Das Spiel der Fehler

André Voigt

„Basketball ist ein Sport der Fehler und wer die wenigsten davon begeht, gewinnt am Ende das Spiel“, dieses Zitat stammt von Robert Montgomery Knight, gerufen Bobby.

Knight errang als Trainer von Michael Jordan, Chris Mullin und Patrick Ewing 1984 mit den USA eine olympische Goldmedaille. Niemand gewann mehr Spiele in der Division I als der dreimalige NCAA-Champion. Knight coachte nie ein Profiteam. Trotzdem hat sein Wort im Nachklang von Spiel drei der NBA Finals 2012 Gewicht.

Denn: Basketball ist auch in der National Basketball Association ein Spiel der Fehler.

Die NBA Finals sind die höchste Bühne, die der Basketball zu bieten hat. Hier können die kleinsten Unachtsamkeiten über Sieg und Niederlage entscheiden. Teams, die sich bis hier durchgekämpft haben, sind eingespielt, kennen die eigenen Stärken, verstehen sich blind.

Spiel drei der 2012er Version der Finals war jedoch eine der fehlerhaftesten Partien auf diesem Level seit langem.

Da waren zum Einen die Miami Heat. Fünf Mal war das Team von Coach Erik Spoelstra in den 48 Minuten außerhalb der Zone mit Sprungwürfen erfolgreich – bei 30 Versuchen! Die Wurfquoten war folgerichtig unterirdisch: 37,8 Prozent insgesamt, 30,8 Prozent von der Dreierlinie. „Dieses Spiel war nicht von Anfang bis Ende schön“, gab auch Spoelstra nach der Partie zu. „Aber hier in Miami mögen wir dieser Siege, weil diese schwer erarbeiteten Erfolge, viel über den Charakter des Teams aussagen.“

Wenn dem so ist, sollte die Niederlage der Thunder auf der anderen Seite viel über das Team aus OKC verraten. Auch die Mannen von Trainer Scott Brooks glänzten nicht gerade als Scharfschützen. 42,9 Prozent aus dem Feld sind kein Ruhmesblatt, erzählen aber bei weitem nicht die ganze Geschichte dieser Pleite.

In den ersten 24 Minuten schoss OKC so, dass einem Heat-Fan Angst und Bang werden musste. Russell Westbrook nahm sich spürbar zurück und wählte kluge Abschlüsse. Zusammen mit Kevin Durant traf er elf von 21 Versuchen für 26 Punkte. Auch der Rest des Teams nahm gute Würfe und verwandelte 50 Prozent aus dem Feld.

Warum Oklahoma City dennoch zur Hälfte mit 46:47 zurück lag? Da war die Tatsache, dass Durant und Co. eine Vielzahl an extrem leichten Körben zuließen. Die Rotationen in der Defense stimmten ein ums andere Mal nicht. Wenn LeBron James oder Dwyane Wade an der Dreierlinie mit einem Big Man das Pick-and-Roll liefen, half der Verteidiger des Blockstellers clever aus, um dem Dribber – zusammen mit dessen Originalverteidiger – den Weg zum Korb schwer bis unmöglich zu machen.

Das Problem?

Die Hilfe für den aushelfenden Langen kam entweder spät oder oft gar nicht. Serge Ibaka stand oft viel zu weit von der eigenen Zone entfernt, zweifellos weil er Shane Battier daran hindern wollte, erneut von der Dreierlinie für Unheil zu sorgen. Anstatt Dreier regnete es so Dunks und Korbleger, die Miami trotz der katastrophalen Wurfquoten von außen im Spiel hielten.

Außerdem waren da noch die Rebounds. Offensivrebounds. Zehn an der Zahl. Allein LeBron James griff vier davon vor der Pause. Der MVP – zum Teil von James Harden verteidigt – sah mitunter aus, als würde da ein 18-Jähriger mit ein paar Grundschülern spielen, so körperlich überlegen agierte LBJ auf dem lackierten Parkett.

Als die Referees in die Kabine baten, schien es so, als würde es nur eine Frage der Zeit sein, bis die Thunder in diesem Spiel die nötigen Feinjustierungen vornehmen.

Dann folgten 24 Minuten, die künftig – aller Spannung am Ende zum Trotz – wohl nur durch sehr kreative Zusammenschnitte der Highlights erträglich sein werden.

Die Zahlen der zweiten Hälfte lesen sich wie eine basketballerische Horrorshow:

MIAStatOKC
44Punkte39
33,3FG%35,9
50,03P%10,0
10Turnover7

Dwyane Wade fehlte sein unwiderstehlicher Antritt, der noch in Spiel zwei so wichtig gewesen war. Sein Knie schien ihn, erneut zu behindern. Mario Chalmers war im zweiten Spiel in Folge ein Totalausfall. Das einzig Gute, was sich über die Heat von Minute 25 bis 48 sagen lässt ist die Tatsache, dass sie entschlossen agierten, den Weg in die Zone fanden und Fouls zogen.

24 Freiwürfe erarbeiteten sich die Heat. Sie trafen 22 und fuhren so den Sieg in einem Schlussviertel nach Hause, in dem das Team … ACHTUNG … acht Ballverluste produzierte.

Dass diese „durchwachsene“ Leistung für den Erfolg im so wichtigen Spiel drei reichte, lag auch am Gegner. OKC verlor nach einer Zehn-Punkte-Führung im dritten Viertel vollkommen den offensiven Faden, foulte sogar zwei Dreierschützen beim Abschluss … Weder Durant, noch Westbrook oder Harden vermochten die Partie offensiv an sich zu reißen.

Im Gegenteil … Scott Brooks beauftragte Veteran Derek Fisher mit dem Spielaufbau. Eine Entscheidung, die vernünftig erscheinen mag, bringt der fünffache Champion doch Erfahrung und Stabilität. Dass dem so ist, lässt sich nicht wegdiskutieren, Fisher hat aber auch einen entscheidenden Nachteil: Der 37-Jährige kann aus dem Dribbling heraus keine Chancen für andere kreieren. Dass der Aufbauspieler der Thunder jedoch Löcher reißt oder zumindest die Defense diese Attacke respektieren muss, ist ein integraler Bestandteil der Offensive des Teams.

OKC verlor fast zwangsläufig den Rhythmus, vor allem Westbrook war abseits des Balles kein Faktor. Von seinen vier Würfen im Schlussviertel, nahm er drei in den letzten 90 Sekunden – dabei absolvierte Westbrook alle zwölf Minuten des finalen Durchgangs.

Auch Kevin Durant konnte im vierten Viertel nicht, wie in den ersten beiden Aufeinandertreffen, offensiv dominieren. Erneut mit fünf Fouls belastet, versuchte er immer wieder gegen LeBron James aufzuposten. Dies kam LBJ entgegen, bestand so doch nicht die Gefahr, dass Durant an ihm vorbei geht. James konnte den Körperkontakt mit dem leichteren Durant suchen, der in der Folge regelrechte Notwürfe nahm.

So war es James, der in diesem Spiel der Fehler am Ende den Thunder im vierten Viertel die Tür vor der Nase zu schlug. Acht Punkte markierte er, traf vier seiner fünf Freiwürfe, packte sich vier Rebounds, einen davon am Brett der Thunder.

Außerdem instruierte James vor dem Ballverlust von Thabo Sefolosha beim Einwurf der Thunder 16,2 Sekunden vor Schluss Mitspieler James Jones genau, wie er zu stehen hatte, weil die Heat wussten, wohin Russell Westbrook sich frei laufen würde.

James Zahlen im vierten Viertel werden im Nachhinein niemanden in Ekstase versetzen, doch LeBron James war der „Closer“ dieses so wichtigen Spiels. Er zeigte, dass er dieses Level kennt, dass er aus 2011 gelernt hat.

„Nichts ist garantiert“, sagte Dwyane Wade später. „Du kannst nicht immer sagen, dass es ja noch das nächste Jahr gibt, weil du nie weißt, was passiert. Dieses Jahr denke ich, dass wir ein erfahreneres Team sind. Ich sage nicht, dass wir es mehr wollen als die Thunder, ich denke nur, dass wir die Situation ein wenig besser verstehen. Wir können damit besser umgehen. Heute hat uns die Erfahrung der Finals 2011 geholfen, dieses Spiel zu gewinnen.“

Die Oklahoma City Thunder haben vergangene Nacht vor allem eins gezeigt: Dass sie noch einen langes Stück des Weges zur Championship vor sich haben.

„Das ist NBA Basketball“, blickte Scott Brooks voraus. „Du musst mit diesen Niederlagen zurecht kommen. Du musst sie hinter dir lassen, du musst daraus lernen, du musst dadurch besser werden.“

Basketball ist nicht nur ein Spiel der Fehler, es ist auch ein Spiel der Chancen, die es zu ergreifen gilt. Genau das haben die Miami Heat getan.

MVP

LeBron James – 29 Punkte, 14 Rebounds, 3 Assists, 11/23 Würfe, 6/8 Freiwürfen

Vielleicht der wichtigste Beitrag von James in dieser Partie war seine Dominanz in der Zone. OKC fand keine Antwort auf seine Präsenz am Brett. Außerdem schränkte er die Effektivität Durants am Ende ein und hängte ihm sein fünftes Foul an.

Held im Schatten

Shane Battier – 9 Punkte, 2/2 Dreier, 3/3 Freiwürfe

Battier steht jetzt bei 11/15 Dreiern. Seine Wurfquoten in den Finals liegen bei astronomischen 73,7 Prozent aus dem Feld, 73,3 von der Dreier- und 80,0 an der Freiwurflinie. Seine schiere Präsenz zog die Defense der Thunder weit auseinander. Als er spät im zweiten Viertel endlich zwei Dreier nehmen konnte, versenkte er sie eiskalt. Ach und verteidigen tut er auch noch.

Das vierte Viertel

Wie agierten die Stars beider Teams im vierten Viertel? Wir schauen in jeder Partie – es sei denn, es gib einen ganz klaren Kantersieg – auf die Statistiken in den letzten zwölf Minuten.

LeBron JamesStatKevin Durant
8Punkte4
2/4Würfe2/6
0/0Dreier0/1
4/5Freiwürfe0/2
4Rebounds1
0Assists0
12:00Minuten12:00

Dwyane Wade StatRussell Westbrook
5Punkte4
1/4Würfe2/4
0/0Dreier0/2
3/3Freiwürfe0/0
1Rebounds1
1Assists1
12:00Minuten12:00

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