Das “Manimal” ist los

Sebastian Dumitru

Als Kenneth Bernard Faried Lewis noch ein Kind war und in Newark/New Jersey in seiner Schülermannschaft spielte, ging er häufig ernüchtert nach Hause, verzweifelt, weil er in der Offensive keinen Ball zugespielt bekam. Seine Mutter Waudda sagte ihm damals ganz lapidar: “Dann geh und schnapp dir den Ball, mein Junge. Schnapp ihn dir einfach!” Was dann passierte, ist Geschichte, wie man so schön sagt.

Faried krempelte sein gesamtes Spiel um und hatte fortan nur noch eins im Kopf: Rebounden! Wenn der Ball schon nicht zu ihm kam, dann ging er eben zum Ball. Ohne Rücksicht auf Verluste. Mit seinem unermüdlichen Antrieb und einer unbändigen Leidenschaft spezialisierte er sich auf's Glasputzen und avancierte so zum besten College-Rebounder aller Zeiten. Kein Spieler in der NCAA-Geschichte hat mehr Rebounds (1673) gepflückt als Kenneth Faried. Und obwohl er seine unbekannten Morehead State Eagles bis tief ins NCAA-Turnier führte und als 2nd Team All-American geehrt wurde, blieben die NBA-Scouts vor dem Draft skeptisch.

Er sei zu klein für einen Power Forward, er sei schon “zu alt” und bereits fertig entwickelt, er habe keine identifizierbaren Fähigkeiten in der Offensive – das waren nur einige Kritikpunkte von Managern, die sich im Draft lieber Flops wie Jan Vesely, Marcus Morris, Tobias Harris oder Donatas Motiejunas abgriffen. Faried rutschte hinab auf Rang 22, wo er schliesslich von den Denver Nuggets aufgeschnappt wurde.

Ohne Trainingscamp konnte der Rookie zu Beginn noch nicht auf sich aufmerksam machen. George Karl wusste nicht, welchen Rohdiamanten er da am hintersten Ende seiner Ersatzbank sitzen hatte. Man muss ihn eben spielen sehen, ihn ein paar Minuten in Aktion erleben, ehe sein Einfluss direkt ins Auge springt wie seine „in your face“ Spielweise. Sein Aktivitätslevel ist unerreicht. Er ist permanent in Bewegung und verursacht Chaos auf dem Court. Er setzt knochenbrechende Screens, eröffnet Räume für Flügelspieler und kreiert Mismatches. Das Beste: er braucht keinen einzigen Ball, um hoch effektiv zu sein, wichtige Plays zu machen und seinem Team Chancen auf den Sieg zu ermöglichen.

Viele junge Spieler, vor allem Big Men, wollen heutzutage lieber am Perimeter herum lungern und den Ball dribbeln, während vier Mitspieler ihnen dabei zusehen, wie sie sich festfahren. Die Ball- und Spielerbewegung stoppt, die Offensive stagniert, das gesamte Team ist leicht auszurechnen und zu verteidigen. Faried hingegen kommt ohne eigenen Spielzug aus. Er punktet, ganz opportunistisch, nach offensiven Putbacks, direkten Sprints zum Korb oder durch hartes Abrollen nach Pick & Rolls. Alles ausschliesslich hochprozentige Würfe im Fluss des Spiels (59% FG). „Es ist wirklich erstaunlich, wie langsam die Grossen in der NBA sind“, sagt Faried über gegnerische Big Men. „Es gibt nicht viele, die sich schnell bewegen oder schnell in die Verteidigung zurück sprinten. Das versuche ich auszunutzen, um viele leichte Punkte zu machen.“

Mit seiner Arbeitseinstellung, seiner Professionalität und seinem unbedingten Willen, sich durchzubeissen, überzeugte er letztendlich auch seinen Coach. Karl hatte ihn im Dezember und Januar nur dreimal eingesetzt, ehe er seinem Rookie Anfang Februar eine erste Chance gab. Faried ergriff sie wie einen Offensivrebound und liess sie nicht mehr los. Seine ansteckende Dynamik ist aus dem Nuggets-Spiel mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Seit der athletische Rasta-Mann in die Startformation gerückt ist, legt er durchschnittlich 10.8 Punkte, 8.2 Rebounds und 1 Block in 24 Minuten Einsatzzeit auf. Er spielt so überzeugend, dass sich die Nuggets sogar von ihrem bisherigen Franchise-Center Nene trennten, den sie vor der Trade-Deadline nach Washington schickten.

Ein guter Zug, zumal Faried jetzt schon eine Sache besser macht, als es Nene jemals gekonnt hätte: Rebounden. Das 22-jährige Energiebündel führt mit 16.1% die NBA bei der Offensive Rebound Percentage an, also der Anzahl aller verfügbaren Offensivrebounds, die sich ein einzelner Spieler greift, wenn er auf dem Platz steht. Bei den Rebounds per48Minutes rangiert Faried auf Platz 8 mit 16.4 RP48, noch vor Leuten wie Andrew Bynum oder Kevin Love. Insgesamt greift sich der mit Abstand beste Rookie Big Man alle 2.9 Minuten einen Abpraller - ein elitärer Wert knapp hinter Dwight Howards 2.6 - und unterstreicht damit, wieso mittlerweile viele Beobachter in ihm einen offensiv begabteren Dennis Rodman sehen. Der wurde einst auch übergangen und erst an 27. Stelle gedraftet, bevor er dann fünf NBA-Meisterschaften gewann und in die Basketball-Ruhmeshalle aufgenommen wurde.

Das "Manimal" wird, soviel steht fest, zur Double Double Maschine mutieren. Faried hat in 44 Einsätzen bereits 11 DDs abgegriffen, so viele wie Nowitzki, Bosh oder Scola, bei rund 10 Minuten weniger Einsatzzeit. Er wird von Spiel zu Spiel immer besser (bereits fünf DDs in den letzten sieben Partien) und hat es seinem Coach schon jetzt unmöglich gemacht, ihn in der Crunchtime auf die Bank zu befördern.

Der elektrisierende All-Rookie First Teamer erklärt, wieso: "Es macht soviel Spass, schneller zu sein als meine Gegner. Gegnerischen Coaches die Zornesröte ins Gesicht zu treiben, so dass sie frustriert noch eine Auszeit nehmen müssen. Und es macht soviel Spass, meinem Gegner den Rebound vor der Nase weg zu krallen und ihm Kopfschmerzen zu bereiten, so dass er sich fragt: warum ist dieser Typ immer am Brett? Wieso hört er denn nie damit auf?"

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