COY. Es kann nur einen geben

Sebastian Dumitru

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team. BLOG-ARCHIV

65. So viele Partien haben Derrick Rose (19), Luol Deng (9) und Rip Hamilton (37) in dieser Spielzeit bereits verpasst. Ein amtierender MVP, ein All-Star Forward und ein etatmässiger Starter also. Wieso marschiert Chicago in der Tabelle dann trotzdem ungehindert vorneweg und ist drauf und dran, die Saison zum zweiten Mal in Folge mit der besten Bilanz der Liga zu beenden? Die Antwort ist simpel: Tom Thibodeau.

Noch nie zuvor hat ein Übungsleiter zwei konsekutive "Coach of the Year" Auszeichnungen ergattert. Aber Thibodeau ist nicht nur dabei, mit Chicago Geschichte zu schreiben. Er liefert zudem die wohl beeindruckendste Coaching-Saison aller Zeiten ab und bleibt der einzig logische Kandidat für den COY-Award. Trotz Greg Popovich in San Antonio. Und Lionel Hollins in Memphis. Lasst mich erklären!

Der heute 54-Jährige übernahm im Sommer 2010 nach zwei Jahrzehnten als Assistenztrainer und Scout in Minnesota, Seattle, San Antonio, Philadelphia, New York, Houston und Boston die vakante Cheftrainer-Rolle bei den damals noch mittelmässigen Chicago Bulls. Die hatten drei Jahre in Folge weniger als 42 Partien gewonnen und ihre Lineup ausgeweidet in der Hoffnung, Dwyane Wade oder LeBron James in die windige Stadt zu locken. Vergeblich.

Thibodeau, der trotz seines Rufs als Defensiv-Superhirn (ergattert ab 1995 bei den Knicks und später während Bostons Titelrun 2008) lange auf ein Jobangebot hatte warten müssen, machte sich sofort an die Arbeit. Er etablierte die Bulls auf Anhieb als defensivstärkstes Team und führte sie zur besten Bilanz der Liga (62-20). Kein Rookie-Coach war jemals erfolgreicher. Die Auszeichnung zum "Trainer des Jahres" war die logische Schlussfolgerung einer fantastischen Auftaktsaison, die erst im Conference Finale endete.

In diesem Jahr setzte der Perfektionist Thibodeau sogar noch einen drauf. Dank seiner akribischen Vorbereitung, Motivationsfähigkeit und einem Teamkonzept, das in der NBA unübertroffen ist, stürmte Chicago zu einer noch besseren Siegesquote als 2010/11. Während die Defensive nach wie vor zur Elite zählt (Platz 2 hinter Philadelphia), ist mittlerweile auch der Angriff zum wilden Stier mutiert (Platz 4 bei der offensiven Effizienz). Obwohl die etatmässige Startaufstellung (Rose-Hamilton-Deng-Boozer-Noah) weniger als zehn Partien zusammen absolvieren konnte und der Spielplan in diesem Jahr unerbittlich ist, haben sich die Bulls einen irrsinnig hohen Standard bewahrt. Das fällt auf den Coach zurück.

Er ist der rationellste Trainer der Liga. Seine ganze Vorarbeit, sein Studium der Gegner und all ihrer Vorlieben ist minutiös und lückenlos. "Thibs" gibt seinen Spielern die Richtung vor, indem er rund um die Uhr für die gemeinsame Sache ackert und Fehler immer zuerst bei sich sucht. "Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der so fokussiert ist", sagt Derrick Rose über seinen Förderer. "Für ihn gibt es nichts anderes. Keine Kinder, keine Frau, keine Freizeit - im Ernst. Nur Basketball."

Thibodeau kennzeichnet eine bedingungslose Loyalität seinen Spielern gegenüber. Ihre persönliche Entwicklung, ihr Vertrauen und das Herausbilden eines hohen Basketball-IQs stehen für ihn an erster Stelle. Er hat eine Team- und Defensivkultur etabliert, die sich die Stärken jedes einzelnen Akteurs - von Rose bis zum 12. Mann John Lucas III. - perfekt zunutze macht und individuelle Schwächen kaschiert. Aus einem starken Kollektiv heraus spielen sich dann mal Luol Deng, mal Joakim Noah, mal andere in den Vordergrund. "Wer hinten hart verteidigt, hat vorne Narrenfreiheit", lautet eins von Thibodeaus Kredos.

Der Abwehrstratege lernt auch im Angriff im Eiltempo hinzu. Seine modifizierte Flex-Offensive basiert auf uneigennütziger Ballbewegung, Balance und einer gesunden Mischung aus Drives, Cuts, Post-Spiel und dem langen Ball. So kommt unterm Strich die zweitbeste Assistrate der Liga zustande. Chicago dominiert Abend für Abend die Reboundarbeit, vor allem am offensiven Brett (jeweils Platz 1), und nutzt seine Überlegenheit in der Zone zur höchsten Punktedifferenz weit und breit (+8.7 PPG). Wie gut Thibodeaus taktische Anpassungen greifen, zeigen detaillierte Halbzeit-Splits: die Bulls erzielen nach der Pause fast 4 Punkte mehr als ihre Gegner. In der NBA sind das Welten. Ebenfalls vielsagend: die Stiere haben in fremden Hallen bereits 21-6 Siege eingefahren – die drittbeste Auswärtsquote aller Teams seit 1986.

Jede andere Mannschaft hat in der laufenden, kräftezehrenden Saison mindestens zwei Spiele in Folge verloren. Chicagos letzte back-to-back Niederlage war vor über einem Jahr, am 7. Februar 2011. Man konnte bisher 42 von 53 Partien gewinnen, davon mehr als ein Drittel (14-5) ohne den MVP. Man hat Miami, Boston, Orlando, Atlanta und Philadelphia ohne Rose geschlagen.

Mit Verletzungen haben natürlich alle Teams zu kämpfen. Aber man behauptet sich ohne Leistungsträger eigentlich nicht über Monate als bilanzbester Club der Liga. Man legt dann nicht die beste Offensiv/Defensiv Effizienz seit 1996 auf's Parkett. Und man gewinnt so nicht 100 Spiele im Rekordtempo, schneller als alle anderen Coaches in der NBA-Geschichte (130). Es sei denn, man ist ein absolutes Genie an der Seitenlinie. Eins, das Duelle dank strategischer Planung im Alleingang entscheidet. Das aus Wenig das Maximale heraus presst. Und das sich den allerersten COY-Award in Aufeinanderfolge redlich verdient hat.

Es kann nur einen geben...

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