BASKET
Shane Battier: Der verrückte Professor

Posted by Jonas Falk on August 6, 2009

Viele NBA-Stars bereiten sich mit Ritualen auf ein Spiel vor. Einige tragen nachts die Shorts des Gegners. Andere essen einfach nur Chicken Wings oder nehmen beim Aufwärmen einen bestimmten Wurf. Shane Battier pflegt einen Brauch, bei dem es nicht um Aberglaube geht. Sondern um das genaue Gegenteil: Wissenschaft. Vor jedem Spiel erhält der Rockets-Forward sein sogenanntes „Spezialpaket“, das einen Stapel von Zetteln mit Stats und Infos beinhaltet.

So bereitet er sich akribisch auf den Gegner und deren Star vor. Zum Beispiel mit einem Court-Diagramm, wo das Spielfeld in Wurfzonen eingeteilt ist. Verzeichnet sind unter anderem die Hot Spots und diverse Wurfquoten des Kontrahenten. Unter Berücksichtigung des Spielstandes oder der Lineups. Nach Screens. Im Pick-and-Roll. Beim Catch-and-Shoot. Und vieles mehr.

Mit dieser Datenflut verkriecht sich Battier zum Studium in einer Ecke der Rockets-Kabine. Er liest den Stoff nicht nur - er hämmert ihn sich in seinen Schädel. Und das ist noch nicht alles: Steht er schließlich auf dem Feld, macht er selbst unscheinbare Entscheidungen, wie beispielsweise den Winkel zum Gegenspieler, von den Wahrscheinlichkeitsrechnungen in seinem Dossier abhängig.

„Diese Werte widerlegen oder bestätigen mein Denken“, sagt der 30-Jährige.

„Und wenn ich mich entscheiden muss, vertraue ich ihnen. Die Werte lügen nicht.“ Ihr haltet Shane Courtney Battier für einen Freak? Dann wartet mal ab …

Zahlen statt Menschen

Der Mann mit der Trikotnummer 31 will nämlich nicht nur in der Umkleide ­seine Ruhe haben. Selbst die Spielervorstellung mit Lichtshow und donnernder Musik vor vollbesetzter Kulisse könnte Battier gestohlen bleiben.

„Das ist doch immer dasselbe“, sagt er in einem Artikel der „New York Times“ über den Traum von Millionen Menschen.

„Wenn du jeden Tag teure Steaks isst, schmecken sie auch schnell nicht mehr. Ich hasse es, da draußen Zeit zu verschwenden. Früher habe ich mich noch mit manchen Spielern unterhalten. Aber dann merkte ich, dass mich eigentlich keiner von ihnen leiden kann.“

Deshalb verschwindet er bei Gelegenheit lieber nochmals in der Kabine, statt High Fives und Umarmungen zu schauspielern.

Aber warum ist Battier so unbeliebt?

Grund dafür ist sein Game. Der Flügelspieler zählt zu den besten Verteidigern der NBA, speziell im Eins-gegen-eins. Er ist eine unangenehme Klette, die vor allem Stars das Leben zur Hölle macht. Mit Händen im Gesicht, grenzwertigem Körperkontakt und nickeligem Einsatz.

Die Defensivkünste des 2,03 Meter großen Small Forwards beruhen weder auf Athletik noch auf Kraft - sondern vor allem auf seiner Einstellung.

Letzte Saison setzte er sich beispielsweise freiwillig auf die Bank, als sein direkter Gegenspieler ausgewechselt wurde. Er bat Rockets-Coach Rick Adelman sogar, seinen eigenen Wechselrhythmus auf den des Gegners einzustellen! Welcher normale NBA-Profi macht so was?

Drecksjobs wie Ausboxen beim Rebound und Helpdefense erledigt er mit erschreckender Selbstlosigkeit. Seine Spezialität ist das Annehmen von Offensivfouls. Dafür steckt er eine Menge Treffer vom Gegner und Buhrufe aus dem Publikum ein. Nur Coaches und Mitspieler lieben derartige Aktionen, die am Boxscore vorbeigehen. Dementsprechend blass bleiben Battiers Stats: 7,3 Punkte und 4,8 ­Rebounds pro Partie schmälern seine Leistungen. Obwohl er bei Blocks und Steals nicht einmal auf 1,0 kam, wurde er zum viertbesten Defender der ­Saison gewählt.

„Ich nenne Shane ‚Lego‘, weil mit ihm auf dem Feld plötzlich alle Steine zusammenpassen“, sagt Rockets-Manager Daryl Morey. „Er blüht auf, wenn es statt um Talent um Cleverness geht.“

Shane Battier
Shane Battier
NBAE/Getty Images

Das ist der viel spannendere Grund, warum Shane Battier so unbeliebt ist. Er ist intelligent und steht über den Dingen. Nicht, weil er arrogant ist. Sondern weil er es besser weiß.

Als Sohn eines Afroamerikaners und einer Weißen bekam er im knallharten Detroit, wo er aufwuchs, Rassismus von beiden Seiten zu spüren.

Als Absolvent einer privaten Highschool und nach vier Jahren an der Duke University hat er als Teil der akademischen und basketballerischen Elite viele Neider.

Das haben seine Auszeichnungen als bester Highschooler und ­College-Spieler der USA noch verstärkt. Hinzu kommen sein Siegesrekord von 131 College-Spielen und die NCAA-­Championship 2001.

Battier ist nicht zuletzt deswegen einer der charakterstärksten NBA-Spieler. Bei seinen College-Verhandlungen räumte er jeder Top-Uni 15 ­Minuten Zeit zum Anwerben ein. Kentucky-Coach Rick Pitino hatte eben erst die Championship mit den Wildcats gewonnen, rief Battier aber außerhalb seiner „Sprechstunde“ an. Und wurde sofort von dessen Liste gestrichen!

Außerdem war es Shane Battier, der Forward Elton Brand zu Duke lotste. „Ich dachte damals, er könnte der erste schwarze US-Präsident werden“, erinnert sich Journalist Dan Wetzel. Er verfolgte fünf Monate lang Battiers Highschool-Karriere. „Ich hatte noch nie einen so smarten Typen wie Shane gesehen – und das im damaligen Alter. Er war quasi Barack Obama für mich, bevor Barack Obama auftauchte.“

Ein echter Anführer

Ausgerechnet Obama schickte Battier nach dem Playoff-Sieg gegen die L.A. Lakers in Spiel vier eine SMS. „Er teilte mir mit, dass ich mein Team entgegen aller Schwierigkeiten super angeführt hätte“, sagt Battier.

„So eine Nachricht kriegt man nicht jeden Tag. Der Anführer der Welt lobt meine Führungsqualitäten – das gefällt mir.“

Die Rockets sind zwar ausgeschieden. Aber dass sie ohne ihre verletzten Stars Tracy McGrady und Yao Ming überhaupt ein siebtes Spiel gegen die Lakers erzwingen konnten, ist vor ­allem Battiers Verdienst. „Ich stabilisiere das Team“, beschreibt Battier seine Rolle. „Alle auf Kurs halten und die Konzentration sicherstellen.“

Ein langweiliges Zitat? Battier meint wenigstens, was er sagt. Seine Selbstironie, die ehrliche Art und die Uneigennützigkeit sind drei Charakterzüge, die Amerikaner und ihre sportverrückte Leistungsgesellschaft irritieren. ­Viele verstehen Battier nicht. Zeigen zu ­wenig Respekt für einen Difference-Maker, der das Rampenlicht meidet.

Shane Battier ist eine schillernde Persönlichkeit – aber er blendet nicht.

Jonas Falk (aus BASKET 7-8/09)