Herzlich willkommen beim NBA Blog Squad Germany. Hier werden in regelmäßigen Abständen Insider ihre Gedanken zur NBA und WNBA niederschreiben. Stars und Journalisten – sie alle teilen dieselbe Leidenschaft für die NBA. In ihren „Blogs“ könnt Ihr nachlesen, was sie zur spannendsten Basketball-Liga der Welt zu sagen haben.

Die Meinungen, die vom Blog Squad geäußert werden, geben lediglich eine persönliche Einschätzung der Blogger wieder, nicht aber die Sichtweise von nba.com, der NBA oder irgendeinem NBA-Team. Nba.com prüft nicht den Wahrheitsgehalt resp. die Genauigkeit der Blogs.


Jürgen Kalwa
Journalist
Jürgen Kalwa gehört zu den Frühaufstehern der deutschen NBA-Bewegung. Er war der Autor der ersten Titelgeschichte über einen US-Basketballer von Format (Michael Jordan, Sports, 1992), des ersten populär geschriebenen Buchs über Spiel, Taktik und Training in der NBA ("Basketball in der NBA. Die Liga - Das Spiel - Die Stars", 1996) und der ersten umfassenden Illustrierten-Geschichte über Dirk Nowitzki in Dallas (Stern, 1999). Schon damals belieferte er von seinem Standort New York aus die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit Berichten über das Sportgeschehen in den USA sowie den Tages-Anzeiger in Zürich. Das macht er auch heute noch. Seine vielseitige Arbeit schlägt sich dazu im Internet nieder - bei American Arena - einer der populärsten deutschen Sportblogs.

Das Problem mit Byron Scott

Ich weiß nicht, was das Problem mit Byron Scott ist. Oder warum dieser Mann noch nie gefeiert und umschmeichelt wurde wie seine Gefährten. Als er in den achtziger Jahren bei den Los Angeles Lakers war und als Stammspieler für drei Meisterschaftserfolge mitverantwortlich, da wurde er nicht mal in seiner besten Saison ins All-Star-Team berufen.

Die Lakers hatten Magic Johnson und Kareem Abdul-Jabbar, und die beiden warfen die riesigen Schatten, in denen Scott verschwand. Als Trainer in der NBA hat er vor ein paar Jahren mit den New Jersey Nets eine ziemlich schlechte Mannschaft auf Vordermann gebracht und gleich zweimal hintereinander in die Finalserie geführt. Damals musste er lange auf eine Vertragsverlängerung warten und wurde nach einer kurzen Flaute des Teams von den neuen Besitzern des Clubs einfach gefeuert.

In diesem Jahr zeigt er mit den New Orleans Hornets, einer der grauesten Mäuse des amerikanischen Basketballs, erneut, was er kann. Und worüber reden die Leute? Nicht über Byron Scott, sondern über Chris Paul. Aber wer hat denn Paul im Jahr 2005 nach Louisiana geholt? Und wer hat den Trade eingefädelt, der Peja Stojakovic in die Crescent City brachte, obwohl doch gerade Scott noch wissen muss, wie er damals in seinem Jahr bei Panathinaikos Athen im Finale der griechischen Meisterschaft diesen Stojakovic nass gemacht hat, der damals bei PAOK Thessaloniki auf der Payroll stand? Wer hat Tyson Chandler in Schwung gebracht, einen Center, auf den keiner mehr einen Pfifferling gewettet hätte? Und wer schipperte im Tausch für Chandler einen gewissen JR Smith nach Chicago, weil der in seiner zweiten Saison bei den Hornets hinreichend dokumentiert hatte, dass er ungerne pünktlich zu Training kommt, nicht genug an sich arbeitet? Richtig. Byron Scott.

Wie gesagt. Ich weiß nicht, was das Problem mit Byron Scott ist. Irgendjemand scheint immer zu denken, irgend etwas an dem Mann mit dem verschlossenen, grimmigen Gesicht wirke unecht, aufgesetzt, unsympathisch. Kaum ein Trainer werde so wenig beachtet, meinte Jack MacCallum von "Sports Illustrated" im Herbst. Ein fundiertes Statement von einem ausgewiesenen Experten in Sachen Basketball. Aber zieht er anschließend aus dieser Erkenntnis irgendeine Schlussfolgerung und macht sich auf, einen luziden Artikel zu schreiben? Nein.

Natürlich findet sich näher dran - zum Beispiel in der Times-Picayune, der Tageszeitung von New Orleans, die eine oder andere Verbeugung vor dem Talent des 47-jährigen. Aber in die Tiefe ging Terry Kidder dort neulich auch nicht. Alles, was wir über den Typ Scott lesen konnten, verbarg sich in dem Zitat des Trainers: "Ich nehme vermutlich Dinge jetzt etwas leichter. Ich habe mehr Spaß mit den Jungs. Ich mache Witze mit ihnen vor dem Training. Nach dem Training werfe ich mit ihnen zusammen Bälle. Solche Sachen." Aber natürlich wollte der heißeste Aspirant für den Titel "Coach des Jahres" nicht den Eindruck erwecken, er sei der Ober-Clown einer Witzfiguren-Mannschaft. "Aber wenn das Training, dann ist das so wie ein Spiel beginnt. Ich bin immer noch der gleiche ernsthafte Mensch, der ich vor vier, fünf Jahren war." Wie erhellend. Ein Mann, der seinen Job ernst nimmt.

Mehr war aus Scott nicht herauszuholen?

Ich habe in meinem Journalistendasein schon mit manchem Menschen zu tun gehabt, der sich nicht gerade aufgeschlossen gibt, wenn es um die Medien geht. Besonders die jungen Schüchternen wie Dirk Nowitzki damals in seinem ersten Jahr in Dallas oder jetzt der Golfer Martin Kaymer machen lieber zu und wollen nicht klar reden über Dinge, die ihr Leben ausmacht. Aber ein berufserfahrener, weit gereister Mensch und Vater dreier Kinder, der einst im weißesten Bundesstaat von allen, in Utah, geboren wurde, und in der Schwarzen-Enklave Inglewood in LA aufwuchs, wo bis zum Bau des Staples Center die Lakers spielten, aus dem kann man nicht mehr herausholen als Deklamationen unbestimmter Art?

Immerhin kann man sich aus einigen Geschichten ein paar kleine Bruchstücke zusammenklauben, um Scott besser zu verstehen. So wurde er trotz seines Erfolges von den Nets herausgeworfen, weil Spielmacher Jason Kidd zu viele Dinge an seinem Coach missfielen: seine unverblümte Art, mit den Spielern zu reden, seine Bereitschaft, im Rahmen des Trainerstabs die Verantwortung zu delegieren und sein Arbeitsethos. Der Mann erwartet Disziplin und Einsatzwillen.

Und so kommen wir kurz vor den Playoffs, in denen die Hornets in der ersten Runde voraussichtlich gegen die Denver Nuggets antreten werden, zu zumindest einer wichtigen Erkenntnis: Byron Scott hat wohl noch nie kapiert, dass wir im Medienzeitalter leben, in dem der schöne Schein über Prestige und Ruhm entscheidet. Der Mann will einfach immer nur das Beste herausholen. Auch wenn das Beste in den USA noch nie gut genug war.

Posted by Jürgen Kalwa Apr. 10, 2008 10:30 a.m.

Was haben die TrailBlazers getankt?

Keiner der Experten kann den Aufstieg von Portland zu einem Playoff-Aspiranten erklären. Das spricht für Portland, aber nicht für die Experten.

Seit ein paar Wochen, genauer seit Anfang des Jahres, verfolge ich aufmerksam, was die amerikanischen Basketballexperten sagen, um den Erfolg einer Mannschaft zu erklären, die niemand auf dem Zettel hatte. Ich mache das nicht nur zum Zeitvertreib, sondern weil ich die Hoffnung habe, dass da draußen im großen weiten Land ein paar Geistesblitzer sitzen, die nicht nur so tun, als verständen sie etwas von dem Spiel, sondern durch ihre Arbeit den Nachweis führen können.

Aber bislang konnte ich noch keinen Erfolg verzeichnen. Anders als die Portland TrailBlazers, um die es hier geht. Komisch eigentlich, oder? Denn die Mannschaft, die im letzten Frühsommer den ersten Pick bei der Draft hatte, weil sie so abgrundschlecht geworden war, marschiert von Sieg zu Sieg. Sie muss ohne den hocheingeschätzten Draftee Greg Oden auskommen, weil der sich von einer Knieoperation erholt, zu der man ihn vor Beginn der Saison unters Messer bat. Die Gruppe wurde zuletzt durch den Zach-Randolph-Trade noch einmal mächtig durcheinander geschüttelt und ist die drittjüngste Mannschaft in der Geschichte der NBA. Weshalb kann mir niemand sagen, auf welchem Treibstoff die Richtung Playoffs düst?

Alles, was man erfährt, sind Mutmaßungen und Spekulationen. Und das bei einer Mannschaft, die im Dezember eine Siegesserie von 13 Spielen produzierte. Was schreibt Jason Quick von "The Oregonian", der maßgeblichen Tageszeitung von Portland und Umgebung ) ? Der lieferte Ende Januar ein ellenlanges Traktat im Sportteil ab, wonach das Ganze auf einen geheimnisvollen Prozess zurückgehe: die sogenannte Chemie in der Mannschaft. Für einen Journalisten, der die Mannschaft ganz gut zu kennen scheint, war das ziemlich dünn. Zumal das Wort Chemie oft dazu benutzt wird, um einem etwas vorzugaukeln. Chemie ist nämlich eine Disziplin der Naturwissenschaft, die auf dem Prinzip basiert, dass Aktion und Reaktion in einer kontrollierbaren Versuchsanordnung mit den gleichen Ingredienzien immer wieder die gleichen Resultate produzieren. Das würde bedeuten, dass man Chemie im Basketball planen und inszenieren könnte. Das glatte Gegenteil wird im Sport mit dem Begriff belegt: ein Gefühl, eine Wahrnehmung, eine Fata Morgana.

Angesichts solcher Augenwischerei gefällt einem schon eher die Ehrlichkeit eines Kommentators wie Bethlehem Shoals vom AOL Fanhouse. Der weiß zwar auch nicht, was Brandon Roy eigentlich für ein Basketballer ist oder warum so viele Gegner gegen ihn so schlecht aussehen. Aber zumindest hat er die Courage, es zuzugeben. Denn ein paar Dinge stehen schließlich fest. Zum Beispiel: "Es ist ziemlich offensichtlich, dass das Team auf den Schultern von Brandon Roy ruht."

Mich stört das schon, wenn die sogenannten Experten keinen Dunst haben, wieso eine Mannschaft harmoniert und mit welchen Mitteln sie ihre Gegner bezwingt. Aber damit muss man leben. Zumal das Stoff zum Amüsement bietet. Ich empfehle da gerne eine Seite wie diese, auf der Marc Stein von espn.com die wöchentlichen Kommentare aus seinen sogenannten Power Rankings aufgelistet hat. Der Mann setzte die Mannschaft vor Beginn der Saison auf Platz 26 und musste diese Prognose Stück für Stück revidieren. Aber er tut das ohne jedes Zucken mit der Wimper. Wenn man mal in den USA als Topschreiber eingestuft worden ist, muss man nicht mehr in den Rückspiegel schauen. Fehleinschätzungen aus der Vergangenheit werden einem nicht als Leistungsmangel angekreidet, sondern als Berufskrankheit entschuldigt.

Wenn jetzt jemand denkt, ich könnte die Wiederauferstehung eines Teams erklären, das eine fürchterliche Zeit hinter sich hat, den muss ich enttäuschen. Ich sitze in New York. Und im Fernsehen zeigen sie dauernd Spiele der Miami Heat, obwohl die so schlecht sind, dass man schon reflexartig abschaltet. Außerdem gibt es doch Leute wie der ambitionierte J. A. Adande von espn.com. Der schaut angeblich viel und genau. Und so hat er wenigstens schon mal herausgefunden, was NICHT erklärt, was in Portland los ist. Aber es lässt zumindest Schlussfolgerungen zu: Die Spieler sind jung, aber arbeiten wie Erwachsene. Sie mögen spielfreudig sein, aber sind nicht verspielt. Also: keine Alley-Oops. Keine Ballverluste. Kaum mal Tempogegenstöße. Es regiert Sachlichkeit.

Ich denke, damit muss ich mich erstmal zufrieden geben. Denn es gibt noch so viele offene Fragen. Beispiel: Warum sind eigentlich die New Orleans Hornets so gut? Kann sein, dass es jemand weiß. Aber erklären tut es niemand.

Posted by Jürgen Kalwa Jan. 30, 2008 9:30 a.m.

Der Patient ist krank

Es ist schwer zu sagen, auf welche Weise es die New York Knicks hinbekommen haben, dass sich die Anhänger des Teams sehr viel weniger für die Spielszenen auf dem Parkett interessieren als für das Geschehen hinter den Kulissen. Denn niemand, der im Madison Square Garden für irgendetwas auch nur ein bisschen Verantwortung trägt, war bislang in der Lage, die Malaise exakt diagnostizieren, die das teuerste Team der Liga befallen hat. Alles was jeder weiß und jeder sehen kann, lautet: Der Patient ist krank. Schwer krank.

Eine erfolgversprechende Therapie kann aber nur beginnen, wenn die Ursachen ermittelt worden sind. Breitband-Antibiotika werden zwar in den USA gerne in allen möglichen und unmöglichen Fällen gegeben. Aber sie scheinen diesmal wirklich nicht indiziert. Wir fassen erst einmal zusammen - und zwar im Wissen um unseren kläglichen Wissensstand:

Joe Dolan, der wichtigste Mann in der Hierarchie (als Mitglied der Eigentümerfamilie des Kabelfernsehkonzerns Cablevision) weiß keinen Rat und hält statt dessen an General Manager und Cheftrainer Isiah Thomas fest. Und das obwohl der als Architekt der Mannschaft zu gelten hat, nachdem er sie im Verlauf von vier Jahren auf allen Posten völlig erneuert und solche Spieler wie Stephon Marbury und Zach Randolph nach New York geholt hat. Dolan hatte im Juni 2006 folgendes gesagt: "Nächstes Jahr um diese Zeit wird Isiah nur dann noch bei uns sein, wenn wir hier alle sitzen und sagen können, dass das Team signifikante Fortschritte auf dem Weg zu seinem Ziel gemacht hat - irgendwann NBA Champion zu werden. Wenn wir das nicht sagen können, wird Isiah nicht mehr hier sein." Worin der inzwischen erreichte Fortschritt besteht, hat er seither nicht gesagt.

Isiah Thomas allerdings wirkt nicht wie ein Mann mit einem klaren Ziel vor Augen. Sonst würde er neuerdings nicht die Hauptschuld an der schlechten Stimmung im Madison Square Garden den Fans in die Schuhe schieben. Die Theorie vom Einfluss des sogenannten sechsten Mannes auf den Fortschritt einer Mannschaft hat etwas Erfrischendes. Auch wenn sie nachgerade absurd wirkt, wenn man bedenkt, dass die fünf auf dem Platz den Ball in der Hand haben.

Stephon Marbury hingegen, der Mann, der meistens den Ball in der Hand hat und seit seiner Zeit mit Kevin Garnett in Minnesota überall eine bizarre Leistungsbilanz hinterlassen hat (jedes Team wurde besser, sobald er weg war), hatte vor kurzem eine Auseinandersetzung mit Isiah Thomas, die in der Behauptung gipfelte, dass er Dinge über seinen Vorgesetzten wisse, die der wohl nicht so gerne in der Öffentlichkeit sehen würde. Mit anderen Worten: Der wichtigste Spieler spielt lieber das alte Gesellschaftsspiel "Intrige", anstatt das Team mit aller Kraft und Energie von der unaufhaltsamen Drift Richtung Tabellensockel abzubringen.

In jeder anderen Stadt wäre eine derartige Gemengelage nur halb so schlimm. Denn woanders hat man nicht so hochgestochene Erwartungen wie in New York, der Medienhauptstadt mit den bissigen Journalisten. Da würde man aber auch nicht von seiner Halle als der "berühmtesten Arena der Welt" reden. Und man hätte nicht als Besitzer einer solchen Halle mit viel Geld und noch mehr Erfolg den Versuch des Bürgermeisters unterlaufen, die Olympischen Spiele 2012 zu holen.

Die Familie Dolan konnte sich bisher solche Eskapaden - und den Widerspruch zwischen Wunsch und Realität - durchaus leisten. Die Kasse ist noch immer voll. Trotz solcher millionenteuren Trennungen im Streit wie der von Trainer Larry Brown und von Marketing-Chefin Anucha Browne Sanders, der vor ein paar Monaten vor Gericht ausgetragen wurde.

Allerdings braut sich derweil eine Entwicklung zusammen, die so manchem Anhänger der Knicks neue Hoffnung macht. Die milliardenschwere Firma der Familie Dolan - genannt Cablevision - ist eine Aktiengesellschaft, deren Kurs an der Börse seit einiger Zeit den gleichen Trend aufweist wie die Erfolgslinie der Knicks. Das macht das Unternehmen für potenzielle Käufer interessant. Zumal nach amerikanischem Aktienrecht keine AG in der Lage ist, eine feindliche übernahme selbst dann abzuwehren, wenn die meistens Anteilseigner dagegen sind. Nicht solange das Preisangebot hoch genug ist.

Auf diese Weise würde die Problemachse Joe Dolan-Isiah Thomas-Stephon Marbury nach Wall-Street-Art auseinandergeschlagen. Schmerzlos, schnell und ohne große Furcht vor den sportlichen Konsequenzen (was soll denn auch noch schlechter oder noch teurer werden?). Einen solche Entwicklung ist mehr als pure Fantasie, wie ein Artikel zum Thema in der einflussreichen Wirtschaftszeitung "Wall Street Journal" Anfang Dezember deutlich machte.

Bis es so weit ist, bleibt einem nur das Geschehen auf dem Platz. Oder man ignoriert das Team und seine seltsame Gruppendynamik. Eine solche Haltung erhält einem wenigstens den Spaß an den anderen und sehr viel attraktiveren Mannschaften in der NBA, von denen es in diesem Jahr gleich mehrere gibt. Mit denen und ihrem spielerischen Vermögen werden wir uns in den nächsten Wochen beschäftigen. Versprochen.

Posted by Jürgen Kalwa Dec. 14 2007 11:30 a.m.

Toni fremdelt noch immer

Wenn ich mich erinnere, habe ich Toni Kukoc einmal im Leben eine Frage gestellt. Das muss in jener Zeit gewesen sein, als er sich nach dem ersten Abtritt von Michael Jordan in der undankbaren Situation befand, die Chicago Bulls auf Meisterschaftskurs zu halten (was nicht geklappt hat). Vielleicht war es auch etwas später, als Jordan zurückkam und Kukoc auf der Bank saß und dort von Trainer Phil Jackson ziemlich links liegen gelassen wurde. Ich weiß nur noch, dass er so traurige Augen hatte. Und dass ihm im direkten Vergleich mit Detlef Schrempf etwas fehlte: Biss und Durchsetzungswille. Auf den Vergleich mit Schrempf kam man damals unweigerlich, weil es nur ein paar Europäer in der NBA gab und der Kroate von vielen Basketballanhängern für wirkungsvoller, besser und begabter gehalten wurde als der Mann aus Leverkusen. Mir kam der Vergleich immer schräg vor. Schrempf spielte sein Leben lang meistens besser als die Erwartungen, die ihn begleiteten. Der so hoch eingeschätzte Kukoc enttäuschte seine Verehrer.

Weshalb mir das wieder einfällt? Mit 39 ist der Linkshänder zu alt für den aktiven Teil des Profigeschäfts und verfrühstückt nun die Zinsen einer bestens bezahlten Karriere. Aber die NBA ist ihm fremd geworden. Und das in einer Zeit, in der mehr Europäer denn je in der Liga spielen und der ganze Hochmut der Amerikaner gegenüber den Gastarbeitern auf ein Minimum gesackt ist, nachdem Ausländer wie Steve Nash und Dirk Nowitzki in den Rang von MVPs aufgestiegen sind.

Kukoc könnte gar nicht unzufriedener sein. "Zuviele selbstsüchtige Spieler", bemängelte er neulich gegenüber einer Zeitung in seiner Heimat (gefunden durch einen Hinweis im Blog Ball in Europe. "Ich gehe kaum noch ins United Center, weil es da so wenig zu sehen gibt." Die Meldung über seinen Gemütszustand ist allerdings verwirrend. Denn einerseits heißt es dort, er lebe wieder in Kroatien. Andererseits klingt er so, als habe er die Stadt seiner größten Erfolge nie verlassen ("Ich gehe kaum mal ins United Center....") Wikipedia gibt seinen Wohnsitz allerdings mit Highland Park außerhalb von Chicago an. Nicht dass die immer alles besser wissen...

Auch nach der aktiven Zeit zeigt sich der Unterschied zwischen Schrempf, der in seiner besten Zeit zu den am häufigsten gefoulten Spielern gehörte, weil er keine Angst hatte, sich mit dem Ball ins Getümmel unter den Korb zu werfen. Kukoc stand meistens an der Dreierlinie herum und wartete. Typisch: Der Deutsche (inzwischen mit amerikanischem Pass) kümmert sich im Rahmen seiner Stiftungsarbeit hin und wieder um Nachwuchsbasketball in anderen Teilen der Welt und war zwischendurch Assistenztrainer bei dem Seattle SuperSonics. Er ließ zwar bei unserem letzten Gespräch im Frühjahr durchblicken, dass ihn die Situation im Club irritierte. Aber zumindest brachte er sich weiterhin ein. Kukoc steht heute lieber am Rand und wirkt wie jemand der schmollt. Und niemand will wissen, was er zu sagen hat.

Posted by Jürgen Kalwa- Nov. 12 2007 15:40 p.m.

Weiß, Gelb, Blau

Warum werden neuerdings NBA-Zuschauer in einheitliche T-Shirts gesteckt?

Es ist gar nicht so schwierig, die Besucher eines Basketballspiels in eine einfarbige Masse zu verwandeln. Man muss ihnen an der Eingangspforte nur die T-Shirts aushändigen und ihnen erklären, dass sie durch das Tragen derselben zum Erfolg ihrer Mannschaft beitragen. Das führt zwar in Einzelfällen zu Verwirrungen, wie neulich beim dritten Spiel der Playoff-Serie zwischen den San Antonio Spurs und den Utah Jazz in Salt Lake City, als Tony Parkers Verlobte, die Fernsehschauspielerin Eva Longoria aus Versehen das blaue Trikot der Heimmannschaft (Aufschrift: „Think Blue“) überstreifte. Aber es sorgt auch für Klarheit: Es zeigt, wofür man als zahlender Zuschauer einer solchen Veranstaltung eigentlich gebraucht wird: als Staffage. Als Komparse für „die Leni-Riefenstahl-Ära der NBA“, wie Blogger-Kollege DDD von „Retire Sloan” über den fragwürdigen Trend schrieb.

In Salt Lake City ging man am Anfang übrigens höchst sparsam an diese neue Propaganda-Maßnahme heran. In der Serie gegen die Golden State Warriors wurden beim ersten Mal die Leibchen nur an die Besucher in den unteren Rängen verschenkt. Die Überlegung war zwingend: Die Leute im Halbschatten oben unterm Dach der Arena, die zu Zeiten der Olympischen Spiele noch den Namen einer Fluggesellschaft trug, jetzt aber nach einem Energiekonzern heißt, fängt sowieso keine Kamera ein. Das wäre also pure Verschwendung.

Aber dann wurde die Clubführung wegen dieser eigentlich sehr begrüßenswerten Sparmassnahme öffentlich als geizig verhöhnt. Das wollte man sich in Utah nicht zweimal sagen lassen. Schließlich legt man dort so sehr wie nirgendwo anders in den USA Wert darauf, dass der Rest der Welt nur positiv über den Mormonenstaat und seine Gepflogenheiten denkt. Das ist quasi eingebaut in die DNA-Kette, genauso wie die Alkoholrestriktionen und das Sportverbot an Sonntagen.

Dabei sind die Stimmungsmacher aus der Hinterwald-Metropole nur Plagiatoren. Die Idee entstand vor einem Jahr in Miami, als die Heat auf dem Weg zum Titel nach einem Weg suchten, den vibrierenden Schmelztiegel der Einwanderer an der Südspitze von Florida zum Köcheln zu bringen. Man nötigte während der Playoffs den Besuchern die Hemdenfarbe weiß auf. Das ergab ein aufgeräumtes, uniformes Bild in der Arena und sah ein bisschen wie Sonntagsstaat in katholischen Gegenden aus. In diesem Jahr legten die Golden State Warriors nach. Mit einem gelben Hemd und einer kryptoreligiösen Aufschrift: „We believe“.

In Oakland kann man den Bedarf nach Identifikationssymbolen nachvollziehen. Das roch nach Aufstand von Leuten, die sich ständig nicht nur sportlich untergebuttert fühlen, sondern auch noch während der Fernsehübertragungen von Spielen ihrer Mannschaft vorgeführt bekommen, was sie wert sind: Die Sender zeigen penetrant in den Pausen Luftaufnahmen von der Golden Gate Bridge, von Alcatraz oder vom Coit Tower. Es sind dies Wahrzeichen von San Francisco. Mit Oakland haben sie nichts zu tun.

In Salt Lake City jedoch nervt die Inszenierung unter anderem auch deshalb immer mehr echte Anhänger der Mannschaft, weil jeder spürt, dass so nur eine falsche Authentizität erzeugt wird. „Statt den Fans Uniformen zu geben, sollte man mehr Public Viewing Zonen schaffen, um denen, die sich die teuren Eintrittskarten nicht leisten können, eine Gelegenheit zu geben, die Spiele zusammen anzuschauen“, meinte DDD. Eine solche Maßnahme würde nicht nur die Begeisterung für einzelne Teams steigern, sondern für die gesamte Liga.

Posted by Jürgen Kalwa- May 29 2007 11:40 a.m.

Brief an die Schönwetter-Fans

Wer den Playoff-Lauf der Warriors verpasst, versäumt eine Offenbarung in Sachen Basketball: Die NBA schüttelt den langen Schatten von Michael Jordan ab.

Vor ein paar Tagen wurde mir endgültig klar, dass viele Menschen in Deutschland seit Jahren eine scheuklappenmäßige Beziehung zu Basketball pflegen. Das ist im Prinzip der gleichen Typ von Leuten, der für den Tennis-Boom gesorgt hat, als Boris Becker, Michael Stich und Steffi Graf dabei waren, und anschließend den Kanal wechselten. Das sind die Menschen, die keine noch so langweilige Formel-1-Übertragung verpassen konnten, solange Michael Schumacher am Steuer saß, und die jetzt langsam abwandern. Denen kann man Skispringen servieren - öder geht's gar nicht mehr - und die beißen trotzdem an. Wenn blasse Hänflinge aus den deutschen Bergen aufs Treppchen steigen, sehen sich Menschen gezwungen, einzuschalten. Sie könnten ja was verpassen...

Ich verstehe das bis zu einem gewissen Grad, weil das Mediengeschäft von heute diese Durchlauferhitzungsphänomene ständig mitanschiebt: Nicht die Sportart ist es, die die Millionen fasziniert, sondern es sind die Stars. So einer wie Nowitzki zum Beispiel.

Dessen Schönwetter-Fans haben in diesem Mai natürlich den Blues. Dirk ist draußen. Wie sollen sie sich jetzt noch für ein Spiel begeistern, in dem sie keine Aktien mehr haben? Ehrlich gesagt, solchen Sportinteressierten kann man wahrscheinlich nicht helfen. Wer sich nicht dafür interessiert, was aus den Golden State Warriors und ihrem chaotischen, unberechenbaren und gleichzeitig so artistischem Spielstil wird, der braucht vermutlich mehr als zwei Tassen Kaffee, um sich in aller Frühe aus dem Bett zu bemühen und die Übertragungen aus Salt Lake City und Oakland einzuschalten. Wer nicht das Prickeln empfindet, wenn solch unterschiedliche Mannschaften - "Black America's Team" auf der einen Seite und die weißeste Mannschaft der Liga in einem der weißesten Bundesstaaten Amerikas - aufeinandertreffen, dem ist nicht zu helfen.

In vielen Jahren, wenn Basketball-Historiker ins Archiv steigen und diese Playoff-Saison der Warriors Revue passieren lassen, wird sich dieses Prickeln nicht mehr einstellen. Nicht bei jenen, die in jenem Frühjahr, in dem die NBA endlich ihr vom Rücktritt des Ausnahmespielers Michael Jordan verursachtes Vakuum an spektakulärem Basketball füllen konnte, einfach geschlafen haben.

Mir ist übrigens völlig egal, ob Nellie-Ball gegen den organisierten, effektiven Nutz-Basketball gewinnt oder nicht. Mir reicht, dass sie eine realistische Chance haben. Und dass sie bereits einen Favoriten aus dem Rennen geworfen haben. Der Rest ist Sahne obendrauf. Ich genieße das in vollen Zügen. Ich bin NBA-Fan. Nicht Nowitzki-Fan.

Posted by Jürgen Kalwa- May 10 2007 15:45 p.m.

Can you Tell?

Wenn man es genau nimmt, geht der Schweizer Nationalstolz zu einem erheblichen Teil auf einen deutschen Schriftsteller zurück. Der hieß Friedrich Schiller. Und seine Arbeit trug den Titel "Wilhelm Tell". In diesem auf einer alten Fabel basierenden Drama, fertiggestellt 1804, versammeln sich die Abgesandten mehrerer Dörfer am Vierwaldstätter-See und sprechen einen folgenschweren Schwur: "Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern. In keiner Not uns trennen und Gefahr." Schillers hebammenartige Sinnstiftung hatte Bestand. Die Eidgenossen sind ureigen und ureinig geblieben.

Wenn man ein uneingeschränkter Fan der Schweizer und ihres Landes ist (so wie ich), verklärt sich manchmal der Blick. Ähnlich scheint es allerdings dieser Tage erstmals sehr vielen Anhängern der Chicago Bulls zu ergehen. Auch wenn die im Unterschied zu mir vermutlich weder jemals die Rütli-Wiese oder die Tell-Platte aus nächster Nähe gesehen haben, geschweige denn "Wilhelm Tell" in der Schule lesen mussten. Den Leuten in der "Windy City" reicht bereits diese eine intensive Erfahrung mit einem Schweizer - dem jungen Basketballer Thabo Sefolosha - und schon schwärmen sie voller Phantasie.

Der junge Sefolosha, dessen Vater aus Südafrika stammt und der sein Talent nach Lehrjahren in Frankreich und Italien aufpoliert hat, ist sicher alles andere als ein lupenreiner Schweizer. Aber auf der anderen Seite entspricht er durchaus dem Prototypen eines erfolgreichen Schweizer Sportlers. Die sind offensichtlich immer auch irgendwie halb oder ganz importiert: Man nehme Martina Hingis, die in der Slowakei geboren wurde, aus der ihre Mutter nach einer gescheiterten Ehe mit ihrem zweiten, einem eidgenössischen Ehemann, auswanderte. Oder Roger Federer, dessen Vorname deshalb englisch ausgesprochen wird, weil seine Mutter aus Süddafrika stammt. Und nicht zu vergessen "Alinghi", die Segelyacht aus dem America's Cup, auf die sich das Alpenland ohne jede Meeresanbindung so viel zu Gute hält: Das Boot wurde von einem Italiener auf die Beine gestellt und von Neuseeländern geskippert. Das schweizerischste daran war der Sponsor auf dem riesigen Segel - eine Bank aus Zürich, die inzwischen ihr Geld hauptsächlich außerhalb der engen Grenzen der Confoederatio Helvetica verdient.

Aber ganz im Sinne jenes Schwurs scheint die kosmopolitisch geprägten Athleten etwas zu verbinden. Was nicht an Schillers Text liegt, sondern eher an ein paar Grundwerten: ihrer Einstellung, ihrem Ehrgeiz und ihrer Geradlinigkeit. So war denn auch der Auftritt von Thabo Sefolosha im ersten Playoff-Spiel der Chicago Bulls gegen die Miami Heat zu allererst ein glasklarer Beleg für seine beachtliche nachgerade schmucklose Basketballintelligenz, mit der der 22jährige Bankspieler einen gewissen Dwyane Wade bei seinen Angriffsaktionen minutenlang komplett ausschaltete und mit der er sich im Angriff immer wieder geschickt freilief und punktete. Aber in meinem Kopf kam das Ganze auch als Revanche für jene Schmach an, die sein Landsmann Roger Federer bei der letzten Wahl der Zeitschrift "Sports Illustrated" zum "Sportler des Jahres" erlitten hatte. Das Magazin hatte tatsächlich Wade zur überragenden Figur erklärt, nachdem er mal gerade mit viel Glück seine erste NBA-Meisterschaft gewonnen hatte (zum WM-Titel reichte es übrigens nicht). Und das, obwohl Federer seit Jahren zu den dominierenden Sportlern der Welt gehört und vermutlich einer der besten Tennisspieler aller Zeiten ist.

Meine deutschgefärbte, schweizgetränkte, von Schillers Dramen mitgeformte Seele hat denn die Niederlage der Heat gleich doppelt genossen. Denn dieses Team hatte im letzten Juni niemand anderem als Dirk Nowitzki den Titel weggeschnappt. Aber vor allem war ich davon angetan, dass Sefolosha in einem Moment auf den Platz geschickt wurde, weil Spielmacher Kurt Hinrich mit einer langen Latte von Fouls auf der Bank saß und genau das tat, was Manager John Paxson und Trainer Scott Skiles am Draft-Tag erhofft hatten, als sie den an 13 gezogenen frankophonen Schweizer vom Genfer See bei einem Trade mit den Philadelphia 76ers für Rodney Carney (16. Pick), einen Zweitrunden-Pick und eine Million Dollar in bar nach Chicago holten. Sie hatten gesehen, dass er mit seinen erstaunlich langen Armen so manchem Angreifer Schwierigkeiten bereiten wird. Und dass er lernfähig und ein Team-Spieler ist.

Die Entwicklung gibt ihnen bislang Recht. Sefolosha spielte 18 Minuten (weit mehr als sein Saisonschnitt von 12,2) und ging schließlich unter Ovationen des Publikums vom Platz. Wir werden ihn in den nächsten Wochen sicher noch häufiger sehen. Leider wird die Aufgabe nicht leichter. Kommen die Bulls weiter, werden sie sich voraussichtlich mit den Detroit Pistons auseinandersetzen müssen.

www.thabosefolosha.com

Posted by Jürgen Kalwa- Apr. 25 2007 09:45 a.m.

Solisten verderben die Quote

Das highlight-versessene Fernsehen ist sowohl Freund als auch Feind von attraktiven Mannschaftssportarten.

Von all den Sport-Blogs, die in den USA in den letzten Monaten wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem feuchten Boden geschossen sind, widmen sich nur wenige einem so trockenen Thema wie diesem: Einschaltquoten im Fernsehen. Sports Media Watch jedoch verfolgt das Thema mit Leidenschaft und ohne Pause. "Paulsen" - so heisst der Betreiber - wirkt wie ein besorgter Beobachter, der es am liebsten hätte, wenn alle Sportarten von allen Amerikanern zu allen Zeiten im Fernsehen verfolgt würden. Wie damals in der großen Zeit der drei Kanäle.

Dem steht allein schon das Kabelfernsehangebot von heute im Wege: Es gibt hunderte von Kanälen sowie den digitalen Videorekorder namens TiVo, der einem den Zugriff nach gusto ermöglicht. Das Internet bietet weitere Alternativen. Und so ändern sich die Sehgewohnheiten. Womit auch die großen amerikanischen Ligen zu kämpfen haben.

Für die NBA, deren Quoten seit ein paar Jahren sowohl in der regulären Saison als auch in den Playoffs langsam, aber sukzessive sinken, ist das Thema besonders akut. Denn die Liga steht vor Verhandlungen um einen neuen Lizenzvertrag. der 2008 in Kraft treten wird. Der alte, der die Rekordsumme von 2,4 Milliarden Dollar über sechs Jahre gebracht hatte, läuft aus. Ich bin sicher, David Stern würde diesen Betrag diesmal gerne noch ein bisschen höher schrauben. Mehr Geld, weniger Zuschauer?

Sports-Media-Watch-Blogger Paulsen glaubt zu wissen, was das Problem ist: Der Stil der Übertragungen auf dem Networksender ABC und der Kabel-Schwester ESPN, die seit 2002 übertragen. Die Kritik macht durchaus Sinn. Seit Jahren zeigt - als Teil des Kompaktvertrags - der Kabelkanal TNT eine Reihe von Spielen, die ohne Probleme ihre Kundschaft bei der Stange hält. Die Mikrophon-Stimme: eine Legende namens Marv Albert. Im Studio: Charles Barkley, der seine gewagten und meistens verqueren Kommentare abgibt. Fans schalten gerne ein.

Mit anderen Worten: Wahrscheinlich wäre mit anderen, attraktiveren Präsentatoren tatsächlich eine Trendwende möglich. Vielleicht aber auch nicht. Denn dann müsste noch etwas mehr passieren. Vor allem auf dem Spielfeld, in den Köpfen der Spieler und in der Art und Weise, wie die Medien mit Profibasketball umgehen.

Ob das gelingt? Die Sportart gehe auf eine Wegkreuzung zu, warnte Ober-Blogger Bill Simmons neulich auf Page 2, der Blogger-Seite von espn.com, nachdem ihm aufgefallen war: "Kobe Bryants Serie von 50-Punkte-Spielen erhielt landesweit weit mehr Aufmerksamkeit als das unglaubliche Suns-Mavs-Spiel", das zweimal verlängert wurde, ehe Phönix mit 129:127 als Sieger vom Platz ging. Am Ende fehlten nur ein paar Zentimeter, und Dirk Nowitzki hätte Dallas sogar in eine dritte Overtime geschossen. Simmons sah hinter der Medienreaktion einen Reflex auf eine ungesunde, aber weit verbreitete Haltung: "Niemand will der nächste Steve Nash sein. Jeder will der nächste LeBron James sein, der nächste Gilbert Arenas, der nächste Vince Carter. Diese Jungs verdienen am meisten Geld und landen auf den meisten Titelseiten und treten in den meisten Werbespots auf."

Der lange Schatten von Michael Jordan, der überall gut aussah - auf dem Platz und in der Werbung - scheint allen - den Leuten vom Fernsehen ebenso wie den schreibenden Journalisten - den Blick für die eigentliche Schwäche dieser Fixierung verdunkelt zu haben. Stars, das weiß man in Hollywood, locken zwar Publikum ins Kino. Deshalb werden ihre Namen auch so groß auf die Plakate gedruckt und deshalb werden sie so fürstlich bezahlt. Erfolg jedoch haben nur Filme, die Zuschauern wirklich gefallen und von ihnen weiter empfohlen werden. Um das zu schaffen, braucht man Handlung, Spannung, emotionale Momente und attraktiv inszenierte Bilder, die alles zusammenhalten.

Die uralte Erfahrung aus der Kinobranche wird im Sport gerne ignoriert. Warum? Man vertraut darauf, dass die eingebaute Spannung eines Wettkampfsports schon irgendwie rüberschwappt. Dass sich um die Stars irgendwelche Handlungsfäden herumstricken lassen - und seien sie noch so künstlich. (Kobe vs. Shaq, Steve vs. Dirk). Und dass sich das Publikum automatisch mit den großen Figuren identifiziert.

Good luck. Schon das Massenmedium Fernsehen ist Freund und Feind zugleich. Es ist der Inbegriff einer personality-bezogenen Maschine, die den riesigen Reiz eines schnellen und komplizierten Spiels ständig auf ein paar Highlights reduziert. Auf individuelle Kunststückchen aus dem Zirkus. So als seien spektakuläre Dunks die Essenz des Basketballspiels und nicht das filigrane Kombinationsspiel und die Spannung am Schluss, wenn eine Partie auf der Kippe steht und Zuschauer nervös einer ganzen Mannschaft, ja, einer ganzen Stadt, den Sieg wünschen.

Mannschaftssportarten leben vom Wir-Gefühl, nicht von den Einlagen einzelner Stars. Das auch wirtschaftlich wieder erwachte Chicago in den neunziger Jahren, dessen Halle in einem der ärmeren Viertel der Stadt steht, war ein gutes Beispiel. Jordans Regentschaft war von mehr geprägt als purer Solo-Performance: Er hatte talentierte Nebenleute. Und die Bulls hatten formidable Gegner, die ihnen zumindest zweimal in den Playoffs Serien mit sieben Spielen abnötigten. (1992 gegen die Knicks, 1998 gegen Indiana). Noch öfter waren es sechs. In solchen Momenten hätte Chicago genausogut ausscheiden können, und so wäre der ganze Mythos nie entstanden. Aber so etwas wird bei der Kanonisierung des heiligen MJ gerne vergessen.

Da das Spiel an sich auch ohne durchaus attraktiv geblieben ist, scheint nur eine Lösung denkbar: Die NBA braucht zehn Jahre nach der großen Zeit der Bulls vermutlich nur eines, um Zuschauer neugierig und hungrig auf mehr zu machen: mehr von diesen Thrillride-Begegnungen wie die neulich zwischen den Suns und Mavericks, und weniger solche Auftritte wie die von Kobe Bryant. Dessen Mannschaft kann froh sein, dass sie die Playoffs erreicht.

Posted by Jürgen Kalwa- Apr. 6 2007 10:30 a.m.

Mathematisch bewiesen - Iverson überschätzt

Der Iverson-Trade sollte den Denver Nuggets helfen. Stattdessen profitierten die Sixers. Weshalb sah ein Basketball-Statistiker das so kommen? Hier die "Answer".

In den ersten Wochen der laufenden Saison ging das Management der Philadelphia 76ers durch eine schwierige Phase. Die Mannschaft spielte hoffnungslos schlecht und stand ganz unten in der Tabelle der Atlantic Division, obwohl ihr herausragender Spieler ganz oben in der Statistik der Korbschützen rangierte. Die Unzufriedenheit mit ihrem Spielmacher und Vorzeigefigur Allen Iverson führte Mitte Dezember zur Trennung. Philadelphia fand einen Club, der die Antwort auf die Frage suchte: Wie kommen wir in die Playoffs? "The Answer" wechselte nach Denver.

Auf dem Papier wirkte der Trade wie ein geschickter Schachzug. Die Nuggets erhielten nicht nur einen gefährlichen Offensivspieler, um ihren Korbjäger Carmelo Anthony zu entlasten. Die 76ers, die im Tausch Andre Miller und Joe Smith und zwei Erst-Runden-Plätze für die kommende Draft im Juni bekamen, schienen sich geistig auf eine radikale Runderneuerung auf dem Weg über die Draft einzustellen. Sonst hätten sie nicht auch noch den müde wirkenden Chris Webber aus seinem Vertrag herausgekauft und ihn ziehen lassen. Es war, ob die Clubführung ein riesiges Schild vor der Hallentür gestellt hätte. Aufschrift: "Wir bauen um. Bitte entschuldigen sie den Staub und Dreck und den Ärger, der Ihnen dadurch entsteht."

Eine Sache allerdings blieb in jenen Tagen logischerweise ungeklärt: Wer hatte bei dem Geschäft eigentlich gewonnen? Die Nuggets, denen wenig später Carmelo Anthony 15 Spiele lang fehlte, weil er für einen Fausthieb in einem Spiel gegen die Knicks gesperrt wurde? Oder die 76ers, die nach zehn Jahren beachtlicher Erfolge mit Iverson, einen Neuanfang ohne ihn versuchen wollten?

Ich habe mich damals erstmals etwas genauer mit den Gedanken jenes Mannes beschäftigt, zu dessen persönlichen Leidenschaft es gehört, sich durch das enorme statistische Datenmaterial durchzuarbeiten, das die NBA mit ihren 84 Begegnungen pro Saison und Team produziert. Er heißt David Berri, ist Dozent an der University of California in Bakersfield und gehört zu einer wachsenden Gruppe von Spezialisten, die aus ihrer Leidenschaft für Sport und ihrer Fähigkeit, mathematisch klar und nüchtern zu denken, ein Hobby gemacht haben. Er hat nicht nur zusammen mit zwei Kollegen ein Buch geschrieben ("The Wages of Wins"), sondern produziert fast täglich Einträge in seinem Blog "The Wages of Win Journal". Dort findet man viele ausführliche Analysen der laufenden Saison.

Professor Berri war noch nie ein Fan von Allen Iverson, weil er nachweisen konnte, das der kleine, quirlige und scheinbar selbstlos ackernde Spielmacher trotz seiner Korbausbeute ein ziemlich unterdurchschnittlicher Basketballspieler ist. Wie das? Wenn man sich mehr anschaut als nur die reine Punktausbeute, sondern die Treffereffizienz, und wenn man dann auch noch andere Faktoren einrechnet wie Rebounds, Steals, Assists, Freiwürfe, Ballverluste und persönliche Fouls, dann entsteht auf einmal ein ganz anderes Bild: der sogenannte "Win score per minute", mit dem man alle NBA-Profis - egal auf welcher Position und wie lange pro Spiel im Einsatz - ziemlich gut vergleichen kann. Iverson hatte danach einen schlechteren Wert als der Durchschnitt von allen Guards in der Liga. Ich nannte damals in meinem Blog American Arena die einzig denkbare Schlussfolgerung: "Die interessante Erkenntnis aus dieser Betrachtung lautet: die Nuggets haben in Andre Miller einen effizienteren Spieler abgegeben und dafür einen schlechteren erhalten."

Drei Monate und viele Spiele später weiß man mehr: Nicht nur haben sich die Denver Nuggets mit Iverson nicht verbessert (dabei war das das ausdrückliche Ziel). Sie stehen nachwievor auf einem unteren Rang der Tabelle für die Playoff-Qualifikation (und müssen froh sein, dass die Los Angeles Clippers aufgrund von Verletzungen abgebaut haben). Die Philadelphia 76ers hingegen sind aufgewacht und haben in der schwachen Eastern Conference seit dem Trade eine Bilanz von 21:23 erzielt (Stand: Dienstag, 20. März). Nicht schlecht nach einem katastrophalen Saisonstart von 5:19.

Wenn man die statistischen Daten aller beteiligten Spieler einfach ignoriert, kann man eine solche Entwicklung gar nicht verstehen. Weshalb wohl auch Ian Thomson von "Sports Illustrated" Mitte März eine kuriose Deutung von sich gab; Die 76ers seien jetzt so viel besser, weil Leute wie Andre Igoudala unter Iverson gezwungen gewesen seien, ihr technisches Können zu schulen. Denn der Meister habe sie kaum zum Werfen kommen lassen. Iverson "hatte eine solch napoleonische Präsenz auf dem Platz und in der Umkleidekabine, dass jeder in seiner Gegenwart - selbst Chris Webber - gezwungen war, seine Rolle zu akzeptieren."

Als Berri das las, staunte er: "Ich muss zugeben, das ist ein origineller Artikel." Weshalb das Rezept allerdings nicht funktionierte, als Iverson noch in Philadelphia war, werde "nicht erklärt".

Man kann es auch gar nicht erklären. Der Mythos Iverson ist größer als die Realität. Und es wird noch eine Weile dauern, bis auch der letzte Basketballjournalist einsieht, dass das scheinbar unumstößliche Image, aufgebaut mit Hilfe von Werbeverträgen, Rap-Musik, Tätowierungen, eine hübsche Illusion ist. Ähnliche Erleuchtungen lassen sich aus Berris Buch ziehen, in dem sich solche Informationen befinden wie: Indiana Pacers Center Jermaine O'Neal kam 2004 bei der Wahl zum MVP auf den dritten Platz. Wenn man seinen statistischen "Win Score" zu Grunde legt, landete er in der damaligen Saison auf Platz 44! Noch bizarrer: Sein Win Score dokumentiert, dass Ray Allen eine fast genau so gute Laufbahn gespielt hat wie Kobe Bryant, den viele für den besten Einzelspieler in der NBA halten.

Man müsse sich nach der Lektüre des Buches nicht wundern, schrieb Malcolm Gladwell, der Autor solcher Denkbücher wie "Tipping Point" und "Blink", in der Zeitschrift "The New Yorker", ob wir uns alle nicht zu sehr den Meinungen von sogenannten Experten unterwerfen. Egal in welchem Lebensbereich, aber ganz besonders im Sport. Die Antwort gab Berri in seinem Buch: "Man kann Basketball tausend Jahre lang spielen und dabei zuschauen. Wenn du nicht systematisch nachvollziehst, was die Spieler tun und dann die statistische Beziehung zwischen diesen Handlungen und den Erfolgen aufdeckst, wirst du nie herausfinden, weshalb Mannschaften gewinnen und weshalb sie verlieren."

Für Menschen, die noch nie etwas mit Mathematik am Hut hatten, wirkt das alles ziemlich kompliziert. Tatsächlich ist es das überhaupt nicht. Berri veröffentlicht ständig aktuelle Aufstellungen. Als Einstieg und Einstimmung würde ich folgende Übersicht empfehlen: "Evaluating the Western Conference All-Stars 2007". Die unterstreicht übrigens unter anderem die enormen Qualitäten von Dirk Nowitzki mit vernünftigem Datenmaterial. Dirk kann jede Unterstützung gebrauchen, wenn es um die Wahl zum MVP geht. Denn die abstimmungsberechtigten Journalisten lassen sich gerne von allem möglichen beeinflussen. Nur nicht von den Fakten.

Posted by Jürgen Kalwa- Mar. 21 2007 09:30 a.m.