Celtics zurück auf dem Gipfel

Posted by Johannes Berendt on June 19, 2008 10:30 a.m. ET

Was für eine Saison – wer hätte den Boston Celtics vor einem Jahr schon den Titelgewinn zugetraut?

N-tv lobt:

„Mit dem Titelgewinn hat Boston für das größte Comeback in der amerikanischen Sportgeschichte gesorgt. In der Vorsaison war das Team noch die zweitschlechteste Mannschaft der Liga. “

Da darf man sich schon mal freuen. Spox.com schildert die Jubelszenen:

„Nach dem 17. Titelgewinn durch das eindrucksvolle 131:92 im sechsten Finalspiel gegen die Los Angeles Lakers, dem höchsten Finalsieg in der NBA-Historie, verwandelten Zehntausende das Bostoner Northend in eine Partymeile und knapp 19.000 Zuschauer den ausverkauften TD Banknorth Garden in ein Tollhaus. Paul Pierce übergoss Meister-Trainer Doc Rivers mit einem Eimer Limonade, Kevin Garnett küsste das Vereinsemblem auf dem Parkettboden und die Fans feierten ihre Lieblinge mit Sprechchören.“

Autoren-Legende Rod Ackermann berichtet in der NZZ:

„Eine Überraschung ist der Gewinn des NBA-Titels höchstens für die – erstaunlich zahlreichen – Experten, die den Lakers grössere Gewinnchancen einräumten, obwohl die Celtics in der Regular Season die höchste Punktezahl erreicht hatten. Weil Kobe Bryant, der Alleskönner der Kalifornier, in den entscheidenden Momenten jedoch nicht die erwarteten Wunderdinge vollbrachte, die Celtics dagegen während der gesamten Finalserie fast wie nach Bedarf zulegten und sich selbst von einigen Verletzungen nicht aus dem Tritt bringen liessen, ging das Gipfeltreffen zugunsten der geschlosseneren Mannschaft aus. Logischerweise, wie die US-Medien fast unisono anmerken.“

Über Doc Rivers schreibt Ackermann:

„Vor Jahresfrist noch der meistgehasste Mann in Boston, tricksten der Celtics-Stratege und sein Stab die Gegnerschaft eine Saison lang nach allen Noten der Kunst aus. Den 66 Siegen der Regular Season, 42 mehr als in der Spielzeit davor, liessen Rivers und sein Team eine fast makellose Play-off-Bilanz – eine einzige Heimniederlage – folgen. Dazu passte hervorragend das abschliessende Feuerwerk. Seit der 1998er Finalserie, wo Michael Jordan und die Bulls die Utah Jazz gar mit 42 Punkten Unterschied weggeputzt hatten, gab es kein derart einseitiges Resultat mehr.“

Am Ende haben die Boston Celtics wirklich alle überzeugt – sogar den glühenden Lakers-Fan und nba.com Blogger Uli Tangl.

„Wenn etwas so klar ausgeht, geht sogar einem Zyniker wie mir die Bosheit aus“, schreibt er.

„Deshalb, man glaubt es kaum, ohne Häme, ohne Neid, ganz ehrlich: Gut gemacht, Celtics!

Selten gab es einen verdienteren Champ. Im letzten Viertel spürte ich keinen Ärger mehr, konnte mich an dem ehrlichen, unverfälschten, ansteckenden Jubel der Bostonians erfreuen.

Als dann Kevin Garnett jenes Interview gab (geben musste!), das noch Generationen mit einer Gänsehaut anstaunen werden, fühlte ich es, ganz sicher: Dieses Team hatte den Titel so sehr gewollt wie noch kein Team zuvor, in diesem Team steckt eine Riesen-Wagenladung „Celtics pride“, jener spezielle, irische, sture Stolz, der Menschen dazu bringt, über sich hinauszuwachsen.“

Uli liefert darüber hinaus noch eine Einzelbewertung der wichtigsten Spieler.

Klar ist: Drei Superstars werden nicht wie Charles Barkley – also gänzlich titellos – enden müssen. Stefanie Boewe berichtet auf welt.de:

„Für Garnett, Allen und Pierce, die drei All-Star-Spieler der Celtics, die nie einen Meisterschaftsring gewinnen konnten, bedeutet der Titel die ersehnte Bestätigung ihres Leistungsvermögens, doch vor allem für Pierce ist der Sieg auch Genugtuung. Vor zehn Jahren von den Celtics in der ersten Runde der Draft ausgewählt und seitdem ein Bostoner, hatten Charakterschwächen immer wieder das Talent des inzwischen 30-Jährigen in den Schatten gestellt. Pierce, der 15 Celtics-Rekorde hält, galt als launisch und notorischer Nörgler.“

Pierce gehören nun wieder, wie schon vor der Serie, die Schlagzeilen, sagt Heiko Öldorp auf Spiegel Online.

„Er ist zum wertvollsten Spieler der Finalserie gewählt worden. Paul Pierce, der Arbeiter, nicht Kobe Bryant, der Akrobat unter dem Korb. Pierce war es zu verdanken, dass der Lakers-Star gegen Boston keine Sternstunden, sondern nur durchschnittliche Arbeitstage erlebte. In den ersten drei Play-off-Runden erzielt der MVP der regulären Saison noch 31,9 Punkte pro Partie. In den Finals waren es sechs Zähler weniger. Und bei zwei ihrer vier Siege gewannen die Celtics eben mit jenen sechs Punkten Vorsprung.“

Mo zieht auf Basket derweil seinen Hut – aber nicht vor den Lakers.

„Eben jenen Hut möchten die Los Angeles Lakers wohl eher ganz tief über ihre Gesichter ziehen. Ein Elimination-Game mit 40 Punkten verlieren?! Na herzlichen Glückwunsch! Eine absolut desaströse Leistung, wie schon in Spiel 4 als man einen 24-Punkte-Vorsprung verspielte. Und wie war das noch mit den Jordan-Vergleichen, Herr Bryant?! Naja, das vergessen wir auch mal ganz schnell.“

Am Ende bekommt ohnehin jeder das, was er verdient, findet auch unser Blogger Haruka Gruber:

„Kobe Bryant schickte sich die Saison über an, das kosmische Gleichgewicht aus Ursache und Wirkung aus der Balance zu bringen. Er stänkerte über seinen General Manager, er lästerte über sein Team, der Hobby-Paris-Hilton lancierte im Internet sogar ein verruchtes Videoschnipsel, um einen Trade zu erzwingen. Aber was machte Karma? Statt Kobe für sein wenig spirituelles Verhalten abzustrafen, bekam er Pau Gasol praktisch geschenkt, statt im Fegefeuer der Mittelmäßigkeit zu verharren, marschierte er mit den Lakers bis ins Endspiel. Doch just zum Zeitpunkt, als die Lakers als Favoriten in die Finalserie gegen die Celtics gingen und einige Medien Kobe schon in den Sphären des Michael Jordan wähnten, schlug das Karma mit etwas Verspätung dann doch zu.“

Apropos Karma – Sebastian Moll berichtet im Tagesspiegel:

„Es hat 22 Jahre lang hier nichts geklappt, absolut gar nichts“, sagte jüngst der frühere Celtics-Kapitän und dreimalige Champion Bob Cousy. „Das Karma war einfach rundherum miserabel.“ Bis in der vorigen Saison dann Manager Danny Ainge, selbst Spieler in der Meistermannschaft von 1986, Kevin Garnett aus Minnesota und den erfahrenen Ray Allen aus Seattle holte. Vor allem Garnett half maßgeblich mit, dass sich bei den Celtics, die im vorigen Jahr 18 Spiele in Folge verloren hatten, alles zum Guten wandelte. Unter seiner Führung wuchsen plötzlich Spieler wie Rajon Rondo und Paul Pierce über sich hinaus.“

Das Schlusswort gehört Rainer Nachtwey von Sport1:

„Am Ende bleibt festzuhalten, dass Doc Rivers aus drei Starspielern und einiger No-Names die beste Mannschaft der NBA gebildet hat, die sich durch Teamgeist und Teamspiel auszeichnete.“

2007-08 ARCHIVE

June. 10 -- Per Masterplan zum Titel?
June. 6 -- Boston führt im Traumfinale
May. 27 -- Prügel für His Airness
May. 20 -- Da waren es nur noch vier
May. 13 -- Die Wandlung des Kobe B.
May. 6 -- „Ein Wunder, dass wir die Playoffs erreicht haben“
Apr. 30 -- Aus und vorbei: Dallas am Boden
Apr. 29 -- Leben Totgesagte wirklich länger?
Apr. 22 -- Von Wandlungen und Weicheiern
Apr. 16 -- „Einfach weitermachen“
Apr. 8 -- Von Kriegern und Männern aus Stahl
Apr. 1 -- Das große Zittern
Mar. 25 -- Nowitzki: Glück im Unglück
Mar. 18 -- Zwischen Weltraumbestattung und Mondlandung
Mar. 11 -- Ein Pfundskerl und ein „Hunds-kerl“?
Feb. 26 -- Der Spieler sind genug gewechselt – lasst uns auch endlich Taten sehen
Feb. 20 -- Ge-Kidd-Nappt
Feb. 12 -- Zwischen Mega-Trades und All-Star Wahnsinn
Feb. 5 -- Der Trade zum Titel?
Jan. 30 -- Unerklärliche Leistungen und unerwartete Hilfe
Jan. 22 -- Zwischen Fressorgien und nächtlicher Selbsterfahrung
Jan. 15 -- Einfach gigantisch
Jan. 8 -- Von Vergangenhei-tsbewältigung und realistischer Selbsteinschätzung
Dec. 26 -- Schöne Bescherung!
Dec. 21 -- Gute Zeiten, schlechte Zeiten
Dec. 14 -- Von Langzeit-Urlaubern, Zahnlücken und Siegesserien

2006-07 Archive

Ray Allen & Paul Pierce
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Kevin Garnett
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Die Big Three
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