Hoffnungsschimmer

Das neue NBA-Kalenderjahr ist angebrochen. Während das Sommer-Moratorium heute aufgehoben wird und Teams ihre Free Agents nun offiziell unter Vertrag nehmen dürfen, schwitzt der neue Draft-Jahrgang 2012 bereits eifrig in der Summer League. Die Top-Rookies dieser Altersstufe haben sich allesamt für die beiden Turniere in Orlando (9.-13. Juli) und Las Vegas (13.-22. Juli) angemeldet, wo alle 30 Mannschaften vertreten sein werden (inklusive Nummer eins Pick Anthony Davis, der gestern seine Teilnahme bestätigte). NBA Deutschland blickt zurück auf die Gewinner der Draft-Nacht und hat für euch die interessantesten Summer League Teams identifiziert.

NBA Draft

New Orleans Hornets
Anthony Davis (1), Austin Rivers (10), Darius Miller (46)

Anthony Davis und die New Orleans Hornets waren natürlich die grossen Gewinner der Draft-Nacht. Für ein Team, das vor der letzten Saison den besten Spieler der Franchise-Geschichte ziehen lassen und apokalyptische Relocation-Szenarien befürchten musste, war der Lotterie-Jackpot und die Aussicht auf den College-Spieler des Jahres ein wahrer Segen. Denn: dank des neuen Besitzers Tom Benson, der den Club Ende Juni aufkaufte, Franchise-Spieler Davis und einem der Top Guards des Jahrgangs (Dukes Austin Rivers, der an Nummer 10 selektiert wurde) sieht die Zukunft im Big Easy wieder rosig aus. Davis war bekanntermaßen der absolute Hauptgewinn und muss mit den grossen Vorschusslorbeeren natürlich erst einmal umgehen lernen. Viele sehen ihn als kommenden Megastar und stellen ihn bereits auf eine Stufe mit LeBron James, Kevin Durant oder Tim Duncan, was seinen Stellenwert für einen Basketballclub anbelangt. Soweit sind wir natürlich noch lange nicht. Und es ist durchaus plausibel, dass Davis in der NBA nicht gleich von Beginn an den gleichen Impact ausüben kann, wie noch auf dem College in Kentucky. Aber der 19-Jährige ist ein ganz spezieller Athlet, der alle Vorzüge eines waschechten Franchise-Spielers in sich vereint und die New Orleans Hornets im Alleingang wieder respektabel machen wird. Wenn Kombo-Guard Austin Rivers den Spagat zwischen eigenem Scoring und Playmaking schneller hinbekommt, als Kritiker ihm das zutrauen, dann könnten rundumerneuerte Hornissen bereits 2014 wieder an die Playoff-Tür klopfen. Wer hätte das vor einigen Monaten für möglich gehalten?

Charlotte Bobcats
Michael Kidd-Gilchrist (2), Jeffery Taylor (31)

Als klar wurde, dass man nur den zweiten Pick ergattern und Hauptpreis Davis dadurch verpassen würde, spielten General Manager Rich Cho und Teambesitzer Michael Jordan multiple Szenarien durch. Im Idealfall hätten die Rotluchse ihren Pick für ein Paket aus mindestens zwei gestandenen NBA-Startern getauscht. Keines der Angebote übertrumpfte aber Michael Kidd-Gilchrist, den Spieler, den viele Experten als zweitbesten dieses tiefen Jahrgangs einstufen. Die Meinungen differieren, weil MKG kein kommender Superstar ist, wie es Davis mal einer sein wird. Aber er ist ein beinharter Verteidiger und ein Winnertyp. Einer, der dabei helfen kann, die verweste Teamkultur in Charlotte zu erneuern. "Ich bringe harte Arbeit mit und noch härtere Verteidigung. Ich liebe Defense. Scottie Pippen war mein Vorbild, als ich jung war", verriet der 2,01 Meter grosse Forward NBA Deutschland im Green Room, bevor er Commissioner David Stern als zweiter Spieler die Hand schütteln durfte - übrigens das erste Mal in der NBA-Geschichte, dass zwei Spieler vom gleichen College (Kentucky) an Nummer eins und zwei gedraftet wurden. Im schlimmsten Fall erhalten die Bobcats mit Kidd-Gilchrist einen harten Arbeiter und Lockdown-Defender, der die Mentalität der Losertruppe von Grund auf verändern wird. Wenn der neue Head Coach Mike Dunlap ihm noch einen konstanten Jumpshot doziert, könnte der Small Forward eines Tages dann tatsächlich in die Fussstapfen seines grossen Idols treten. Der spielte in sieben All-Star Games und beendete seine Karriere als einer der 50 besten Spieler aller Zeiten. Mit ihrem Zweitrundenpick selektierten die Bobcats dann noch Jeffery Taylor, einen Kidd-Gilchrist Klon, der zu den athletischsten und kräftigsten Spielern im Draft zählt und Charlottes darbendem Kader eine weitere, dringend benötigte Talentinfusion verpasst.

Portland Trail Blazers
Damian Lillard (6), Meyers Leonard (11), Will Barton (40) Fantastische Arbeit, die Portland und der neue General Manager Neil Olshey vor dem Draft geleistet haben. Olshey, der die Los Angeles Clippers wieder auf Vordermann brachte, zögerte im hohen Nordwesten keine Sekunde und hinterliess gleich seinen ganz persönlichen Fingerabdruck. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Trail Blazers unbedingt Weber State Point Guard Damian Lillard verpflichten wollten, um die vakante Aufbau-Position neu zu besetzen. Lillard gilt als der mit Abstand beste Einser im diesem Jahrgang und demonstriert eine explosive Mischung aus Playmaking und eigenem Scoring. Er wird eine rundum erneuerte Blazers-Lineup in eine erfolgreiche Zukunft führen, die noch schneller ankommt, wenn der zweite Lotterie-Pick, Meyers Leonard, ebenso schnell einschlägt. Obwohl unspektakulär und potentiell enttäuschend, überzeugte der 2,16 Meter Riese in den Pre-Draft Camps mit seinem soliden Offensivspiel und einer gehörigen Portion Athletik. Mit etwas Geduld könnte er an der Seite von LaMarcus Aldridge die grosse Leere füllen, die seit Greg Oden auf der Fünf klafft. Flügelspieler Will Barton an 40. Stelle rundete einen durch und durch erfolgreichen Draft-Abend für Olshey und Portland ab.

Boston Celtics
Jared Sullinger (21), Fab Melo (22), Kris Joseph (51)

Viele Celtics-Fans waren im Vorfeld zwar enttäuscht, dass GM Danny Ainge es nicht geschafft hatte, seine beiden späten Erstrundenpicks in einen Top-10 Pick umzuwandeln. Nur zu gerne hätten die Kobolde Austin Rivers gedraftet und so das hoch antizipierte Vater/Sohn Duett Realität werden lassen. Als die erste Runde dann aber vorüber war, und der Rekordchampion Jared Sullinger und Fab Melo hinzu gewonnen hatte, waren alle wieder beschwichtigt. Sullinger galt lange Zeit als einer der fünf besten Spieler des Jahrgangs, ehe ihn Rückenprobleme und eine unklare NBA-Position weit absinken liessen. Boston nahm das Risiko aber gerne in Kauf und draftete den prototypischen Vierer der alten Schule dennoch. "Wir untersuchten sein Rückenleiden genau. Könnte zwar sein, dass langfristig Komplikationen auftauchen. Aber wir fühlten uns sehr wohl beim Gedanken, ihn auszuwählen", sagte Ainge später. Sullinger ist ein Malocher am Brett und im Low Post, der einen guten Touch hat und in Boston viel von Kevin Garnett lernen kann. Mit Fab Melo erhalten die C's zudem einen agilen Shotblocker, der zwar eine Menge Foulprobleme bei den Profis bekommen wird, aber in Kurzeinsätzen gleich effektiv sein kann. Sullinger und Melo – ein definitives Upgrade für eine der schlechtesten Ersatzrotationen der letzten Saison. Und an der Stelle im Draft (21) mit Sullinger ein potentieller Steal.

Oklahoma City Thunder
Perry Jones (28)

Als hätte es weiterer Beweise für das leise Genie eines Sam Presti bedurft, der Thunder-GM offerierte sie am Draft-Abend mal wieder mit einem verschmitzten Schmunzeln. Perry Jones der Dritte hatte 2011 noch als einer der besten, zumindest aber als talentiertester College-Spieler des Landes gegolten. Man spekulierte lediglich darüber, wo er innerhalb der Top-5 landen würde. Dann kehrte er für seine Sophomore-Saison an die Baylor Universität zurück und erlebte einen monumentalen Absturz - bis hinunter auf Rang 28, wo ihn Presti und die Thunder dann mit Kusshand aufnahmen. Zu den Zweifeln über seine Motivation und Persönlichkeit gesellten sich noch Bedenken ob seiner erst kurzfristig diagnostizierten Knieprobleme. Den Thunder war das egal und das Risiko allemal wert. Die Western Conference Champs verstärkten ihre Bank mit einem ultralangen Ausnahmetalent, das mindestens 15 Draft-Plätze zu weit nach unten abrutschte. PJ3 ist schnell, sprunggewaltig, kann mit dem Ball umgehen, von aussen werfen oder am Ring spektakulär abschliessen. Und das bei 2,11 Meter. Er trieft nur so vor spielerischem Potential, das sich in einem jungen, erfolgshungrigen Team wie Oklahoma City, wo er von Topstars wie Durant, Westbrook und Harden in aller Ruhe lernen kann, am effektivsten entwickeln lässt. Die Best-Case Deckelung bei Perry Jones ist höher als bei jedem anderen Spieler in diesem Jahrgang (minus Davis). Er wird von Beginn an ein integraler Bestandteil der Thunder-Rotation sein und hat dort die Chance, ein ganz spezieller Spieler zu werden. Bezeichnend, dass ausser Presti kein Manager darauf spekulieren wollte.

Summer League

Detroit Pistons

Detroit schickt nicht nur seine diesjährigen Draft-Picks Andre Drummond und Kim English auf's Feld, sondern gibt auch Dukes Kyle Singler eine Chance, zu beweisen, dass er sich das Engagement in der Motorstadt redlich verdient hat. Gestandene NBA-Spieler wie Austin Daye und Brandon Knight zementieren den Ruf der Pistons als eines der gefährlichsten Summer League Teams überhaupt.

Golden State Warriors

Die Warriors gehen mit einer fantastischen Lineup ins Sommer-Turnier. Neben dem diesjährigen Top-Rookie Harrison Barnes (einem sehr guten Schützen auf der Small Forward Position) sowie den anderen beiden Draft-Picks Festus Ezeli und Draymond Green, nehmen die Dubs auch noch Klay Thompson, Charles Jenkins und Jeremy Tyler mit nach Vegas und runden ihren starken Kader mit Point Guard Maalik Wayns ab, der zuvor schon für Orlando auflaufen wird.

Cleveland Cavaliers

Das Cavs-Team wird angeführt vom amtierenden Rookie des Jahres, Kyrie Irving, der nach dem Lockout-bedingten Ausfall der Summer League 2011 diese Gelegenheit nutzen will, um mit seinen jungen Mannschaftskollegen zusammen zu wachsen. Das sind in diesem Fall die letzten beiden Nummer vier Picks des Teams, Tristan Thompson und Dion Waiters, sowie der vielversprechende Big Man Tyler Zeller, den Cleveland den Dallas Mavericks in einem Draft-Day-Trade abluchsen konnte. Die Cavaliers sind Mitfavoriten auf den sogenannten 'Vegas Sweep' (5-0 Siege).

Houston Rockets

Die Rockets befinden sich urplötzlich mitten im Rebuilding-Prozess. Kaum ein Team hat in den letzten Monaten eine höhere Anzahl von jungen Talenten angesammelt. Welche davon können langfristig eine Rolle spielen? Neben den diesjährigen Draft-Picks Jeremy Lamb, Royce White und Terrence Jones erhält auch der beste Passgeber der abgelaufenen College-Saison, Scott Machado, seine Chance. Ebenso mit an Bord sind Donatas Motiejunas, der aus Europa über den Teich wechselt und Zoran Dragic, Bruder des ehemaligen Rockets-Spielmachers Goran Dragic. Abgerundet wird der sehr starke Kader von den letztjährigen Rotationsspielern Chandler Parsons und Marcus Morris.

Brooklyn Nets

Nach den massiven Sommer-Transaktionen der nach Brooklyn umgesiedelten New Jersey Nets muss das Front Office gleich mehrere Rotationsspieler der letzten Jahre ersetzen – für ganz kleines Geld, versteht sich. Was eignet sich besser, um zukünftige Teamkollegen von Deron Williams & co. zu scouten, als die Summer League? Neben dem Anführer dieses Nachwuchsteams, MarShon Brooks, stehen auch Tyshawn Taylor und Tornike Shengeila – beides Zweitrundenpicks 2012 – im Fokus der Teamverantwortlichen. Die werden auch drei ehemalige Lotterie-Talente analysieren, die ebenfalls für Brooklyn auflaufen: Al Thornton (Nr. 14 in 2007), Julian Wright (Nr. 13 in 2007) und Adam Morrison (Nr. 3 in 2006).

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