Der NBA.de-Blogtable vor Spiel 2

Reicht den Heat wirklich eine so dünn besetzte Bank, um mit OKC mitzuhalten? Nach dem 105:94-Sieg der Thunder in Spiel 1 hat sich die NBA.de-Redaktion zusammengesetzt und diese und andere wichtige Fragen der Finals 2012 diskutiert. Und was meint Ihr? Sagt uns Eure Meinung!

Können die Heat mit ihrer dünn besetzten Bank überhaupt gewinnen?

André Voigt, NBA.de Blogger

Nein. Erik Spoelstra muss auf seiner Bank vor allem zwei Dinge finden: Dreierschützen und Rebounder. Mike Miller, Joel Anthony und vielleicht sogar James Jones müssen größere Rollen spielen. Können sie das? Da bin ich mir nicht sicher. Miller ist nicht fit, Jones stand lange Zeit nicht in der Rotation. Anthony hat Qualitäten als Rebounder und Shotblocker, ist offensiv aber ohne Talent.

David Digili, NBA.de Blogger

Ich möchte da nicht übertreiben. Natürlich hat OKC den Vorteil, die mit Abstand hochkarätigsten Bankspieler der Liga zu haben - und die Heat haben ausschließlich (sehr gute) Rollenspieler.

Es hat mich schon überrascht, dass Coach Erik Spoelstra in Spiel 1 nur DREI Leute von der Bank gebracht hat (Mike Miller, Chris Bosh und Joel Anthony). Gerade in den Finals muss jede Option, die ein Kader bietet, ausgeschöpft werden. Ein James Jones mit einem Dreier (auch wenn er bisher weitestgehend KALT geblieben ist in den Playoffs und hier - angeblich mit Migräne - nicht einsatzfähig war) oder auch Juwan Howard und Ronny Turiaf mit jeder Menge Defense können (in ihren Möglichkeiten) helfen und ihren Stars wichtige Verschnaufpausen geben - eine Zahl nur: LeBron stand in den Conference Finals gegen Boston im Schnitt knapp 46 (!) Minuten auf dem Feld.

Ha, aber leicht gesagt gegen ein Thunder-Team in DER Form.

Dazu hat Miami nun mal den Luxus, drei, vier Spieler in den eigenen Reihen zu wissen, die eigentlich - überspitzt formuliert - nur minimale Unterstützung von der Bank brauchen. Mal ehrlich: Es waren doch LeBron, Dwyane Wade, Bosh (und auch Mario Chalmers), die Miami tragen und die Bank zu einem wahren Traum für jeden ihrer Mitspieler machen - schließlich sitzt man dort in dem beruhigenden Gewissen, dass es das Trio schon richten wird. Dann ein paar Minuten auf dem Feld, ein Dreier, ein Rebound, ein Foul oder ein "Charge" zur richtigen Zeit, und der eigene Job ist getan. Miami braucht keine starken Leistungen von der Bank, so ist das Team nicht aufgebaut. Es braucht eine Starting Five, die den Einwechselspielern die Möglichkeit gibt, eine Führung für ein paar Minuten halten (oder nicht allzusehr schrumpfen lassen) zu können. DAS geht aber nur...mit einem starken Wade!

LeBron und "CB4" haben bewiesen, dass sie "da" sind - aber der Captain der Heat ist trotz 19 Zählern einiges schuldig geblieben (wie schon über den Großteil der Playoffs). Ich habe erwartet, dass er es noch mal allen zeigen will. DAS ist der Schlüssel.

Sebastian Dumitru, NBA.de Blogger

Nein. Die Heat-Bank ist ja von vornherein nicht sehr ergiebig, aber das ist eben der 50 Millionen Dollar pro Jahr Preis, den man für drei zusammen geraffte Superstars bezahlen muss. Wenn Erik Spoelstra trotzdem glaubt, dass er mit einer Sechs-Mann-Rotation wie in Spiel eins bestehen kann, dann: viel Glück, Miami!

Die Thunder sind nicht Boston - sie sind jünger, athletischer, ausdauernder und tiefer besetzt. Die Heat hatten es bisher noch nie mit einem solchen Gegner zu tun und laufen ohne die notwendigen Anpassungen Gefahr, einfach überrumpelt zu werden.

Im Conference Finale liess Spo noch zehn Mann rotieren und wechselte regelmässig Spieler wie Ronny Turiaf (9 MPG), James Jones (10) oder Joel Anthony (14) ein. Am Dienstag waren Chris Bosh (33) und Mike Miller (10) die einzigen Reservisten auf dem Platz (Anthonys zwei Minuten sind nicht der Rede wert). „Wir brauchen viel mehr Spieler da drin, um mir und D-Wade mal eine Pause zu gönnen“, verlangte später ein müder LeBron James, der seit den Conference Finals mehr als 45 Minuten pro Partie abreisst.

Dass die Heat-Bank mit Oklahoma City nicht mithalten kann, war so absehbar. Wenn drei Heat-Spieler aber weiterhin alles alleine regeln müssen, wird die Serie viel kürzer, als alle im Vorfeld vermutet hatten.

Kevin Scheitrum, NBA.de Redakteur

Ja, das können sie absolut. Allerdings hängt viel von der Gesundheit und den Leistungen von Dwyane Wade ab. Steve Ashburner schrieb heute, dass seine Playoffs 2012 bis jetzt ein einziges Auf-und-Ab waren. In einigen Spielen sah er verloren aus, nur um am nächsten Tag 35 Punkte zu erzielen. Dann schoss er wieder 2/12 und nahm den ganzen Abend Distanzwürfe.

Wenn D-Wade fit ist, kann er mit LeBron James ein Spiel stärker beeinflussen als ihre Gegenüber bei den Thunder – egal, ob die 44 Minuten auf dem Feld stehen oder nicht. Zusätzlich braucht Miami aber sechs bis zehn gute Minuten von seinen Ersatzspielern. Das bedeutet, dass Miller und Jones einige Dreier treffen und Anthony Rebounds greifen müssen (und vielleicht Ibaka sowie Perk ein paar Fouls anhängen).

Hat Spiel 1 Deine Meinung über den Ausgang der Finals verändert?

André Voigt, NBA.de Blogger

Nein. Die Thunder haben den tieferen Kader, mehr Optionen im Angriff und sind unbekümmert. Dass sie Spiel eins zu Hause gewinnen, davon war auszugehen. Jetzt kommt es auf die Änderungen an, die Erik Spoelstra und Scott Brooks einbauen. Überrascht hat dann allerdings doch eine Sache: Die Heat konnten defensiv lange nicht so viel Druck machen, wie in den Finals 2011. Das muss Spoelstra zu denken geben.

David Digili, NBA.de Blogger

Nein. Dieses Finals-Matchup ist einfach zu ausgeglichen, als dass der Auftakt gleich den Ausschlag über das weitere Geschehen geben könnte. Klar ist OKC nun psychologisch im Vorteil. Was den Heat Angst machen muss: Die Thunder konnten sich sogar erlauben, James Harden, ihren Energizer, nur für 22 Minuten zu bringen (durchschnittliche Einsatzzeit in den Conference Finals: 32,2 Minuten!). Ob die Thunder aber wirklich über eine ganze Serie so intensiv verteidigen können wie in Spiel 1, wo sie in der zweiten Halbzeit nur 40 Heat-Punkte zugelassen haben, bezweifle ich - einfach aufgrund der Klasse von LeBron und Co.

Sebastian Dumitru, NBA.de Blogger

Nein, aber es ist ja auch noch nichts Aussergewöhnliches passiert bisher. Dass es eine enge, hart umkämpfte Serie wird, glaube ich nach wie vor.

Daran ändert der deutliche Auftaktsieg Oklahoma Citys nichts, zumal die Thunder in eigener Halle nur ganz schwer zu knacken sind (9-0 bisher in den Playoffs) und ich mindestens einen Heimsieg aus den ersten Zwei fest verbucht hatte. Durant gewohnt dominant, Westbrook gewohnt explosiv, die Rollenspieler gewohnt produktiv - alles ganz nach Schema für eine der effektivsten Playoff-Offensiven aller Zeiten (Off. Eff. 110,5). Das Verblüffende: James Harden erzielte nur fünf Punkte und saß in Hälfte zwei fast nur auf der Bank, und die Okies gewannen trotzdem mit elf.

Was mich stark irritiert hat, war Miamis Defense, vor allem nach der Pause. Während die Heat zu Beginn das Pick & Roll noch hart doppelten und den Druck auf den Ballträger extrem hoch hielten, brach die Verteidigung im späteren Verlauf immer und immer wieder zusammen.

Westbrook zog nach Belieben zum Korb, der Roll-Man bekam immer den freien Pass und Durant benutzte Battier als Sparringspartner. Oklahoma City punktete in 21 seiner letzten 29 Angriffe und erzielte 24-4 Punkte im Fastbreak. Dass die Thunder Miamis grösste Stärken (Defense und Transition-Spiel) komplett sabotierten, war so nicht zu erwarten und setzt Spoelstra und die Heat vor einem potentiell vorentscheidenden Spiel zwei schon leicht unter Druck.

Kevin Scheitrum, NBA.de Redakteur

Ein bisschen schon. Ich dachte, dass die Heat sich das erste Spiel sichern würden, weil LeBron in den Superstarmodus schaltet und sein Team trägt. Nun, LeBron war ziemlich gut, aber die Heat begingen die gleichen Fehler, die sie schon in den ganzen Playoffs plagten. Miami führte früh, weil sie den Ball zu James und Wade brachten, die beiden zum Korb gingen und die Heat defensiv Druck machten. Doch als sie zweistellig führten, nahmen sie unerklärlicherweise den Fuß vom Gas.

Beim Basketball geht es um "Runs", sicher, aber ich dachte wirklich, dass Miami aus dem vergangenen Jahr gelernt hat, dass sie dieses Mal vielleicht stabiler in ihren Leistungen sein würden. Wenn wir eins gelernt haben, dann dass diese Thunder dich überrollen, wenn du keine hohe Führung rausspielen kannst.

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