BASKET
Eric Gordon: Liebe auf den zweiten Blick

Posted by Jens Nolting on April 2, 2009


Der Draft-Jahrgang 2008 hat ohne Zweifel jede Menge Talent in die Liga gespült –

vor allem auf den Guard-Positionen. Top-Rookies wie Derrick Rose (Chicago), O.J. Mayo (Memphis) und Russell Westbrook (Oklahoma) begeistern die Fans mit ihrer dynamischen Spielweise und geben ihren Clubs Hoffnung auf bessere Zeiten.

Ein vierter Name wird bei der Aufzählung der jungen Guards häufig vergessen. Und zwar völlig zu Unrecht!

Eric Gordon spielt in Los Angeles, der Stadt der Stars und Sternchen. Allerdings nicht für die übermächtigen Lakers, sondern bei den erfolglosen L.A. Clippers. Und über die hüllte man nach dem katastrophalen Saisonstart (17 Niederlagen in 21 Partien) lieber ganz schnell den Mantel des Schweigens. Wen interessiert da schon, was irgendein an siebter Stelle gedrafteter Frischling veranstaltet?

Doch für den 20-jährigen Eric Gordon ist dies keineswegs eine neue Situation, denn in der ersten Saisonhälfte wurde er im Schatten von Rose und Mayo völlig falsch eingeschätzt. Besser gesagt: unterschätzt! Selbst von den eigenen Teamkollegen.

Als er einmal gegen die Sacramento Kings spektakulär per Dunk abschloss, staunte sein Mitspieler Al Thornton hinterher dermaßen, als habe Gordon gerade mit der Hand die Hallendecke berührt. „Ich war geschockt von der Aktion, weil ich nicht wusste, dass Eric so etwas draufhat“, erklärt der verblüffte Clippers-Forward. Thornton ist nicht der Erste und ganz sicher auch nicht der Letzte, der sein bisheriges Bild von Eric Gordon überdenken muss. Denn in diesem Typen steckt mehr, als man auf den ersten Blick erkennen kann.

Eric Gordon
Eric Gordon
NBAE/Getty Images
Lob vom Coach

Vor allem die äußere Erscheinung täuscht gewaltig. Mit nur 1,91 Meter bringt Gordon, der von seinen Mitspielern „Hobbit“ genannt wird, beachtliche 101 Kilogramm auf die Waage. Für einen Shooting Guard ist er damit nicht nur zu kurz, sondern auch definitiv zu schwer geraten.

Zum Vergleich: All-Star-Guard Devin Harris von den New Jersey Nets ist genauso groß, bringt aber nur 84 Kilo auf die Waage.

Sobald Gordon aber im Clippers-Jersey über das Parkett wirbelt, könnte man meinen, der Typ sei ein Fliegengewicht. Sein Körper wirkt zwar ¬gedrungen, aber jedem, der diesen Jungen spielen sieht und etwas genauer darauf achtet, wie er sich bewegt, fällt als Erstes seine Athletik auf. Unglaublich, was Gordon springen kann – trotz seines doch eher massigen Körpers, der, von der Größe einmal abgesehen, eigentlich eher zu einem Forward passen würde.

„Eric ist ein sehr explosiver Spieler“, lobt ihn sein Coach Mike ¬Dunleavy. „Und er wird immer besser!“

Gordons Wurf von der Dreierlinie ist nicht nur relativ sicher (37 Prozent Erfolgsquote), sondern auch schön anzuschauen, weil seine Bewegung unglaublich flüssig und leichtfüßig erscheint. In Expertenkreisen wird sein Jumpshot bereits mit dem schönsten Jumper der Liga verglichen – mit dem eines gewissen Ray Allen (Boston Celtics). „Jedes Mal, wenn Eric Gordon wirft, hält das Clippers-Publikum kurz die Luft an – als ob am Spielfeldrand gerade eine Cheerleaderin ihren Oberkörper entblößen würde“, beschreibt ESPN-Kolumnist Bill Simmons seine Wertschätzung. „Sogar die Ballrotation ist traumhaft. Am liebsten würde ich seinen Jumpshot heiraten.“

Dabei hatten die Clippers gar nicht geplant, ihrem Jungspund bereits in seiner ersten Saison so viele Minuten zu schenken (mittlerweile sind es pro Partie zwischen 35 und 40). So durfte Gordon in seinen ersten 13 Einsätzen nur von der Bank aus eingreifen, was er mit durchschnittlich 4,5 Punkten bei einer mageren Trefferquote von 32,6 Prozent eher mittelmäßig verwertete. Erst als der Club Ende November Cuttino Mobley zu den New York Knicks schickte, um Zach Randolph zu bekommen, und fortan Gordon als Shooting Guard starten durfte, ging den Clippers auf, wie viel tatsächlich in dem Kraftpaket steckt. Seitdem ist Gordon aus der Starting Five nicht mehr wegzudenken. Besonders im Januar überzeugte der Scharfschütze mit beachtlichen 21,9 Zählern pro Partie und wurde folgerichtig zum Rookie des Monats gewählt.

41 Punkte gegen Oklahoma

„Er hat sich seine Einsatzzeit wirklich hart verdient“, sagt Clippers-Coach Mike Dunleavy, der aufgrund der nicht vorhandenen Playoff-Aussichten seinen jungen Spielern viel Freiraum gewähren kann – wovon Gordon ¬natürlich immens profitiert.

Durch diverse Verletzungen von Leistungsträgern wie Baron Davis oder Zach Randolph konnte der „Hobbit“ vor allem in der Offensive mehr als nur ein Mal zeigen, was er draufhat. Nachdem er den Pistons 31 Punkte eingeschenkt hatte, ließ er im nächsten Spiel gleich 32 gegen Dirk Nowitzkis Dallas Mavericks folgen. Sein bisher bestes Spiel aber lieferte er gegen die Oklahoma City ¬Thunder ab, die er mit 41 Punkten fast im ¬Alleingang abschoss. Seine Erklärung dafür klingt simpel: „Je mehr ich spiele, umso selbstbewusster werde ich auch. Aber am besten bin ich, wenn ich Spaß dabei habe. Darum geht es schließlich.“

Na ja, nicht ganz. Schließlich geht es auch ums Gewinnen, und davon sind die Clippers in dieser Saison in den meisten Partien meilenweit entfernt. Was nicht unbedingt an ihrem Shooting Guard liegt, dem der Ex-Clippers Elgin Baylor sogar All-Star-Potenzial bescheinigt. Vielleicht hat Baylor damit sogar recht, denn so einen Spielertypen wie Eric Gordon gibt es selten. Ein weiterer Grund, bei Clippers-Spielen etwas genauer hinzuschauen. Selbst wenn die Cheerleader ihre Shirts anbehalten.

Jens Nolting

(Aus BASKET 4/09 – jetzt am Kiosk)