Der NBA.de Blogtable vor Spiel 4

Gewinnt Coach Spo sein Matchup mit Scott Brooks? Kommt James Harden noch mal zurück? Kenn LeBron gewinnen, auch wenn er verliert? Die neueste Ausgabe des Blogtables gibt Auskunft.

Hat Erik Spoelstra in den vergangenen beiden Spielen das Trainerduell gegen Scott Brooks gewonnen?

André Voigt, NBA.DE Blogger

Nein. Natürlich kann in Frage gestellt werden, ob es nicht besser gewesen wäre, Russell Westbrook nicht so lange im dritten Viertel von Spiel drei auf der Bank sitzen zu lassen. Alles in allem sind die Fehler, die den Thunder Spiel drei und auch die zweite Partie kosteten auf dem Parkett passiert.

OKC traf schlechte Entscheidungen. Nicht nur im Angriff, sondern auch in der Defense, wo Kevin Durant nie im Leben in zwei Partien in Folge so in Foulprobleme geraten darf. Spoelstra hat damit wenig zu tun. Das Duell der Trainer ist für mich bisher ein Unentschieden.

David Digili, NBA.DE Blogger

Gerade Spiel 3 stand eigentlich so lange auf der Kippe, dass ich weder Spoelstra noch Brooks einen entscheidenden Vorteil zugestehen möchte. Die Heat aber haben auf jeden Fall zwei Dinge richtig gemacht beim 91:85: Gerade den eigenen Korb haben sie extrem gut und aggressiv verteidigt, einfach keine leichten Layups zugelassen und OKC für jeden Korb hart arbeiten lassen. Offene Würfe von draußen? Fehlanzeige - auch an der Dreierlinie waren die Gastgeber aufmerksamer, provozierten so viele Fehlwürfe (okay, die es auf beiden Seiten gab) und beraubten die Thunder so ihrer größten Stärken in der Offense: Distanzwürfe und der Zug zum Korb.

Auf der anderen Seite hat die ständige Gefahr von außen durch Battier und Co. viele Räume in der Zone geöffnet - und die (bis auf Battier) grauenhaft schlechte Quote aus dem Feld konnte mit Attacken auf den Korb kompensiert werden.

War das Spoelstras Plan? Sieht ganz so aus - nach dem Spiel erklärte der Heat-Coach schließlich: "Wir hatten in der zweiten Halbzeit zwar nicht genug Offensiv-Aktionen, aber dafür viele 'Stops' in der Verteidigung, und in den richtigen Momenten saßen auch unsere Würfe." Klingt ganz nach "Game Plan". Problem nur: Prinzipiell (!) hat es OKC nicht viel schlechter gemacht - Minnesota-Forward Anthony Tolliver pries auf Twitter die Partie nicht umsonst als "Defense-Kunstwerk". Hat dieser "Game Plan" für die Heat aber Beispielcharakter für die nächsten Partien? Definitiv.

Sebastian Dumitru, NBA.DE Blogger

Bisher ja. Nach Miamis Niederlage in Spiel eins vor einer Woche zögerte Erik Spoelstra keine Sekunde und stellte seinen Gameplan um. Bosh rein in die Startaufstellung und fortan Smallball mit LeBron auf der Vier über mehr als 40 Minuten. Die kleine Lineup drehte schliesslich die Serie und stellte die Thunder vor grosse Probleme. Man merkt, dass der Heat-Coach aus der letztjährigen Niederlage gegen Dallas seine Lehren gezogen hat und viel flexibler auf sich ändernde Gegebenheiten reagiert.

Scott Brooks hingegen macht bei seiner ersten Endspielteilnahme vieles falsch und verblüfft bisher mit einer Reihe von bizarren Entscheidungen. Angefangen bei seiner Vorliebe für Derek Fisher (bisher mehr als 25 MPG) bis hin zu seinen bornierten Rotationsspielchen (Perkins/Ibaka funktioniert nicht gegen Miami) und Horror-Aufstellungen (Fisher-Cook-Harden-Sefolosha-Collison...wirklich?) fällt es schwer, dem Thunder-Coach in dieser Serie Kompetenz zu attestieren. Der grobe Schnitzer in Spiel drei, als er Durant und Westbrook gleichzeitig auswechselte und seine Stars ein halbes Viertel auf der Bank schmoren liess, während Miami mit einem 15-3 Run die Kontrolle zurück eroberte, geht ganz klar auf Brooks' Kappe und könnte OKC die Serie gekostet haben.

James Harden: Liefert er in Spiel vier seine gewohnten Leistungen oder haben die Heat ein Mittel gegen ihn gefunden?

André Voigt, NBA.DE Blogger

Ich denke, Harden trägt defensiv eine hohe Last, die ihm die Energie raubt, im Angriff erfolgreich zu sein. Er verteidigt Dwyane Wade oder LeBron James, investiert dort eine Menge Energie. Gleichzeitig muss er eigentlich immer im Angriff selbst Würfe kreieren, anstatt sich abseits des Balles mit Cuts freizumachen und so für Gefahr zu sorgen.

Letzteres kann Harden extrem gut, es gibt nur wenige Spieler, die so effizient punkten, wenn sie einen Abschluss mit einem Cut auf der Weakside vorbereiten. Es sollte beobachtet werden, ob wir davon in Spiel vier mehr sehen.

David Digili, NBA.DE Blogger

Einen Spieler der Klasse von James Harden würde ich nie abschreiben. Miami macht es dem Thunder-Guard aber natürlich extrem schwer: Er bekommt quasi keinen Raum zum Atmen - und muss sich immer wieder auch noch um einen gewissen LeBron James in der Verteidigung mitkümmern. Anstatt freier Würfe oder seinem so charakteristisch energischen Zug zum Korb gab es bisher eher unglückliche Würfe und noch unglücklichere Fouls zu sehen von der Nummer 13 der Thunder.

Und als es darauf ankam, in den letzten Minuten den Ball zu verteilen, schickte Coach Scott Brooks Derek Fisher auf den Court. Wahrlich nicht die Serie von Harden bisher, aber wie Dwyane Wade auf der anderen Seite hat er die Möglichkeit, sich selbst aus so einem "Loch" zu befreien.

Sebastian Dumitru, NBA.DE Blogger

(Szenario A) Mehr als 18 Punkte pro Partie bei 50% aus dem Feld. (Szenario B) Weniger als 16 Punkte bei weniger als 41% aus dem Feld. Beides sind Durchschnittswerte von James Harden in je einer Playoffserie 2012. Der Unterschied: gegen Dallas/San Antonio (A) konnte Harden frei aufspielen und grossen Schaden anrichten.

Gegen Los Angeles/Miami (Szenario B) bekam er hingegen Defensivaufgaben gegen zwei der Besten aller Zeiten aufgebrummt: Kobe Bryant und LeBron James. Solange Harden hinten Spieler dieses Kalibers über's Parkett verfolgen muss, fehlt ihm vorne einfach die Kraft, um die Offensivlast zu tragen. Oklahoma City braucht von seinem Sixth Man of the Year aber mehr als mickrige 11,7 PPG bei 11-27 aus dem Feld. Und die wird er in den nächsten Spielen auch liefern.

Das Problem ist, dass ihn Coach Brooks gegen Miami nicht richtig einsetzt. Anstatt Harden öfters von der Weakside kommen zu lassen, während sich Miami auf Durant und Westbrook konzentriert, setzt ihn Brooks häufig als Ballträger und Vorbereiter ein oder - schlimmer noch - als einzige Scoringoption mit der zweiten Garde. So spielt er der aggressiven Trap-Defense Miamis in die Karten, die sich komplett auf Harden einschiesst und den ohnehin schon müden Guard pausenlos schikaniert. Eins ist klar: Solange Shane Battier produktiver bleibt als einer der drei besten Shooting Guards der Liga, haben die Thunder hier keine Chance.

Wenn LeBron James weiterhin so fantastisch spielt, die Heat aber die Serie verlieren, wird er dann auch weiterhin für viele ein Spieler sein, der auf der großen Bühne versagt?

André Voigt, NBA.DE Blogger

Nein. Ich bin mir nicht mal sicher, dass sein Ruf sich ändern wird, wenn er so weiter spielt und die Heat gewinnen - zumindest bei einem Großteil seiner Kritiker. Viele Fans können nicht zwischen den Leistungen des Basketballers LeBron James und dem Menschen LBJ unterscheiden, der die "Decision" und die "Meisterfeier" am Tag danach zu verantworten hat.

Fakt ist: LeBron James hat Spiel drei am Ende "geclosed". Nicht mit spektakulären Punktzahlen, sondern mit effizientem Basketball. Er markiert in diesen Finals 30,7 Punkte, 9,7 Rebounds und 5,0 Assists während er 50,1 Prozent aus dem Feld trifft. Anstatt sich mit dem Sprungwurf zu begnügen, attackierte er konstant den Korb (so zieht er 10,3 Freiwürfe pro Partie!), verteidigte Durant perfekt, trug ein Team, in dem Wade klar angeschlagen war zum Sieg. Die Kritiker wollen all das nicht sehen, weil sie LeBron als Person nicht mögen. Daran würde selbst ein Sieg und damit der Titel nichts ändern.

David Digili, NBA.DE Blogger

Ich denke, die Wahrnehmung hat sich jetzt schon geändert. Nach den letztjährigen Finals prasselte von allen Seiten herbe Kritik auf LeBron ein - und das zu Recht. Ein Spieler wie er, mit Fähigkeiten wie zurzeit vielleicht kein anderer Basketballer auf diesem Planeten, MUSS ein Spiel im Fall der Fälle an sich reißen können, unbedingten Siegeswillen zeigen und seine Teamkollegen mitreißen. Das hat im letzten Jahr klar gefehlt - was Miami letztlich zum Verhängnis wurde.

In diesen Playoffs aber hat James genau das gezeigt: Konzentration, Fokussierung, Ernsthaftigkeit. Niemand mit Verstand hat je an seinen basketballerischen Fähigkeiten gezweifelt, wohl aber daran, dass er ein echter "Clutch Player" ist, der in der Crunchtime erst so richtig zu Höchstform aufläuft. Das 45-Punkte-Spiel gegen Boston? Nur ein kleiner Beleg. LeBron ist da, auf dem Court - in jedem Moment eines Spiels. Er hat - und es ist bei einem Spieler seiner Klasse fast schon grotesk, das zu sagen - einen Schritt nach vorne gemacht, was Reife und Spielintelligenz angeht. Dwyane Wade ist in dieser Saison nicht nur auf dem Court merklich leiser geworden - vielleicht hat gerade das den entscheidenden kleinen Kick gegeben, dass sich "King James" noch mehr in der Pflicht fühlt.

Eine Heat-Pleite in DIESEN Finals wäre keine Pleite des LeBron James, sondern ein Sieg der Oklahoma City Thunder, die ebenso hochklassige Spieler in ihren Reihen wissen wie Miami. Und "LeBron 2012" wird bis dahin alles gegeben haben, dies zu verhindern. Anders als "LeBron 2011".

Sebastian Dumitru, NBA.DE Blogger

"Nichts währt ewig ausser dem Wandel selbst" sagte einst Heraklit. Und wenn die letzten zwölf Monate eines bewiesen haben, dann folgendes: LeBron hat sich gewandelt. Das merkt man auf und ausserhalb des Parketts. Er ist älter und reifer geworden und hat aus seinen peinlichen Fehlern in der Vergangenheit gelernt. Nachdem er in seinen ersten beiden Final-Anläufen nie über 25 Punkte in einem Spiel hinaus kam und im Schlussviertel routinemässig abtauchte, erzielte er bisher mindestens 29 in allen drei Partien und blieb bis zum Buzzer konstant aggressiv.

So, wie James sich in diesen Playoffs bisher präsentiert (30,7 PPG und 9,7 RPG bei 50% aus dem Feld) und die Heat auf seinen Schultern trägt, kann man ihm absolut nichts vorwerfen. Dass ihm das sogar seine grössten Kritiker attestieren, zeugt von seiner Extraklasse auf dem Basketballcourt. Er hat eindrucksvoll bewiesen, dass er der kompletteste Spieler der Welt ist. Wenn Miami diese Serie also verlieren sollte, dann nur, weil Oklahoma City das bessere Team gewesen sein wird. Nicht - wie letztes Jahr - wegen LeBron James.

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