Das Playoff-Blog: Der Traum der Bulle ist vorbei

André Voigt

Die Meinungen, die im Playoff Blog geäußert werden, geben lediglich André Voigts persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Don’t call it a comeback, das Playoff-Blog ist zurück! Dieses Jahr aktueller als je zuvor. Fast täglich wird es ab sofort an dieser Stelle Einschätzungen und Analysen zu den laufenden Serien geben.

Deshalb ohne lange Vorrede ran an die erste Runde …

EASTERN CONFERENCE

Chicago Bulls vs. Philadelphia 76ers

Bitterer hätte der Start in die Postseason für die Bulls nicht laufen können. Mit Derrick Rose verabschiedeten sich auch die Titelchancen Chicagos.

Viele werden jetzt aufschreien, darauf verweisen, dass Tom Thibodeau und Co. ja auch ohne ihren MVP höchst erfolgreich durch die reguläre Saison kamen.

Genau … durch die r-e-g-u-l-ä-r-e Saison. Das hier sind die Playoffs.

Jetzt haben die Trainerstäbe – im Gegensatz zur hektischen Regelspielzeit 2011/12 – genug Leerlauf, sich penibel auf die Gegner einzustellen. Teams hören genauer hin, wenn ihre Vorgesetzten den Game Plan skizzieren. Die Intensität ist höher, Fehler wiegen schwerer.

Wenn ein Team sich nicht den Kopf darüber zerbrechen muss, wie einer der besten Spieler des Planeten gestoppt werden muss, ist das ein unglaublich großer Vorteil. Denn der Gegner muss seinerseits in nur wenigen Tagen Wege finden, konstant freie Würfe für die Scorer aus der zweiten oder dritten Reihe zu generieren.

Dies zu tun, wenn Derrick Rose die Aufmerksamkeit der Verteidigung auf sich zieht, ist eine Sache … Jetzt die Offensive plötzlich über C.J. Watson, Rip Hamilton, Luol Deng oder Carlos Boozer laufen zu lassen, noch dazu gegen eine Defensive, die extrem gut vorbereitet ist, ist extrem schwer. Vor allem da die Sixers – bis zu ihrem Fast-Kollaps zu Saisonende – eine historisch gute Verteidigung spielten.

Der Rest der Serie dürfte defensiv geprägt sein. Beiden Mannschaften fehlt ein Go-to-Guy allerhöchster Güte. Chicago und Philly werden im Kollektiv punkten müssen, verbissen verteidigen.

Für die Bulls mag dies zum Einzug in die zweite Runde reichen. Vielleicht sogar zu einem Trip in die Conference Finals – außer Miami findet sich keine dominante Mannschaft in diesen Ost-Playoffs.

Das Ziel war jedoch der Titel …

Die Bulls hätten das Gegengewicht zu den Heatles bilden sollen in dieser Postseason. Sie sind es nicht mehr … So bitter sich das liest.

Miami Heat vs. New York Knicks

In New York schrillen die Alarmglocken!

Nein, nicht weil die Serie gegen die Heat 0-2 steht. Denn das ist nicht weiter schlimm. Eine Serie beginnt erst, wenn das Heimteam zum ersten Mal verliert. Das 0-2 war – vor allem nach der Pleite in Spiel eins – erwartet worden.

Der Grund für ein kollektive flaues Gefühl im Magen dürfte im Big Apple ein Fight sein, den die Verantwortlichen nicht kommen sahen. Die Rede ist vom Erstrunden-Knockout des Kampfes „Amar’e Stoudemire vs. The Feuerlöscher“.

Dass Stat nach der 94:104-Niederlage in Miami frustriert war, ist einerseits verständlich. Andererseits hatte der Power Forward – im Gegensatz zu seinen neun Zählern im ersten Spiel der Serie – mit 18 Punkten und sieben Rebounds offensiv ordentlich abgeliefert.

Warum musste der All Star also unbedingt die eigene Wut am Glascontainer eines Feuerlöschers auslassen, was eine tiefe Schnittwunde an der linken Hand nach sich zog, die ihn wahrscheinlich für den Rest der ersten Runde außer Gefecht setzt?

War es die Tatsache, dass er über weite Strecken offensiv mal wieder nur die Statistenrolle an der Seite Anthonys spielen durfte? Dass Melo in den beiden Begegnungen mit Miami 41 Würfe nahm, Stoudemire aber nur 16?

Die Antwort weiß nur Stoudemire selbst.

Sicher ist: Das Management in New York dürfte mit einer gehörigen Portion Bedauern auf die Gehaltszahlen ihres Big Man blicken. Den Maximalvertrag des Free Agents von 2010 konnte die Franchise damals aufgrund seiner langen Verletzungshistorie nicht krankenversichern. Dieses Jahr muckte der Rücken auf, der unter Umständen sogar eine Operation im Sommer braucht.

Hinzu kommen die augenscheinlichen Probleme im Zusammenspiel mit Carmelo Anthony sowie das Frustfoul am Feuerlöscher, welches die eh schon geringen Chancen der Franchise auf ein Weiterkommen gegen die Heat nochmals schmälerte.

Wer will es den Knicks also verdenken, wenn sie mit gemischten Gefühlen auf die knapp 65 Millionen Dollar blicken, die sie Stoudemire noch bis 2015 überweisen müssen?

Vielleicht sollten sie die Amnesty Clause ziehen und Stoudemire einfach entlass… ups, Moment, geht ja gar nicht. Chauncey Billups wurde vor der Saison amnestisiert … Also traden? Wer will einen angeschlagenen, nicht verteidigenden, hoch bezahlten 29-Jährigen haben?

Bleibt abzuwarten, ob Carmelo Anthony ohne seinen All-Star-Partner in der dritten Partie verstärkt auf Power Forward auflaufen wird und wie die Heat diesen Schachzug verteidigen. Stoudemire wird wohl erst 2012/13 wieder eingreifen.

WESTERN CONFERENCE

Oklahoma City Thunder vs. Dallas Mavericks

Es fühlt sich ein bisschen an wie 2011. Die Mavericks und Thunder befinden sich in der intensivsten Serie der Playoffs – dabei befinden wir uns gerade mal in der ersten Runde.

Bitter für das Team von Rick Carlisle ist die Tatsache, dass sie in den ersten beiden Partien jeweils dran waren. Dirk Nowitzki zeigte erneut, dass er einer der besten Closer der NBA, Jason Terry topmotiviert (er wird Free Agent), Shawn Marion einer der besten Verteidiger der Liga und Jason Kidd ausgeruht ist.

Aber …

Während Kevin Durant bisher nicht wirklich mit Shawn Marions Defense zurecht kommt – er traf nur 15 seiner 44 Würfe in den ersten beiden Partien – sind es zwei Spieler, die ansonsten kaum für offensive Impulse sorgen, bei denen sich OKC für die ersten beiden Erfolge bedanken kann.

Serge Ibaka (Saisonschnitt: 9,1 Punkte) erzielte 22 Zähler zum Auftakt, Kendrick Perkins (5,1) 13 in Spiel zwei.

Sie trafen hochprozentig und sorgten für eine Präsenz am Brett für Oklahoma City. Sollten beide weiterhin in der Lage sein neben ihrer „Defensivarbeit“ an Nowitzki – beide haben wohl einige Videos der vergangenen FIBA-Turniere gesehen – für effiziente Offensive zu sorgen, werden es die Mavs schwer haben.

Dallas steht auf jeden Fall im dritten Spiel bereits mit dem Rücken zur Wand. Vor einem frenetischen Publikum im American Airlines Center muss Coach Rick Carlisles Kader den Sieg einfahren, sonst droht dem Unternehmen Titelverteidigung ein jähes Ende.

L.A. Lakers vs. Denver Nuggets

George Karl brachte es in der Auftaktpartie gegen die Lakers auf den Punkt: „Wir haben nur eine Chance, wenn wir jeden Ball sofort nach vorne rennen.“

„Flucht nach vorn“ ist also das Gebot der Stunde für die Nuggets. Doch das Konzept dürfte nicht aufgehen.

Denn so einleuchtend es auf den ersten Blick zu sein scheint, die Big Men der Lakers Pau Gasol und Andrew Bynum im Fastbreak abzuhängen, so wenig realistisch ist dies.

Zumindest in Los Angeles …

Gut möglich, dass die Nuggets im heimischen Denver und der dortigen dünnen Luft auf 1.609 Meter Höhe, sich ein Spiel ersprinten können. Für mehr wird es nicht reichen …

L.A.s Überlegenheit am Brett wiegt um einiges schwerer.

Denver bekommt in der Zone keine einfachen Körbe. Immer steht entweder Bynum oder Gasol bereit, um die Flugbahn eines Wurfes zu verändern oder diesen durch die eigene bloße Präsenz zu verhindern.

Gleichzeitig schließen die Big Men hochprozentig ab, Gasol und Bynum trafen zusammen elf ihrer 21 Würfe – Ersatzmann Jordan Hill fünf von zehn.

Diese Dominanz der beiden Sevenfooter war schon in der Vergangenheit – als Bynum noch nicht annähernd auf All-Star-Niveau agierte –, von der Konkurrenz nur extrem schwer zu kontern. Vor dem Hintergrund der Tatsache wie gut die beiden Langen derzeit zusammenspielen, fragt sich, ob die Lakers wirklich gut beraten gewesen wären, den Trade für Chris Paul durchzuziehen.

Natürlich ist Paul derzeit der beste Point Guard der NBA. Doch wer kann in der Liga Bynum und Gasol kontern? Niemand. Nicht auszudenken, wie gut die Lakers sein würden, wenn Lamar Odom nicht seinen Abgang forciert hätte und so ein weiterer hochkarätiger Power Forward von der Bank gekommen wäre …

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