Das Ende von Linsanity

Jeremy Lin heißt der neue Point Guard der Houston Rockets. Das allein ist keine News mehr. Es gab die Pressekonferenz, das Foto, auf dem er sein neues Jersey in die Kameras hält, sogar die selbstbewussten Portraitschüsse im roten Rockets-Dress.

Linsanity? In New York wird sie bald nur noch eine schnell verblassende Erinnerung sein.

Doch soweit ist es in der Stadt, die bekanntermaßen niemals schläft, noch nicht. Noch suchen Knicksfans in den Five Burroughs auf eine Antwort auf die Frage: „Warum?“ Warum endete die Ära Jeremy Lin, die eigentlich keine war?

Einige Fans dürften die verquere, stellenweise schwer verdauliche Mathematik des neuen Collective Bargaining Agreements (CBA) bemühen. Denn Lin wäre teuer geworden, extrem teuer.

Ohne hier ins Detail des CBA oder des Vertrages zu gehen nur soviel: Lin verdient 2014/15 rund 15 Millionen Dollar, die Knicks aber müssten zusätzlich als wahrscheinliches Luxussteuerteam 28 Millionen Dollar an Strafen abtreten. Das wären insgesamt 43 Millionen Dollar nur für Lin …

Geld aber, hat in New York unter Besitzer James Dolan noch nie eine Rolle gespielt.

Isiah Thomas warf über Jahre die Dollars mit vollen Händen aus den Fenstern des Madison Square Gardens. Dolan sah nicht nur tatenlos zu, er heuerte Thomas sogar als Berater an, nachdem dieser als General Manager und Trainer entlassen worden war.

Wohl dem, der einen eigenen Fernsehsender hat und so die Spiele des eigenen Teams vermarkten kann. Ach und die Tatsache, dass Dolan auch noch der Madison Square Garden selbst gehört, bringt natürlich auch Kleingeld in die Kasse. Da lassen sich so einige Fehler verzeihen … (Steve Francis, hust …)

Aber zurück zu Lin …

Es ging nicht um die Dollars, die der Point Guard mittelfristig gekostet hätte. Zum Einen hätte Lins Popularität auf dem asiatischen Markt diese Lücke mehr als gedeckt. Zum Anderen hätte der 23-Jährige in den ersten beiden Jahren seines neuen Arbeitspapiers jeweils komplett angemessene 5,0 Millionen Dollar verdient.

Wenn er in diesen ersten beiden Spielzeiten ansprechende Leistungen gebracht hätte, wäre ein Trade Lins nicht mehr als einfach realisierbar gewesen?

Nein, im Fall „Jeremy Lin“ ging es im Big Apple um etwas anderes als Geld. Es mag sein, dass der junge Aufsteiger Dolan mit der Tatsache, dass er in Houston einen – für die Knicks derartig nachteiligen – Deal unterschrieben hatte, verärgerte.

Vor allem aber dürfte es um basketballerische Belange gegangen sein.

Linsanity begann am 4. Februar 2012. Gegen die Nets erzielte Jeremy Lin 25 Punkte, sieben Assists und fünf Rebounds. In der Folge gewann New York acht von neun Spielen.

22,3 Punkte, 9,0 Assists, 4,2 Rebounds, 5,3 Turnover legte der Aufbau vom 4. bis zum 29. Februar für die Knicks auf. Aus dem Feld traf er 47,9 Prozent, von der Dreierlinie 32,5 Prozent.

Carmelo Anthony war nach einer Verletzung am 20. Februar auf das Spielfeld zurückgekehrt. Der Star brauchte einige Partien, um wieder in Form zu kommen, im März standen dann Lin und er zusammen in 13 Begegnungen für die Knicks auf dem Parkett, bevor sich Lin am Meniskus verletzte. In dieser Zeit lieferten sie folgende Zahlen:

Lin –14,6 Punkte, 6,3 Assists, 3,3 Rebounds, 3,8 Turnover, 40,7 Feldwurfquote, 32,4 Dreierquote.

Anthony – 19,4 Punkte, 3,0 Assists, 6,3 Rebounds, 2,3 Turnover, 41,5 Feldwurfquote, 26,8 Dreierquote

Diese Zahlen erzählen natürlich nicht die komplette Geschichte, wer aber die Partien in diesem Monat sah, der merkte sofort: Es passt nicht zwischen Melo und Lin. Nicht auf zwischenmenschlicher Ebene. Basketballerisch fanden sie nicht zueinander.

Der eine (Lin) wollte das Pick-and-Roll laufen und selbst schießen. Der andere (Melo) wollte eins-gegen-eins isoliert werden und selbst schießen. In einer Saison ohne echte Trainingseinheiten, konnten diese Differenzen nicht behoben werden.

Als Lin dann für den kompletten April ausfiel, lief Anthony plötzlich heiß. 29,8 Punkte, 49,5 Prozent aus dem Feld plus 46,0 Prozent von Downtown waren viel „linsaner“ als es Linsanity selbst war.

Hier liegt kaderplanungstechnisch der Hase im Pfeffer bei den Knicks. Sie wollten Lin nicht mehr im Team, weil diese Version der Knickerbocker Carmelo Anthonys Version ist. Er braucht eine andere Art Aufbau an seiner Seite. Einen der den Ball nach vorne bringt, verlässlich aus der Distanz trifft, ansonsten aber keine großen offensiven Ansprüche anmeldet.

Einen wie … Raymond Felton?

2010/11 legte der für die Knicks in 54 Spielen 17,1 Punkte, 9,0 Assists, 3,6 Rebounds, 3,3 Turnover, 42,3 Prozent Feldwurfquote sowie eine Dreierquote von 32,8 Prozent auf.

Es wird interessant sein, wie sich die Knicks-Offensive unter Feltons Führung entwickelt. Denn diese Zahlen stammen aus den Zeiten der Fastbreak-Offense von Coach Mike D’Antoni, die traditionell die Werte von Aufbauspielern aufbläht. 2011/12 verdiente sich der Playmaker den Beinamen „Fat Felton“ während seines Engagements bei den Trail Blazers – einem Team, das während der Saison implodierte.

Sind das Alarmglocken, die da bei den Knicks-Fans schrillen?

Hoffen wir, dass die Entscheidung gegen Jeremy Lin am Ende des Tages den Knicks nicht auf eine ganz andere Art und Weise teuer zu stehen kommt …

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