Mehr Drama als Hollywood

Eine Woche ist es jetzt her, dass Mike Brown in Los Angeles vor die Tür gesetzt wurde, und langsam, nur ganz langsam ebben die weitreichenden Konsequenzen dieser chaotischen Posse ab. Jim Buss, Mike Brown, Mitch Kupchak, Phil Jackson, Mike D'Antoni, Magic Johnson, Presse, Fans... die tumultartigen letzten Tage haben bei allen ihre Spuren hinterlassen.

Brown

Um eines vorneweg zu nehmen: Brown war nie der richtige Mann in LA. Er ist eindimensional. Er weiss nicht, wie man mit Starspielern umgeht. Und er liebt das Mikromanagement seiner Lineups und komplexe Spielzüge, die er Angriff für Angriff ansagen will. Kein wirkliches Erfolgsrezept für Veteranen-Teams, aber das hat schon die Vergangenheit gezeigt. Schlimmer noch: seine vermeintliche Stärke, die Verteidigung, konnte Brown nie umsetzen, die Lakers blieben in der Defensive immer nur Mittelmaß. Dass man den 42-Jährigen also letzten Endes vor die Tür setzte, war die richtige Entscheidung. Nur eben erbärmlich umgesetzt. Der Ton macht bekanntlich die Musik, und darin haben sich die Verantwortlichen der Traditionsfranchise völlig vergriffen. Warum hat man Brown nicht schon im Sommer, nach der desaströsen Darbietung in den letztjährigen Playoffs, geschasst? Welche neuen Erkenntnisse wollte man in fünf regulären Partien '12-13 hinzu gewinnen? Dass Brown horrende Rotationen auf's Parkett schickt? Dass er jeglichen Spielwitz durch seinen Kontrollzwang unterbindet? Dass die "Princeton Offense" die völlig falsche Wahl für eine All-Star Lineup mit solch dominanten Einzelspielern ist, weil sie mehr dazu dient, individuelle Schwächen zu kaschieren als Stärken heraus zu heben? Man musste nur zwei Minuten Film studieren und erkannte, dass mit diesem Angriff strukturell etwas nicht stimmte.

Buss/Jackson

Das Brown-Fiasko, von der Verpflichtung über die Köpfe aller Berater hinweg bis zur Entlassung direkt nach dem öffentlichen Vertrauensbeweis, geht ausschliesslich auf Jim Buss' Kappe. Der Sohn der ikonischen Besitzerlegende Dr. Jerry Buss regiert seit seiner Übernahme 2011 mit eiserner Hand. Dabei stößt ihm ein Name mehr auf als alles andere: Phil Jackson. Ab hier wird's dramatisch. Dass Buss Junior nach Jacksons Rücktritt alles und jeden aus der Organisation verbannte, der jemals mit dem "Zen-Meister" zusammen gearbeitet hatte, ist bekannt. Anstatt Jacksons ehemaligen Assistenten Brian Shaw zum Head Coach zu ernennen (alle - allen voran die Spieler - waren dafür), wählte Buss Mike Brown aus. Wie gut das funktioniert hat, wissen wir heute. Wieso Buss dann aber nach Browns Rauswurf ausgerechnet Phil Jackson kontaktierte, darüber scheiden sich die Geister. Hatte er wirklich vor, seine erklärte Nemesis anzuheuern? Oder wollte er Phil, der mit seiner Schwester Jeanie liiert ist, nur bloßstellen? Fakt ist jedenfalls, dass Buss Junior und General Manager Mitch Kupchak den erfolgreichsten Coach der NBA-Historie aufsuchten, um über ein drittes Engagement bei den Lakers zu verhandeln. "Jim rief am Samstag an und fragte, ob er und Mitch zu Besuch kommen könnten. Ich hiess beide in meinem Haus willkommen. Wir unterhielten uns knapp 90 Minuten und gingen mit einem Handschlag auseinander. Ich sprach meine Zuversicht aus, dieser Aufgabe gewachsen zu sein und liess sie wissen, dass ich mich am Montag melden würde. Wir sprachen weder über einen Vertrag, noch über Geld, noch über Entscheidungsgewalt im Front Office. Dann wurde ich von Mitch am Sonntag um Mitternacht geweckt. Die Nachricht war, dass sie sich für Mike entschieden hatten. Das ist auch völlig legitim, aber das hätte man doch alles viel bedachter und respektvoller regeln können. Eine sehr schmierige, seltsame Angelegenheit." Und raus war er, der beste Head Coach aller Zeiten.

Eine lebende Legende, die nichts als Championship-Trophäen nach Los Angeles gebracht und die Franchise zur Jahrtausendwende wieder relevant gemacht hat, behandelt man nicht so. Dass Phil Jackson angesichts der Bredouille, in der die Lakers steckten, die richtige, die beste Wahl gewesen wäre, versteht sich von selbst. Elf Meisterschaften, 13 Finalteilnahmen und 17 Saisons mit 50-plus Siegen in 20 Jahren sprechen eine überdeutliche Sprache. Seine Erfolgsquote von 70 Prozent, egal ob regulär oder Playoffs, ist unerreicht. Natürlich ist Jackson kein einfacher Mann. Seine Grösse, seine Errungenschaften und seine schiere Präsenz stellten die meisten Angestellten bloß und oft in den Schatten. Dass Buss, Kupchak & co. nicht schon wieder auf den "transzendenten Heilsbringer" angewiesen sein wollten, um eine äußerst vertrackte Situation im eigenen Stall zu bereinigen, ist plausibel. Aber wenn man es nicht schafft, Stolz und Ego für das Wohl des Clubs hintenan zu stellen, dann kontaktiert man Jackson doch gar nicht erst. Dann gibt man nicht ihm und dem Rest der Welt das Gefühl, dass die Entscheidung alleine bei ihm läge und er bis Montag Zeit hätte.

Alle halbgaren Ausreden, weshalb es letzten Endes doch nicht Phil wurde, sind übrigens dementiert worden, auch von Kupchak selbst. Triangle Offense? Die hat Jackson in LA bereits zweimal eingeführt und insgesamt fünf Titel gewonnen. Geld? Abgesehen davon, dass es erst gar nicht zu finanziellen Verhandlungen kam, hätte Jackson knapp ein Drittel weniger genommen, als bei seinem letzten Stop. Macht? Jackson besitzt dank seiner Freundin Jeanie Buss bereits Teamanteile. Nachlass? Wäre es denn so verkehrt, einem von Jacksons vorgesehenen Assistenten (Brian Shaw, Ron Harper, Scottie Pippen) eine Chance an der Seitenlinie zu geben? Egal, wie man es dreht und wendet, das PR-Fiasko für den ehemals illustren Vorzeigeverein ist selbstverschuldet und hochverdient. Die Art, wie in den letzten zwei Jahren hinter den Kulissen gearbeitet wird, ist für einen ikonischen Club wie Los Angeles völlig inakzeptabel und trägt die Handschrift eines einzigen Mannes: Buss Junior. Der offenbart offensichtliche Führungsprobleme, die es unter seinem Vater in 32 Jahren nicht gegeben hatte. Das weiss auch Lakers-Legende Magic Johnson, der unter Buss Senior spielte und seine Teamanteile prompt verkaufte, als der Junior an die Macht kam: "Ich liebe Jerry Buss. Ich misstraue Jim Buss. Er entschied, dass er Phil Jackson nicht haben wollte, okay. Aber warum hat er das nicht einfach gesagt? Er hat schon zwei schwere Fehler begangen." Es wird nicht Buss' letzter gewesen sein.

D'Antoni

Direkt nach Phil Jackson war Mike D'Antoni die beste Wahl für die Kalifornier. Der ex-Coach der Suns und Knicks konnte sein Glück selbst gar nicht fassen ("Ist das euer Ernst? Ich dachte - wir alle dachten - sie würden Phil nehmen...") und grinste bei seiner ersten Pressekonferenz am Donnerstag bis über beide Ohren. Und spätestens ab hier wird die ganze Geschichte wieder sonniger. D'Antoni ist ein offensives Mastermind, ein Innovator, der bei den Lakers perfekt passen wird wie sein Schnauzer ins Gesicht. Im Gegensatz zum anderen Mike, seinem Vorgänger, geniesst D'Antoni den vollen Respekt und die Hochachtung seiner Spieler. Allein das garantiert ihm schon mehr Erfolg. Steve Nash, Kobe Bryant, Dwight Howard, sie alle kennt er aus Phoenix oder vom Team USA. D'Antoni ist eine Frohnatur, stets relaxed und gilt nicht zuletzt deshalb als echter "Player's Coach". Sein Spielsystem ist ebenso einfach wie revolutionär. Kreiert in Phoenix unter Zuhilfenahme eines der besten Point Guards der Geschichte, verbreitete sich seine "7 Seconds or less" Philosophie wie ein Lauffeuer in der Basketball Association und veränderte für alle Zeiten das Spiel. Der Verzicht auf traditionelle Positionen, ein irre hohes Spieltempo, "Spread-Offense" und der Eckdreier, das sind heute alles Hauptmerkmale fast aller NBA-Playbooks. Die Lakers-Offensive wird, erlöst von den Brown'schen Fesseln, befreit aufatmen und die individuellen Stärken seiner Protagonisten in viele, einfache Punkte umwandeln. "Wenn wir nicht 110, 115 Punkte im Schnitt machen, dann müssen wir uns ernsthaft unterhalten", verspricht D'Antoni "Showtime-Basketball". Initiiert von Steve Nash (dem wohl besten Pick & Roll Guard aller Zeiten) und Dwight Howard (dem statistisch dominantesten "Roll-Man" der Liga), soll der Ball "locker durch die eigenen Reihen laufen, Energie finden, die Offensive muss fliessen", wie D'Antoni sagt. "Die Erwartungen hier sind haushoch, aber bei so viel Talent im Kader ist das auch völlig legitim. Es wird nicht über Nacht passieren, aber ich bin zuversichtlich, dass wir im Frühjahr zu den Contendern zählen."

Nicht ganz abwegig, in der Tat. Ein Großteil aller NBA-Connoisseure hatte vor der Saison auf Los Angeles, Oklahoma City oder San Antonio im Westen gesetzt. D'Antonis Verpflichtung verstärkt diese Erwartungshaltung, mehr als es Brown je gekonnt hätte. Sicherlich ist das aktuelle Spielermaterial bei den Lakers ein anderes als damals in Phoenix, als D'Antoni, Nash und die Suns die Liga überrollten und zweimal in Folge erst im Conference Finale scheiterten. Die Starting Lineup aber ist überragend, und auf der Ersatzbank schlummert der ein oder andere nützliche Reservist. Jodie Meeks zum Beispiel. Oder Steve Blake, für den dieses System wie hausgemacht ist. Oder Jordan Hill. Von seinen Stars erwartet der neue Coach indessen nicht mehr, als sie selbst zu sein und sich defensiv reinzuhängen: "Unsere Defense muss uns über Wasser halten, bis Steve zurück kommt und die Offensive klickt. Aber wir werden stark sein." Man sollte D'Antonis Aussagen nicht als reine Phrasendrescherei verspotten. Selbst in Phoenix rangierten seine Teams bei der defensiven Effizienz immer im Mittelfeld. Verteidiger wie Bryant, Metta World Peace und vor allem ein gesunder Howard werden die Lakers-D automatisch ins obere Drittel hieven. Dort wird man auch mindestens landen müssen, denn: traditionell hat man fast nur dann echte Championship-Chancen, wenn Offensive oder Defensive überragend und das Pendant zumindest gut ist.

Der 61-Jährige Mike D'Antoni, der nach einer Kniegelenkersatz-OP noch auf Krücken geht und erst am Sonntag sein erstes Lakers-Spiel coachen wird, ist nicht Phil Jackson. Aber er bringt den Fun-Faktor zurück nach Tinseltown. Ein Hauch von Showtime-Basketball, ein Spielsystem, mehr zugeschnitten auf die geballte Star-Power, die GM Kupchak im Sommer zusammen gestellt hat. Die Lakers werden, spätestens nach Nashs Rückkehr im Dezember, langsam Fahrt aufnehmen und einen intelligenteren, aufregenderen, erfolgreicheren Basketball spielen, als unter Brown. Und im Mai dann sicherlich mittendrin sein in der Championship-Konversation, ganz wie geplant. In der Beziehung haben die Verantwortlichen also richtig gehandelt. Nur, dass der Zweck niemals die Mittel heiligt, das muss jemand Jim Buss & co. noch erklären...

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