Dallas ohne Dirk: Wie geht es weiter?

von André Voigt

Es ist passiert. An Dirk Nowitzkis immer wieder anschwellendem rechten Knie wurde am gestrigen Freitag eine Arthroskopie durchgeführt. Circa sechs Wochen wird der MVP von 2007 pausieren müssen. Diese OP so kurz vor Beginn der regulären Saison wirft einige Fragen auf, die beantwortet werden müssen. Welche? Unter anderem diese hier:

Was war da eigentlich genau kaputt im Knie?
Noch ist nicht genau bekannt, was die Ärzte in Nowitzkis Knie behoben haben. Bekannt ist nur, dass der All Star bei den Trainingseinheiten, dem Spiel in Berlin und bei der eigenen Vorbereitung keine Schmerzen hatte. Das Gelenk schwoll jedoch nach den Belastungen der Teamvorbereitung immer wieder an, was Nowitzki behinderte.

Diese Tatsache lässt den Schluss zu, dass kein gravierender Schaden am Knorpel, dem Meniskus oder den Bändern vorlag. Vielmehr dürfte es sich, um ein viel weniger ernstes Problem, zum Beispiel ein frei im Gelenk herumfliegendes Knochen- oder Knorpelteilchen gehandelt haben.

Fest steht, dass eine immer wiederkehrende Entzündung dazu führte, dass das Knie anschwoll – selbst Ruhe und Eisbehandlung führte nicht zu einem dauerhaften Erfolg. Auch das Krafttraining des Sommers konnte keine Abhilfe schaffen.

Dass Dirk Nowitzki dennoch etwa sechs Wochen pausieren muss, liegt daran, dass auch die Arthroskopie (LINK: http://de.wikipedia.org/wiki/Arthroskopie), so schonend sie im Vergleich zu früheren Operationsmethoden auch sein mag, eben ein Eingriff in den Körper ist. Die entstandene Wunde muss verheilen.

Warum ließ sich Nowitzki erst jetzt operieren und nicht schon vor ein, zwei Wochen?
Dirk Nowitzki hatte sich in seiner Karriere noch nie operieren lassen müssen. Deshalb ist es verständlich, dass er diesen Schritt – wenn möglich – umgehen wollte. Eine Operation hinterlässt immer Spuren im Körper, ist mit Risiken verbunden. Warum diese eingehen, wenn es nicht unbedingt sein muss?

Hätte die medizinische Abteilung der Mavericks direkt auf einer OP bestanden, wäre der Eingriff früher über die Bühne gegangen, so versuchten alle Beteiligten, das Problem konservativ zu behandeln – leider ohne Erfolg.

Falsch war die verspätete Entscheidung für die Arthroskopie dennoch nicht – immerhin hatte Nowitzki vergangene Saison das gleiche Problem ebenfalls ohne OP überstanden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten legte er 2011/12 nach dem All-Star-Break 23,6 Punkte, 6,7 Rebounds, 46,0 Prozent Wurf- sowie 43,4 Prozent Dreierquote auf.

Wird Nowitzki bleibende Schäden davon tragen?
Davon ist zur Zeit nicht auszugehen. Es handelte sich nach allen Informationen um einen kleinen Eingriff, Nowitzki wird direkt Rehamaßnahmen aufnehmen und zumindest in Sachen Fitness auf einem guten Level bleiben.

Wenn er dann wieder Basketballaktivitäten aufnehmen kann, wird er zwar seine Zeit brauchen, um auf dem Stand seines Teams zu kommen – die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass Nowitzki schnell heilt, seine Reha gewissenhaft abarbeitet und dann recht schnell wieder auf altem Niveau ist.

Wie kompensieren die Mavericks den Ausfall von Nowitzki im Angriff?


Dallas ist in der glücklichen Lage, dass hinter dem Deutschen in dieser Saison einige annehmbare Alternativen bereit stehen. Elton Brand, Brandan Wright, sogar Chris Kaman und Shawn Marion können allesamt auf Power Forward spielen. Jeder von ihnen bringt ganz eigene Qualitäten mit – auch wenn dieses Quartett natürlich über keinerlei Potenz von der Dreierlinie verfügt.

Coach Rick Carlisle dürfte Brand den Hauptteil der Dirk-Minuten geben. Der Ex-Sixer ähnelt mit seinem Profil in der Offensive Nowitzki. So ist Brand eben kein reiner Lowpost-Spieler, sondern schon seit langem ein Power Forward, der aus der Mitteldistanz punktet.

Hier eine Gegenüberstellung der Wurfquoten und -versuche Nowitzkis sowie Brands aus der Saison 2011/12:

Nowitzki
Brand
FG% (Ver.) Distanz FG% (Ver.)
65,4 (2,1) Am Ring: 74,4 % (2,0)
32,4 (1,1) 0 Bis 3m: 38,3 % (1,8)
40,5 (4,2) 3 bis 4,5m: 45,6 % (3,4)
50,0 (5,8) 4,5 bis 7,0m 43,0 % (2,5)
36,8 (3,4) Dreier: 0,0 % (0,0)


Es zeigt sich: Auch wenn Brand der Dreier fehlt, so schießt er doch sehr gute Quoten aus drei bis sieben Metern. Aus drei bis viereinhalb Metern nahm 2011/12 niemand mehr Abschlüsse als Nowitzki, Brand belegte allerdings Platz drei (hinter Kobe Bryant).

Carlisle wird den Neuzugang also in vielen Plays, die eigentlich für Nowitzki gedacht sind, einbauen können. Defensiv gibt Brand dem Team als Rebounder und Shotblocker sogar eine stärkere Präsenz als der Superstar.

Trotzdem werden auch Wright, Kaman und Marion ihre Chance auf Power Forward bekommen. Sie bieten Carlisle den Luxus, Smallball zu spielen und den Fastbreak zu laufen – eine Taktik, die mit Speedster Darren Collison auf der Eins, keine schlechte ist.

Natürlich wird Nowitzkis dennoch vermisst werden, das Spielermaterial, um sein Fehlen aufzufangen, steht aber bereit.

Erreichen die Mavericks trotzdem die Playoffs?


Die Western Conference ist 2012/13 gespickt mit Playoff-Anwärtern. Die Thunder, Lakers, Spurs, Clippers, Grizzlies und Nuggets dürften gesetzt sein. Dahinter machen sich die Jazz berechtigte Hoffnungen, während die Warriors auf eine nachhaltige Genesung ihres Centers Andrew Bogut hoffen, um diesen Status ebenfalls für sich zu reklamieren.

Bleiben die Mavericks und Timberwolves, die ja beide in dieser Woche ihre Power Forwards verloren haben – für alle, die es nicht wissen: Kevin Love brach sich die rechte Hand und fällt ebenfalls sechs bis acht Wochen aus. Außerdem wird in Minnesota Point Guard Ricky Rubio erst im Dezember zurückerwartet, er hatte sich im Frühjahr ein Kreuzband gerissen.

Könnten also die ersten sechs Wochen der Saison schon darüber entscheiden, ob die Mavs oder T-Wolves die Playoffs 2013 erreichen? Könnte sein, denn im NBA-Westen dürften am Ende nur einige wenige Siege den Unterschied machen.

Es lohnt sich also der Blick auf den Spielplan bis zum 15. Dezember …

MinnesotaDallas
GegnerGegner
vs Sacramento @ Lakers
@ Toronto @ Utah
@ Brooklyn vs Charlotte
vs Orlando vs Portland
vs Indiana vs Toronto
@ Chicago @ Knicks
@ Dallas @ Charlotte
vs Charlotte vs Minnesota
vs Golden State vs Washington
vs Denver @ Indiana
@ Portland @ Cleveland
@ Golden State vs Golden State
@ Sacramento vs Knicks
@ Clippers vs Lakers
vs Milwaukee @ Philadelphia
@ Philadelphia @ Chicago
@ Boston vs Detroit
vs Cleveland @ Clippers
vs Denver @ Phoenix
@ New Orleans @ Houston
vs Dallas vs Sacramento
@ Boston
@ Toronto
@ Minnesota


Das Blog thetwomangame.com zitiert Mavs-Statistiker Dave Keeney, der erklärt, dass die Mavericks bis zum Thanksgiving-Feiertag in den USA (22. November) den einfachsten Spielplan der gesamten NBA haben. Die Gegner in dieser Zeitraum gewannen 2011/12 nur 40,3 Prozent ihrer Spiele. Diese Tatsache dürfte Dallas helfen, in den ersten Wochen halbwegs ordentlich zu starten.

Trotzdem kommt einigen frühen Begegnungen immense Bedeutung zu. Die beiden Spiele gegen Minnesota können am Ende mitentscheidend sein, wenn beide Teams die gleiche Siegbilanz aufweisen und unter Umständen der direkte Vergleich über die Platzierung entscheidet. Allerdings trifft es Minnesota in dieser Hinsicht sogar noch härter, da das Team auch zweimal gegen die Warriors antreten muss.

Dallas hätte es also in Sachen Spielplan viel schlimmer treffen können. Die Playoffs werden in diesen Wochen kaum verspielt werden – dafür dürften elf Spiele (von 24) gegen kaum playofffähige Gegner sorgen.

Fazit: Die Verletzung von Dirk Nowitzki wirft die Mavs natürlich zurück, die Saison ist allerdings keinesfalls verloren – Grund zur Panik besteht nicht. Natürlich wird sich das neu zusammengestellte Team zunächst ohne den Superstar finden müssen, die Tatsache, dass die Truppe ohne Nowitzki, Beaubois und Kaman bereits Wochen lang im Sommer trainierte, dürfte in dieser Hinsicht helfen. Allerdings muss ganz genau beobachtet werden, wie das Team im Dezember auf die Rückkehr Nowitzkis reagiert. Natürlich hilft er einer Mannschaft enorm weiter, mit ihm zu spielen, ändert aber komplett die Raumaufteilung im Angriff. Gut möglich, dass seine Rückkehr dann auch wieder eine Menge Fragen aufwirft …

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