Auf zu neuen Ufern

Von Sebastian Dumitru | Archiv

Die Meinungen, die im Blog geäußert werden, geben lediglich Sebastian Dumitrus persönliche Einschätzung wieder, nicht aber die Sichtweise von NBA.de, der NBA oder irgendeinem NBA-Team.

Houston startet heute in die neue Saison, Oklahoma City dann als letztes der 30 Teams am Donnerstag. Ein paar Tage sind jetzt vergangen, seit der Trade zwischen diesen beiden Clubs völlig unerwartet aus dem toten Winkel kam, und verblüffte Fans fragen sich immer noch: Was um Gottes Willen hat die Thunder da bloß geritten? Tauschen einen 23-Jährigen Nationalspieler, der schon in seiner dritten Saison den Sprung in die NBA-Elite geschafft hat, direkt vor dem Start der neuen Runde und einer geplanten, ja fast schon verbuchten Rückkehr ins NBA-Finale, gegen einen auslaufenden Vertrag und ein paar Erstrundenpicks aus Houston. Damit bricht man den besten jungen Mannschaftskern der Association auseinander, ein eingeschworenes Trio, ehe Harden, Westbrook und Durant ihr gemeinsames Potential auch nur ansatzweise ausschöpfen konnten. Und das alles wegen mageren sechs Millionen Dollar, verteilt auf vier Jahre. Kann das wirklich alles wahr sein?

Die Antwort: es kann. Und es musste sogar. Natürlich wollte man James Harden unbedingt in OKC halten. Im Idealfall hätte man sich mit seinem drittbesten Spieler vor der Deadline am Mittwoch geeinigt und den amtierenden 6th Man of the Year bis 2017 gebunden. Mehr als vier Jahre konnte GM Sam Presti seinem Elitereservisten aber nicht anbieten: das neue CBA enthält eine "Designated Player" Regel, die es jeder Mannschaft erlaubt, einem einzigen jungen Spieler eine fünfjährige Verlängerung des Rookie-Vertrages zu offerieren. Für alle anderen Youngster im Team ist bei maximal vier Jahren Schluss. Der "Auserwählte" in OKC ist Westbrook, also kamen für Harden nie mehr als vier Jahre und 56 Millionen Dollar in Frage. Wieso nur 56 Millionen? Das war die Obersumme, die Presti und Teambesitzer Clay Bennett bereitwillig aus dem Sparbüchse gezogen hätten. Immerhin stolze 14 Millionen pro Saison. Harden und seinem Agenten Rob Pelinka war das zuwenig. "Mein Talent ist ja offensichtlich da. Ich durfte das hier nur nicht immer zeigen. In Houston kann ich das jetzt endlich."

Es sind Sätze wie dieser, die aufzeigen, wo Hardens Gedanken in den letzten Monaten waren. Obwohl er ja in der Offseason von "Opfern" und "Demut" sprach und alles daran zu setzen schien, auch für weniger als Marktwert in Oklahoma City verbleiben zu wollen, um das Titelprojekt mit seinen Buddies KD und Russ zu Ende zu bringen. Harden hat es vielleicht schon immer gewurmt, dass er das fünfte Rad am Wagen zu sein schien. Westbrook und Durant, sie bekamen die Lorbeeren, All-Star Nominierungen und All-NBA Selektionen zugeschustert. Für Harden blieb "nur" der 6th Man Award. Eigentlich ja kein Problem, solange es um Erfolge und Titel ging... oder etwa doch? Erinnert sich noch jemand, wie Harden als einziger Thunder nach OKCs Finalsieg in Spiel eins über zu wenig Würfe und mangelnde Spielzeit klagte? Dabei war es ausgerechnet er, der mit grottenschlechten Endspielen (12.5 PPG, 37% FG) die Titelchancen seines Teams mit am meisten sabotierte. Eine Frage ist also absolut legitim: ist James Harden ein Max-Player in der NBA?

Houston findet das definitiv. Manager Daryl Morey freute sich am Wochenende wie das sprichwörtliche Schnitzel, weil er mit Harden endlich seinen lange anvisierten Franchise-Spieler gefunden hat. Morey hatte Jahre gesucht, um nach Yao und T-Mac wieder einen Hochkaräter zu finden. Chris Bosh, Pau Gasol, Dwight Howard, Andrew Bynum... sie alle hatten ihn verschmäht.

"Mit James haben wir jetzt endlich die Grundlage eines kommenden Titelaspiranten. Ein All-Star, ein elitärer Offensivspieler, ein kompletter Spieler. Er kann passen, werfen, zum Korb ziehen. Die Leute werden erstaunt sein, wie gut er wirklich ist."

Gewohnt starker Tobak von Morey, aber irgendwo ja gerechtfertigt. Harden (16.8 PPG, 4.1 RPG, 3.7 APG) gehört in der Tat zu den zehn effizientesten Angriffsspielern der Liga. Vor allem im Halfcourt-Set gibt es nur wenige, die es mit seiner Triple Threat Offensive aufnehmen können. In Houston wird er als erste Scoringoption und Teilzeit-Spielmacher den Ball fast permanent in den Händen halten und den Druck von Jeremy Lin nehmen. Wie der Bart aber nach Jahren der Dominanz gegen Backups und einem unbeschwerten Leben an der Seite zweier All-Stars mit der immensen Aufmerksamkeit zurecht kommen wird, die ihm gegnerische Verteidigungen nun entgegen bringen, wird spannend zu beobachten sein. Natürlich schiessen seine kumulativen Statistiken jetzt in die Höhe. Er startet. Er ist der Dreh- und Angelpunkt des Rockets-Spiels. Und verdient knapp 25 Millionen Dollar mehr als in Oklahoma.

Houston wird seinen neuen Heilsbringer vor der Deadline am Mittwoch für das Maximum (5 Jahre/80 Millionen) festriegeln, so viel steht fest. Aber obwohl Harden die individuell grössten Momente seiner Laufbahn vor sich hat, war's das jetzt mit den NBA-Finals, ja sogar mit den Playoffs. Houston ist zahlreiche gute Spieler von einem Postseason-Kader entfernt und am anderen Ende des Spektrums als OKC. Es ist immer gefährlich, persönliche Anerkennung und finanziellen Profit vor kollektive Erfolge zu stellen. Wenngleich menschlich völlig nachvollziehbar, würden die meisten ehemaligen NBA-Profis ein paar Millionen hier und da liebend gerne für einen Championship-Ring oder zwei eintauschen. Für Harden ist dieser Traum jetzt ausgeträumt.

Für OKC dagegen noch lange nicht. Das Offensichtliche vorweg: die qualitativen Einbußen im Thunder-Spiel werden deutlich erkennbar sein, vor allem in den ersten Monaten. Harden war das do-it-all Allzweckmesser, der Crunch-time Spielmacher und der alberne, haarige Kumpel in diesem Contender-Verbund. Die Thunder verlieren einen Top-Offensivspieler und einen Teil ihrer Festigkeit und Harmonie. Aber sie verlieren mitnichten den entscheidenden Akteur auf dem Weg zum Titel. Nicht vergessen: OKC war nur einen Pfiff von einer 2-0 Final-Führung gegen Miami entfernt, obwohl Harden ein Totalausfall war. Man demolierte die LA Lakers in der Conference Semifinals, obwohl Harden weit hinter seinen Möglichkeiten zurück blieb. Und man hat mit Durant und Westbrook immer noch zwei Top-10 Spieler mehr in den eigenen Reihen als 25 andere Teams in der NBA. Presti ist ein Pragmatiker, das hat er schon mehrfach bewiesen. Viele hatten ihn kritisiert, als er vor zwei Jahren das ursprüngliche Tick, Trick & Track Trio Durant-Westbrook-Green auseinander riss.

Unter'm Strich kam mit Kendrick Perkins aber eine dringend benötigte Verstärkung unter den Brettern, die ein immenses Plus an Erfahrung, Post-Defense und Ruppigkeit nach Oklahoma brachte. Die Postseason-Bilanz seitdem: 22-15 Siege, 5-2 Serien und zwei Conference Finals Teilnahmen in Folge. Sicherlich kann man Presti sowohl die Perkins-Akquisition vorwerfen, als auch die sofortige Vertragsverlängerung mit dem Mammut. Denn sie war es letztendlich, die die finanziellen Verpflichtungen der Thunder nach den neuen Deals für Durant, Westbrook und Serge Ibaka in Richtung Luxussteuer driften liess. Aber Presti hat mehrfach betont, dass Perkins ein integraler Bestandteil des Teams ist und man noch einige Male froh sein wird, ihn im Kader zu haben (in einer Playoff-Serie gegen Dwight Howard und die Lakers, zum Beispiel).

Der Trade ermöglicht Oklahoma City zu diesem Zeitpunkt drei essentielle Dinge: man hat mit Kevin Martin, Jeremy Lamb und drei Picks im nächsten Draft königlich Beute gemacht. Man hat wieder finanzielle Spielräume und ganz neue Möglichkeiten in der Kaderzusammenstellung. Und: man bleibt langfristig im Titelrennen, also bis mindestens 2017. Martins Ruf hat unter seiner bisherigen Rolle als erste Scoringoption bei miesen Teams gelitten. Die Defensive konnte sich auf ihn einstellen, er kann nicht für andere kreieren, und unter'm Strich kommen dann Trefferquoten wie die 41.3% FG im letzten Jahr bei rum. Aber K-Mart zählt zu den besten Isolationsscorern der Liga (Karriere 18.4 PPG), ist ein tödlicher Dreierschütze (Karriere 37.7%) und zieht Fouls mit der Frequenz von Dwyane Wade oder Kobe Bryant. Kaum jemand steht pro Minute öfters an der Freiwurflinie als Martin. Ich muss nicht gesondert erklären, wie stark der in Zukunft von der Aufmerksamkeit profitieren wird, die die Defense Westbrook und Durant zukommen lässt.

Ein weiteres Ammenmärchen ist Martins "katastrophale Defensivarbeit". Was vordergründig vielleicht so anmutet, weil Martin den Körperbau eines Statisten aus "Die Armee der Untoten" vorweist, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als durchschnittlich (12.6 PER against), ohne zu glänzen. Defensivhelfer wie Ibaka und Perkins, das Spielen um einen neuen Vertrag und die Chance, nach acht langen NBA-Jahren endlich um Titel mit buhlen zu können, werden Martin zusätzlich motivieren. Was der Guard nicht kann und mit dem Abgang von Harden in grossem Umfang verloren ging (Playmaking), glauben Coach Brooks und Presti mit dem wieder genesenen Eric Maynor (Karriere 7.3 Assists pro 36 Minuten), Westbrook und Durant auffangen zu können. Wenn Martin einschlägt, wird er im kommenden Sommer verlängert. Wenn nicht, steht mit Lotterie-Pick Jeremy Lamb bereits ein günstiger Nachfolger in den Startlöchern. "Kevin ist einer der effizientesten Offensivspieler der NBA. Er zieht unglaublich viele Fouls und hat ein fantastisches Spielgefühl... Lamb ist lang und geschmeidig und hat viele Skills auf dem Platz. Er ist erst 20 und gibt uns zusammen mit Perry Jones und Reggie Jackson ein paar aufregende Spieler für die Zukunft", resümierte Presti, der hier wieder einmal gewohnt progressiv handelte.

Der Manager hat immer noch die gleiche Vision und lässt sich von keiner Sentimentalität dieser Welt vom Ziel abbringen: Oklahoma City soll langfristig um Titel mitspielen können, nicht nur ein paar Jährchen. Und finanziell autark bleiben. Obwohl Besitzer Bennett also vielleicht sogar 60 Millionen für Harden hingeblättert hätte, wären die Thunder damit völlig handlungsunfähig geworden. Und sie hätten horrende Luxussteuern bezahlen müssen. Was, wenn Durant-Westbrook-Harden-Ibaka doch kein Titelmaterial waren? Presti wäre zum Stillsitzen verdammt. So aber hat einer der brillantesten GMs im Game weiterhin Optionen: man entfernt sich von der Luxussteuer, hat 2013 die volle Midlevel Exception und die Bi-Annual Exception zur Verfügung, kann Perkins amnestieren (falls erwünscht) und unter den Cap flutschen, und man blickt einer weiteren Talentinfusion im Draft entgegen. Die beiden Picks aus Houston kommen via Dallas und Toronto - beides potentielle Lotterieteams. Presti ist und bleibt der Godfather in Sachen Talentevaluation und Draft-Picks, das beweist er schon seit 2007.

Obwohl ihm also viele Kurzsichtige die Entscheidung krumm nehmen werden, seinen drittbesten Spieler im zarten Alter von 23 Jahren abzugeben, und er Harden sicherlich gerne behalten hätte, liessen ihm das neue CBA und Hardens Wunsch nach einer grösseren Rolle und mehr Geld keine andere Wahl, als frühzeitig zu handeln und die Rendite zu maximieren. Kein Nonstop-Theater während der Saison, zur Deadline oder in den Playoffs. Und genügend Zeit für das Team, um sich in den nächsten Monaten zu finden und wieder Championship-Form anzunehmen. Macht keinen Fehler: die Thunder sind immer noch amtierender Conference Champ. Der Weg ins Finale führt im Westen nur über sie. Dass es für OKC in Zukunft schwerer werden würde, dorthin zurück zu gelangen, das war ja irgendwie schon vorher klar. Oder, wie Presti sagen würde: "Es ist viel komplizierter, an der Spitze zu bleiben, als da oben hin zu gelangen..."

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