15 von 16 – Heat einen Sieg vom Titel entfernt

André Voigt

d Erik Spoelstra ist ein intensiver Mensch. Sonst wäre er nicht da, wo er jetzt ist. Er diente sich über Jahre bei den Miami Heat vom Videoscout bis zum Cheftrainer hoch. Es ist ein langer Weg, einer der unbändigen Willen voraussetzt, unbedingten Einsatz. Dieser Weg ist aber auch einer, der nicht zu Ende ist, nur weil Spoelstra auf einem Plastikbrett Spielzüge aufmalen darf.

Der 41-Jährige ist als Headcoach genau so intensiv, wie damals in den nicht enden wollenden Nächten im Videokeller der Franchise. Er erlaubt weder sich, noch seiner Mannschaft, zufrieden zu sein.

Gestern strahlte Erik Spoelstra als er zur Pressekonferenz nach der vierten Partie dieser NBA Finals kam … zum ersten Mal in dieser Serie. Seine Mannschaft hatte gerade mit 104:98 den dritten Erfolg gegen die Oklahoma City Thunder eingefahren. Dabei hatten die Heat einen 17-Punkte-Rückstand wett gemacht.

Nur noch ein Erfolg, dann wären die 16 Siege, die es braucht, um Champion in der besten Basketballliga der Welt zu werden, voll.

Doch auch wenn Spoelstra die Tragweite einer 3-1-Führung in den Finals kannte – keines der 30 Teams, die in den Finals so in Rückstand geraten, gewann die Meisterschaft – auch wenn er seine Zufriedenheit nicht maskieren konnte, mahnte er trotzdem.

„Wir müssen jetzt auf unserem Kurs bleiben“, sagte Spoelstra. „Außerhalb (dieses Teams) wird es eine Menge Lärm geben, aber wir müssen uns konzentrieren und im Moment bleiben. Wir müssen wirklich kämpfen, um diesen letzten Sieg zu bekommen.“

LeBron James kämpfte in Spiel vier bis zur Erschöpfung. Mit 26 Punkten, 9 Rebounds und 12 Assists kontrollierte er die Partie phasenweise nach Belieben. Auch defensiv drückte er dem Spiel seinen Stempel auf. Der MVP 2012 war mit Abstand der beste Akteur auf dem Parkett.

Kevin Durant musste sich, wann immer er gegen James aber auch gegen Shane Battier spielte, für jeden Zentimeter Laufweg arbeiten. Das Duo frontete Durant, ließ ihn – wenn überhaupt – nur nach hartem Kampf zu den Stellen auf dem Feld, wo der Small Forward hin wollte.

Es war ein Einsatz so ganz nach dem Geschmack des Trainers der Heat.

Spoelstra konnte allerdings nicht schmecken, dass James im vierten Viertel Krämpfe bekam, die so stark wurden, dass er 55,5 Sekunden vor Schluss beim Stande von 101:96 für Miami vom Feld genommen werden musste. „Zu diesem Zeitpunkt wollte er seinen Körper dazu zwingen, raus zu gehen und etwas beizutragen“, erklärte Spoelstra. „Aber dann kam der Punkt, an dem wir vier gegen fünf spielten und ihn auswechseln mussten. LeBron wollte im Spiel bleiben, aber es war klar, dass er uns schaden würde, wenn er wir ihn drin lassen.“

Die Auswechslung schadete nicht … es gab ja noch Mario Chalmers.

Der hatte in den Spielen drei und vier allen Grund gehabt, an sich zu zweifeln. Der Point Guard spielte 2011/12 seine beste Saison in Miami. Die diesjährigen 9,8 Punkte, 44,8 Prozent aus dem Feld, 38,8 Prozent von der Dreierlinie? All das waren Karrierebestwerte für den Aufbau, der seit 2008 bei den Heat spielt.

Chalmers’ Job in dieser Mannschaft ist schnell beschrieben. Dreier treffen, das Feld im Angriff weit machen, Platz schaffen für die Drives von LeBron James und Dwyane Wade. Genau das gelang ihm in den Partien zwei und drei nicht. Selbst offene Würfe verfehlten das Ziel.

Nur einer seiner sechs Dreier traf in diesen Partien, insgesamt verwandelte er nur zwei von 15 Würfen. Chalmers wirkte unsicher, legte insgesamt nur fünf Punkte auf und verlor viermal den Ball.

Deshalb war es Kevin Durant, der den Point Guard in Spiel vier verteidigte. Die Thunder wollten verhindern, dass ihr Superstar erneut in Foulprobleme gerät. Der Sprungwerfer Chalmers schien das perfekte Matchup für Durant mit seinen langen Armen zu sein.

Mario Chalmers freilich sah das alles ein wenig anders …

„Ich wusste, dass ich gegen KD eine Menge freie Würfe bekommen würde“, sagte er. „Dass Durant mich verteidigte, war für mich ein Zeichen, dass mich die Thunder nicht respektieren.“

Vielleicht hätte OKC das besser tun sollen …

Denn Mario Chalmers hat eine unangenehme Angewohnheit. Egal wie schlecht es für ihn in den Playoffs auch laufen mag. In jeder Serie scheint es eine Partie zu geben, in der er detoniert. Gegen die Knicks in Runde eins, war es das dritte Spiel: 19 Punkte, 5/8 Dreier. Indiana rieb sich im sechsten Aufeinandertreffen die Augen: 15 Punkte, 3/4 Dreier. Die Celtics schließlich wurden in der zweiten Partie zu seinem Opfer: 22 Punkte, 3/6 Dreier.

Gegen OKC war es nun Spiel vier: 25 Punkte, 3/9 Dreier (siehe unten). Allerdings waren es nicht nur die Dreier, die so wichtig waren gegen die Thunder. Chalmers suchte den Weg in die Zone, traf jeden seiner sechs Zweier.

Auf der anderen Seite absolvierte Russell Westbrook sein statistisch beste Spiel dieser Playoffs. 43 Punkte, 20 Treffer bei 32 Würfen, 7 Rebounds und 5 Assists. Der Point Guard erzielte mehr Zähler als seine vier Starterkollegen zusammen.

Offensiv zeigte er sich von Anfang an viel aggressiver. Seinen mit voller Wucht vorgetragenen Drives hatte Miami kaum etwas entgegen zu setzen. Es war ein grandioses Spiel von Westbrook.

Bis zum Foul an Mario Chalmers …

Beim Stand von 101:98 für Miami waren noch 17,3 Sekunden zu spielen, als es einen Sprungball am Korb der Thunder gab. Der Ball kam zu Chalmers. Westbrook – im Glauben, dass die Heat neue 24 Sekunden bekommen und die Uhr ausspielen würden – foulte absichtlich, um die Shotclock anzuhalten. Das Problem: Die Heat hatten zu diesem Zeitpunkt nur noch fünf Sekunden auf der Wurfuhr … Chalmers versenkte beide Freiwürfe.

10,6 Sekunden vor Ende, verlor Westbrook dann zu allem Überfluss den Spalding beim Ballvortrag, die Niederlage war besiegelt.

3-1 in Front. Kein Team in der Geschichte der NBA Finals gewann nach einer solchen Führung am Ende nicht den Titel. Im Gegenteil: In diesen 30 Serien kam es nie zu einem siebten Spiel.

Dennoch wollte sich Mario Chalmers auf seiner Pressekonferenz kein Lächeln gönnen.

„Ich habe mein Lachen noch“, erklärte er auf Nachfrage. „Aber wir haben noch immer einen Job zu erledigen. Wir brauchen noch einen Sieg. Nach diesem Sieg kann ich lachen.“

Vielleicht ist es schon in der Nacht von Donnerstag auf Freitag soweit.

MVP

LeBron James – 26 Punkte, 9 Rebounds, 12 Assists, 10/20 Würfe, 1/4 Dreier, 5/8 Freiwürfe

In dieser vierten Partie zeigte LeBron James über weite Strecken zu was er auf dem Basketballfeld fähig ist, was ihn so einzigartig macht. Im dritten Viertel erzielte er zehn Punkte, vier Assists, drei Rebounds, traf vier von sechs Freiwürfen. In diesen zwölf Minuten kontrollierte er die gesamte Partie.

Held im Schatten

Mario Chalmers – 25 Punkte, 3/9 Dreier, 4/5 Freiwürfe

Okay, im Schatten stand Chalmers in diesem Spiel nicht. Im Gegenteil: Viel heller hätte das Rampenlicht nicht scheinen können, als der Point Guard 44 Sekunden vor Ende einen Korbleger zum 101:96 traf und dann in den letzten 13 Sekunden drei von vier Freiwürfen versenkte, um den dritten Sieg der Heat nach Hause zu fahren. Insgesamt erzielte er zwölf Punkte im letzten Viertel (4/5 aus dem Feld). Chalmers führte allerdings ein Trio von Rollenspielerhelden an, dessen andere Mitglieder hier nicht unerwähnt bleiben sollen. Norris Cole erzielte acht Punkte, traf zwei von drei Dreiern – dabei betrug seine Quote in der regulären Saison eiskalte 27,6 Prozent von Downtown. Shane Battier rackerte in der Defense bis zur Selbstaufgabe gegen Kevin Durant.

Das vierte Viertel

Wie agierten die Stars beider Teams im vierten Viertel? Wir schauen in jeder Partie – es sei denn, es gib einen ganz klaren Kantersieg – auf die Statistiken in den letzten zwölf Minuten.

LeBron JamesStatKevin Durant
6Punkte6
2/6Würfe2/3
1/3Dreier0/1
1/2Freiwürfe2/2
0Rebounds2
0Assists0
9:55Minuten12:00

Dwyane Wade StatRussell Westbrook
5Punkte17
2/7Würfe7/9
1/1Dreier0/0
0/0Freiwürfe3/3
3Rebounds1
1Assists0
12:00Minuten12:00

SOCIAL MEDIA