Der grosse Unterschied

Sebastian Dumitru

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Fragt man den durchschnittlichen Fan nach dem wichtigsten Spieler bei den New York Knicks, variiert die Antwort vermutlich zwischen Carmelo Anthony, Amare Stoudemire und Jeremy Lin. Sie sind es ja auch, denen der Grossteil des grellen Scheinwerferlichts und Medieninteresses im Big Apple zuteil wird. Wie ironisch, dass dabei der imposanteste und beste Akteur im Kader allzu leicht übersehen wird: Tyson Chandler, Knicks-MVP.

Der 2,16m Hüne ist der Hauptgrund für New Yorks historischen Umschwung in dieser Saison und Garant dafür, dass man mittlerweile zu den heissesten Teams der Liga zählt. Chandler, der vor der Saison in einem Drei-Team-Trade für vier Jahre und 58 Millionen Dollar aus Dallas kam, hat eigenhändig die gesamte Knicks-Kultur verändert. Letztes Jahr rangierten die 'Bockers bei der defensiven Effizienz noch abgeschlagen auf Platz 21. Der Gegner hatte vor dem Anthony/Stoudemire Frontcourt keinerlei Respekt und punktete nach Belieben. Dank des Zonen patrouillierenden Neuzugangs verbesserte sich das Team in der Verteidigung über Nacht und schoss in den Rankings steil nach oben. Mittlerweile rangiert New York bei den stärksten Abwehrbollwerken der Liga auf Platz 4 (Def. Eff. 97.6) – Tendenz weiter steigend.

Es ist vor allem Chandlers Verdienst, dass die Knicks wieder mit beinharter Defense assoziiert werden, wie schon vor 20 Jahren unter Patrick Ewing und später dann beim historischen Finals-Run 1999. Er deckt alle Unzulänglichkeiten seiner Vorderleute ab und versichert gegen Anthony/Stoudemire Rotationsfehler. Er ackert am defensiven Brett, neutralisiert die Zone und absorbiert gegnerische Drives wie ein überdimensional grosser Staubsauger. Mit ihm auf dem Court kassieren die Knicks nur 99.5 Punkte pro 100 Angriffe. Ohne ihn: astronomische 113.5.

Der 29-Jährige ist lang, mobil und extrem athletisch. Er putzt das Glas wie Sidolin (10 Rebounds pro Spiel, Platz 8), blockt Würfe ohne in Foulprobleme zu geraten (1.5 BPG, Platz 19) und ist der unumstrittene Knicks-Anführer auf dem Parkett. Seine Antizipation, seine Wahrnehmung und seine Fähigkeiten als Defensivkoordinator haben ihn in den letzten Jahren zu einem der dominantesten Verteidiger der Liga gemacht, dem erstmals ernste Chancen auf den “Defensive Player of the Year” Award eingeräumt werden. Für mich ist er in dieser Saison der unumstrittene DPOY, noch vor Dwight Howard, LeBron James, Serge Ibaka oder Kevin Garnett, dank seines statistischen Impacts auf die Standings und indirekt auf die Psyche einer ganzen Metropolregion.

Es wäre die logische Schlussfolgerung einer Karriere, in der Chandler einen Club nach dem anderen defensiv geprägt und verändert hat. Letztes Jahr verbesserte er Dallas auf Platz 7 und war neben Nowitzki der Hauptgarant für den Titelgewinn der Mavericks, indem er die Fehler der anderen hinten ausbügelte und einfache Punkte am Brett vereitelte. Der statistische Absturz des Champions in dieser Saison hängt direkt mit Chandlers Abgang zusammen. Zuvor hatte er die Charlotte Bobcats als abwehrstärkstes Team etabliert und in die Playoffs gehievt. Während seiner Zeit in New Orleans rangierten die Hornets immer unter den Top-10 Defensiven der NBA, obwohl weder das Spielermaterial noch die Vereinskultur darauf ausgerichtet war. Auch die Chicago Bulls verdienten sich 2004/05 dank eines jungen Starting Centers Chandler als zweitbeste Verteidigung der Liga ihre Sporen.

Was verdeutlicht: obwohl Mike Woodson natürlich seinen Anteil an den new-look Knicks hat, macht Chandler den grössten Unterschied. Dabei dominiert er nicht nur hinten, sondern hat sich ausserdem zu einem der effizientesten Offensivspieler aller Zeiten entwickelt. Was ihm an traditionellem Faceup- oder Postup-Skills fehlt, macht er durch seine verheerenden Fähigkeiten im Pick'n'Roll wieder wett. Der Gegner kann sich nie entspannen, wenn Chandler in der Mitte des Feldes zum Screen ansetzt. Dank seiner Athletik, geschickten Hände und hohen Spielintelligenz kann er nahezu jeden Spielzug aus null bis vier Metern erfolgreich abschliessen. Seine kumulative Karriere True Shooting Percentage (60.9 TS%) ist die höchste aller aktiven NBA-Spieler. Mit 70.3 ist er ausserdem auf bestem Wege, die höchste Saison TS% aller Zeiten aufzustellen. Und: nur Wilt Chamberlain hatte jemals eine höhere Trefferquote in einer Spielzeit als Chandler in der aktuellen (67.4 FG%).

Wie nachhaltig der Center für die Knicks arbeitet, verdeutlicht folgende Statistik: von seinen 646 Punkten in dieser Saison hat der Riese 644 direkt in der Zone oder von der Freiwurflinie erzielt. Purer Irrsinn! Wenn Chandler sieben oder mehr Würfe erhält, gewinnen die Knicks 90% ihrer Partien, was seinen unersetzbaren Wert unterstreicht. Ohne Stoudemire in der Lineup waren es 12 Siege in 17 Spielen (71%). Ohne Lin 7 von 11 (64%). Und ohne Anthony immerhin noch 6 von 10 (60%). Ohne Chandler: kein einziger.

„Ich bin so unbeschreiblich froh, dass er in unserem Team ist“, fasst Coach Woodson die Unentbehrlichkeit seines Centers perfekt zusammen. „Er ist ein echter Winner, ein echter Profi. Er ist es, der uns antreibt.“ So ist das nunmal: Anthony, Stoudemire und Lin bekommen den ganzen Ruhm ab. Chandler hat sich währenddessen zum besten Verteidiger der Liga und Franchise-Spieler gemausert, der unter dem Radar Partien dominiert und Meisterschaften entscheidet. Nicht dass er mit dieser Rollenverteilung je ein Problem gehabt hätte...

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