern die Knicks ausgemacht hat. Das Team hat gearbeitet, gekämpft, offensiv stark gespielt - und sogar gut verteidigt.

Ex-Knicks-Coach und TV-Experte Jeff van Gundy hat es genau richtig gesagt zu diesem Zeitpunkt: "Die Knicks spielen jetzt MITeinander, nicht FÜReinander", wie es meistens der Fall war, wenn "Melo" auf dem Court stand.

Natürlich soll der Go-to-guy seine Chancen bekommen, wenn er in Form ist. Ich will mich jetzt gar nicht in die Liste der Anthony-Kritiker einreihen (schließlich war auch ich euphorisch, als die "Nummer 7" letzte Saison aus Denver kam), sondern nur sagen: Das Problem der Knicks war die völlige Konzentration auf "Melo" und Amare Stoudemire - dabei ist schon immer das Teamwork der Schlüssel zum Erfolg im "Big Apple" gewesen.
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br/> Früher waren es Willis Reed, Walt Frazier, Earl Monroe, Dave DeBusschere und ein ganzes Team, das funktionierte. Genau wie in den 90ern, als Patrick Ewing zwar der Star war, aber nie Zweifel daran ließ, dass er ein harter Arbeiter an beiden Enden des Spielfelds ist - unterstützt von Spielern wie John Starks, Charles Oaklay, Anthony Mason oder Derek Harper.

Die New Yorker Fans wollen Leidenschaft und Einsatz sehen, kein Offensiv-Feuerwerk mit Spielern, die dafür nicht geeignet sind und dazu auch noch nicht mal verteidigen. Deswegen konnte der Versuch "Mike D'Antoni" auch nicht funktionieren.

Ist Dir etwas aufgefallen? Die Knicks hatten bei ihrer jüngsten Siegesserie (der ersten unter Neu-Coach Mike Woodson) durchschnittlich 5 Spieler in "double digits". Wenn sie dieses Teamwork aufrechterhalten können, wenn sie weiter "MITeinander" spielen, ohne sich zu sehr auf Anthony und "STAT" zu verlassen, damit schwerer ausrechenbar und variabler sind - dann könnten sie auch den Bulls oder den Heat (die ja höchstwahrscheinlich in Runde 1 warten) Schwierigkeiten bereiten.

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